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Acetylcholin: Klein – aber oho

Botenstoff im Mittelpunkt interdisziplinärer Spitzenforschung – Internationales Symposium

Gießen (if). »Klein – aber oho« möchte man sie flapsig nennen, die Winzlinge mit der eher unspektakulären Summenformel C7H16NO2. Man könnte sie auch als »Tausendsassas« bezeichnen – sozusagen allgegenwärtig: »AcH« (Acetylcholin) spielt als Botenstoff eine unverzichtbare Rolle bei der Regelung zahlreicher Lebensvorgänge unseres »autonomen Nervensystems« – wenn es also beispielsweise um Blutdruck oder Herzfunktion geht. Im Gehirn, wo die winzigen Moleküle als Botenstoff für die Informationsübertragung von Nervenzelle zu Nervenzelle zuständig sind, trifft man besonders viele der Winzlinge an. Als »Non-neuronale Acetylcholine« erfüllen sie noch zahlreiche weitere Aufgaben, wie sich nach und nach herausstellt. Dieser Tage standen sie im Mittelpunkt eines Internationalen Symposiums im Unihauptgebäude.

Beste Referate und Poster prämiert

»AcH finden wir nicht allein im Zentralnervensystem. Es ist beispielsweise auch im Verdauungs- und Respirationstrakt aktiv. Anfang des letzten Jahrhunderts erstmals bei Pferden und Rindern gefunden, hat man es selbst in der Milz entdeckt – im Thymus, wo die T-Zellen ihre Reifung erfahren, ehe sie ins Blut ausgeschüttet werden und im Organismus wichtige Abwehrfunktionen erfüllen«, erläuterte Prof. Wolfgang Kummer, Direktor im Institut für Anatomie und Zellbiologie der Justus-Liebig-Universität und Sprecher des hessischen Loewe-Forschungsschwerpunktes »Non-neuronale cholinerge Systeme« im GAZ-Gespräch am Rande des von ihm und seinem Team ausgerichteten Internationalen Acetylcholin-Symposiums.
Ehe Prof. Wolfgang Weidner, Vizepräsident der »Behring-Röntgen-Stiftung«, am Ende der Tagung die Preise für die besten Referate und Poster überreichte, und die über 100 aus Nord- und Südamerika, aus Japan, Neuseeland, Australien, aber auch aus Indien, aus Israel, Moskau und Kiew nach Gießen eingeflogenen Teilnehmer wieder in ihre heimischen Labors zurückkehrten, stießen im dichtgepackten Tagungsprogramm namentlich die jüngsten Forschungsergebnisse des Gießener interdisziplinären Forschungsschwerpunktes auf deren besonderes Interesse.
Das Vorkommen von Acetylcholin sowohl in Bakterien als auch in Pflanzen und Tieren zeige, dass es die Evolution schon über Jahrmillionen hinweg begleitet hatte, ehe es (beim berühmten »Froschschenkel-Test«) zunächst als unverzichtbares Signalmolekül des Nervensystems auch beim Menschen enttarnt worden war, unterstrich in seinem furiosen Auftaktreferat Prof. S. A. Grando von der University of California. Der amerikanische Dermatologe vermittelte einen eindrucksvollen Überblick über die bisherigen Erkenntnisse und die vielen noch der Bearbeitung harrenden Fragen des gesamten »nicht-neuronalen cholinergen Systems« – von seiner Bedeutung beim Zustandekommen chronischer Erkrankungen bis hin zu seiner Beteiligung bei der Krebsentstehung, wo es an Tumorwachstum und -ansiedlung beteiligt ist. »Ein wachsendes Verständnis der Rolle nicht-neuronaler Acetylcholine wird in hohem Maße der Entwicklung neuer, effektiver Behandlungsmöglichkeiten zugutekommen«, zeigte sich der japanische Pharmazie-Professor Koichiro Kawashima aus Tokio in der Uni-Aula überzeugt.
Im vor drei Jahren ins Leben gerufenen, bisher vom Land finanzierten »Loewe«-Schwerpunkt »Non Neuronale Acetylcholine« stehen heute Wissenschaftler der Justus-Liebig-Universität – teilweise zusammen mit Marburger und Frankfurter Kollegen – in vorderster Linie dieses hochinnovativen Forschungsfeldes, wie sich im Verlauf des Symposiums eindrucksvoll in den Referaten und Poster der einzelnen Arbeitsgruppen zeigen sollte.
Bereits im Vorjahr hatten Ergebnisse der Arbeitsgruppe von Prof. Kummer Aufsehen erregt, als die angesehene Fachzeitschrift »Proceedings of the National Academy of Sciences« (PNAS) berichtete, dass es in Gießen gelungen war, neu in der Harnröhre entdeckte Sinneszellen und deren Funktion bei urologischen Problemen zu klären.

Hochentwickeltes Abwehrsystem

Ein aufsehenerregendes Forschungsergebnis, das ob seiner therapeutischen Bedeutung Furore machen dürfte, präsentierte das Labor für Experimentelle Chirurgie im Uniklinikum. Prof. Veronika Grau und ihren Mitarbeitern – früher im Souterrain der »Alten Chirurgie« zu Hause, neuerdings im »Science Tower« über der Kinderklinik untergebracht – ist es gelungen, beispielsweise Licht in die Frage zu bringen,weshalb sich das Verhältnis zwischen bei unseren Vorfahren häufigem Parasitenbefall durch Spulwürmer und dem eher seltenen Auftreten von auf Entzündungsprozessen beruhenden Allergien eklatant umgekehrt hat: Der Parasit verfügt über ein hochentwickeltes Abwehrsystem, um beim Befall seines Wirtes dessen Abwehr zu unterlaufen. »Unsere Daten sprechen für ein neues Anti-cholinerges System, mit dem Parasiten die angeborene Immunantwort des Wirtes kontrollieren«, erklärte Prof. Grau.
Dass der thematisch weltweit einzigartige Loewe-Schwerpunkt im Gießener Anatomischen Institut angesiedelt ist, kommt übrigens nicht von ungefähr: Schon in der Ägide von Prof. Andreas Oksche kreiste in den achtziger und neunziger Jahren die Forschungsarbeit dort um Neurotransmitter. Eine berühmte Pionierin dieses Forschungsfeldes, Prof. Berta Scharrer (New York, zuvor Frankfurt), wurde in diesem Zusammenhang mit der Ehrendoktorwürde der Justus-Liebig-Universität ausgezeichnet.

 

(Quelle: Giessener Allgemeine Zeitung, 09.09.14)