Georgia A. Rakelmann
ANPASSUNGSKÜNSTLER
Die Buschleute der KalahariWüste
Nennen wir sie »einfach« weil sie wirklich einfach sind,
oder weil wir nur die einfachsten Formen und Ideen von ihren Kulturen
verstehen?
Gary J. Witherspoon
Die Wildbeuterkultur ist die älteste Wirtschaftsform des Menschen. In gewisser Weise ist sie zugleich seine erfolgreichste Lebensweise: Vom Sammeln und Jagen leben Menschen seit der Entstehung ihrer Art und unsere physische und emotionale Ausstattung hat sich in und mit dieser Lebensweise ausgeprägt.
Erst seit ca. 10 000 Jahren leben Menschen vom Anbau, das heißt sie greifen verändernd in ihre Umwelt ein von industrieller Produktion leben Menschen erst in den letzten Jahrhunderten. Um 1500 n. Chr. schrumpfte der Anteil der Sammler und Jäger an der Weltbevölkerung auf 1 Prozent, heute sind es gerade einmal 0,001 Prozent. Sie bewohnen sogenannte »Extremregionen« haben sich dorthin zurückgezogen oder nur dort überlebt, wo die Umstände keinen Bodenbau zuließen: In den polaren Eiswüsten, in den Dürregebieten Inneraustraliens, in den Regenwäldern Südamerikas und Afrikas und wie die Buschleute in der Kalahariwüste. Die Erschließung für Siedlungen, die Abholzung der Wälder, die Suche nach Bodenschätzen oder, wie in der Kalahari, die Einführung einer extensiven Weidewirtschaft bedrängen die Wildbeuter inzwischen auch in den entlegendsten Gebieten.
Im Zusammenhang mit den letzten militärischen Auseinandersetzungen um die Unabhängigkeit Namibias war der Presse die Information zu entnehmen, daß ein von der Südafrikanischen Armee zurückgelassenes Lager von Buschleuten im Okavango Gebiet von Soldaten der UNO bewacht wird. Im Zentrum der Berichterstattung stand die ungewöhnliche Begegnung eines Mitgliedes der Nationalen Volksarmee und eines Mitgliedes der Bundeswehr beim gemeinsamen Dienst. Am Rand wurde mitgeteilt, daß die UNOSoldaten nach eigenem Bekunden die Lage nicht überblicken und das Leben der Lagerbewohner nicht vor Racheakten schützen können.
Ähnliche Nachrichten sind schon einmal im Rahmen des Angolakrieges in der Presse aufgetaucht. Als die südafrikanische Armee angolanische Gebiete räumte, ließ sie dort ebenfalls Buschleute zurück, die sie zum Spuren lesen für den Buschkrieg rekrutiert hatte. Sie waren, was sich nachher als verhängnisvoll erwies, mit Kleidung ausgestattet worden, zu der unübersehbar südafrikanische Uniformteile gehörten. Wie die Gruppe im OkavangoGebiet waren sie von der Armee mitverpflegt und mit Behausungen und provisorischen Infrastrukturleistungen wie Schule und Medizinstation versorgt worden. Als ihre Patrons abzogen, waren sie die ersten Verfügbaren, an denen die angolanischen Truppen Rache üben konnten; Nachrichten von den Massakern im Busch gelangten bis in die internationale Presse. Was sind das für Wüstenbewohner, die so zwischen alle Fronten geraten, deren Schutz so unmöglich scheint?
Zeitgenosse Wildbeuter
Die Buschleute werden zu den Wildbeuterkulturen gezählt. Bis vor wenigen Jahren gab es im KalahariGebiet unabhängige Buschleutegruppen, die in der Halbwüsten oder Dornsavannenregion von dem Vorgefundenen lebten und nur periphere Berührung mit den benachbarten, bodenbauenden und viehzüchtenden Bantugruppen und Europäern hatten. Den Quellen nach lebten sie in einem (keinesfalls konfliktlosen) labilen Gleichgewicht mit den anderen Ethnien. Das Gleichgewicht hat sich mit der europäischen Kolonisierung vor 150 Jahren mehr und mehr zugunsten der Bodenbauern verschoben; in den letzten zwei Jahrzehnten ist der Prozeß bei einer Auslöschung der traditionalen Buschleutekultur angekommen. Die letzten unabhängig oder halbfrei lebenden Buschleute sind von Forscherteams jahrelang begleitet worden. Auf diese Weise ist ihre traditionale Lebensweise gut dokumentiert (einzelne Personen tauchen dabei in verschiedenen Lebensabschnitten gleich mehrmals in der Literatur wieder auf). Es ist jedoch ein Blick zurück! Viele der beobachteten, befragten, fotografierten und gefilmten Personen haben den mörderischen Modernisierungsprozeß der jüngsten Zeit nicht überlebt. Es ist abzusehen, daß bei den Überlebenden in den Ansiedlungsdörfern, Slums und auf den Farmen der Wüstenrandgebiete die traditionalen BuschleuteKenntnisse und Fähigkeiten mit den jetzt alten Leuten in wenigen Jahren verschwunden sein werden.
Gerade weil ihre Lebensform so erfolgreich, so alt ist, werden Wildbeuter oft als »UrMenschen« mißverstanden und in die kulturellen Evolution des Menschen weit unten einsortiert. Sie sind jedoch keine Ur- oder Vorform von uns, sondern Zeitgenossen. Ihre Spezialisierung auf die extremen Regionen hat häufig erst in jüngerer Zeit stattgefunden. So haben die Waldindianer Südamerikas bis vor wenigen Jahrhunderten Bodenbau betrieben, sich dann jedoch auf das Sammeln und Jagen verlegt, als die Umstände (im Zuge von Bevölkerungsverschiebungen und der Kolonisierung) es erforderten. Die grobe Evolutionsvorstellung, nach der die Kulturen vom Sammeln und Jagen zum Bodenbau »fortschreiten« wird durch viele Wildbeuterkulturen widerlegt. Die Kulturen scheinen eher je nach den Umständen zwischen den Wirtschaftsformen hin und her gewechselt zu haben. Sie sind nicht »stehengebliebene« Kulturen, sondern haben ihre Lebensweise immer wieder den Umständen, sei es dem Wechsel des Klimas, sei es den Wanderbewegungen agrarischer Gesellschaften, angepaßt: Anpassung durch Flexibilität, Spezialisierung und Deversifizierung- bis sie sogar in der KalahariWüste zu überleben wußten.
Bevor die Bantugruppen im letzten Jahrtausend in den südlichen Teil Afrikas zogen, bewohnten die Vorfahren der Buschleute die gesamte Region, auch die angrenzenden Hochländer bis zu den Küsten. Die zahlreichen Felszeichnungen in diesen Gebieten, die mit ihnen in Verbindung gebracht werden, zeugen dort von ihrer Anwesenheit. Die Bodenbauern und Viehzüchter haben die Wildbeuter im Laufe der Zeit vertrieben, eingeheiratet oder getötet. Lediglich in den Wüsten und Wüstenrandgebieten überlebten Wildbeuter mit ihrer Lebensweise. Ihre Existenz dort ist nicht ausschließlich auf Vertreiben oder Abdrängen zurückzuführen: Archäologische Funde zeigen Besiedlungsspuren, die Jahrtausende zurückweisen. Auch ist die Wirtschaftsform der Kalaharibewohner viel zu spezialisiert, als daß sie sich in einem kürzeren Zeitraum im Zuge von Vertreibung und Verdrängung hätte ausprägen können.

Buschleute auf Elefantenjagd. Felszeichnung aus Zimbabwe
Es ist vielmehr anzunehmen, daß die Vorfahren der Buschleute sowohl in den Wüstengebieten als auch in den wild und pflanzenreicheren Nachbarregionen lebten, bis ihnen lediglich die Wüste blieb und sie auf ihre Wüstenkenntnisse zurückgriffen und diese weiterentwickelten.
Lebensraum Wüste
Die Kalahari dehnt sich über eine Millionen Quadratkilometer (Sahara: acht Millionen) im Süden Afrikas aus. Auf der politischen Landkarte gehört der größte Teil zu Botswana; im Osten grenzt sie an Zimbabwe; die Halbwüste reicht bis in den nördlichen Teil der Republik Südafrika; im Westen bedeckt sie große Teile Namibias und im Norden geht sie als Dornsavanne ins Okavangodelta über; Angola und Sambia verwalten kleinere Teile. Bis auf die Salzgebiete in der Zentralkalahari ist das Humus-Sandgemisch vergleichsweise fruchtbar, jedoch ist die Niederschlagsmenge äußerst gering und unregelmäßig verteilt (6 bis 8 Monate sind Trockenzeit).
Eine Gruppe der Buschleute, die Kung, leben im Dobegebiet im Nordwesten Botswanas. Das Dobegebiet ist eine Baum und Grasstoppe mit Hügeln, Dünen und Senken. Die Flußbetten führen zweimal im Jahr Wasser. Die Kung leben hier 1100 Meter über dem Meeresspiegel, im Winter herrscht Frost, im Sommer steigt die Temperatur bis 42 Grad Celsius. Die Regenzeit dauert 4 bis 6 Monate, die jährliche Niederschlagsmenge beträgt 130 bis 1000 mm.
Das ökologische Gleichgewicht ist hier, wie in anderen Teilen der Kalahari, äußerst empfindlich. Es hat sich gezeigt, daß um Brunnenanlagen der Grundwasserspiegel derartig rasch sinkt, daß in nicht einmal 10 Jahren um den Brunnen eine Trockenzone von 24 km Durchmesser entsteht. Der Wind trägt dann die fruchtbare Schicht ab und zurück bleibt eine Wüstenzone, in der weder Pflanzen und Tiere noch Menschen existieren können.
Viele Kenntnisse und wenig Technik
Für die, die die Umwelt gut kennen, ist die Kalahari tier und pflanzenreich. Die Buschleute sammeln unter anderem Beeren, wasserspendende Wurzeln, Melonen, Orangen, Honig und im Norden diverse Nüsse. Sie jagen Raubtiere, Giraffen, Antilopen, Wildschweine, Springhasen, Strauße, Hühnervögel, Schildkröten, Schlangen, Termiten und Käfer. Ihre Ernährungsbasis ist das Sammeln. 60 bis 80 Prozent der Nahrung einer Gruppe ist von Frauen gesammelte, sogenannte »Buschkost« den Rest steuern die Männer bei: geschickte Jäger, die jedoch, eher daß sie mit leeren Händen zur Gruppe zurückkehren, lieber etwas Buschkost mitbringen.
Die Buschleute haben sich auf ihre scheinbar karge Umwelt soweit spezialisiert, daß sie ihre Nahrung in guten Zeiten auswählen können. Das heißt, sie kennen derart viele Arten von Buschkost, daß sie nicht unbedingt alles, was sie finden, auch mitnehmen, sondern es sich - je nach Jahreszeit, Bodenart und Niederschlagsmenge - leisten können auszuwählen. Gleichzeitig sind ihre Kenntnisse eingebettet in ein Sicherheitssystem: Auch in besonders trockenen Zeiten wissen sie noch Eßbares zu finden. Die Kung-Frauen von Dobe kennen über 200 Pflanzenarten, von denen 115 eßbar sind. Die Ko, eine andere Gruppe, kennen 192 Pflanzen, die Gwi und Ganna 79 eßbare Pflanzen.
Zwei junge Jäger haben einen Springbock in einer Metallfalle
gefangen [Foto: Steyn]
Mit ihren hochspezialisierten Kenntnissen läßt sich fast überall im Trockengebiet Wasser finden. Die genaue Analyse von Tierspuren zeigt den Weg zur Wasserstelle; Bodenformationen und Pflanzenreste weisen auf wasserspeichernde Wurzeln hin; bestimmte Pflanzen oder Insekten sind Indikatoren für die Nähe anderer, eßbarer oder wasserspeichernder Pflanzen. Aus feuchtem Sand wissen sie mit hohlen Pflanzenstengeln Wasser zu saugen. Tierspuren lesen die Jäger wie eine Zeitung: Sie erfahren aus ihnen nicht nur Tierart und Laufrichtung, wie wir es bestenfalls noch vermögen, sondern auch Alter und Gewicht des - satten oder nahrungssuchenden - Tieres, ob es Wasser getrunken hat oder sucht, ob es erschrocken oder gelassen ist, ob trächtig oder in Brunft und wie weit weg es ist, ob noch heute oder erst morgen zu erjagen ...
Die Buschleute haben nicht auf Technik gesetzt. Ihre materielle Kultur ist »einfach« jeder kann alles selbst aus den Materialien der Umwelt herstellen. Auf ihren langen Wanderungen würde viel Besitz sie ohnehin nur belasten. Statt dessen haben sie auf genaueste Kenntnis ihrer Umwelt gesetzt, verändern ihre Mitwelt nicht, belassen das Gleichgewicht und passen sich an. Sie nehmen, was ihnen zur Verfügung steht und tragen Sorge, daß sie nie mehr der Mitwelt entnehmen, als während ihrer Abwesenheit nachwachsen kann. Ihre Nahrung übertrifft die Empfehlungen der Vereinten Nationen für Menschen ihrer Größe und Statur, was das durchschnittliche Quantum an Kalorien und Proteinen betrifft. Sie enthält wenig Salz, gesättigte Fette und Kohlehydrate und keinen Zucker; statt dessen viele ungesättigte Fette, Ballaststoffe, Vitamine und Mineralien.
Die Wildbeuter brauchen für ihre Wirtschaftsweise große Gebiete, denn in engen Grenzen wäre der Pflanzen- und Tierbestand bald erschöpft. In dieser Eigenheit liegt der Konfliktstoff mit den Bodenbauern. Die landsuchenden Siedler betrachten unverändertes Gebiet, das nicht deutliche Spuren der Bewirtschaftung trägt, als herren- und besitzloses Land; erkennen also die Ansprüche der Wildbeuter auf große, sich selbst überlassene Gebiete in der Regel nicht an. Die nomadische Weise der Wildbeuter verstärkt den Eindruck, sie würden ihre Gebiete nicht nutzen. Auf diese Weise rücken die Bodenbauern mit ihren Weiden und Siedlungen immer weiter in das Wildbeuterland vor und drücken der Landschaft ihren Stempel auf. Parzellierung, Besitztitel und Pachtverträge sind der größtmögliche Gegensatz zur belassenen Landschaftsnutzung der Buschleute.
Menschen-Tier-Gemeinschaft
Die Beziehung der Buschleute zu ihrer Umwelt und zu den Tieren der Region ist keinesfalls zu verwechseln mit unseren abstrakten Vorstellungen von Natur und Umweltschutz oder gar unseren Schoßtierbeziehungen. Die Jäger sind den Tieren nahe, sie kennen sie, sie spüren ihre Nähe am eigenen Körper, sie verwandeln sich in Tiere, sie haben gemeinsame Ahnen mit den Tieren - und zu dieser Nähe gehört auch das Töten, das Töten zum Zweck des Verspeisens. Töten als Sport oder für Trophäen ist ihnen undenkbar. Die Jäger jagen mit Pfeil und Bogen, sie benutzen vergiftete Knochen-, Stein- oder Eisenspitzen. Wurfstöcke und -keulen werden von Jung und Alt verwendet. Sie veranstalten Treibjagden, bei denen sie die Tiere einkesseln und mit Wurfspießen töten. Um ein Erwachsener zu werden, muß ein Junge ein größeres Tier zu Tode hetzen. Antilopen und Giraffen werden mit Giftpfeilen erlegt, Hasen und Hühner fängt man mit Gabelstöcken und Fallen, auch Fallgruben, Fangkrale, Schwerkraftfallen, Schlingen und Hunde werden von den Jägern eingesetzt. Strauße werden mit Masken getäuscht und mit einem Giftpfeil getötet.
Trotz der genauen Kenntnis der Eigenheiten und Gewohnheiten der Tiere sind die Jäger nur an einem von vier Tagen erfolgreich. Ihr Wissen erwerben sie durch Erfahrung, durch Jagderzählungen und in enger Zusammenarbeit mit der Gruppe; Träume und Omen unterstützen sie dabei.
Mit dem 15. Lebensjahr reihen sich die jungen Männer in die Jagdgesellschaft ein und erlegen auch größere Tiere. Erst in diesem Alter wird ein Beitrag zur Nahrung der Gruppe erwartet. Auch die Mädchen nehmen erst ab diesem Alter die Sammeltätigkeit ernsthaft auf. Mit zunehmender Erfahrung erzielen die Jäger zwischen dem 25. und 40. Lebensjahr die besten Ergebnisse. In der letzten Lebensphase nehmen die Jäger mehr und mehr beratend an der Jagd teil. Allein 55 Arten von Säugetieren, Vögeln, Reptilien und Insekten zählen die Buschleute zu den jagdbaren Tieren. Dabei legen sie im Laufe eines Jahres bei ihren Jagdzügen bis zu 4000 km zurück.
Die Ordnung der Wesen
Die verschiedenen Buschleutegruppen unterscheiden sich in ihren Vorstellungen über das Diesseits und Jenseits. Ihre Weltvorstellungen werden nicht von einer zentralen Autorität verwaltet. Auch innerhalb einer Gruppe sind die Vorstellungen ähnlich flexibel wie ihre Gruppenorganisation es ist. Scheinbar Widersprüchliches steht gleichberechtigt nebeneinander und folgt offensichtlich nicht der uns gewohnten hierarchischen Systematik.
Vereinfacht gesagt gehen die Buschleute davon aus, daß es vor ihnen bereits frühe Menschen gab. Es waren Wesen, die nicht auf eine Erscheinungsform beschränkt waren. Sie nahmen die Gestalt von Tieren, Menschen, Pflanzen, Bergen, Strömen, Bäumen oder Winden an. Ihre Verwandlungskraft schwand eines Tages und sie erstarrten in verschiedenen Erscheinungsformen. Einige der Wesen, die in Tieren, Steinen oder Himmelskörpern fixiert sind, haben etwas von ihren früheren Kräften bewahrt. Sie geben den Menschen - zum Beispiel durch Eulenschreie, Muskelzucken oder Träume - Hinweise auf künftige Ereignisse. Menschen, Tiere und Pflanzen haben demnach eine gemeinsame Herkunft bzw. ihre Gestalt getauscht. Die Sprache der Buschleute kennt keine Doppelung der Begriffe, die Gleiches bei Menschen und Tieren bezeichnen, wie z.B. »stillen säugen«, »essen fressen«, »Mund Maul« oder »gebären werfen« in unserer Sprache.
Mantis, die Heuschrecke, ist so ein besonderes Wesen. Früher war sie ein Mann. Sie hat den Mond und die Lederschuhe gemacht, sie gibt den Böcken die Farbe und beschützt sie. Sie kann sprechen und vorhersagen und verursacht prophetische Träume. Sie gilt als launisch, schwatzhaft, nervös und einfältig. Mit ihrer Ehefrau, dem Felsenkaninchen, ficht sie ständig unnötige Kämpfe. Ihre Schwester ist der blaue Kranich, das Stachelschwein ist ihre Adoptivtochter. (Deren leiblicher Vater ist ein allesverschlingendes Ungeheuer.) Das Stachelschwein ist verheiratet mit einem besonnenen Mann, der im Regenbogen wohnt. Beider Sohn ist das Ichneumon, das unentwegt mit Großvater Mantis schwatzt.
Die Buschleute werden zu den Monotheisten gezählt. Sie kennen ein höchstes Wesen, das bei jeder Gruppe einen anderen Namen trägt. Nach einer Mythe lebt es »oben« in einem Windschirm mit seiner Frau und vielen Kindern. Dort leben auch die Seelen der Verstorbenen im Überfluß von Honig, Heuschrecken und dicken Fliegen. (In einer anderen Mythe sind die Sterne ihre Lagerfeuer.) Zu dem höchsten Wesen gibt es in der Regel noch ein zweites Wesen. Das höchste hat nur gute Eigenschaften, das zweite gute und schlechte, führt die Geister (die Seelen der Verstorbenen) an und ist der Schöpfer aller Wesen. Das höchste Wesen gebietet lediglich über Wolken und Regen, alles andere wird an das zweite Wesen delegiert.
»Regenmacher« bei der Arbeit, Zimbabwe. Nach dem
heutigen Stand der Forschung werden die südafrikanischen
Felszeichnungen den historischen Buschleuten zugeschrieben.
Um Regen zu erwirken, wird das höchste Wesen angefleht mit Gesang und Tänzen, die zur Trance führen. Das höchste Wesen läßt dann einen Faden zu dem in Trance gefallenen Regenmacher herab. Der steigt ein Stock hinauf, während das höchste Wesen ihm auf halbem Wege entgegenkommt. Wenn der Regenmacher ihn sieht, wirft er ein Pulver zu ihm hoch, wird daraufhin hochgezogen und das höchste Wesen führt ihn in seine Behausung. Jetzt kann der Regenmacher seine Bitte vortragen. Er spricht solange, bis das höchste Wesen ihm zustimmt. Es geleitet dann den Regenmacher wieder die Hälfte des Weges zurück. Ist er unten wieder angekommen, läßt er den Faden los. Das höchste Wesen zieht ihn sofort hoch und augenblicklich fällt der Regen herab.
Teilen und Reden
Die Gesellschaft der Buschleute ist eine Gemeinschaft von Gleichrangigen. Autorität beschränkt sich auf die Situation oder Tätigkeit, in der eine Person die weitreichendsten Kenntnisse und Fähigkeiten hat, ist also »Sachautoriät« und auf den entsprechenden Anlaß oder ein bevorstehendes Ereignis/Unternehmen beschränkt. Befehl, Gehorsam oder Unterordnung kennen die Buschleute nicht; ihre Gesellschaft ist akephal, ohne Machtkonzentration.
Sie leben in kleineren Gruppen von 25 bis 50 Personen um ein Wasserloch in der Trockenzeit. Die am längsten an diesem Loch gelebt haben, gelten als Eigentümer. Andere Gruppen oder Personen, die das Wasserloch benutzen wollen, müssen um Zustimmung fragen. Nach der Trockenzeit teilt sich die Gruppe in kleinere Jagd und Sammelgruppen, die nunmehr die Weitläufigkeit der Region zur Nahrungsbeschaffung nutzen. Auch die gilt als Eigentum der Wasserlochbesitzer, und von fremden Gruppen wird erwartet, daß sie vor dem Betreten (bzw. Sammeln und Jagen) von den Besitzern die Zustimmung einholen.
In den Gruppenzusammensetzungen sind die Buschleute äußerst flexibel. Man ist zwar in eine Gruppe hineingeboren, in ihr initiiert, aber man wechselt mehrmals im Leben die Wasserlochgruppe. Durch Heirat, Freundschaft oder aus Lust, am Leben einer anderen Gesellschaft teilzunehmen, schließt man sich zeitweilig einer anderen Gruppe an, um später wieder zur alten Gruppe zurückzukehren; die Zugehörigkeit zur Stammgruppe bleibt lebenslang erhalten.
Von den Lagerautoritäten werden besondere Eigenschaften erwartet: Sie sollen eine große Familie haben, gut reden können und geschickte Vermittler sein. Die Beziehungen zwischen den Gruppen werden durch Ehen intensiviert, durch Geschenke, Tauschobjekte und Großzügigkeit wird ein Netzwerk aufgebaut und gepflegt, das man als eine Art Sozialversicherung verstehen könnte.
Eine Arbeitsteilung kennen die Buschleute nur nach Geschlecht und Alter. Frauen sammeln, bereiten die Nahrung zu, bauen Hütten, gebären Kinder und versorgen die Kleinkinder. Männer jagen, zerlegen Fleisch und bereiten es zu, stellen Geräte her und bessern sie aus. Frauen wie Männer versorgen die Kinder und sammeln das Feuerholz. So reichen durchschnittlich vier Stunden täglich für die Arbeit der Frauen und drei Stunden für die Arbeit der Männer. (Diese Erkenntnis hat die Vorstellungen über Wildbeutergesellschaften kräftig durcheinandergewirbelt. Hatte man doch angenommen, daß das Leben der Primitiven hart und voller Entbehrungen sei, wenigstens mühseliger als das Leben mit der fortschrittlichen Vierzig-Stunden-Woche der Zivilisierten. Daß die Wildbeuter - und die Buschleute sind dafür weder der erste noch der einzige Beleg neben ihrem harten »Schicksal als Unentwickelte« auch noch viele Stunden des Tages dösen, musizieren, erzählen und tratschen, war nicht aufgefallen.)
Von Kindern erwartet man keinen sicheren Beitrag zur Ernährung der Gruppe, erst als junge Erwachsene sind sie für das Sattsein und Wohlergehen der Gruppe mitverantwortlich. Altere Leute genießen wegen ihrer Kenntnisse eine hohe Wertschätzung. Solange die Nahrungs- und Wasserlage es erlaubt, werden die Alten von der Gruppe miternährt. Wenn eine Notsituation eintritt, werden sie notfalls zurückgelassen oder entscheiden sich, zum Sterben zurückzubleiben, um das Überleben der Jüngeren nicht zu gefährden. Den Kindern gilt die freundliche Zuwendung der Erwachsenen, sie werden mit Geduld und Nachsicht behandelt. Wenn die Zeitabschnitte zwischen den Geburten zu kurz für das nomadische Leben sind und die Ernährungslage ohnehin angespannt ist, dann werden in seltenen Fällen Neugeborene (bei Zwillingen eins von beiden) von der Mutter nicht »aufgenommen« und der Gruppe überantwortet. Der Akt des nach der Geburt Aufhebens und in die Gemeinschaft Tragens macht ein Kind, nach der Vorstellung der Buschleute, erst zu einem lebenden Menschen. Fälle von Kindestötung sind allenfalls historisch belegt und aus der jüngeren Zeit nicht bekannt.
Die Geschlechter sind deutlich unterschieden und gleichrangig; in einigen Buschleutegruppen haben die Frauen eine leichte Dominanz. Die Ehen sind monogam, sie werden von Verwandten oder Freunden vermittelt oder ohne Vermittlung von den Partnern selbst entschieden. Wenn ein Paar dauerhaft im Zwist liegt, trennt es sich, und die Partner suchen sich neue Eheleute.
Eheleute vor ihrer Hütte. Auf Jagd und Sammelzügen
werden für die kurzen Aufenthalte lediglich Windschirme errichtet.
Für längere Aufenthalte baut man festere Hütten
wie diese. [Foto: Steyn]
Die Buschleute sind grundsätzlich defensiv orientiert, sie scheuen Gewalttätigkeit und Feindschaft. Wenn jedoch alle Mitglieder der Gruppe in der Trockenzeit um ein Wasserloch wohnen und Nahrung und Wasser zusehends knapper werden, dann vergrößert sich gleichzeitig das Konfliktpotential. Konflikte durch räumliche Trennung aufzulösen, ist dann nicht möglich, weil alle auf die Wasserstelle angewiesen sind. Als soziales Integrationsmedium wirken die gemeinsamen Trancetänze, bei denen alle Teilnehmer stimuliert durch Gesänge sich in Trance tanzen. Die Tänze werden begonnen, um Frieden zu stiften, oder um Kranke durch Handauflegen in Trance zu heilen. Die Buschleute sind auch heute noch stolz auf diese Fähigkeit. Befragt nach ihren besonderen Fähigkeiten im Vergleich mit anderen Kulturen nennen sie als erstes ihre Heilfähigkeit in Verbindung mit den Trancetänzen.
Als rituelles Zentrum mit kathartischer Wirkung können die Tänze sicher gewisse Konflikte eingrenzen oder vermeiden helfen, aber wenn der Druck der Lage zunimmt, kann nicht alles dadurch reguliert werden. Konflikte entstehen um Fragen der Nahrungsverteilung und Geschenke. Sie entzünden sich leicht durch den Vorwurf der Faulheit und des Geizes. Wenn die Kontrahenten aufeinander losgehen, suchen die Umstehenden sofort zu vermitteln und zu schlichten. Wenn es gelungen ist, die Gegner zu trennen und zu beruhigen, besprechen die Schlichter den Fall ausführlich; manchmal als Spiel mit verteilten Rollen, bei dem die eigentlich Streitenden schweigen, während zwei Gruppen stellvertretend den Konflikt ausführlich durch Reden austragen. Im gelungenen Falle beendet ein gemeinsamer Trancetanz den Streit, im mißlungenen Fall ist die ganze Gruppe zerstritten und es bleibt gegebenenfalls nur die Auflösung durch Gruppenspaltung. Aber jemandem etwas befehlen oder jemanden einfach überstimmen, liegt ihnen fern. Sie bereden die Dinge solange, bis eine Einigung erreicht ist, notfalls stundenlang.
Ein Ereignis von hoher Bedeutung ist immer wieder die Aufteilung der Nahrung. Wenn die Frauen der Kung-Buschleute von ihren Sammeltouren mit prallen Beuteln voller Mongongonüsse zurückkehren, dann haben sie bereits beim Sammeln und auf dem Weg das Gesammelte aufgeteilt. Bei der Lagergruppe wird weiterverteilt bis nichts mehr da ist, alle an der Ausbeute Anteil haben. Innerhalb von 48 Stunden ist alles verzehrt. Beim Teilen achten die Frauen auf Gerechtigkeit; jeder soll haben, schließlich will man keinen Zorn und Neid auf sich ziehen. Gleichzeitig werden beim Aufteilen Verwandtschaftsbeziehungen berücksichtigt und Freundschaften bestärkt oder geknüpft und neue Gruppen miteinbezogen.
Auch bei der Aufteilung der Jagdbeute der Männer spielt die Orientierung auf die Gemeinschaft eine tragende Rolle. Eigentümer des erlegten Tieres ist der Besitzer des Pfeiles, der das Tier als erstes traf. Das ist gar nicht unbedingt ein Mitglied der Jagdgruppe: Man leiht sich gerne Pfeile, die bereits zuvor »erfolgreich« waren. Der Pfeilbesitzer teilt also die Jagdbeute auf. Zuerst an die Teilnehmer der Jagdgruppe, später an die Mitglieder der Lagergruppe, auch die anderen Jäger geben ihren Anteil weiter bis alle satt sind. Ist die Beute zu groß, um von der gesamten Lagergruppe verzehrt zu werden, ehe das Fleisch verdirbt, dann holt man benachbarte oder fremde Gruppen von weiter her zum »Essenhelfen«.
Vom Vermittler zum gehetzten Jäger
Die Buschleute haben immer schon mit anderen Kulturen des südlichen Afrikas in Verbindung gestanden. (Die Idee der »reinen« vollständig abgegrenzten Kultur ist ohnehin eher eine wissenschaftliche Fiktion.) Mit den benachbarten Bantu-Hirten und -Bauern lebten sie in einer Art konfliktreicher Symbiose. Die Institution eines sprach- und verhandlungsbegabten Vermittlers, der für seine Gruppe die Beziehungen zu den Bantu pflegte, zeugte davon. Die Buschleute haben Honig, Schmuck aus den begehrten Straußeneierschalenperlen und Straußenfedern, Felle und Mittel gegen Schlangengifte bei den Bantu und den Portugiesen gegen Eisenpfeilspitzen und Tabak getauscht. Sie waren nicht existentiell auf die Güter angewiesen, es waren für sie eher Luxusgegenstände. Notfalls konnten sie Pfeilspitzen genausogut aus anderen Materialien herstellen und sie kannten auch pflanzliche Drogen aus der Wüste. Die Begegnung mit den anderen Kulturen fand dort statt, wo sie gesucht wurde und gewünscht war. Konflikte, manchmal mit tödlichem Ausgang für die Jäger, entstanden um erlegtes Zuchtvieh. Es war den Buschleuten unverständlich, daß jemand den Besitz an einem lebenden Tier beanspruchte.
Die Gleichgewichte verschoben sich im letzten Jahrhundert, als Bantu-Hirtenbauern (u.a. in Folge der Kolonisierung) und bald auch europäische Siedler in die Wüstenrandgebiete zogen. Die Schweifgebiete der Buschleute wurden eingeengt. Gerichts- und Verwaltungsakten zeugten von zahlreichen Konflikten, bei denen es immer wieder in den Augen der Bodenbauer und Viehzüchter um Viehdiebstahl und Wilderei ging. Einige Buschleute gingen, teilweise nicht ungern, Schutzverhältnisse mit den weißen Farmern ein. Diese sahen in ihnen kindliche Menschen, die der Führung und des Schutzes vor den Bantu bedurften. Sie lebten im Farmbereich und hüteten das Vieh. Ihre Kenntnisse über die Landschaft waren für das frühe, noch provisorische Siedlerleben durchaus nützlich. Aber es fanden auch blutige, militärische Aktionen gegen die Buschleute statt.
Mit der Modernisierung der Landwirtschaft zogen die europäischen Farmer mehr und mehr Bantuhirten als Angestellte vor, weil die sich eher als die Buschleute an europäische Arbeitsvorstellungen wie Regelmäßigkeit, Pünktlichkeit, Unterordnung und eingeschränkte Verantwortung anpaßten.
Die heutigen Buschleute sind an europäische und afrikanische Farmen angebunden. Bis in die siebziger Jahre hinein lebten noch Gruppen nomadisch und von Buschnahrung, seitdem sind alle auf Farmen oder in Siedlungen seßhaft gemacht worden und leben von den kärglichen Löhnen der Hilfs- oder Saisonarbeit. In den Siedlungen legen einige Gärten an und halten Hühner, ganz wenigen ist es gelungen, eine eigene winzige Ziegen- oder Rinderherde aufzubauen. Alles muß jetzt gegen Geld erworben werden: Handwerkliche Erzeugnisse, Getreide, Zucker und Salz, Geschirr, Kerzen, Stoffe, Kleidung und Decken sowie Schuhe. Die sehr gut Situierten können sich ein Radio leisten. Die Hütten in den Siedlungen bauen sie heute mit festen Holzpfosten und Lehmwänden wie die Bantu.
Das Familienleben findet nicht mehr öffentlich statt, sondern ist abgegrenzt. Die Frauen haben mehr Geburten, gleichzeitig ist ihr Status geschwächt. Sie sind nicht mehr die routinierten Nahrungsbeschaffer, während in den politischen Gremien der Dörfer, den Gepflogenheiten der Region folgend, überwiegend Männer sitzen. Die Älteren haben keine wertvollen Kenntnisse mehr, die das Überleben aller sichern könnten. Es ist abzusehen, wann das traditionale Wissen um das Leben in und mit der Wüste mit den jetzt älteren Leuten verschwunden sein wird, und keiner in der Seßhaftigkeit Aufwachsenden mehr über die Fähigkeit verfügt, in der Wüste zu überleben. Ein Bewohner eines Ansiedlungsdorfes stellt sich das Jenseits jetzt als eine Stadt mit zweistöckigen Häusern, Geschäften, Banken, Schulen und Lastwagen vor. In seinem Jenseits gehört das alles allein den Buschleuten.
Die Buschleute sind abgedrängt und überrollt worden, ihre Kultur ist ausgelöscht und ihr Lebensraum durch Entwicklung zerstört, ehe wir mehr als nur Bruchstücke von ihren Kenntnissen erfahren konnten: Wie man mit der Wüste leben kann, ohne eine tote Landschaft zu hinterlassen.
Literatur
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Bernatzik, Hugo (Hg.) (1951): Afrika. Handbuch der angewandten Völkerkunde. München.
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LewisWilliams, J. David (1981): Believing and Seeing. Symbolic meanings in southern San rock paintings. London etc.
Münzel, Mark (1987): Wildbeuter.
In: Streck, Bernhard (Hrsg.). 1987. Wörterbuch der Ethnologie. Köln.
Nippolt, Walter. (1960): Individuum und Gemeinschaft bei den Pygmäen, Buschmännern und Negrito-Völkern Südost-Asiens. Braunschweig
Schmidbauer, Wolfgang (1972): Jäger und Sammler. München
Schmidt, Sigrid (Hg.) (1980): Märchen aus Namibia. Düsseldorf/Köln.
Shostak, Marjorie (1984): Nisa erzählt. Das Leben einer Nomadenfrau in Afrika. Reinbek
Steyn, H. P. (1985): The Bushmen of the Kalahari. Hove, England
Striedter, Karl Heinz (Hg.) (1983): Rock Paintings from Zimbabwe. Goethe-lnstitut München.
Besonders zu empfehlen:
Kolarz, Henry (1988): Kalahari. Kriminalroman. Bergisch-Gladbach (Bastei Lübbe)