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Interview mit dem Schulleiter einer Campusschule: „Schule für Einflüsse von außen öffnen“

Der Schulleiter der Clemens-Brentano-Europaschule in Lollar, Andrej Keller, erklärt im Interview, was schulische und wissenschaftliche Praxis voneinander lernen können, warum er sich am Projekt Campusschule der Gießener Offensive Lehrerbildung (GOL) beteiligt und was er sich von der Kooperation erhofft.

Logo der Campusschulen


Foto von Herrn Keller
Andrej Keller ist Schulleiter der Clemens-Brentano-Europaschule, einer der ersten drei Campusschulen. Foto: CBES

Herr Keller, Sie leiten eine der ersten drei GOL-Campusschulen. Was muss man sich darunter vorstellen?

Eine Campusschule trifft mit der JLU Gießen in besonderer Weise eine Verabredung zur engeren Zusammenarbeit auf verschiedenen Gebieten. Die Clemens-Brentano-Europaschule (CBES) dokumentiert mit dem Label Campusschule ihre Bereitschaft, wissenschaftliche Erkenntnisse in die tägliche schulische Arbeit einfließen zu lassen. Der Kerngedanke liegt darin, die gemeinsamen Potenziale von Schule und Universität ohne großen bürokratischen Aufwand zu entdecken und sich für einander zu öffnen.

Wie wird man Campusschule?

Vor allem durch Eigeninitiative, indem man mit der JLU, insbesondere der GOL, Kontakt aufnimmt und sein Interesse bekundet. Ich bin seit Februar dieses Jahres Schulleiter an der CBES Lollar und hatte schon Anfang März 2018 die ersten Gespräche mit der GOL geführt.

Wie liefen die ersten Gespräche ab?

Das ging alles sehr zügig und unbürokratisch. Es wurde in den Gesprächen schnell deutlich, Ziele und Interessen beider Institutionen passen gut zusammen. Aber auch die Gesprächsatmosphäre war stets angenehm. Konzentriert, offen und auf Augenhöhe wurden beiderseitig Bedürfnisse, Wünsche und auch Befürchtungen formuliert.

Wie ging es dann weiter?

Nach weiteren Gesprächsrunden, an denen von schulischer als auch universitärer Seite Experten zu den beiden Leitthemen „Heterogenität“ und „Digitalisierung“ teilnahmen, stand ein erster Vertragsentwurf fest. An diesem wurden noch kleinere Modifizierungen vorgenommen, bevor die schulischen Gremien, also Schulleitung, Gesamtkonferenz und Schulkonferenz, sich mit den Eckpunkten des Vertrags befassten. Ich bin mit dem Anspruch als Schulleiter angetreten, Transparenz und Partizipation noch stärker in unsere Schulkultur zu verankern, sodass mir dieser offene, alle Beteiligten informierende und integrierende Weg besonders wichtig erschien. Am Ende des Prozesses steht dann die Unterschrift des Schulleiters und der universitären Vertreter unter dem Vertrag. Und dann beginnt ja erst die eigentliche Kooperation.

Wie haben Sie von dem Projekt erfahren?

Von der GOL an sich habe ich schon während meiner Zeit in der Schulleitung der Liebigschule in Gießen erfahren. Konkretes über die Möglichkeiten, die ein Campusschulvertrag bereithält, und die Rolle der GOL habe ich auf dem jährlich stattfindenden Kooperationsgespräch zwischen der JLU und den Schulen Ende Februar 2018 erfahren. Übrigens eine Veranstaltung, die ich in jeder Hinsicht empfehlen kann.

Was war ausschlaggebend dafür, dass Sie sich an dem Projekt beteiligen?

Für mich als Schulleiter ist es wichtig, die Unterrichtsqualität an der Schule weiterzuentwickeln und Schule für Einflüsse von außen zu öffnen. Ich habe mich immer dagegen verwahrt, an der Schule im eigenen Saft zu schmoren. Wir besitzen als Schule eine große Verantwortung gegenüber Schülerinnen und Schülern wie auch den Eltern. Deshalb sollten wir alle Möglichkeiten, die uns geboten werden, um unsere Arbeit zu verbessern, auch nutzen. Ich verspreche mir also vom Campusschulprojekt, dass wir – und damit meine ich vor allem meine Kolleginnen und Kollegen – noch besseren Unterricht konzipieren und umsetzen, um den nicht leichter werdenden Schulalltag an einer Kooperativen Gesamtschule erfolgreich zu bewältigen.

Sie sprechen es an: Was sind Ihrer Meinung nach aktuell die größte Herausforderung im Schulalltag? 

Wir haben in Lollar kein Alleinstellungsmerkmal, was die Herausforderungen im Schulalltag angeht. Aber als eine Kooperative Gesamtschule stellen wir uns mehr als andere Schulformen der Diversität und Heterogenität unserer Schülerinnen und Schüler. Wir müssen in Lollar unseren Hochbegabten ebenso gerecht werden wie Kindern mit Lernhilfeschwierigkeiten. Dazu haben wir noch drei Intensivklassen eingerichtet, in denen Kinder ohne bisherige Schulerfahrung mit Kindern aus bildungsbeflissenen Elternhäusern Deutsch lernen. Allen diesen Kindern und Heranwachsenden unserer Schule auf Grundlage einer zukunfts- und werteorientierten Bildung einen guten Start ins Leben nach der Schule zu ermöglichen, stellt die wichtigste und größte Herausforderung dar. Dazu brauchen wir als Kollegium neben vielen anderen Eigenschaften die besten und modernsten Werkzeuge pädagogischen Handelns.

Kommt da die Campusschule ins Spiel?

Genau. Hier erhoffe ich mir den meisten Mehrwert durch unsere Zusammenarbeit mit der GOL. Daneben ist es eine besondere Herausforderung diese hehren Ansprüche an den Lehrerberuf mit den sächlichen Ausstattungen, die wir vom Schulträger gestellt bekommen, in Einklang zu bringen. W-Lan und digitale Präsentationsmöglichkeiten in allen Klassen sollten als Selbstverständlichkeit begriffen werden. Die Digitalisierung revolutioniert unsere Arbeitswelt in Lichtgeschwindigkeit, unsere öffentlich finanzierten Schulen sollen auf diese digitalisierte Arbeitswelt vorbereiten. Wenn die beiden letzten Sätze Gültigkeit besitzen, dann müssten Schulen in allen Belangen auch dementsprechend gestaltet und ausgestattet werden.

Wie sieht es beim Thema Heterogenität aus?

Wir haben uns als demokratisches Gemeinwesen der Umsetzung des Inklusionsgebots verpflichtet. Unsere Schule schließt deshalb keine in allgemeinbildenden Schulen zu beschulende Schülerinnen und Schüler aus, sondern versucht in verschiedenen, eng miteinander verzahnten Schulzweigen den individuellen Bedürfnissen der Kinder und Heranwachsenden gerecht zu werden. Bei meinen Unterrichtsbesuchen sehe ich z. B. die zuständige Lehrkraft auch in Zusammenarbeit mit einer Kraft aus den Beratungs- und Förderzentren, einem Integrationshelfer und einer Schulsozialarbeiterin eine Klasse mit differenzierten Unterrichtsmaterialien unterrichten. Und anders geht es auch nicht. In diesen Situationen wird deutlich, dass das alte System, indem ein Lehrer, ein Buch und 30 Schülerinnen und Schüler zum gleichen Zeitpunkt dasselbe machten, nicht mehr funktionieren kann. Dieser Prozess der Individualisierung von Unterricht ist mittlerweile eingeleitet, aber ich verspreche mir durch das Campusschulprojekt qualitativ guten Input für das Kollegium in Lollar. Dies würde die anderen Professionalisierungsangebote, die wir in den letzten Monaten an die Schule geholt haben, wirksam und flankierend unterstützen.

Wo liegen die größten Herausforderungen bei der Digitalisierung?

Wie gesagt, Digitalisierung ist nicht unsere Zukunft, sondern sie bestimmt jetzt schon unsere Gegenwart in Gesellschaft und Wirtschaft. Landauf, landab sind die Schulen nicht entsprechend ausgerüstet und viele Kolleginnen und Kollegen haben noch nicht alle positiven Potenziale genutzt, die ihnen eine stärkere Digitalisierung ihres Unterrichts bereitstellen würde. Können sie auch gar nicht. Durch die begrenzten technischen Möglichkeiten in unseren Schulen sind sie nur bedingt in der Lage, ihren Unterricht dementsprechend zu gestalten.

Sie sehen also strukturelle sowie individuelle Herausforderungen…

Ich sehe zwei Kernprobleme: Erstens müssten die Schulen permanent auf einem technisch anspruchsvollen „digitalen“ Niveau gehalten werden. Und zweitens müssen die Kollegien sich entsprechend weiterbilden, um den Herausforderungen einer digitalen Gesellschaft und einer Schülergeneration, die als „digital natives“ heranwächst, gerecht zu werden.

Fehlt es da im Kollegium manchmal am Willen?

Nein, das will ich niemandem unterstellen. Im Gegenteil: Viele Lehrerinnen und Lehrer bringen ihre eigenen, selbst bezahlten mobilen Endgeräte wie Laptops, Tablets sowie Adapterkabel, W-Lan-Verstärker und Präsentationsgeräte in die Schule mit, um ihren Job anspruchsvoll verrichten zu können. Stellen Sie sich das mal in anderen Berufszweigen vor….

Wie kann das Projekt Campusschule bei der Bewältigung dieser Herausforderungen helfen?

Ich sehe die Möglichkeit, neueste wissenschaftliche Erkenntnisse, was differenzierte, individualisierte und digitalisierte Unterrichtsgestaltung angeht, in die Klassenräume zu bringen. Dies soll zum Wohl der Schülerinnen und Schüler geschehen und dem Kollegium als eine kostenlose Fortbildung dienen. Am Ende des Tages soll der Unterricht besser werden, was allen Beteiligten zu Gute kommt. Das ist die Perspektive der Schule.

Foto Hr. Keller und Prof. Dr. Wissinger
Andrej Keller (links) und Prof. Dr. Jochen Wissinger aus der GOL-Steuerungsgruppe nach der Unterzeichnung der Campusschulverträge am 24.07.2018. Foto: Julian Hefter
Und wie profitiert die Wissenschaft von dem Austausch?

Die Fachdidaktiken der Universität bekommen die Gelegenheit, aus den Seminarräumen heraus in die Praxis des 

Schulalltags zu kommen. Dabei ist es mir aber besonders wichtig, unsere Schülerinnen und Schüler nicht als Probanden für didaktische Versuchsballons zu verstehen. Hier besteht eine große Verantwortung auf Seiten der Universität und auf der Seite des Schulleiters zu einem sensiblen Umgang mit den Unterrichtsgruppen. Ansonsten würde viel Vertrauen und eine sehr positive Grundhaltung seitens des Kollegiums, die zurzeit spürbar ist, gegenüber dem Campusschulprojekt verspielt. Ansonsten erhoffe ich mir auch durch den Austausch mit anderen Schulen, die an dem Campusprojekt teilnehmen, neue Ideen für eine bessere Gestaltung von Unterricht und Schule.

Wie viele Lehrkräfte beteiligen sich an Ihrer Schule?

Es beteiligen sich die Kolleginnen und Kollegen, die Interesse an dem Projekt haben. Wir setzen nicht auf Zwang oder Verpflichtung, sondern auf das gute Beispiel und die positiven Erfahrungen im benachbarten Klassenraum. Da wir unmittelbar vor der Unterzeichnung des Vertrags mitten in den Sommerferien stehen, sind konkrete Projekte noch nicht angelaufen. Die Einstellung gegenüber dem Campusschulprojekt im Kollegium wie auch bei den Eltern, das haben mir viele Gespräche gezeigt, kann als sehr positiv und wohlwollend bezeichnet werden. 

Gab es denn im Kollegium keinerlei Vorbehalte gegen das Vorhaben?

Bei den Abstimmungen in den Gremien war die Zustimmung der Schulgemeinde zum Campusschulprojekt überwältigend. Nur wenige Enthaltungen wurden gezählt. Vorbehalte gab es im Hinblick auf eine mögliche gesteigerte Arbeitsbelastung und auch die Angst vor universitären Versuchsprojekten an der Schule, die noch nicht zu Ende gedacht worden sind. Meine Kolleginnen und Kollegen nehmen ihren Unterricht sehr ernst und es besteht die Sorge, mit dem Unterrichtsstoff nicht „durchzukommen“, wenn Studierende – natürlich zeitlich begrenzt – das Ruder im Klassenraum übernehmen. Die tatsächliche Umsetzung des Campusschulprojekts wird zeigen, wie begründet diese Vorbehalte sein werden. Und wir werden bei Problemen dementsprechend gegensteuern. Die Projekte werden von Seiten der Schulleitung einem Monitoring unterworfen und die Kolleginnen und Kollegen sind angehalten, offen und ehrlich ihre Eindrücke in jeder Richtung zu schildern.

Wagen wir einen Blick in die Zukunft: Was steht am Ende der dreijährigen Kooperation auf der Habenseite?

Ich bin der festen Überzeugung, dass der Mehrwert auf schulischer wie universitärer Seite durch den gegenseitigen Austausch größer sein wird als mögliche Belastungen. Am Ende des Tages wird die Wissenschaft einen größeren, weil schärferen Praxisbezug und das Kollegium eine breitere Perspektive auf einen differenzierten, individualisierten und digitalisierten Unterricht erhalten. Wenn das so eintrifft, haben alle gewonnen, vor allem aber – und das ist das Wichtigste – die Schüler und Schülerinnen der Clemens-Brentano-Europaschule.