Projekt
Die Hospizbewegung im internationalen Vergleich
Zur Ausgangslage des Hospizwesens
In den Ländern Europas ist ein Prozeß der Alterung der Bevölkerung festzustellen. Die Folgen dieser Veränderung, die sich in einer drastischen Umgestaltung der Bevölkerungsstruktur niederschlägt, werden allmählich spürbar. Unübersehbar sind ökonomische, politische und kulturelle Konsequenzen: Die Finanzierung der Renten, der wachsende Einfluß Älterer auf Wahlentscheidungen und die zunehmende Prägung des öffentlichen Lebens durch Senioren und Seniorinnen sind Phänomene, die erkennbar werden.
Mit der Veränderung der Bevölkerungsstruktur geht eine Zunahme des Anteils der Hochaltrigen in den europäischen Gesellschaften einher. Dass damit erhebliche Kosten für den Gesundheitssektor entstehen, ist unübersehbar. Traditionelle familiale Auffangnetze und Solidaritäten haben in diesem Zusammenhang nach wie vor eine große Bedeutung, es ist aber auch deutlich, dass eine wachsende Zahl von Hochaltrigen in der letzten Lebensphase ambulanter und institutioneller Hilfe von außen bedarf. Angesichts hoher geographischer Mobilität, der Berufstätigkeit von Frauen und der künftig geringeren Zahl von Kindern, die überhaupt Pflege leisten könnten, ist hier ein wachsender Bedarf zu prognostizieren.
Besonders die letzte Lebensphase konfrontiert heute mit neuen sozialen, humanitären, ethischen und ökonomischen Fragen. Krankenhäuser sind der Aufgabe aus vielerlei Gründen oft nicht gewachsen, mit Sterbenden würdig und human umzugehen. Obwohl das Krankenhaus für viele der Ort der letzten Lebensphase ist, sind sich die Beteiligten darüber klar, dass dies im Regelfall keine gute Lösung ist. Die Familien sind mit dieser Aufgabe aus den genannten Gründen oft überfordert. Dies hat dazu geführt, dass in den letzten Jahren und Jahrzehnten in vielen europäischen Ländern Hospize gegründet worden sind, in die Sterbende aufgenommen werden. Zum Teil konzentriert sich dieses Engagement auch auf ambulante Dienste. Mancherorts sind solche Einrichtungen aus ehrenamtlicher Tätigkeit entstanden, sie sind heute vielfach von professionellen Pflegekräften übernommen worden, was nicht ohne Spannungen zwischen Ehrenamtlichen und professionell Pflegenden umgesetzt werden konnte. Diese Struktur wird vom SGBXI (Pflegeversicherungsgesetz) auch deutlich vorgegeben. Die Palliativmedizin hat sich parallel dazu - als Antwort der Medizin auf die neuen Herausforderungen - entwickelt, so dass heute Ehrenamtliche und Mediziner in diesem neu entstandenen Bereich kooperieren, bisweilen aber auch in einer gewissen Konkurrenz aneinander vorbeiarbeiten. (Wobei die Palliativmedizin ursprünglich im Bereich der klinisch-stationären Geriatrie bzw. in der Onkologie entstanden ist). Die vierte Säule der Hospizbewegung ist - neben den Ehrenamtlichen, den professionell Pflegenden und den Medizinern - in Institutionen zu sehen, die sich des Themas "Hospiz" zunehmend annehmen. In Deutschland sind es vor allem die Wohlfahrtsverbände und hier besonders Diakonie und Caritas, die in diesem Feld tätig werden. Formen der überregionalen Zusammenarbeit sind entstanden und haben in Deutschland in der Bundesarbeitsgemeinschaft Hospiz (BAG) auch eine institutionelle Verankerung gefunden.
Man wird erwarten dürfen, dass in den künftigen Jahren aus den erwähnten Gründen (Veränderung der Altersstruktur, Krankenhaus und Familie als nicht immer geeignete und mögliche Orte) die Einrichtung von Hospizen und ambulanten Hospizdiensten in den alternden Industriegesellschaften eine deutliche Zunahme erleben wird. Es gibt eine Fülle von Fragen, die sich damit verknüpfen.
Zu besichtigen ist also ein gesamteuropäisches Problem mit regional sehr unterschiedlichen Lösungen. Es gibt Länder in der Europäischen Gemeinschaft, in denen die Hospizbewegung schon einen höheren organisatorischen Grad erreicht hat, während in anderen Ländern die Diskussion gerade beginnt.
Bisherige Arbeiten des Projektes
Das Projekt arbeitet seit 1999 an dem Thema Hospiz und Hospizbewegung in Europa. Zusammen mit Prof. Erich H. Loewy, der - als Mediziner - einen Lehrstuhl für Bioethik an der Universität von Davis (Medical School), Kalifornien, innehat, wurden inzwischen vier Kongresse bzw. Symposien zu dieser Thematik durchgeführt.
Aktuelles Forschungsprojekt
Am 1.2.2003 startet eine Studie mit dem Titel "Hospizbewegung im internationelen Vergleich". Das Forschungsprojekt hat eine Laufzeit von zwei Jahren und wird von der Robert Bosch Stiftung, Stuttgart, finanziert. Ziel ist es, in 16 europäischen Ländern über Stand und Entwicklung des Hospizwesens zu arbeiten. So soll der internationale Diskurs gefördert und Erfahrungen, Konzepte der Hospizarbeit unter ethischen, institutionellen, professionellen, ökonomischen und kulturellen Aspekten verglichen werden. Folgende Länder werden in die Studie einbezogen: Dänemark, Deutschland, Estland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Lettland, Litauen, die Niederlande, Norwegen, Österreich, Polen, Slowakei, Tschechien, Ukraine und Ungarn.
Die unterschiedlichen Modelle, Erfahrungen und Entwicklungen in den Ländern Europas sollen im Profil erfasst werden. Im Vordergrund stehen dabei die Fragen nach der Trägerschaft und Größe der Hospizeinrichtungen, dem sozialpolitischen Hintergrund des Landes, der Ausbildung der Mitarbeiter/Innen sowie der ethischen und religiösen Konzeption der Einrichtungen. Bei Projektende wird eine zusammenfassende Broschüre veröffentlicht.
Projektgruppe:
Reimer Gronemeyer, Michaela Fink, Marcel Globisch, Felix Schumann
Kontakt:
Prof. Dr. Dr. Reimer Gronemeyer
Projekt zur Hospizbewegung
Institut für Soziologie
Karl-Glöckner-Str. 21 E
35394 Gießen
Tel.: (0641) 99 - 232 06
Fax: (0641) 99 - 232 19
eMail: Hospizprojekt@sowi.uni-giessen.de