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Rezeption

Der Roman „Sansibar oder der letzte Grund“ sollte nach der Veröffentlichung im Herbst 1957 Alfred Anderschs erster und bis heute berühmtester Roman werden. Größtenteils erhielt der Roman eine positive Beurteilung nationaler und internationaler Kritiker. „Das Buch von der wahren Freiheit“, wie es der Walter Verlag, Olten und Freiburg i. Br. in der Zürichsee Zeitung beschreibt, wird von Kurt Schürmann in der Zeitung „Der Mittag“ vom 4./5.1.1958 als ein Buch beschrieben, das man „als eines der wenigen in der deutschen Nachkriegsliteratur nennen dürfe[…], in denen das ‚Dritte Reich‘ und seine Folgen dichterisch bewältigt worden ist, in denen Zeitliches überzeitlich verdichtet worden ist.“

 

Eine der wichtigsten Rezensionen zu Anderschs „Sansibar oder der letzte Grund“ bildet Arno Schmidts Artikel aus „Die Andere Zeitung“ vom 20.10.1957. Mit seinem deutlich politischen Rezensionstitel „Das Land, aus dem man flüchtet“ beschreibt Schmidt den Roman als:

 

Eine sachlich unwiderlegbare Anklage gegen Deutschland. Eine Warnung ‚an alle, die es angeht‘. Unterricht in (ja, fast Anleitung) zu Flucht als Protest. […] Kompositorisch ausgezeichnet; sprachlich bedeutend über dem Durchschnitt.“



Weitere Rezensionen und Kommentare stammen u.a. aus den Federn von Beda Alemann, Franz Schonauer und Friedrich Sieburg:

 

Beda Alemann:

Was er in seinem Roman aus diesen Voraussetzungen, denen des Stoffes und denen seiner persönlichen Probleme, gestaltet hat, ist deshalb so besonders erstaunlich, weil er die Konvention zu überwinden vermocht und jene schlichte Unaufdringlichkeit erreicht, die das große Kunstwerk auszeichnet. Nichts mehr ist sensationell an diesem Roman, nicht einmal der Umfang, der die erlaubten zweihundert Seiten nicht übersteigt.“ (Beda Allemann: Die Flucht nach Sansibar. In: Die Tat, 12.10.1957)

 

 

Franz Schonauer:

Auch die Gegenseite wird das Buch loben müssen; es ist spannend geschrieben und in seinen ästhetisch-formalen Proportionen klar und streng. Die schriftstellerische Qualität ist unbezweifelbar, ebenso die Sorgfalt, mit der der Roman angelegt und gestaltet wurde. […] Das Buch handelt von der Freiheit, oder, genauer gesagt, von einigen Personen, die über ihre Freiheit oder Unfreiheit zu entscheiden haben. Und da sich die Ereignisse 1938 in Deutschland abspielen, handelt das Buch auch von der Flucht. […]. Bei ihnen allen mündet die Erkenntnis in Entscheidung ein, in die Tat; und es ist mehr als der technisch geglückte Abschluß einer Parabel, wenn der Junge, wie sie in Schweden an Land legen, auf Sansibar verzichtet und wieder zu Knudsen und seinem Boot zurückkehrt. Das hat mit Romantik nichts mehr zu tun, eher im Gegenteil; Sansibar wäre Romantik, wäre eine Fahne. Aber ‚wir werden in einer Welt leben…, in der alle Fahnen gestorben sein werden. Irgendwann später einmal, sehr lange Zeit darnach, wird es vielleicht neue Fahnen geben, echte Fahnen aber ich bin nicht sicher, dachte er, ob es nicht besser wäre, wenn es sie überhaupt nicht gäbe‘. So diagnostiziert Gregor die Situation. Ist sie heute anders als damals?“ (Franz Schonauer: Ins Land ohne Fahnen. Alfred Andersch erster Roman. In: Deutsche Zeitung, 5.10.1957)

 

 

Friedrich Siegburgs Kommentar:

Alfred Andersch, ein weltkundiger und hellwacher Autor, überrascht uns jäh durch Träumerei, durch die dunkeln Farben der Entsagung. Sein Roman kehrt entschlossen zu einem vollblütigen, beinahe reichen literarischen Ausdruck zurück. […] Wenn dies ein Rückzug auf ‚Schönschrift‘ ist, so ist es auch ein höchst ehrenvoller Rückzug auf den Menschen ohne Auftrag, auf die Hoffnung, in der geleisteten Kunst einen Sinn zu finden. Ein sehnsüchtiges Langen nach der Erlösung durch das vollkommene Wort durchzieht diesen Roman. Aus dem endgültigen Verzeicht auf die ‚direkt Aktion‘ erwachsen die dichterische Regungen und rechtfertigen den Gebrauch der literarischen Form.“ (Siegburg, Friedrich: Eine ungeheure Ahnung. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5.7.1957)