In einem System mit beweglichen ionischen und elektronischen Ladungsträgern kann durch ein externes elektrisches Feld ein sehr großer chemischer Potentialgradient einer chemischen Komponente aufgebaut werden. Dieses kann bis zur lokalen Reduktion bzw. Oxidation der Verbindung führen.
Kubisch stabilisiertes Zirkondioxid (ZrO2
+ 12 mol% Y2O3 bzw. ZrO2 + 10 mol% CaO) ist ein
guter Leiter für Sauerstoffionen.
Die elektronische Leitung ist dem gegenüber verschwindend gering. In einer
elektrochemischen Zelle (-) Pt | ZrO2 | Pt(O2) (+) mit
einer für Sauerstoff (Sauerstoffionen) blockierenden Kathode (-) baut sich
daher bei Anlegen einer elektrischen Potentialdifferenz U eine chemische
Potentialdifferenz der Komponente Sauerstoff (bzw. Zirkonium) zwischen den
Elektroden auf
(Wagner-Hebb-Polarisationszelle).
Das chemische Potential des Sauerstoffs kann auf der Seite der blockierenden
Elektrode so weit abgesenkt werden, daß von dort aus beginnend eine
Reduktion des Festelektrolyten einsetzt (U > 2,5 V):
In der Reduktionszone reagieren von der Kathode kommende elektronische Ladungsträger (e') mit dem unreduzierten Material ZrO2 zu dem Reduktionsprodukt ZrO2-d mit dem Sauerstoffdefizit d. Die bei der Reduktion freigesetzten Oxidionen (O2-) fließen aus der Reduktionszone durch das unreduzierte ZrO2 in Richtung der Anode ab. Das reduzierte Material ZrO2-d ist schwarz bis dunkel braunschwarz gefärbt, mechanisch weit weniger stabil und gut elektronisch leitfähig. Ausgehend von dem elektronisch gut leitenden Reaktionsprodukt ZrO2-d wächst daher die Reaktionsfront in das elektronisch nur sehr wenig leitende unreduzierte Material hinein.
Wenn die elektronische Leitfähigkeit des reduzierten
Zirkondioxids besser ist als die ionische Leitfähigkeit des unreduzierten
Zirkondioxids, dann erzeugt eine zufällig entstandene "Ausbuchtung"
der Reaktionsfront in Richtung des schlechter leitenden unreduzierten
Zirkondioxids einen lokal vergrößerten elektrischen Feldgradienten
in der unmittelbaren Umgebung. Dieser vergrößert den
elektrischen Antransport von Sauerstoffleerstellen aus dem unreduzierten
Zirkondioxid und damit rückwirkend die Reduktionsgeschwindigkeit an dieser
Stelle. Eine zufällig entstande Unregelmäßigkeit (morphologische
Störung) in der Reaktionsfront wächst daher selbstverstärkend
weiter (morphologische Instabilität).
Zur Realisierung einer Zelle mit einer möglichst
sauerstoffdichten Kapselung der Seitenflächen und der Kathode
wurden lange und dünne Plättchen aus Zirkondioxidkeramik und aus
einkristallinem Zirkondioxid mit einem an einer Stirnseite angesinterten
Platinblech in Glas eingegossen. Die gegenüberliegende Stirnseite wurde
durch Anschleifen freigelegt und mit einem aufgesinterten Platinnetz als
sauerstoffdurchlässige Anode versehen.
Die Proben wurden hergestellt aus CaO-stabilisierter Zirkondioxidkeramik
(ZrO2 + 10mol% CaO). Die Versuchstemperatur T beträgt 500 °C,
als Polarisationsspannung U wurden 100 V gewählt:
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t = 20 min
| t = 62 min | t = 92 min |
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t = 122 min | t = 202 min | t = 502 min |
Die Proben wurden aus einkristallinem Y2O3-stabilisierten
ZrO2 hergestellt (ZrO2 + 12 mol% Y2O3).
Die Orientierung (Blickrichtung,) ist annähernd parallel [100]. Die
Versuchstemperatur T und die Polarisationsspannung U betragen wieder
500 °C bzw. 100 V:
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t = 15 sek
| t = 2 min | t = 4,5 min |
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t = 7 min | t = 9,5 min | t = 12 min |
Die Reduktionsfront in den einkristallinen wie den polykristallinen Proben zeigt morphologische Instabilität. Dies bestätigt die Annahme, daß das reduzierte Material ein sehr guter elektronischer Leiter ist. Die elektronische Leitfähigkeit muß größer als die ionische Leitfähigkeit des unreduzierten Materials sein. Das reduzierte Zirkondioxid ist daher ein guter gemischter Leiter für Oxidionen und Elektronen.
Die Reduktionsgeschwindigkeit ist bei gleicher Temperatur und Polarisationsspannung in einkristallinen Proben um Größenordnungen höher als in polykristallinen Proben (Keramik).
Neben der Reduktionsgeschwindigkeit hängt auch die
Morphologie der Reduktionsfront direkt von der Polarisationsspannung ab. Mit
steigender Polarisationsspannung (Triebkraft) zeigt die Reduktionsfront immer
feiner verästelte Strukturen. Die folgenden Aufnahmen zeigen das
polykristalline ZrO2 (Keramik, ZrO2 + 10 mol% CaO) bei
verschiedenen Polarisationsspannungen U (Versuchstemperatur T
jeweils 500 °C):
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U = 10 V
| U = 100 V
| U = 500 V
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Die Natur der entstehenden Reaktionsprodukte ist immer noch nicht eindeutig geklärt. Man nimmt an, daß die Schwärzung entweder durch feinverteiltes (nm-Skala) Zirkoniummetall oder durch F-Zentren verursacht wird. Weitere Experimente zur Klärung stehen noch aus.
Kubisch stabilisiertes Zirkondioxid wird in der Technik als Festelektrolyt für Oxidionen eingesetzt. Wichtige Anwendung findet es z.B. in Hochtemperaturbrennstoffzellen (SOFC's), in elektrochemischen Sauerstoffsonden (Lambdasonde) oder in Magnetohydrodynamischen Generatoren. Je nach Betriebsbedingungen wird das eingesetzte Zirkondioxid beginnend von der Kathodenseite reduziert und durch die stark erhöhte elektronische Leitfähigkeit des Reaktionsprodukts seine ursprüngliche Aufgabe nicht mehr erfüllen.
Von Bedeutung ist die elektrochemische Reduktion von Zirkondioxid auch für die Elektrokatalyse an Pt/YSZ-Elektroden. In situ-Untersuchungen derartiger Elektroden mit oberflächenanalytischen Methoden zeigen ebenfalls das Auftreten von Reduktionsfronten.
J. Janek und C. Korte
Electrochemical blackening of yttria-stabilized zirconia
- morphological instability of the moving reaction front
Solid State Ionics 116, 181-195 (1999)
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Letzte Änderung: 16. Oktober 2001 (C. Korte)