Bonifatius in Hessen





Bonifatius und Amöneburg


Östlich von Marburg, Luftlinie ca. 10 km, fällt dem Autofahrer im weitgehend flachen Amöneburger Becken kurz vor Kirchhain ein äußerst imposanter Bergkegel auf. Ähnlich so ist das, wenn man von Südwesten, von Roßdorf, oder von Rauischholzhausen her kommt. In Wirklichkeit ist dieser Bergkegel der höchste Punkt eines Bergrückens. Darauf liegt die historische Stadt Amöneburg mit seiner alten Burgruine, der Amanaburg. Die Burg liegt 363 m ü.NN und damit 168 m über der am Berg vorbeifließenden Ohm.

Im folgenden Bild liegt links auf der höheren Kuppe Amöneburg mit der Amanaburg, und auf dem vorgelagerten Buckel (rechts) liegt die Ruine der Wenigenburg. Dieses war eine kleinere Vorburg zur Amanaburg. Von der Wenigenburg aus konnte man die wichtige Handelsstraße "Durch die langen Hessen" überwachen, was von der Amanaburg aus nicht möglich war.


Amoeneburg von fern, 962 KB

Amöneburg von Südwesten her. - Foto: Robert Berhorst



Sankt Bonifatius, der als Benediktiner die Anhöhen liebte, gründete hier, auf dem höchsten Punkt, ein Kloster, ließ eine Kirche bauen und richtete eine Schule ein. Amöneburg war die erste Klostergründung des Bonifatius. Sie erfolgte im Jahre 721 oder 722. Die heutige Kirche "St.Johannes der Täufer" wie auch die Stiftsschule sind Nachfolgebauten. Die Originale gingen im Mittelalter während der vielen Katastrophen (Kriege, Feuersbrünste) verloren. Von der Burg stehen noch Ruinenreste. Die Kirche auf der Höhe - St.Johannes (katholisch) - ist ganztags geöffnet.

Amöneburg gehörte ursprünglich zum Bistum Büraburg. Dieses Bistum wurde 765 mit dem Bistum Mainz vereinigt. [1]
Heute gehört Amöneburg zum Bistum Fulda.

In der heutigen Stiftsschule herrscht blühendes Leben. Es ist eine Freude zu sehen, wie die jungen Menschen eifrig ihren Schulalltag leben. Träger der Stiftsschule ist das Bistum Fulda. An die Mainzer Zeit erinnert ein Wappenstein, welcher in die Mauer der Stiftsschule eingebaut wurde.


Mainzer Wappen, 778 KB

Das Mainzer Wappen findet man noch an verschiedenen Stellen der Stadt.
Foto: Robert Berhorst



Über Bonifatius und Amöneburg wird berichtet [2] :
« ( ... ) Im Sommer 719 zog der Apostel der Deutschen nach Thüringen, um sich zunächst im Missionsgebiet umzusehen. Im Herbst desselben Jahres zog er durch den Hessen- und Oberlahngau an den Rhein nach Mainz, lernte also schon jetzt unsere Gegend kennen. Er beabsichtigte, Karl Martells Einwilligung für seine Missionstätigkeit einzuholen, vollendete aber die Reise nicht, sondern ging auf die Kunde von dem Tode Radbods den Rhein herab nach Friesland und unterstützte dort einige Jahre lang den Erzbischof Willibrord.

Im Jahre 721 erschien Bonifatius wieder in Hessen. ( ... ) Er brach sofort auf und gelangte an einen Ort, der Amanaburch genannt wird, ( ... ) dessen Vorsteher zwei Zwillingsbrüder, nämlich Dettic und Deorulf, waren, bekehrte sie von ihrem verruchten Götzendienst, den sie unter dem Namen von einer Art Christentum in schändlicher Weise missbrauchten, [3] und befreite eine sehr große Menge Volkes durch seine Predigt von ihrem heidnischen Aberglauben. Darauf sammelte er eine Schar von Mönchen und baute eine Klosterzelle. [4] So etwa sagt Willibald in seiner Biographie des Bonifatius.

Die Überlieferung berichtet, dass St.Bonifatius jene ersten Christen, die er in Hessen bekehrte, in der Wäschbach getauft habe, dem Bache, der am Nordfuß der Amöneburg, nahe der Lindaukapelle entspringt. ( ... )

Es steht demnach geschichtlich fest, dass Bonifatius hier in Amöneburg die beiden ersten hessischen Christen bekehrt hat. Sie sind in obigem Text "Vorsteher" des Ortes genannt und waren Zwillingsbrüder. Der Ort war ( ... ) der Mittelpunkt des Oberlahngaues und als königliche Pfalz und vor allem wegen seiner günstigen Lage sicherlich schon damals eine starke Feste zum Schutze des von den Sachsen oft gefährdeten Grenzlandes.

Bonifatius erhielt nun von den beiden Brüdern einen Teil des Ortes oder auch den ganzen Ort zum Geschenk und erwarb damit Grundeigentum. Die beiden Brüder Dettic und Deorulf können wir am ungezwungensten als die ursprünglichen Eigentümer von Amöneburg und Gaugrafen des Oberlahngaues ansehen. [6] »

Der Chronist schreibt dann weiter:
« Das von Bonifatius im Jahre 721 gestiftete und 732 erweiterte Kloster zu Amöneburg blühte noch im Jahre 1062, denn Othlo, der zu jener Zeit lebte und schrieb, berichtet vom Kloster. ( ... ) Das Kloster ist aber wohl nur wenig dotiert gewesen, seine Bedeutung war demzufolge gering, und seine Schule trat gegenüber denen von Fritzlar und Fulda weit in den Hintergrund. Wir finden dasselbe infolgedessen nirgends erwähnt, und schon unter dem Erzbischof Adalbert I. von Mainz (1111-1137) war es eingegangen. [7] »


Hinweistafel, 799 KB

Hinweistafel an der Stiftskirche. - Foto: Robert Berhorst


Der Festtag des heiligen Bonifatius ist am 5.Juni. Es kommen Prozessionen zum Ort seines Schaffens. Eine Reliquie von St. Bonifatius ist dann in der Stiftskirche ausgestellt.

Es erscheint plausibel, dass St.Bonifatius "in der Wäschbach" getauft haben soll. Innerhalb der Stadtmauern Amöneburgs gab es keine Quellen mit nennenswertem Auswurf, was zeitweilig durchaus sehr problematisch war. Bei den häufigen, oft auch längeren Belagerungen und bei Bränden, gab es überwiegend nur Wasser aus Kavernen. Gleichwohl - in manchen Kellern in Amöneburg gibt es Felsquellen. Es "tröpfelt" aufsteigendes Quellwasser aus den Spalten des anstehenden Basalts heraus. - In der Schule hörten wir mal was von "kommunizierenden Röhren", und Amöneburg gehört geologisch zum Vogelsberg ...

Die Ohm unten am Berg kommt ebenfalls aus dem Vogelsberg und sie hat, wenn sie Amöneburg erreicht, schon einen längeren Lauf hinter sich und war somit auch damals kaum zuverlässig sauber. "Die Wäschbach" - heute sagt man meist "die Waschbach" - die am Fuße Amöneburgs entspringt, war für die Aktivitäten des Bonifatius besonders geeignet. Hier konnte mit sauberem Quellwasser getauft werden. Auch heute noch könnte man an dieser Quelle Trinkwasser holen.


Quelle der Waschbach, 1,26 MB

Direkt an der Quelle der Wäschbach strömt das frische Quellwasser
in die historischen Waschbecken.
Foto: Robert Berhorst



Hinweistafel an der Waschbach, 437 KB

Hinweistafel an der Waschbachquelle. - Foto: Robert Berhorst



Wasser der Waschbach, 859 KB

An der Straße nach Amöneburg, nur wenige Meter entfernt von der Quelle der Waschbach,
gab es frisches Quellwasser für Reisende und deren Tiere.
Jetzt, im beginnenden Herbst, sind gerade ein paar Blätter ins Schöpfbecken gefallen.
Foto: Robert Berhorst


Wenn man an der Quelle der Waschbach steht wundert man sich, wo das Wasser denn nun verbleibt. Leider ist die Waschbach von der Quelle an bis an der Lindaukapelle vorbei fast vollständig verrohrt. Erst dann tritt sie wieder richtig zutage, fließt an ein paar Wiesen vorbei, speist einen Fischteich, und schon mündet sie in die Ohm. Die verrohrte Ableitung des Baches ist wohl bedingt durch den Platzbedarf wegen der Prozessionen zur Lindaukapelle. - Auch diese Kapelle, Maria Magdalena geweiht, wurde im 30jährigen Krieg zerstört und wurde 1868 im Stil der Zeit wiedererrichtet.

Lindaukapelle, 972 KB

Lindaukapelle "Maria Magdalena". - Foto: Robert Berhorst


Noch etwas zu Amöneburg. Wahrscheinlich handelt es sich hier ursprünglich um ein keltisches Oppidum. Die älteste uns bekannte Bezeichnung stammt von 721 und sie lautet amânaburch. Wie schon oben erwähnt, gründete St.Bonifitius hier im Jahre 721 eine Klosterzelle. 732 baute er die Michaelskirche. Die Stadt zeigt auch heute noch Geschichtsbewusstsein: Vom Marktplatz zweigen (oben rechts) ab: der Detticweg und parallel dazu die Deorulfgasse. Dieses waren die Herren zu Amöneburg, als Bonifatius hierher kam, um das Christentum zu bringen. Aber auch der Chronist Amöneburgs wurde nicht vergessen: die Verbindung zwischen Brücker Tor und Lindauer Tor heißt Dr.-Max-Ehrenpfordt-Straße. - Der Besuch des Heimatmuseums ist zu empfehlen. Falls geschlossen, kann man sich an die Stadtverwaltung (nebenan) wenden.

Nun zum Namen Amöneburg. Die heutige Form des Namens dürfte von (lat.) amoenus = reizend gelegen, lieblich, abgeleitet worden sein. Dieser Name ist allerdings noch sehr jung. Vorher hieß die Stadt Amanaburg, Amenaburg oder auch Ameneburg. Die unten am Berg vorbeifließende Ohm hieß zu dieser Zeit meist Amana oder Amena. Eine noch ältere Form ist Amanaha.
aman = (kelt.) Fluss
aha = (kelt.) Wasser
Amanaha wäre demnach fließendes Wasser.
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Unterhalb Amöneburgs gab es den wüst gefallenen Ort Bruck. Interessant ist die historische 7-bogige Brücke (die "Bruck") über die Ohm und dabei die alte Mühle, die u.a. auch wieder als Mühle in Betrieb ist. Nach einem Stich aus dem 17. Jahrhundert hatte die Mühle zu dieser Zeit 3 Mühlräder. Da muss ja schon einiges gemahlen worden sein. -
Im Laufe des "Siebenjährigen Krieges" (1756-1763) fand hier 1762 die verlustreiche "Schlacht an der Brücker Mühle" zwischen Truppen, die mit Frankreich, gegen Truppen, die mit Preußen verbündet waren, statt. Beachtenswert ist der Obelisk, genannt Friedensstein, welcher zum Gedenken an den hier erfolgten Friedensschluss errichtet wurde. Man sieht dieses beeindruckende Monument im Hof des "Brücker Wirtshaus", neben der Mühle, unterhalb der Stadt.

Hier an der historischen Brücke trafen die alten Handelswege "Durch die langen Hessen" (Frankfurt-Leipzig) und die Köln-Leipziger Handelsstraße zusammen.

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Wer den Mumm hat, kann von Amöneburg aus auf dem Wanderweg X 1 (Sternweg) über Marburg zum weiter nördlich gelegenen Christenberg - einer anderen (eventuellen) Wirkungsstätte des Bonifatius - wandern. Wahrscheinlich ist das der Weg, den auch St.Bonifatius und/oder seine Brüder öfter gezogen sind, denn der Christenberg war eine Filiation von Amöneburg.

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Zufahrt von Gießen nach Amöneburg:
a) via B3 an Marburg vorbei, Richtung Kirchhain, vor Kirchhain sieht man rechts den Basaltrücken von Amöneburg, der von hier aus wie ein Basaltkegel aussieht.
b) schönere Strecke (35 km): B3 Richtung Marburg, aber schon nach 16 km abfahren: Abfahrt Fronhausen / Ebsdorfergrund, auf der L3048 vorbei an Ebsdorfergrund, vorbei an Rauischholzhausen (Außenstelle Uni Gießen), dann noch ca. 7 km, vorbei an Schweinsberg und Roßdorf nach Amöneburg. Bis dahin ist die Fahrtrichtung immer Kirchhain. Wir fahren auf der alten Handelsstraße "Durch die langen Hessen". Wer unterhalb Amöneburgs das Hinweisschild "Amöneburg Bahnhof" sieht, sollte diese Zufahrt wählen. Man kommt dann sehr bald (rechter Hand) zum "Brücker Wirtshaus", zur "Brücker Mühle" und der historischen Ohmbrücke. Von dort geht's direkt hinauf zum "Brücker Tor" von Amöneburg. Davor: (linker Hand) die wirklich beeindruckende Basaltwand.






zu [1]:   Papst Benedikt XIV. (1740 - 1758) erhebt 1752 die vormalige Abtei Fulda zum Bistum. - Auswirkungen der Französischen Revolution brachten 1821 auch eine Veränderung im Gebiet des Bistums Fulda: Fulda verlor viele Teile an das Bistum Würzburg und erhielt u.a. das Gebiet Fritzlar / Amöneburg. Diese Gebietsregelung besteht weiterhin.   Zurück

zu [2]:   Max Ehrenpfordt: Chronik von Amöneburg, Verlag Schröder, Kirchhain 1927, Seiten 42,43.   Zurück

zu [3]:   Lange bevor Bonifatius kam, war das Christentum in Germanien bekannt. So war es vom Mittelrhein her in das rechtsrheinische Vorland bis zum Spessart und in die Wetterau (Büraburg, Amöneburg), in den Kraichgau und das Neckarland (Amorbach) vorgedrungen. (DER GROSSE PLOETZ, 32.Auflage, S.370) - Dieses Christentum war eine Ausprägung des Arianismus und damit eine Konkurrenz zum römisch-katholischen Christentum. Ausserdem dürfte bei den frühen Christen der germanische Götterglaube ihrer Vorfahren noch etwas in den Köpfen gespukt haben (man konnte ja nie wissen ... ).   Zurück

zu [4]:   Max Ehrenpfordt zitierte nach Levison, Vita sancti Bonifatii archiep. Mog., Hannoverae 1905, S.26 f.   Zurück

zu [6]:   Max Ehrenpfordt: Chronik von Amöneburg, Verlag Schröder, Kirchhain 1927, Seite 43.   Zurück

zu [7]:   Max Ehrenpfordt: Chronik von Amöneburg, Verlag Schröder, Kirchhain 1927, Seite 47.   Zurück




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Zuletzt bearbeitet am 19.06.2009

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