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Was gefällt besser – Kandinskys Original oder ein Kandinsky mit einem neuen Farbelement?

Zwei Wissenschaftlerinnen aus der Allgemeinen Psychologie der Justus-Liebig-Universität Gießen publizieren Studienergebnisse zur Farb- und Formwahrnehmung – eine Studie zur Wahrnehmung berühmter abstrakter Kunstwerke

Nr. 176 • 6. September 2019

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Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studie wählen für ein abstraktes Kunstwerk wie hier von Kandinsky eine eigene, von ihnen bevorzugte Farbe aus. Im Experiment wurde die ausgewählte Form zu Beginn in Grau gezeigt. (Wassily Kandinsky, 1923 - Composition 8, Öl auf Leinwand, 201x140 cm, Musée Salomon R. Guggenheim, New York City). Fotomontage: Katja Dörschner
Die abstrakten Werke von Künstlern wie Paul Klee, Wassily Kandinsky und Willi Baumeister sind weltberühmt; ihre Kompositionen zeichnen sich durch eine charakteristische Farb- und Formwahl aus. Kunst liegt sprichwörtlich im Auge des Betrachters. Wie würde die Farbgebung bekannter Gemälde ausfallen, wenn Laien zum Pinsel greifen und in Bildern etwas verändern dürften? Dieser Frage sind Wissenschaftlerinnen aus der Abteilung Allgemeine Psychologie der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) nachgegangen und haben im Rahmen einer Studie aufschlussreiche Ergebnisse aus dem Bereich der Wahrnehmungspsychologie vorgelegt. Sie konnten nachweisen, dass junge chinesische und deutsche Probandinnen und Probanden, die sich nach eigenen Angaben wenig für Kunst interessieren, bei ihrer Farbauswahl dennoch sehr sensibel auf die jeweilige Farbkomposition eines Kunstwerks eingehen. Bei der Bestimmung“ des Schwerpunktes reagieren sie ebenfalls sehr empfindlich auf den räumlichen Bildaufbau. Die Studie „Kandinsky or me? How free is the eye of the beholder in abstract art? “ von der Biologin Doris Braun sowie Designerin und Psychologin Katja Dörschner ist jetzt im Journal „i-Perception“ publiziert worden.  

Die beiden Wissenschaftlerinnen gingen von der Frage aus, was passieren würde, wenn statt der Künstlerin oder des Künstlers eine andere Person ein abstraktes Kunstwerk fertigstellen und die Farbe einer bestimmten Form auswählen sollte. Lässt sich erahnen, warum der Maler ein ganz bestimmtes Gelb für eine zentralere Form im Bild gewählt hat? Gibt es nur eine zufriedenstellende Version eines abstrakten Bildes? Ist die Farbkomposition eines Bildes zwingend für eine bestimmte Farbe eines Bildelements, so dass auch eine Betrachterin oder ein Betrachter eine ähnliche Farbe wie die Künstlerin oder der Künstler für dieses Element auswählen würde? Welche Einflüsse hat die Kultur, die Bilderwelt in der wir aufwachsen, auf unser Empfinden von Farbkompositionen?

Doris Braun und Katja Dörschner näherten sich auch dem Thema Bildkomposition, dem räumlichen Aufbau der Gemälde: Gibt es in abstrakten Bildern einen Schwerpunkt, der für die Balance der Bildkomponenten wichtig ist? Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Lage des Schwerpunktes und der räumlichen Struktur des Bildes? Um all diesen Fragen nachzugehen, entwickelten sie zwei interaktive Experimente und zwei Präferenztests. In einem Zeitraum von zwei Jahren luden sie 20 deutsche und 20 chinesische Studierende, die weder Kunst studierten noch ein besonderes Interesse an abstrakter Kunst hatten, zur Untersuchung ein.

„Abstrakte Kunstwerke eignen sich für eine solche Studie besonders gut, da die einzelnen Formelemente nicht die Farben vorgeben wie es beispielsweise in realistischen Bildern wie Stillleben der Fall ist“, erklärt Doris Braun. Für die Studie wurden 48 abstrakte (digitale) Bilder der Künstler Klee, Kandinsky, Baumeister, Delaunay und Hoffmann ausgewählt. 24 der Bilder enthielten ein Formelement in nur einer Farbe, die aber für die Farbkomposition wichtig war. Die Farbe dieser Formen wurde in ein neutrales Grau verändert.

Die 40 Probandinnen und Probanden hatten die Aufgabe, für diese graue Form eine Farbe auszuwählen, die ihnen mit Blick auf die Gesamtkomposition des Bildes am besten gefiel. Dazu erschien jedes digitalisierte Bild einzeln auf einem großen Monitor vor einer weißen Wand, und die jeweilige Versuchsperson konnte mit Hilfe der Tastatur die Ausgangsfarbe „Grau“ der ausgewählten Form nach Belieben solange verändern, bis sie mit „ihrer“ neuen Version zufrieden war. Im letzten Experiment wurden jeder Versuchsperson ihre 24 Bilderversionen neben jedem Original präsentiert mit der Aufgabe, die „bessere“ Version auszuwählen. Hier zeigte sich, dass die Probanden in etwa der Hälfte der Fälle ihre eigene Version wählten, aber bei einzelnen Bildern die Künstlerversion signifikant häufiger wählten oder – im Gegenteil – ablehnten.

Die insgesamt hohe „Zufriedenheit“ der Probandinnen und Probanden mit der eigenen Version lässt sich aus Sicht der Studienleiterinnen plausibel erklären: „Die Zufriedenheit beruhte auf der Auswahl einer Farbe, die bereits im Kunstwerk vorhanden war, oder einer Farbe aus derselben Farbkategorie wie die des Künstlers“, erläutert Katja Dörschner. Der identische Farbton sei jedoch nur in drei Prozent der Fälle ausgewählt worden. Es ließen sich offenbar auch kulturell bedingte Unterschiede feststellen:  Die Farbauswahl der chinesischen Studierenden hing stärker von der Varianz der Farben der Bilder ab, und es wurden dunklere Farben bevorzugt.

Probandinnen und Probanden bestimmten zudem bei 24 Gemälden den Balance- oder Schwerpunkt. Dazu wählten sie die Position eines schwarzen Kreises auf einer weißen Fläche gleicher Größe neben jedem Bild mit Hilfe der Computer-Maus aus. Die Kreispositionen zeigten überraschend große Übereinstimmungen. Je nach Lage dieser Schwerpunkte ergaben sich unterschiedliche Präferenzen, wenn dieselben Bilder spiegelverkehrt neben dem Original gezeigt wurden. Lag der Bildschwerpunkt in der Mitte, wird das Original nur dann bevorzugt, wenn es vorher schon einmal gezeigt worden war. Lag der Bildschwerpunkt dagegen deutlich links oder rechts, gab es große Unterschiede bei der Präferenz von Original und Spiegelbild, die mit einer für Bilder bevorzugten „Leserichtung“ von links nach rechts erklären werden könnte. Lag der Bildschwerpunkt auf der linken Seite, wurde das Spiegelbild mit dem nun rechten Schwerpunkt bevorzugt, lag der Schwerpunkt rechts, wurden Bilder mit der ursprünglichen Orientierung bevorzugt. Ein rechtsseitiger Schwerpunkt scheint damit eher der Leserichtung auch bei Bildern zu entsprechen.

Die Ergebnisse der Studie belegen sehr eindeutig, dass auch solche Personen, die sich nach eigenem Bekunden wenig für Kunst interessieren, ein sehr gutes Gespür sowohl für die Farbauswahl als auch für die Bestimmung des Schwerpunktes eines Kunstwerks haben.

  • Publikation

Braun, D. I., Doerschner, K. (2019). Kandinsky or me? How free is the eye of the beholder in abstract art? i-Perception, 10(4), 1–29. DOI: 10.1177/2041669519867973

  • Weitere Informationen

https://doi.org/10.1177/2041669519867973

  • Kontakt

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