Geschichte der Universität Gießen
Die Justus-Liebig-Universität Gießen blickt auf eine fast 400-jährige Tradition zurück. Sie wurde 1607 von Landgraf Ludwig V. von Hessen-Darmstadt gegründet (bis 1945 nach ihrem Gründer "Ludwigs-Universität" bzw. "Ludoviciana" genannt) und war von Anfang an mit den damals üblichen vier Fakultäten ausgestattet: Theologie, Jurisprudenz, Medizin und Philosophie. Im 17. und 18. Jahrhundert war die Ludoviciana eine typische kleine protestantische Landesuniversität. Etwa 20 bis 25 Professoren unterrichteten einige hundert Studenten.
Reformprojekte
Die von Halle und Göttingen ausgehende Modernisierung der deutschen Universitäten im 18. Jahrhundert führte auch in Gießen in bescheidenem Maße zu Neuerungen. Dabei wurden die Initiativen zu Reformen vor allem von außen, vom landesherrlichen Hof in Darmstadt, an die Ludoviciana herangetragen. Unter den verschiedenen Reformprojekten ist die Einrichtung einer Ökonomischen Fakultät, die von 1777 bis 1785 bestand, besonders hervorzuheben. In ihr wurden neue praxisnahe Fächer vereinigt, darunter Veterinärmedizin, Land- und Forstwissenschaft sowie Kameral- und Finanzwissenschaften. Nach dem frühen Scheitern der Ökonomischen Fakultät konnten die meisten dieser "jungen" Disziplinen im Rahmen der Philosophischen bzw. der Medizinischen Fakultät überleben, was entscheidend zur Ausformung der für Gießen bis heute typischen Fächervielfalt beigetragen hat.
Ihering, Röntgen, Liebig
Im 19. Jahrhundert vollzog sich der allmähliche Wandel zur modernen Universität. An die Stelle der bisherigen Professorenrekrutierung, die maßgeblich durch soziale und regionale Kontakte bestimmt war, trat zunehmend die Berufung nach Leistung. Der Humboldtsche Gedanke von der Einheit der Forschung und Lehre wurde in neu gegründeten Seminaren und Instituten umgesetzt. Wissenschaftler wie der Jurist Rudolf von Ihering, der Physiker Wilhelm Conrad Röntgen, die Theologen Adolf von Harnack und Hermann Gunkel sowie der Altertumswissenschaftler Friedrich Gottlieb Welcker prägten das neue Gesicht der Universität. Der Verwissenschaftlichungsprozess der Naturwissenschaften erhielt in Gießen durch die Person Justus Liebigs, der von 1824 bis 1852 Professor der Chemie an der Ludoviciana war, enorme Impulse. Mit seinem auf systematischer Forschung beruhenden Lehrbetrieb, der einen ungeheuren Wissenszuwachs in der Chemie und in angrenzenden naturwissenschaftlichen Fächern zur Folge hatte, setzte der geniale Chemiker Maßstäbe; Liebigs Gießener Laboratorium wurde weltweit zum Vorbild solcher Einrichtungen.
Der erfolgreiche Ausbau der Universität setzte sich bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts fort. Eine Reihe von Neubauten entstand, wie etwa das Kliniksviertel an der Frankfurter Straße. Die Studentenzahlen stiegen. 1902 konnte man die 1000. Immatrikulation eines Studenten feiern. Erstmals wurden nun auch Frauen zum Studium zugelassen. Ab 1900 wurden sie als Hospitantinnen an der Universität Gießen aufgenommen, ab dem Wintersemester 1908/1909 wurde ihnen der reguläre Zugang zum Studium gestattet.
Tiefe Zäsur
Der Erste Weltkrieg beendete diese Ausbauphase; eine schwierigere Zeit begann. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 wurden in Gießen etwa zwölf Prozent der planmäßigen Professoren aus rassischen oder politischen Gründen entlassen. Besonders betroffen hiervon waren die Mitglieder der Philosophischen Fakultät. Auch wurden jüdische Studierende zwangsexmatrikuliert. Neue, von der NS-Ideologie propagierte Fächer wie Runenkunde oder Rassenhygiene wurden in das Lehrangebot aufgenommen. Die nationalsozialistische Hochschulpolitik, die auf eine Zurückdrängung der Geisteswissenschaften und der Theologie zugunsten der Förderung wirtschafts- und kriegswichtiger Fächer abzielte, sowie der starke Rückgang der Studentenzahlen (Sommersemester 1939: 557 Studierende) ließen für die Zukunft der Ludoviciana wenig Gutes erahnen. Die Bombenangriffe im Dezember 1944, durch die ein Großteil von Stadt und Universität Gießen vernichtet wurde, markierten eine tiefe Zäsur in einer seit längerem krisenhaften Entwicklung.
Phase des Aufschwungs
Nach dem Zweiten Weltkrieg bestand an Stelle der untergegangenen Ludwigs-Universität zunächst nur noch eine "Hochschule für Bodenkultur und Veterinärmedizin" mit eingeschränktem Fächerspektrum, die sich in Erinnerung an die Universitätstradition den Namen Justus Liebigs gab. Die Wiedererlangung des Universitätsstatus im Jahr 1957 leitete eine bis zum Beginn der 70er Jahre anhaltende Phase des Aufschwungs ein. Zügig erfolgte der Ausbau der in der Nachkriegszeit naturwissenschaftlich-biologisch ausgerichteten Hochschule zur heutigen Universität mit ihrem weitgefächerten Lehrangebot. Großzügige Neu- und Erweiterungsbauten wurden in Angriff genommen. Die Justus-Liebig-Universität entwickelte sich zur zweitgrößten hessischen Hochschule mit heute etwa 20.000 Studierenden.
Sie prägten das Gesicht entscheidend mit: (v.l.) ihr Namensgeber Justus Liebig (1803--1873), der Theologe Hermann Gunkel (1862--1932), der Theologe Adolf von Harnack (1851--1930) und der Physiker Wilhelm Conrad Röntgen (1845--1923).
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