Schwerpunkt Gesellschaft und Zukunft



1. Zum theoretischen Hintergrund


2. Projekte


3. Publikationen



1. Zum theoretischen Hintergrund

Die Krise der Arbeitsgesellschaft ...
Jetzt, am Ende des Jahrhunderts, befinden sich die europäischen Gesellschaften in einem Prozeß dramatischen Wandels. Arbeit und Familie waren - seit dem Beginn der Industrialisierung - die beiden Säulen, auf denen Individuum und Gesellschaft ruhten. Die Koalition aus Arbeit und Familie hat den Erfolg des Projektes "Moderne" überhaupt erst möglich gemacht. Den moralische Klebstoff, mit dem die Koalition gekittet war, hat vor allem die Kirche geliefert. Auch sie versucht sich rudernd den neuen Vorzeichen anzupassen.

... und das Ende der Familie ...
Die Familie hat die Industriegesellschaft großgefüttert. Nun scheint die Familie - ausgezehrt - zu kollabieren. Gesellschaft setzt sich immer mehr aus konkurrierenden Einzelwesen zusammen. Im gleichen Augenblick zerplatzt die Industriegesellschaft über unseren Häuptern: Arbeitslosigkeit wird für große Teile der Bevölkerung zur Normalbiographie. Damit steht neben der Familie auch der Sozialstaat zur Disposition. Es bleibt die aller traditionellen Sicherungen beraubte Person, die beschleunigungsfähig und flexibel sein soll, die sich nach erfolgtem Sinnentzug und erfahrenem Sozialkollaps durch den Dschungel der elektronischen und ökonomischen Netze hangeln soll: Diese globalen Netze werden das ersetzen, was einmal Gesellschaft war.

...zielen auf die "deregulierte" Gesellschaft
Das Ergebnis: Die moderne Gesellschaft hat ihre eigenen sozialen und moralischen Ressourcen aufgezehrt. Vorgegebene Lebensmuster verschwinden: Jeder muß sich das Patchwork seines Lebens selbst zusammenstücken. Die aufkommende globale Marktwirtschaft löst alle lokalen Bindungen auf, zehrt die Einflußmöglichkeiten des Nationalstaates auf und verschiebt Geld, Wohlstand und Arbeitsmöglichkeiten geschwind dahin, wo die besten Bedingungen zu finden sind, wo die "Deregulierung" am radikalsten ist. Unter dem Stichwort "Deregulierung" ballen sich die sozialen, ökonomischen und politischen Trends der Gegenwart, die letztlich die gute alte Gesellschaft, mit der Familie und dem Individuum, im Nirwana des Geldes überhaupt aufzulösen versprechen.

Was wird?
Wir versuchen, einige Folgen dieses Umbruchs zu beschreiben.
Diese Fragen sehen wir als besonders dringlich an:

* Der Zerfall der Familie hat eine Krise der Erziehung zur Folge. Wer übernimmt künftig die Aufgabe der Sozialisation? Welche "Inhalte" wird Erziehung haben, wenn die traditionelle Moral abschmilzt? Ist das entlokalisierte, beschleunigungsfähige Einzelwesen Ziel postmoderner Erziehungsprozesse? Wie soll dann aber soziale Integration noch möglich sein? Muß man - wenn Familie und Arbeit das Individuum nicht mehr sichern - die Rückkehr der Gewalt in den Alltag der Zivilgesellschaft befürchten?

* Das Verschwinden der Arbeitsgesellschaft und die Erosion der Familie hat eine Veränderung der Beziehungen zwischen Alten und Jungen zur Folge. Der Anteil der Alten an der Bevölkerung wächst kontinuierlich. Ökonomische, politische und kulturelle Folgen heben den Generationenkonflikt auf eine gänzlich neue Ebene. Auch der dritte Lebensabschnitt wird sich künftig als ein Sektor in der Informationsgesellschaft gestalten: Der Alltag der Alten wird weniger durch die Enkel, sondern vielmehr durch die "elektronische Familie" geformt sein. Teleshopping, Telebanking, Telekommunikation, Automatisierung der Pflege etc. sind die Stichworte. Die Senioren von Morgen sehen sich in das Zentrum elektronischer Netze versetzt - über die psychischen und physischen Folgen dieses neuen Alters wird gearbeitet.

* Mit der Arbeitsgesellschaft und der Familie verschwinden vorgegebene Lebensmuster und Sinnorientierungen. Die Individuen sind gezwungen, sich ihr Leben täglich neu selbst zu gestalten. Da zugleich der Sozialstaat zerbricht, sehen sich alle Altersgruppen mit komplexen neuen Situationen konfrontiert: Weder in der Familie, noch in der Arbeit sind sichere Identitätskonzepte vorfindbar. Gewohnte Sicherungen schwinden. Die Desintegration der Gesellschaft in Sektoren des Wohlstands einerseits und slumähnliche Bezirke der Arbeitslosigkeit und Armut andererseits droht. Damit stellt sich die Frage nach individuellen und gesellschaftlichen Reaktionen auf die neue Lage.

* Der Mensch nun mit Industriearoma
Gentechnologie wird Gesellschaft in ein Labor verwandeln

2. Projekte


* Reimer Gronemeyer
Forschungsprojekt: Die Hospizbewegung im internationalen Vergleich

* Reimer Gronemeyer, Wolfgang Buff
Forschungsprojekt: Automatisierung in der Pflege
In den letzten Jahren haben sich deutlich Prozesse der Professionalisierung in der Pflege durchgesetzt ("Pflegewissenschaft"). Durch die Zunahme der ambulanten Dienste und durch die gesetzliche Regelung der Pflegeversicherung verändert sich dieser Bereich der Sozialpolitik erheblich. Wir untersuchen das Ausmaß, und die Folgen von Automatisierung und Rationalisierung in der Pflege.

"Mit der Fernbedienung in der Hand..." Die Alten als elektronische Avantgarde.

* Wilfried Lamparter
Forschungsprojekt: Alter und Gewalt

* Reimer Gronemeyer
Forschungsprojekt: Das Ende der Arbeitsgesellschaft und die Zukunft der Askese

3. Publikationen

Neuere Veröffentlichungen zu diesem Forschungsbereich (Auswahl):

* Reimer Gronemeyer: Die 10 Gebote des 21. Jahrhunderts
Düsseldorf 1999 (Econ)

* Reimer Gronemeyer: Die neue Lust an der Askese
Berlin 1998 (Rowohlt)

* Reimer Gronemeyer: Alle Menschen bleiben Kinder.
Düsseldorf 1996 (Metropolitan)

* Reimer Gronemeyer: Wozu noch Kirche?
Berlin 1995 (Rowohlt Berlin).

* Götz Eisenberg/Reimer Gronemeyer: Jugend und Gewalt.
Reinbek 1993 (Rowohlt Taschenbuch)

* Reimer Gronemeyer: Das Blut deines Bruders.
Die Zukunft der Gewalt
Düsseldorf 1993 (Econ)

* Reimer Gronemeyer: Ohne Seele, ohne Liebe, ohne Haß.
Vom Ende des Individuums und vom Anfang des Retortenmenschen
Düsseldorf 1992 (Econ)
Taschenbuch Düsseldorf 1994 (Econ)

* Reimer Gronemeyer: Die Entfernung vom Wolfsrudel.
Über den drohenden Krieg der Jungen gegen die Alten
Düsseldorf 1989 (Claassen)
Taschenbuch 6. Auflage Frankfurt 1996 (Fischer TB)