Die soziale Frage




Wilhelm Emmanuel Freiherr von Ketteler

geboren 25.Dezember 1811 in Münster (Westf.),
gestorben 13.Juli 1877 im Kapuzinerkloster Burghausen, Oberbayern,
beigesetzt im Dom zu Mainz (Marienkapelle).
 
Ketteler (Kettler), uradlige westfälische Familie. [1]


1828 Abitur im Jesuiteninternat in Brig / Wallis (Schweiz), anschließend Studium der Rechts- und Staatswissenschaften in Göttingen, Berlin, Heidelberg und München. 1833 Gerichtsreferendar am Land- und Stadtgericht Münster, ab 1835 Regierungsreferendar in Münster. Unter dem Eindruck der Bismarckschen Kirchenpolitik verließ er wegen der Kölner Wirren am 26.Mai 1838 aus Protest den preußischen Staatsdienst.

Im Münchener Görres-Kreis entschied er sich für das Priestertum. 1841-1843 Studium der Theologie in Eichstätt und München. Priesterweihe 1844 im Dom zu Münster. Kaplan in Beckum (Westfalen). Dorfpfarrer im westfälischen Hobsten (unweit von Münster), 1848/49 Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung, 1849 zum Probst der St. Hedwigskirche in Berlin berufen, gleichzeitig fürstbischöflicher Delegat von Brandenburg und Pommern. Nach 8 Monaten: 25.07.1850 Weihe zum Bischof von Mainz. Er war jetzt mit 39 Jahren jüngster Bischof in Deutschland.

Bischof Ketteler wurde zur führenden Gestalt im deutschen Episkopat des 19.Jahrhunderts. Sein Auftreten beim 1. Katholikentag (Mainz 1848) und die 6 Mainzer Adventspredigten (im selben Jahr) über die Soziale Frage erregten große Aufmerksamkeit [2]. 1848/49 als Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung, Vorkämpfer des politischen Katholizismus für die Freiheit der Kirche und der christlichen Schule; vertrat als Reichstagsabgeordneter (Zentrum) 1871 im beginnenden Kulturkampf die Rechte der Kirche, legte im März 1872 das Mandat nieder; erstrebte eine Sozialreform, die er in Auseinandersetzung mit liberalen und sozialistischen Lehren aus dem christlichen Glauben heraus forderte.

Bischof Ketteler - 4,4 KB Ketteler beeinflusste durch seine Stellungnahme zu den sozialen Fragen, durch Organisation des katholischen Vereinswesens, durch Förderung des Siedlungswerkes und Einwirkung auf Zentrumspartei (Gründung 1870/71), Arbeiterschaft und Jugendbildung die Sozialpolitik des 19.Jahrhunderts. Schrieb u.a. "Freiheit, Autorität und Kirche" (1862) sowie "Die Arbeiterfrage und das Christenthum" (1864) [1]. Freiherr von Ketteler war 1871-1873 Mitglied des Reichstags (ZENTRUM).

Bischof Ketteler gab bedeutende Anregungen zur bahnbrechenden Sozialenzyklika Rerum novarum (Leo XIII). Auf Kettelers Initiative hin wurde seit 1867 die Fuldaer Bischofskonferenz zur ständigen Einrichtung. Sein gesamtes Vermögen gab er für soziale Zwecke aus. Die Gedanken des "sozialen Bischofs" sind zum Ideengut aller christlichen Sozialreformer geworden. Seine Einstellung zum Staat war lange Zeit Vorbild für den deutschen Episkopat. Ketteler war die markanteste und populärste Gestalt des deutschen Katholizismus im 19.Jahrhundert. Sein Leben und Wirken war eng mit den Reformbewegungen der Zeit verknüpft.

Das am 06.05.1891 im Reichstag angenommene Arbeiterschutzgesetz ist auch aus dem Geist Kettelers erwachsen.
Noch vor seiner Entlassung gab Bismarck zu: Ohne Ketteler wären wir noch nicht so weit.

(Quellen: Bertelsmann Lexikothek, Gütersloh, Berlin 1973, 1977 E, Band 5, Seite 274 und
DUDEN Enzyklopädie, Mannheim, 1969, Band 4, Seite 650) und
Der Arbeiterbischof - Wilhelm Emmanuel von Ketteler, Südwest 3, 17.06.98 von Peter Voss)






zu 1:   Brockhaus, Handbuch des Wissens, 6.Auflage, Leipzig 1923, Zweiter Band, S. 626. Zurück
zu 2:   Lexikon für Theologie und Kirche, Freiburg 1962. Zurück





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Zuletzt bearbeitet am 15.07.2009

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