Angewandte Sprachwissenschaft und Computerlinguistik

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Informationen zum Studiengang Angewandte Sprachwissenschaft und Computerlinguistik
1 Das Fachgebiet "Angewandte Sprachwissenschaft und Computerlinguistik

1.1 Was ist Sprachwissenschaft?

Sprachwissenschaft - Linguistik ist ein anderes Wort dafür - ist eine der ältesten Wissenschaften, die es gibt. Schon im Altertum dachten Menschen immer wieder über den Aufbau ihrer Sprache nach, über die Beziehung von Sprache und Denken, das Verhältnis der Sprachen zueinander oder die Veränderung der Sprache. Im 19. Jahrhundert konnte sich die Sprachwissenschaft als akademische Disziplin etablieren, wobei damals die historische Entwicklung von Sprache im Vordergrund stand, und im 20. Jahrhundert schließlich rückte die Untersuchung von Sprache ohne ihre historischen Bezüge in den Vordergrund, oftmals mit einem formalisierten Instrumentarium.

Den Kern der Linguistik bildet seit jeher die Grammatik. Jede Sprache lässt sich in Wörter gliedern, die ihrerseits einen ganz bestimmten Aufbau haben. Wörter können auf der Grundlage komplizierter Regelwerke zu Sätzen kombiniert werden. Sinn der Kombination von Wörtern zu Sätzen ist es, aus den Bedeutungen der einzelnen Wörter eine neue, komplexe Bedeutung aufzubauen. Bei der Erforschung der Grammatik konnten inzwischen viele Zusammenhänge zwischen der äußeren Form der Sprache und der Bedeutung und Verwendung von Sätzen aufgehellt werden.

Neben der Grammatik wird in der Linguistik auch die Ebene unterhalb der Wörter und die oberhalb der Sätze untersucht. Die Kombination von Lauten zu Silben unterliegt bestimmten Regeln ebenso wie die Kombination von Sätzen zu Texten oder Dialogen. Auch die Verwendung von Sprache in Abhängigkeit von sozialen oder gruppenspezifischen Faktoren wird inzwischen untersucht oder die Verarbeitung von Sprache im menschlichen Gehirn.

Das Fach Sprachwissenschaft kann an einigen Universitäten als eigenes Fach studiert werden. Dabei steht keine bestimmte Sprache im Zentrum der Betrachtung. Die philologischen Studiengänge (Germanistik, Anglistik, Romanistik usw.) beinhalten ebenfalls einen sprachwissenschaftlichen Teil. Die germanistische/ anglistische/ romanistische Linguistik bezieht sich dann natürlich nur auf bestimmte Sprachen.

1.2 Was ist Angewandte Sprachwissenschaft?

In den Anfängen der Sprachwissenschaft waren die Überlegungen immer auf bestimmte Anwendungen ausgerichtet. So ging es den römischen Grammatikern darum, stilistische und rhetorische Regeln aufzustellen, um damit z.B. einen besonders wirkungsvollen Auftritt vor Gericht zu erzielen. Lange davor schon hatte die Arbeit indischer Sprachwissenschaftler den Anlass, alte religiöse Texte, die nur noch zum Teil verstanden wurden, in ihrer ursprünglichen Bedeutung zu rekonstruieren.

Heutzutage werden die Ergebnisse der modernen Linguistik z.B. angewendet, um Sprachlehrmaterialien zu entwerfen, politische Auseinandersetzungen zu analysieren oder Regeln für die Abfassung verständlicher Gebrauchsanweisungen aufzustellen. Allen diesen Anwendungen ist gemeinsam, dass die Sprach- und Kommunikationsmodelle, die in der Linguistik entwickelt worden sind, in Bereiche übertragen werden, wo die sprachliche Tätigkeit ein Teil einer umfassenderen, zielgerichteten Tätigkeit ist. Viele derartige Anwendungen der Linguistik haben dabei wiederum zu Fragen geführt, die als ein neues Teilgebiet in die Linguistik integriert wurden (z.B. die Spracherwerbsforschung oder die Soziolinguistik).

1.3 Was ist Computerlinguistik?

Schon kurz nach der Entwicklung der ersten Computer in den vierziger Jahren war auch die automatische Sprachverarbeitung ein wichtiges Thema geworden. Im Zentrum des Interesses stand bis in die sechziger Jahre die maschinelle Übersetzung, im Zeichen des Kalten Krieges vor allem die Übersetzung zwischen dem Englischen und dem Russischen. Die Probleme, die dabei nach und nach deutlich wurden, führten schließlich zu immer umfangreicheren Modellen zur Sprachverarbeitung, die schließlich im Fachgebiet Computerlinguistik zusammengefasst wurden. Geht es bei der allgemeinen Linguistik z.B. um die Untersuchung der Grammatik einer Sprache, so interessiert sich die Computerlinguistik für die automatische Analyse eines Satzes auf der Grundlage einer solchen Grammatik oder die automatische Produktion von Sätzen. Computerlinguistik ist also prozessorientiert. Während die Wurzeln der Computerlinguistik also eindeutig in der Anwendung lagen, wird heutzutage auch theoretische computerlinguistische Forschung betrieben, die sich z.B. mit den formalen Eigenschaften der Darstellung grammatischer Information oder mit statistischen Sprachmodellen befasst.

1.4 Angewandte Sprachwissenschaft und Computerlinguistik in Gießen

Innerhalb eines Studienganges die Disziplinen Angewandte Sprachwissenschaft und Computerlinguistik miteinander zu verbinden, ist eine neue Idee. Die inzwischen in viele Teilgebiete aufgesplitterte Computerlinguistik wird dabei auf die Teile beschränkt, die zur automatisierten Bearbeitung von Anwendungsproblemen notwendig sind. In Gießen ist als wichtigster Anwendungsbereich die Bearbeitung von Texten in Verlagen und Betrieben gewählt worden. Die effiziente Erstellung großer Textmengen, deren Aktualisierung und Umsetzung in unterschiedlichen Medien (z.B. Druck, Internet, CD-ROM) hat mittlerweile zu einer eigenen Technologie geführt, deren Beherrschung in manchen Branchen entscheidend für Erfolg und Misserfolg geworden ist. Texte werden etwa in Sachbuchverlagen durch Grammatiken beschrieben, um bei allen Verarbeitungsschritten gleichbleibende Strukturen zu gewährleisten. Die Produktion von neuen Büchern muss manchmal so schnell geschehen, dass dieses nur durch automatisierte computerlinguistische Verfahren erreicht werden kann.

Das Studium der Angewandten Sprachwissenschaft und Computerlinguistik geschieht in enger Verbindung mit einem sprachwissenschaftlichen Hauptfach aus einer der in Gießen angebotenen Philologien (Germanistik, Anglistik, Romanistik, Slavistik). Hauptfach und Nebenfach werden dabei als ein Verbund angesehen, in dem Themen der Angewandten Sprachwissenschaft, der Computerlinguistik, der allgemeinen Linguistik und der sprachspezifischen Linguistik zusammengeführt werden. Durch die Wahl des zweiten Nebenfaches kann noch ein zusätzlicher Akzent gesetzt werden, etwa durch eine noch weitergehende Vertiefung oder durch den Erwerb von Spezialkenntnissen.

1.5 Lektürehinweise

Das beste Buch, um die ganze Bandbreite linguistischer Themen kennenzulernen, ist das folgende:

Crystal, David: The Cambridge Encyclopedia of Language. Cambridge: Cambridge University Press, 1997 [2. Auflage].

Dieses Buch gibt es auch in einer deutschen Ausgabe, allerdings sind die vielen darin enthalten Bilder nur schwarzweiß abgedruckt, und trotzdem ist es teurer. Entgegen ihrem Namen ist die Cambridge Encyclopedia of Language kein alphabetisch geordnetes Lexikon, sondern enthält insgesamt 65 unabhängige Darstellungen linguistischer Themen. Die theoretischen Kerndisziplinen werden dabei genauso berücksichtigt wie die Computerlinguistik, Spracherwerb, Sprachplanung oder die Sprachen der Welt und ihre Beziehungen zueinander.

Sehr kurzweilige Einführungen sind die beiden Bücher des Wissenschaftsjournalisten Dieter E. Zimmer:

Zimmer, Dieter E.: So kommt der Mensch zur Sprache: über Spracherwerb, Sprachentstehung und Sprache & Denken. Heyne, 1994.

Zimmer, Dieter E.: Die Elektrifizierung der Sprache. Über Sprechen, Schreiben, Computer, Gehirne und Geist. Heyne, 1997.

An der Universität Bielefeld ist eine sehr knappe Einführung in die Linguistik für Studieninteressierte geschrieben worden, die sich enger an den konkreten Studieninhalten orientiert:

Bielefelder Linguistik: Linguistik - Die Bielefelder Sicht. Bielefeld: Aisthesis Verlag, 1997.

Zum Schluss noch der Hinweis auf zwei Romane. Der Amerikaner David Carkeet, selbst Linguist, beschreibt in Minus mal Minus (Diogenes Taschenbuch), wie der Linguist Jeremy Cook im Wabash-Institut für angewandte Linguistik einen Mord aufklärt, und zwar durch die Analyse der Sprache eines Kleinkindes. In Die ganze Katastrophe (ebenfalls Diogenes Taschenbuch) erzählt David Carkeet auf überaus witzige Weise, wie Jeremy Cook sich als linguistischer Beziehungsberater versucht. Auch eine Variante der angewandten Sprachwissenschaft!

2 Voraussetzungen für das Studium

Wenn Sie sich für das Studium der Angewandten Sprachwissenschaft und Computerlinguistik interessieren, sollten Sie vor allem ein generelles Interesse für Sprache mitbringen. Das kann z.B. die Beschäftigung mit Grammatiken sein, der Sprachgeschichte, dem Sprachenlernen oder das Problem von Sprache und Denken. Darüber hinaus sollten Sie nicht zurückschrecken, wenn Sie eine Formel zu sehen bekommen. In der Linguistik ist im 20. Jahrhundert die formale Beschreibung von Sprache sehr wichtig geworden, allerdings mit einem Instrumentarium, dass Sie nicht aus der Schule mitbringen müssen. Als letztes ist es gerade für die Computerlinguistik wichtig, dass Sie bereit sind, den Computer nicht nur als Medium zu benutzen, sondern aktiv als Werkzeug. Dieses beinhaltet z.B. die selbständige Programmierung computerlinguistischer Methoden oder die computerunterstützte Erarbeitung von Grammatiken.

3 Studium und berufliche Qualifikation

Das Magister-Nebenfach Angewandte Sprachwissenschaft und Computerlinguistik wird im Verbund mit einem sprachwissenschaftlichen Hauptfach studiert. Daneben sind noch ein zweites Nebenfach oder zwei Studienelemente zu wählen. Dabei können Interesse oder Berufsorientierung das Auswahlkriterium sein. Sinnvolle Kombinationen ergeben sich z.B. mit den folgenden Fächern:

  • Psychologie, vor allem mit dem Schwerpunkt kognitive Psychologie
  • Pädagogik/Didaktik
  • Deutsch als Fremdsprache
  • Betriebswirtschaft
  • Rechtswissenschaft
  • eine weitere Philologie
Wichtig dabei ist, dass auch das zweite Nebenfach als integraler Bestandteil des Studiums aufgefasst wird, da oftmals gerade die durch das zweite Nebenfach erworbenen Spezialqualifikationen besondere Bedeutung erlangen.

Ein Magister-Studium ist im Normalfall nicht auf eine ganz bestimmte berufliche Tätigkeit ausgerichtet wie etwa ein Lehramtsstudiengang. Besonders wichtig ist es deshalb, das Studium von vornherein mit praktischer Tätigkeit zu flankieren. Die beste Möglichkeit dazu bieten in den Semesterferien durchgeführte Praktika in Firmen oder Verlagen, die ein direktes Interesse an Ihren im Studium erworbenen Fachkenntnissen haben. Oftmals münden derartige Praktika noch vor der offiziellen Beendigung des Studiums in Einstellungen. An der Professur für Angewandte Sprachwissenschaft und Computerlinguistik bestehen Kooperationsvereinbarungen mit einigen Firmen und Verlagen, die Praktika betreuen; diese können den Studierenden auf Wunsch vermittelt werden. Wird das Studium durch sinnvolle Praktika ergänzt, so ergeben sich sehr gute Aussichten für den direkten Berufseinstieg, werden praktische Tätigkeiten als Qualifikationselement jedoch vernachlässigt, können auch bei einem anwendungsorientierten Studienfach Übergangsschwierigkeiten auftreten.


Dieses Dokument wurde zuletzt überarbeitet am 19.11.2003
Informationen und Anregungen bitte an:
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