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Erstes Haus stand am Brandplatz

Die Frauenklinik, die heute ihr 200-jähriges Bestehen feiert, hat eine wechselvolle Geschichte

Gießen (if). Heute feiert die Gießener Frauenklinik ihren 200. Geburtstag, unter anderem (wie ausführlich berichtet) mit einem »Tag der offenen Tür«. Dabei blickt das Haus auf eine wechselvolle und hochinteressante Geschichte zurück. Näheres erläutert das Buch »Vom Accouchierhaus zur Frauenklinik«, das der Gießener Medizinhistoriker Prof. Jost Benedum und der frühere Frauenklinik-Chef Prof. Wolfgang Künzel vor 25 Jahren, zum 175. Geburtstag der Klinikumseinrichtung, vorgelegt haben.


Der Bau eines »Accouchierhauses« in Gießen, so heißt es darin, war erstmals 1772 angeregt worden. Auch anderswo existierten schon ähnliche Einrichtungen wie erstmals in Straßburg. Prof. Georg Friedrich Wilhelm Balser – Initiator und Namenspatron der »Balserischen Stiftung« – drängte energisch auf eine Verwirklichung der Pläne. Doch in der damaligen großherzoglich-hessischen Darmstädter Verwaltung fanden die Vorstöße jahrelang kein Echo, selbst nachdem Großherzog Ludwig bei seinem Regierungsantritt 1790 10 000 Gulden zur »Errichtung einer Hebammenlehranstalt in Gießen« gestiftet hatte. Es vergingen noch weitere 19 Jahre, ehe nach einem erneuten Vorstoß Balsers und nach seinen Vorstellungen »durch allerhöchste Resolution« das gedachte Projekt genehmigt und mit dem Bau begonnen wurde, berichten die Autoren Prof. Michael Kirschbaum und G. Herold. Das Kapital der großherzoglichen Stiftung war in den 19 Jahren zwar auf über 18 000 Gulden angewachsen, doch mussten weitere 6200 Gulden Fremdkapital bis zur endgültigen Fertigstellung aufgewendet werden.


Die Bauarbeiten am heutigen Brandplatz auf dem vom Großherzogtum der »Ludoviciana« zur Verfügung gestellten Areal dauerten dann weitere vier Jahre. Doch auch danach konnten weder Hebammen noch Wöchnerinnen einziehen: Die Befreiungskriege brachten nach der Völkerschlacht von Leipzig »fremde Truppen« – Russen und Preußen – in die Stadt, die zugleich ihre Krankheiten mitbrachten. Das bezugsfertige »Entbindungsinstitut« musste kurzfristig zum Lazarett erklärt werden, in dem der »Typhus contagiosus« grassierte. Selbst der bereits ernannte »Accouchierhaus«-Direktor fiel ihm zum Opfer.


Als man endlich einziehen konnte, kamen im ersten Jahr nur zwei Kinder am Brandplatz zur Welt. Das dokumentieren die »Jahrbücher der Entbindungsanstalt«, die Ferdinand August Maria Franz von Ritgen führte; er war der erste Direktor der neu erbauten Entbindungsanstalt. Schon im folgenden Jahr waren es 47 Geburten und  1835 bereits 197. Im Jahr 1925 hatten dort außerem bereits »1700 Personen Hülfe und Pflege« und »gegen 500 Hebammen« Unterricht erhalten.


Die neue Gießener »Gebäranstalt« verfügte im ersten Stock über einen Hörsaal, ein Untersuchungs- und ein Sprechzimmer sowie Zimmer für eine »Wärterin« und die »Oberhebamme«. Im zweiten Stock gab es Räume für Wöchnerinnen und für »kranke Frauen«. Weitere vier Zimmer für Schwangere sowie zwei Schlafsäle mit je 16 Betten für Schwesternschülerinnen befanden sich im dritten Stock.


Die »Erstausstattung des 44-Betten-Gebärhauses war eher spartanisch. Es gab laut Inventarverzeichnis einen Gebärstuhl (das Foto links zeigt ein Modell aus dem Jahre 1800) bzw. ein Geburtsbett. Ferner eine Kinderwaage, einen Messtisch, dazu Spritzen, Katheter, Schere, Geburtszange und einen Touchierschrank. Er sollte »bei der Untersuchung der Schwangeren den Anstand wahren und die Schwangere mit Ausnahme des Genitales dem Anblick der Studenten entziehen«. Das »Touchieren« erfolgte im Stehen, wobei die zu Untersuchende »hinter dem Vorhang des Touchierschrankes verborgen blieb«, wie man im Begleitband zur Ausstellung »375 Jahre Medizin in Gießen« lesen konnte, die zum Universitätsjubiläum 1982 in der Anatomie aufgebaut worden war.


In den neuen Räumen am Brandplatz befand sich, von Franz von Ritgen angeschafft, auch eine Sammlung chirurgischer und geburtshilflicher Instrumente, die – aus Straßburg stammend – bereits 1814 vom Großherzoglichen Ministerum für die Gießener Medizinische Fakultät erworben worden waren. Sie existiert heute nicht mehr. Doch erinnern sich verwunderte Besucher einer vor Jahren in der Berliner Charité gezeigten Ausstellung, dort ausgestellte Exponate mit der Herkunftsbezeichnung »Gießen« gesehen zu haben, die inzwischen offenbar in bayerischen Museen zu Hause sind. Von der umfangreichen geburtshilflichen Bibliothek ist lediglich der Katalog erhalten geblieben.
   
»Doktorinnen der Entbindungskunst«
   
Die Geschichte der Frauenklinik ist auch in der Frühzeit schon mit engagierten Medizinerinnen verbunden. Nachdem sie bereits 1807 von einem Medizinalkollegium in Darmstadt geprüft worden war und die »Erlaubnis zur praktischen Ausübung der Entbindungskunst« erhalten hatte, verlieh die Medizinische Fakultät der Gießener Universität 1815 Josepha von Siebold die erste »Ehrendoktorwürde in der Entbindungskunst«. Schon zwei Jahre später promovierte ihre 29-jährige Tochter Charlotte Heilandan zur »Doc. artis obstetriciae«. »Ihre Klientel« – so heißt es im Begleitband der genannten Ausstellung – »war fürstlich«: Sie entband im Mai 1819 die Herzogin von Kent von Victoria, der späteren Königin von England, und im August desselben Jahres half sie Prinz Albert von Coburg – dem späteren Gemahl Queen Victorias – zur Welt zu kommen. Ihre Dissertation galt »abnormen Schwangerschaften« mit der Frage, was zur Rettung der Mutter getan werden kann.

 

Früher Kaiserschnitt


In den deutschen Kliniken kommt heute fast jedes dritte Kind per Kaiserschnitt zur Welt. Kaum hundert Jahre ist es her, dass acht von zehn Müttern die operative Entbindung mit dem Leben bezahlen mussten. Nahezu unbekannt selbst in Gießen ist es, dass ein Gießener Frauenarzt die Entwicklung zu einer risikoarmen Routineentbindung maßgeblich beeinflusst hat: Dr. Ferdinand Adolf Kehrer, Sohn eines »Unterrichts-Repententen« am »Hebammen-Institut«, war bis 1862 Arzt an der Gießener »Entbindungsanstalt«.


Nur wenige Wochen nachdem der 44-Jährige an die Universität Heidelberg berufen worden war, kam es zu einer Entbindung, an die heute noch eine Sandsteintafel an einem kleinen Bauernhaus im Kraichgau erinnert. Vom verzweifelten Dorfarzt um Hilfe gebeten, reist Kehrer im Zug aus Heidelberg an, begleitet von zwei Chirurgen und einer Hebamme, wie die Medizinhistoriker Dr. Irmgard Sahmland und Dr. Hans-Peter Rupp berichteten. Eine 26-Jährige mit verengtem Becken musste entbunden werden. Rupp: »Die Operation geschah in Chloroform-Narkose, in einer Dachstube auf dem einzigen Tisch des Hauses. Als Beleuchtung dienten zwei Hängelampen und Stearinkerzen. Die Instrumente wurden in Karbolwasser gereinigt. Der Schnitt wurde nicht, wie bisher üblich und erforderlich längs, sondern im »superzervikalen Bereich« quer durchgeführt. Das war nur durch die von Kehrer schon in Gießen entwickelte neue Nahttechnik, die in drei Schichten – tief muskulär, serös muskulär und am Bauchfell – erfolgte.


Beschrieben hat Kehrer sein Vorgehen im »Archiv für Gynäkologie«.

 

(Quelle: Giessener Allgemeine Zeitung, 14.11.2014)