Reimer Gronemeyer/Wolfgang Buff

Mit der Fernbedienung in der Hand...
Die Alten als Avantgarde der elektronischen Gesellschaft

Was gewinnen und was verlieren die Senioren durch die Automatisierung ihres Alltags?
Kleine knopfartige Chips werden den Alten ins Hemd genäht. Verläßt ein gefährdeter Senior das Heim, dann löst der Chip in der Zentrale Alarm aus. Der eingenähte Chip ist keineswegs Utopie, sondern in vielen Heimen schon Praxis. Künftig bleiben uns also Suchmeldungen der Polizei nach verwirrten Senioren ("... die 87jährige Gerda P. wird seit gestern abend vermißt. Frau P. ist 164 cm groß, sie trägt einen grauen Wintermantel ...") erspart. Das neue Personenortungssystem ist angesichts der wachsenden Zahl von Alzheimer-Kranken unfraglich praktisch, kann lebensrettend sein. Niemand muß ständig den Ausgang überwachen - die notwendige Einschließung wird diskret. Nicht weißgewandete Wärter mit Zwangsjacke bestimmen das Bild, sondern elegante, unsichtbare Formen der Kontrolle setzen sich heute durch. Mit Vorteilen für beide Seiten: Die Heimleitung einerseits spart Personalkosten durch die automatische Überwachung und kann ihre Schützlinge sogar noch effektiver im (elektronischen) Auge behalten. Den Senioren andererseits bleibt der "Wärter" und die Einschließung erspart. Der Senioren-Chip ist die zeitgemäße Form der Überwachung.

Aber es bleibt ein ungutes Gefühl, das vielleicht verschwindet, je mehr wir uns an elektronische Regulierungen in unserem Alltag gewöhnen. Man kann unfreundliche Parallelen zum erwähnten Kontroll-Chip im Senioren-Hemd ziehen. Im amerikanischen Strafvollzug werden jetzt zunehmend "Stun Belts" verwendet. Das sind Elektroschock-Gürtel, mit denen Häftlinge an der Flucht gehindert werden. Aus einer Entfernung bis zu 300 Metern können die Gefangenen von Wärtern gesteuert werden: Ein Stromstoß von 50 000 Volt macht den Flüchtling per Fernbedienung bewegungsunfähig. Und auch diese Erfindung gehört in den Kontext: Besitzer bissiger Hunde können jetzt rund um ihr Grundstück eine Induktionsschleife verlegen lassen, die dem Hund, der ein elektronisch ausgerüstetes Halsband trägt, die Grenzen seines Reviers mit elektrischen Schlägen einbrennt. Der Zaun, die Kette, das Schloß für den Hund, für den Gefangenen, für den Alten werden überflüssig. Flucht- und Ausbruchsversuche sind mittels Fernwirkung und Fernbedienung zu unterbinden.

Man kennt die Klage der Senioren über moderne Fahrkartenautomaten. Die können ja auch einen mittelalterlichen Menschen an den Rand der Verzweiflung bringen. Aber die Automatisierung des Lebens erwischt die Alten zunehmend nicht mehr nur in Randbereichen ihres Lebens (wenn sie einmal mit der S-Bahn fahren), sondern sie werden gezwungenermaßen zur Avantgarde des automatisierten Alltags. Bei ihnen kommen die Möglichkeiten der Automatisierung am intensivsten zum Einsatz: Einfach deshalb, weil Automatisierung Sicherheiten schafft und Personalkosten spart. Damit aber ist man notwendigerweise im Zentrum des Problemfeldes alter Menschen!

Am deutlichsten ist das alles bei den Senioren, die pflegebedürftig sind. In diesem Bereich hat es in den letzten Jahren eine stille Automatisierungsrevolution gegeben, die den Alltag der Pflege mit jedem Tag mehr zu bestimmen im Begriffe ist. Man schaut auf japanische Fabriken, in denen keine Menschen mehr tätig sind, weil alles von Robotern erledigt wird: Über kurz oder lang werden unsere Pflegeheime einen ähnlichen Anblick bieten.

Die Anfänge: Türen in Heimen werden heute - da wo der Fortschritt angekommen ist - mit einem Chipcode geöffnet. Wer sich den nicht merken kann, kann seinen Flur eben nicht verlassen. Kann auch keine Mitpfleglinge nerven. Den verwirrten Alten gibt es ja, der nachts durch die Gänge irrt und sich in fremde Betten drängt. Ein Schutz für ihn also, für die Mitbewohner und eine Entlastung für das Personal. Konflikte werden vermieden, indem die Regelungen des Alltags von Apparaten übernommen werden.

Etwas sehr Zeitgemäßes geschieht da: Kontrolle wird in die Geräte eingelagert. Das kann man heute schon in jeder besseren Boutique sehen, die am Ausgang Pfosten installiert, die einen Piepton auslösen, wenn jemand das Geschäft mit gestohlener Kleidung verläßt. Da haben wir uns schon an den eingenähten Chip gewöhnt.

Wie oft sind früher Nachtschwestern unnötigerweise herbeigeklingelt worden. (Unnötig? Man wollte halt jemanden sehen und sprechen.) Heute hängt eben kein Klingelzug mehr am Bett, sondern ein Alarmknopf, bei dem von der Station aus zuerst einmal rückgefragt wird: Ja bitte, was ist?

Niemand muß heute mehr mit Lederriemen an das Bett gefesselt werden, sondern - wer senil-bettflüchtig ist - der bekommt ein Flügelhemd, das diskret einen Akt der Selbstfesselung ermöglicht: Gut, denn der demütigende Akt der auch für andere sichtbaren Anbindung entfällt, unheimlich, denn der (bisweilen notwendige) Eingriff in die Freiheit eines Menschen gibt sich nicht mehr zu erkennen.

Einen dramatischen Automatisierungsschub erleben die Alten aber vor allem durch die Verlagerung von der geschlossenen zur ambulanten Pflege. Die ambulante Hilfe wird als die humanere Lösung gefeiert, weil die Betroffenen in ihrer gewohnten Umgebung bleiben können. Für eine wachsende Zahl von Alten heißt das aber nicht, daß sie so im Schoße der Familie bleiben können, sondern daß sie in ihren Single-Wohnungen betreut werden. Ob nun in einer Seniorenwohnanlage oder in Apartments über eine Stadt verteilt: Hier vor allem bahnen sich Automatisierungsneuerungen an.

Der Funkfinger, vor etwa zehn Jahren eingeführt, erfreut sich wachsender Beliebtheit und Perfektion. Den Funkfinger kann man getrost als den Anfang einer vernetzten Überwachung und Versorgung alleinlebender Alter ansehen. An einer Schnur um den Hals gehängt und zusätzlich im Bad stationär angebracht, kann durch eine Berührung des Gerätes in einer Zentrale (der Sozialstation z.B.) Alarm ausgelöst werden. Auf dem Bildschirm in der Zentrale erscheinen sofort die wichtigen Daten: Wohnort, eingenommene Medikamente etc. Die Ambulanz kann losgeschickt werden, von der Zentrale aus kann der Schlüsselkasten, der den Zugang zur Wohnung erlaubt, entriegelt werden. Die Angst davor, allein und hilflos in der Wohnung zu liegen, ist entschärft. Das dumpfe Gefühl bleibt, daß da auch etwas verlorengeht. Die Nachbarin muß künftig nicht mehr regelmäßig schauen. Und leise, leise tritt der Große Bruder mit seinem überwachenden Auge ein.

Das wird da besonders deutlich, wo der Funkfinger um Videokameras erweitert wird. Natürlich kann man die Befürchtungen des Alleinstehenden noch verringern, wenn das Apartment ständig oder im Bedarfsfall videoüberwacht wird. Bei einem Großversuch hat sich gezeigt, daß die alten Menschen von der Möglichkeit, das Kameraauge zuzuklappen, kaum Gebrauch gemacht haben. Das geschieht nach dem alten Muster, daß eine Sicherheit, die einmal angeboten ist, kaum noch ausgeschlagen werden kann. Der Selbstvorwurf wird immer lauern: Hättest Du die Kamera eingeschaltet gelassen, wäre dies und das nicht passiert.

Eine videoüberwachte private Wohnung? Das mag uns noch sehr nach Orwell klingen. Aber im öffentlichen Leben haben wir uns binnen weniger Jahre ja schon daran gewöhnt, vom Zoom registriert zu werden: Jede Tankstelle, jedes Kaufhaus, ja fast jeder Supermarkt verfolgt uns mit dem Kameraauge. Verkehrskreuzungen und Bahnhöfe sind videoüberwacht - und in Südfrankreich wurde ein ganzes Stadtviertel mit Videokameras lückenlos ausgestattet, um die öffentliche Sicherheit zu verbessern. Mit Erfolg übrigens. Die Alten sind der elektronische Angelpunkt: Bei ihnen wird gerade der Übergang von der Überwachung öffentlicher Bereiche in die private Sphäre inszeniert. Gewinne bei der Sicherheit und Verringerung auf der Kostenseite befördern diese Modernisierungen.

Das wichtigste Instrument in der Hand der Alten dürfte schon jetzt nicht mehr die Stricknadel, sondern die Fernbedienung sein - und man darf eine explosionsartige Ausweitung der Funktionen noch erwarten. Das Garagentor und der Fernsehapparat, der CD-Player und der Anrufbeantworter - die rundum fernbediente Wohnung ist nicht mehr undenkbar. Mikrowelle und Waschmaschine dürften die nächsten erreichbaren Regionen sein - und schon jetzt richtet sich die Fernbedienung auch auf den eigenen Körper. Der Fernsehsessel, der in alle Lagen durch Knopfdruck zu verstellen ist, der auch vorwärts und rückwärts gefahren werden kann, das Bett, das in alle Lagen bewegt wird, und der Lift, der den schwachen Alten selbsttätig in die Badewanne hievt. (Die Badewanne mit Seiteneinstieg ist schon da. Man kann gewissermaßen mit dem Rollstuhl in die Badewanne fahren.) Der Bedside-Terminal erlaubt darüber hinaus die elektronische Kontrolle der Körperfunktionen und Werte, die im Prinzip in der zuständigen Zentrale überwacht werden können: Am Bett des stationären oder ambulanten Alten wird ein Meßcomputer angebracht, der Temperatur, Puls etc. kontrollieren kann. Geräte, mit denen man den Blutdruck messen kann, kann man ja schon jetzt in jeder Apotheke kaufen. Mit einer neuen Möglichkeit konfrontiert uns auch die Entwicklung, die es erlaubt, aus dem privaten WC die Urinwerte direkt ins Ärztezentrum elektronisch zu übermitteln.

Der nächste Schritt allerdings führt die Möglichkeiten der Fernbedienung noch weiter: Nicht mehr nur die Geräte und der Leib können umgeschaltet und bewegt werden. Sondern die inneren Körperteile sind nun im Visier. Binnen kurzem wird die Mehrzahl der chirurgischen Eingriffe nicht mehr auf das Schnippeln an Organen, an Blinddärmen und Herzen, gerichtet sein. Sondern im Wesentlichen wird es um die Implantierung von Mikrogeräten gehen - Musterbeispiel ist der Herzschrittmacher - die einzelne Körperfunktionen steuern: versagende Nieren, Kehlköpfe, Drüsen etc. Es gehört nicht viel Phantasie dazu sich vorzustellen, daß diese Körpermodule der Fernsteuerung durch den Patienten oder durch medizinisches Fachpersonal unterliegen. Da wird dann die Nierenfunktion ambulant überwacht und eingestellt. Eine breite Palette: Von der mediko-sozialen Zentrale können die Jalousien hochgezogen werden, das Kaffewasser aufgesetzt, die Medikamente ausgewählt und die Herzfrequenz eingestellt werden: Sicherheitsbedürfnis und Wille zu Einsparungen machen es möglich.

Die Generation, die jetzt alt ist, hat noch Schwierigkeiten mit manchen der elektronischen Möglichkeiten, die die nächste Altengeneration zu nutzen gezwungen sein wird: Teleshopping, Telebanking, ärztliche Telesupervision. Die neuen Abrechnungsmodalitäten der Kassen lassen die einmal verfemte fernmündliche ärztliche Beratung offiziell auf der Rechnung erscheinen. In Norwegen ist man - im Blick auf abgelegene Ortschaften - einen Schritt weitergegangen: Dort kann sich der Patient mit einem Computer verbinden lassen, der eine digitalisierte Diagnostik durchführt. Erst wenn dieser Akt nicht befriedigend verläuft, wird ein Arzt eingeschaltet.

Wenn das wichtigste Gerät in der Hand des Alten hinfort die Fernbedienung ist, dann wird sein wichtigster Kommunikationspartner eine synthetische Stimme sein, die den Vorteil hat, warm, herzlich und niemals verärgert zu klingen. Das beginnt mit der ruhigen Aufmerksamkeit des Anrufbeantworters ("Es liegen für sie keine neuen Nachrichten vor. Es liegen für Sie keine neuen Nachrichten vor. Es ...") Und endet noch nicht mit Programmen, mit denen ein depressiver Patient digital therapiert werden kann. Große Versandfirmen machen die Erfahrung, daß eingehende Bestellungen besser von Automaten bearbeitet werden, denn eine Telefonverkäuferin kann schlechtgelaunt sein, ein Automat nie. Ein Automat schüchtert keinen Besteller ein, wirkt insofern angstmindernd und verkaufsfördernd. Billiger ist er auch.

Das Klischee verlangt, daß Senior und Seniorin Familienanhänglichkeit zeigen. Die Automatisierung des Alltags löst womöglich die letzten Familienbande in Luft auf, weil niemand mehr sie braucht. Werden die Alten unter diesem Verlust leiden? Kann man es auch anders sehen? Sie können im Zeitalter der Elektronik endlich der muffigen Familienabhängigkeit entfliehen, müssen sich nicht mehr vom Enkel erpressen oder von der Tochter etwas vorjammern lassen. Medizinische, pflegerische, kommunikative Bedürfnisse sind mit der Fernbedienung zur Hand. Wenn der Seniorentreff im Internet die Tee-und-Kekse-Idylle aus dem Gemeindesaal ersetzt, ist das vermutlich auch kein Schade. Das mühsame Buhlen um Zuwendung kann entfallen. Die neue elektronische Welt ist ja nicht mehr vom fleischfarbenen Stützstrumpf aus dem Orthopädieladen gekennzeichnet. Gerade diese ehemaligen Schreckenskammern der Orthopädie (Krücke und Klumpfuß im Schaufenster) haben sich in den letzten Jahren zu orthopädischen Boutiquen gemausert. Seniorenmessen, die einmal ein grau-depressives Randdasein führten, sind heute High-Tech-Shows, bei denen von Jahr zu Jahr die Möglichkeiten der integrierten Fernpflege sprungweise Fortschritte machen. Die allenthalben sprießende Pflegewissenschaft läßt das Fürsorgerische hinter sich und ist auf dem Weg zur Ingenieurkunst. Das neue Pflegegesetz ordnet den Alten einen Wohnungsanpassungsberater zu. Das wird künftig jemand sein, der die phyischen und psychischen Bedürfnisse des Adressaten zu organisieren hilft.

Fast alles kann man heute herbeibedienen, fast alles kann man kaufen oder organisieren. Daß dann etwas fehlt - das ist zu vermuten, ja, man muß es hoffen. Der Alte, der da zum Knotenpunkt in einem Spinnennetz von elektronischen Feldern geworden ist, die mit der Fernbedienung in der Hand reguliert werden, ist ein Avantgardist. Radikaler als andere ist er zum Partikel in der Informations- und Marktgesellschaft geworden. Seine Geräte sind seine Techno-Familie. Schon jetzt ist ja der Fernsehapparat ein verläßlicherer Gefährte als der Enkel. Ob die Defizite lange schmerzen werden - das ist noch schwer zu sagen. Werden sich die Menschen leicht von ihrer fleischlichen Familie verabschieden, um in der problemlosen, kühlen Techno-Familie aufzugehen?

Wir haben noch gar nicht begriffen wie tiefgreifend sich unser Alltag gerade ändert. Alle traditionellen lokalen Bindungen lösen sich auf. Und die Alten sind diejenigen, die das vorexistieren. Alte Lebensmuster sind unwiderruflich dahin. Das hat zuerst im Exodus der Alten nach Mallorca seinen Ausdruck gefunden, in dem ja eine Lösung von Ort und Familie vorgelebt wurde. Heute muß man dazu nicht mehr nach Mallorca, das kann man billiger, umweltschonender und radikaler zu Hause haben. Wo steht es geschrieben - werden viele sagen - daß der Ärger mit dem mürrischen Enkel Sache der Alten ist? Warum nicht völlig losgelöst durch virtuelle Räume schweben? Ausgerüstet mit freundlichen High-Tech-Strukturen, aus denen die Mühsal des Beziehungsclinchs verdampft ist?

Hinweise zu diesem Text verdanken wir Wilfried Lamparter