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Nachruf auf Prof. Dr. Silke Tammen (25. Juni 1964 – 2. April 2018)

Silke Tammen war eine Ausnahmeerscheinung – als Person wie als Kunsthistorikerin. Geboren 1964 in Detmold, hatte sie sich schon als Studentin thematischen Herausforderungen der Mittelalterforschung gestellt: Homosexualität, Antiklerikalismus, Häresie und andere Phänomene der Konformitätsverweigerung forderten damals ihre Neugier heraus. Intellektuelle Eigenständigkeit und eine ausgeprägte Unlust, mit dem Wandeln auf längst ausgetretenen Denkpfaden akademische Konfektionsgröße zu erlangen, machten diese Forscherin fortan aus. Mit sicherem Instinkt und visueller Hingabe spürte Silke Tammen an den mitunter abgründigen Rändern der etablierten Disziplin faszinierende Artefakte und Phänomene auf, die sie nicht nur zum Sprechen brachte, sondern vor allem auch gründlich zu sehen gab. Sie leistete damit einen wertvollen Beitrag zur kritischen Reflexion vormoderner Bildkulturen und tradierter Vorstellungen von ‚dem Mittelalter‘.

Silke Tammen absolvierte ihr Studium der Kunstgeschichte, der Mittleren und Neueren Geschichte und der Romanistik an der Phillips-Universität in Marburg und an der Universität Trier, wo sie 1990 mit einer Arbeit über „Manifestationen von Antiklerikalismus in der Kunst des Spätmittelalters“ promoviert wurde. Assistenzen führten sie an die kunsthistorischen Institute in Bonn und Hamburg. Ebendort schloss sie eine Studie zur gotischen Buchmalerei und visuellen Erzählstrukturen ab („Im Meer der Bilder: Ecclesia, die Christen und die Anderen. Studien zu Ideologie, Funktionen und Lesbarkeit der Bible moralisée des 13. Jahrhunderts“) und habilitierte 1999. Nach Vertretungsprofessuren an den Universitäten in Tübingen, Karlsruhe und Gießen folgte Silke Tammen im Jahr 2003 dem Ruf auf die Professur für mittelalterliche Kunstgeschichte am Institut für Kunstgeschichte der Justus-Liebig-Universität.

Der JLU blieb Silke Tammen treu, obwohl sie zwischenzeitlich auch andere Optionen gehabt hätte. Als ebenso zugewandte wie kritikfreudige, intellektuell inspirierende und sehr gründlich nachdenklich machende Dozentin hat sie viele Studierende beeindruckt und geprägt und ihnen die Augen für den Facettenreichtum mittelalterlicher Bildkulturen geöffnet. Wie auch die Ohren, denn Silke Tammen besaß ein äußert differenziertes, brillantes Sprachvermögen, das sie immer davor bewahrte, akademische Nebelkerzen auszusetzen. Sie konnte ungewöhnlich gut zuhören, um dann erst in den Dialog zu treten, was sie zu einer sehr geschätzten Ansprechpartnerin nicht nur für die Studierenden, sondern auch für viele Kolleginnen und Kollegen im Fach, dem Fachbereich und darüber hinaus machte. Als Forscherin war Silke Tammen in wichtige transdisziplinäre Verbundprojekte an der JLU eingebunden, so in den Sonderforschungsbereich „Erinnerungskulturen“ (SFB 434), in das Graduiertenkolleg „Transmediale Medienereignisse von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart“ (GRK 891) und in den Arbeitskreis „Antike und Mittelalter“. Sie engagierte sich sehr für die Lehre und den wissenschaftlichen Nachwuchs, nicht nur den eigenen, sowohl am Institut für Kunstgeschichte wie auch jenseits davon, insbesondere am Gießener „Graduate Center for the Study of Culture“ (GCSC), wo sie Mitbegründerin der research area „visual culture“ war, und in der „Gemeinsamen Kommission Geisteswissenschaften“ der JLU. Von 2003 bis 2009 fungierte Silke Tammen als Fachvertreterin der Kunstgeschichte im wissenschaftlichen Beirat des Mediävistenverbandes. Sie war zudem Initiatorin und Mitherausgeberin der seit 2009 im Böhlau-Verlag erscheinenden Reihe „Sensus. Studien zur mittelalterlichen Kunst“.

Silke Tammens intellektuelle Unabhängigkeit erlaubte es ihr, sich in Forschung und Lehre immer wieder neuen Themenfeldern zuzuwenden. Ausgehend von einer profunden Handschriftenexpertise verlagerten sich Interesse und Publikationstätigkeit in den 2000er Jahren auf den Körper und Verkörperungen, insbesondere auf Heiligenleiber und ihre Relikte, die Reliquien. Die glitzernden und nach Aufmerksamkeit heischenden Oberflächen von Reliquiaren vermochte Silke Tammen zu durchschauen, ihre auf Sinnlichkeit und Sinnhaftigkeit angelegte Mehrschichtigkeit zu „entzaubern“, in Reflexion auch von Qualitäten ihrer Einkleidung und Materialität. „Pendelnde Denkbewegungen“ führten sie zu den Geweben mittelalterlicher Textilien wie auch zu textilen Arbeiten der Gegenwartskunst, zu den Kleinodien der Schatzkunst, zuletzt auch zu explizit ‚Kleinem‘ und zu mittelalterlichem Schmuck, für den sie ein interdisziplinär angelegtes Netzwerk initiierte und vorantrieb. Ihre auf Nahsicht und Kontextanalyse gleichermaßen ausgerichteten Bild- und Objektlektüren wurden und werden auch außerhalb der eigenen Disziplin geschätzt. Es gibt kaum eine Kunsthistorikerin ihrer Generation, deren auf eine Erneuerung der mediävistischen Kunstgeschichte ausgerichtete Stimme im interdisziplinären Gespräch so gefragt war.

Nach langer, mit bewundernswerter Würde ertragener Krankheit ist Silke Tammen in der Nacht auf Ostermontag gestorben. Die JLU verliert mit ihr eine allseits beliebte und geschätzte Kollegin, Dozentin und Forscherpersönlichkeit, die am Institut für Kunstgeschichte ein intellektuell starkes Mittelalter und einen Hort der Kollegialität zu etablieren vermochte. Dieses kostbare Erbe nehmen wir dankbar an.