Thomas
Phleps
"Links wo das Herz ist"
– Sozialistische Musiker auf der Flucht
Schriftfassung eines Vortrags beim Internationalen Symposion
"Verboten und vertrieben – österreichische Komponisten im amerikanischen Exil"
vom 27. bis 28.Oktober 1997 in Wien
Jetzt gab es
kein Zurück mehr. Dieses lähmende Bewußtsein begleitete ihn siebzehn Jahre Tag
für Tag, ganz gleich, ob ihm dazu noch anderes Leid oder ob ihm Freude widerfuhr
- unter allem war, beständig wie sein Atem, das drückende Gefühl, daß es kein
Zurück mehr gab nach Deutschland, in seine Werkstatt, sein Leben, in seine
Landschaft, mit der er sich eins fühlte, als wäre er ein Teil von ihr, ein Tal,
ein Baum, der Fluß am Sommerabend. Sein Leben war nicht mehr sein Leben. Er war
mitten entzweigebrochen.[1]
"Links wo das Herz ist"
ist nicht nur mein kurzer Text überschrieben, sondern auch und zunächst die
romanhaft gestaltete Autobiographie Leonhard Franks, eines "rebellischen
Gefühlssozialisten", wie er selbst sich bezeichnete[2].
Ich möchte die Frage, was und wer denn links oder sozialistisch sei, beiseite
lassen, was nicht schwer fällt, da ich im Folgenden auf die Exilsituationen von
Hanns Eisler, Hans Hauska, Paul Dessau und Stefan Wolpe eingehen werde, die - in
je spezifischer Weise freilich - in der kommunistischen Bewegung aktiv waren,
einer Organisationsform linker Politik, deren gesellschaftshistorisch recht
deutlich aufgearbeitetes Selbstverständnis uns vor dem leidigen Geschäft
bewahrt, die heutzutage meist als Argumentationshilfen gebrauchten Begriffe
links und sozialistisch aus dem Gesprächszusammenhang zu
erschließen[3].
Hinzu kommt, dass diese vier Musiker-Komponisten - zwei österreichische und zwei
deutsche Staatsbürger, so zumindest vor '33[4] -
zu verschiedenen Zeiten in vergleichbaren Lebens- und Arbeitssituationen bis hin
zu persönlichen Beziehungen sich befanden. Um dies in einem Zeitraster
überblickartig zu skizzieren:
| Hanns Eisler 6.7.1898- 6.9.1962 |
Hans Hauska 18.5.1901-7.3.1965 |
Paul Dessau 19.12.1894-28.6.1979 |
Stefan Wolpe 25.8.1902-4.4.1972 |
|
| Vor 1933 | Berlin Agitprop |
Berlin/Moskau Agitprop |
Berlin
|
Berlin Agitprop |
| 1933-1938 | Europa 2 USA-Reisen |
UdSSR
|
Frankreich
|
Europa Palästina |
| 1938/9-1948 | USA | NS-Deutschl. | USA | USA |
| nach 1948 | DDR | DDR | DDR | USA |
1. Vor
1933
Für den gebürtigen
Hamburger Dessau und den in Leipzig geborenen Wiener Eisler markiert die 1925
erfolgte Übersiedlung nach Berlin eine einschneidende Änderung der Lebens- und
Arbeitsverhältnisse. Beide waren vor dieser Zeit bestrebt, im Neue-Musik-Betrieb
Fuß zu fassen — mit gewissem Erfolg: Dessau erhielt 1925 den Schottpreis für
sein Violinkonzert, Eisler für seine 1. Klaviersonate den Künstlerpreis der
Stadt Wien.
In
Berlin nun übernahm Dessau zur Lebenssicherung die Leitung eines
(Stumm)Filmtheaterorchesters und - zumal diese Ära sich dem Ende zuneigte - mit
wachsendem Erfolg filmmusikalische Kompositions- und Arrangementaufträge zu
Walt-Disney-Produktionen, Richard-Tauber-Filmen und einer ganzen Reihe der hoch
im Kurs stehenden halbdokumentarischen Grönland- und Bergfilme, vorzugsweise
besetzt mit der späteren Reichsparteitagsilluminatorin Leni Riefenstahl und der
lebenden Kampffliederlegende Ernst Udet[5].
Ab 1930 schrieb Dessau einige Lehrstücke für Kinder, deren bekanntestes - Das
Eisenbahnspiel - bei den 'Tagen für Neue Musik, Berlin 1930' uraufgeführt
wurde.
Bei Eisler, dem
allerorten zitierten Präzedenzfall eines politisch motivierten Übergangs vom
Avantgardekomponisten zum Musikproduzenten für die Arbeiterklasse, scheint es
müßig, viele Worte zu verlieren. Seine Abkehr von den Orten, an denen "bei
völliger Interesse- und Teilnahmslosigkeit irgendeines Publikums [...] eine
leerlaufende Betriebsamkeit Orgien der Inzucht"[6]
feiere, führte ihn über die 'Novembergruppe', dem Berliner Sammelbecken
linksgerichteter Künstler und Musiker, Ende 1927 zur kommunistischen
Agitproptruppe 'Das Rote Sprachrohr'. Durch die Zusammenarbeit mit Ernst Busch
und - vor allem - Bertolt Brecht professionalisierte er ab 1929 seine
eingreifende Musik.
Im
Jahr 1929 stieß auch der in Berlin geborene Stefan Wolpe zur kommunistisch
orientierten Arbeitermusikbewegung und begann - wie er fast 10 Jahre später
schrieb - "statt Zwölfton-Symphonien kleine Massenlieder in f-dur" zu schreiben
und "wie ein wahrhaft besessener Vagabund und Gläubiger" zu leben, "der Idee und
ihrer Verwirklichung meinen Namen" opfernd[7].
Nun, "Zwölfton-Symphonien" hatte er keine komponiert, aber zwischen 1927 und
1929 u.a. zwei exzeptionelle KurzZeitJazzKammeropern (Schöne Geschichten
und Zeus und Elida); und ab 1929 komponierte er nicht nur Massenlieder -
übrigens allein eines der erhaltenen in F-Dur (Ob du an der Maschine
stehst) -, sondern zudem zahlreiche größere Werke, die ihn auf der
Produktionsebene an die Seite Eislers stellen. Von August 1931 bis März 1933
arbeitete Wolpe als Komponist und Klavierspieler bei der 'Truppe 31' mit, dem
von Gustav von Wangenheim künstlerisch geleiteten und in diesen letzten Jahren
der Weimarer Republik wohl erfolgreichsten proletarisch-revolutionären
Theaterkollektiv[8].
Während Eisler und
Wolpe, die bedeutendsten Kampfmusik-Produzenten der kommunistisch orientierten
Arbeitermusikbewegung, nie der KPD beitraten - beide waren (wie Eisler einst
seinen Freund Brecht qualifizierte) 'Bolschewiken ohne Parteibuch' -, wurde der
ehemalige Sozialdemokrat Hans Hauska kurz nach seiner Übersiedlung von Wien nach
Berlin im Jahre 1928 KP-Mitglied. Wie zuvor musste er sich mit Gelegenheitsjobs
durchschlagen, kam aber recht bald - wohl durch die Vermittlung Eislers - als
Klavierspieler zum 'Roten Sprachrohr'- auch Wolpe soll übrigens, um die
Überschneidung der Aktionsfelder zu verdeutlichen, eine Zeitlang beim 'Roten
Sprachrohr' mitgearbeitet haben[9].
Christine Kanzler, die
Hauskas Lebensweg nachzuzeichnen versuchte, bringt ihn auch mit den 'Roten
Raketen', der Werbetruppe des Rote-Frontkämpfer-Bundes in Verbindung. Dass er
mit dieser Agitproptruppe im Frühjahr 1929 "vermutlich" bei einer Tournee durch
Sachsen gespielt habe, lässt zumindest seinen Ausschluss aus der KPD im April
1929 plausibler erscheinen[10].
Bei den 'Roten Raketen' nämlich kam es "zu Anfang des Jahres 1929" - so die
offiziöse Nomenklatur - "zu politischen Auseinandersetzungen"[11],
im Klartext: zum von der Partei verordneten Ausschluss der rechten Kommunisten
im Rahmen einer nur wenige Wochen dauernden 'Säuberung' der KPD von allen
potentiellen Kritikern der Stalinisierung. Hauska wurde der
Brandler-Thalheimer-Opposition zugeschlagen und mit 6000 weiteren Genossen aus
der Partei entfernt[12].
Eisler übrigens war -
ohne dass er selbst daran teilhatte - aus familiären Gründen in die
KP-Fraktionskämpfe der 1920er Jahre verwickelt: Seine Schwester Ruth Fischer -
seit dem 9. Parteitag 1924 zusammen mit ihrem Lebensgefährten Arkadij Maslow an
der Spitze der KPD - leitete die "Bolschewisierung der Partei" ein, wurde nach
der von Moskau[13]
verordneten Ausschaltung der radikalen Linken und einem 10monatigen
Zwangsaufenthalt im Moskauer Hotel Lux 1926 aus der Partei
ausgeschlossen[14].
Sein Bruder Gerhart Eisler zählte seit 1927 zur Gruppe der 'Versöhnler', einer
reinen Apparatfraktion, die sich vom realpolitischen Kurs der Rechten vor allem
durch die Betonung des Führungsanspruches der KPdSU unterschied und Anfang 1929
im Zuge der 'Säuberung' zwar nicht ausgeschlossen, aber aus den
Führungspositionen gekippt wurde. Gerhart Eisler, der zu dieser Zeit - wie einst
seine Schwester Ruth - in der Moskauer Verbannung lebte, wurde als Kandidat des
Politbüros abgesetzt[15].
Doch zurück zu Hauska.
Im Spätsommer 1930 kam er zur 'Kolonne Links', einer äußerst
leistungsorientierten und erfolgreichen Werbetruppe für die Internationale
Arbeiterhilfe[16].
Da die IAH für die Grundfinanzierung der Mitglieder sorgte, konnte Hauska
erstmalig eine gewisse Kontinuität musikalischer Arbeit entfalten. Im März 1931
ging die 'Kolonne Links' als Auszeichnung für ihre vorbildliche
Mitgliederwerbung (16000 für die IAH) für fünf Wochen auf Tournee durch die
Sowjetunion und musste nach ihrer Rückkehr erfahren, dass die Reichsleitung der
IAH als erste Reaktion auf die 'Verordnung des Reichspräsidenten zur Bekämpfung
politischer Ausschreitungen' sämtliche Auftritte der 'Kolonne Links' abgesagt
hatte[17].
Sechs Truppenmitglieder, darunter Hauska, machten auf der Stelle kehrt und
langten nach einer viermonatigen und abenteuerlichen Fahrt via Schiff und
transsibirischer Eisenbahn im Oktober 1931 erneut in Moskau an. Jetzt wich der
euphorisierte Ausnahmezustand einer mit zahlreichen Vergünstigungen dekorierten
Reise ins gelobte Land einem Leben im Moskauer Alltag. Die uneingeladenen Gäste
aus Deutschland begannen, sich mehr schlecht als recht durchzuschlagen - dies
zumal, als ab 1932 in der Sowjetunion die für das Arbeitsfeld Agitprop
zuständigen TRAM-Brigaden weitgehend zurückgedrängt und im Zuge der
Inthronisation des sozialistischen Realismus die 'großen Formen' des
Berufstheaters dekretiert wurden[18].
2. Exil 1933-1938
Während sich Hauskas
politisch-arbeitstechnische Emigration 1933 bruchlos zum Exil verschärft, werden
die anderen Komponisten von den Ereignissen in den ersten Monaten des Jahres
1933 überrascht - so der überraschende Befund auch bei Eisler - oder gar sich
ihrer Gefährdung überraschend spät bewusst - so bei Wolpe, der mit der 'Truppe
31' bis zum 4. März 1933 weiterspielt und selbst zum Untertauchen überredet
werden muss. Flucht und Nicht-mehr-Zurückdürfen treffen alle drei derart
unerwartet und unvorbereitet, dass sie sich - im Glauben an ein schnelles Ende
des "braunen Spuks" (Brecht) - in den angrenzenden Ländern nur provisorisch
einzurichten gedenken: Dessau flüchtet allein nach Paris, seine nichtjüdische
Frau und die beiden Kinder bleiben in Berlin; Wolpe und Eisler ziehen ziellos
durch die Hauptstädte, ersterer ohne nennenswerte Aktivitäten, letzterer
musikalisch und musikpolitisch von der Partei aktiviert, um den faschistischen
"Eintagskönigen" - wie es in einem Leitartikel der Kommunistischen
Internationalen 1933 zu lesen steht - die "proletarische Revolution auf dem
Fuß" folgen zu lassen[19].
Als Funktionär, später Vorsitzender des 1932 in Moskau ins Leben gerufenen
'Internationalen Musikbüros' bereist Eisler Arbeiterolympiaden und -musikfeste,
hält Vorträge, führt Verhandlungen, schreibt Kampflieder, agitiert weiterhin mit
seinem kongenialen Partner Ernst Busch _ all das neben seiner Brotarbeit als
Filmmusikkomponist[20].
Auch Dessau kann nach
anfänglichen Schwierigkeiten seine filmmusikalische Arbeit wieder aufnehmen. Im
französischen Exil schreibt er aber nicht nur die Musik zu über 10 Filmen (nicht
wenige übrigens aus arbeitsrechtlichen Gründen unter dem, vom zeitweiligen
Wohnort abgeleiteten Pseudonym Henri Herblay), sondern erstmals zahlreiche
Kampflieder. Tiefgreifend politisiert von der im Spanischen Bürgerkrieg
fokussierten Gefahr der zunehmenden Faschisierung Europas wird er 1936 "Genosse;
ohne Parteibuch freilich"[21] -
das beantragte und erhielt er erst 1946 in Kalifornien. Das bekannteste dieser
Kampflieder, die unter dem Pseudonym Peter Daniel in Buschs 'Canciones de las
Brigadas Internationales' publizierte Thälmann-Kolonne hat vor nicht
allzu langer Zeit der einstige Liedermacher Wolf Biermann gelegentlich seiner
Generalabrechnung mit der "priviligierten Brecht-Mumie" Dessau als
militaristisch, deutschnational und faschistisch geoutet — in der ihm eigenen
Ignoranz, die bspw. Dessaus melodische Paraphrasierung der Marseillaise
geflissentlich übersieht[22].
Entgegen der (für die
deutsch-deutsche Geschichte nach '45) folgenreicheren Kampfliedproduktion -
Biermann[23]
weist nicht ohne Grund darauf, dass "Dessaus Thälmann-Kolonne zu d e m Lied der DDR" wurde - ist allerdings
Dessaus Beschäftigung mit der jüdischen Tradition in den ersten Jahren des Exils
weitaus intensiver. Schon vor 1933 hat der Enkel eines berühmten
Synagogenkantors Werke auf hebräische Texte geschrieben. Jetzt aber dient diese
Sphäre dem "verjagten Juden"[24]
der politischen Stellungnahme - beispielhaft das 1934 begonnene Oratorium
Hagadah auf einen Text Max Brods, orientiert an der berühmten Hagadah
shel Pessach, dem Bericht vom Auszug aus Ägypten, und als durchaus
agitatorischer Aufruf für die Befreiung der Juden vorgesehen für die
Uraufführung im Berliner Jüdischen Kulturbund[25]
oder die 1935 komponierte Musik zu dem Dokumentarfilm AWODAH, der von der
Aufbauarbeit der Palästina-Einwanderer berichtet.
Auf völlig anderer Ebene
mit jüdischer Tradition konfrontiert sieht sich Stefan Wolpe nach seiner Ankunft
in Palästina im Mai 1934. Neben seinem Unterricht am Jerusalemer Konservatorium
bereist er als musikalischer "Instruktor" die Kibbuzim, um die
"steckengebliebenen Halbprofessionellen" zu schulen[26]
setzt sich - auch kompositorisch - intensiv mit jüdischer Volksmusik auseinander
und plädiert für die phonographische Sammlung jüdischer Folklore[27].
Als "Verfechter eines maximalen Erziehungsprogramms"[28]
muss er sich aber spätestens 1938 eingestehen, in dem von Konservatismus
geprägten Musikleben Palästinas weder gegen die "besessenen
Dilettanten[29]
noch gegen die "Simulanten einer neuen jüdischen Kultur"[30]
etwas ausrichten zu können. Schließlich sieht er sich - wie er in einem Brief
den Kollegen des Konservatoriums mitteilt, zu dem "revolutionären Entschluss"
gezwungen, "das Land zu verlassen"[31].
Während also bei Dessau
wie Wolpe - zumal in den ersten Exiljahren - jüdischen Themen auch für ihre
musikalische Produktion eine eminente Bedeutung zukommt (und übrigens der
Dirigent Hans Wilhelm, später William Steinberg trotz großen persönlichen
Einsatzes weder 1936 in Berlin die Aufführung von Dessaus Hagadah noch
1938 in Jerusalem die eines Orchesterwerks von Wolpe[32]
durchsetzen kann), hat Eisler sich nie auch nur beiläufig mit jüdischen Themen
auseinandergesetzt, geschweige denn eine jüdische Identität entwickelt. Dass er
sich spätestens 1936 der kulturpolitischen Kärrnerarbeit und ihren
Identifikationsangeboten entzieht, hängt mit Prozessen im kommunistischen Gefüge
zusammen, deren weitreichende und mitunter tödliche Folgen bis heute nur
ansatzweise aufgearbeitet sind.
Auf künstlerischem
Gebiet sind dies die administrative Verordnung des 'Sozialistischen Realismus'
und die damit verbundene Formalismus-Diskussion, deren Auswirkungen bspw. Wolpes
letzte Fühlungnahme mit der kommunistischen Bewegung desillusionierend enden
lässt: Seine nach Moskau geschickten Arbeiterlieder werden ihm - wie Josef Tal
berichtet - "in konsonanten Wohlklang verbessert", verschlimmbessert also
zurückgesandt[33].
Der langjährigen kritischen Distanz Wolpes zur eigenen radikal-politischen
Tätigkeit, dem "Mitten drin drüber" (so der Freund Otto Hahn in einem Brief an
Wolpe 1933 oder 1934 anlässlich ihrer beider "tiefen Bedenken gegen vieles in
der Partei") werden die Räume eng gemacht: Das Ende einer
Beziehung.
Auf
gesellschaftspolitischem Gebiet werden diese Prozesse durch die Moskauer
Schauprozesse ausgelöst, dem öffentlichen Vorspiel der sogenannten
'Säuberungen', d.h. der Verhaftung, Verbannung, Ermordung der alten
kommunistischen Garde und bis heute ungezählter Parteigenossen durch den
stalinistischen Machtapparat. Eine besonders perfide Variante dieser
Vernichtungskampagne potentieller Stalin-Gegner erfährt Hans Hauska am eigenen
Leibe: Nach August 1933 kommt es zur Verschmelzung der in Moskau exilierten
Mitglieder der 'Kolonne Links' und der 'Truppe 31' (übrigens nach einer
kurzzeitigen Überschneidung der Aktionsfelder, da Wolpe Anfang August mit den
von Paris eingereisten Mitgliedern der 'Truppe 31' in Moskau
auftritt[34]).
Mit der unter Wangenheims Leitung erfolgten Etablierung dieses 'Deutschen
Theaters Kolonne Links' beginnt für Hauska eine Phase der musikalischen
Entwicklung, die Eisler wie Wolpe aufgrund ihrer Zusammenarbeit mit Brecht bzw.
der 'Truppe 31' bereits vor 1933 durchlaufen haben[35].
Zahlreiche Bühnenmusiken entstehen, bei deren Aufführung Hauska eine fünfköpfige
"Jazzkapelle"[36]
leitet, außerdem Filmmusiken zu Joris Ivens Borinage und Wangenheims
Kämpfer, ein um Reichstagsbrand und Dimitroff-Prozess zentrierter und
vielbeachteter künstlerischer Beitrag zur kommunistischen Volksfrontpolitik.
Hauska wird die Leitung des Chors der deutschen Karl-Liebknecht-Schule und des
Deutschen Klubs in Moskau übertragen, er ist Mitarbeiter der Deutschen
Zentralzeitung und - einiges weist darauf - der deutschen Sektion des
Internationalen Revolutionären Theaterbundes (IRTB bzw. russ. MORT), kurz: er
etabliert sich als Musiker und Komponist, dem - so laufen die Gratifikationen im
Arbeiterstaat - vom sowjetischen Komponistenverband ein Flügel zur Verfügung
gestellt wird[37].
1935 aber beginnen auch
bei den aus Nazideutschland geflüchteten Genossen nachts die Telefone zu
klingeln, untrügliches Zeichen, dass wenige Minuten nach diesen Kontrollanrufen
die Verhaftungskommandos des NKWD vor der Türe stehen. Abgeholt werden auch alle
'Kolonne Links'-Mitglieder, die 1932 nach Moskau kamen: Am 5. Februar 1938 Kurt
Ahrendt, Karl Oefelein und Bruno Schmidtsdorf, angeklagt der Gründung einer
Hitler-Jugend (!) und drei Wochen später hingerichtet, am 17. März 1938 der
ehemalige Leiter Helmut Damerius, für 18 Jahre in die sibirischen GULAGs
gesperrt[38],
und bereits am 20. November 1937 Hauska[39].
Große Ereignisse werfen
ihre Schatten voraus, und so wird Hauska, inzwischen wg. "konterrevolutionärer
Tätigkeit" verurteilt, bereits ein Dreivierteljahr vor Unterzeichnung des
Hitler-Stalin-Paktes via Polen an Nazideutschland ausgeliefert[40].
Von der Grenzstation Stolpce geht im Dezember 1938 ein erschütternder Brief an
den rechtzeitig nach Schweden geflüchteten Schauspieler Curt Trepte, einst bei
der 'Truppe 31' und später Kollege Hauskas bei den verschiedenen
Theaterprojekten in der Sowjetunion. Angesichts der erlebten "Massenfolterungen"
im Taganka-Gefängnis, angesichts des von den stalinistischen Säuberungswellen
verrichteten "größte[n] und gemeinste[n] Verrat[s] an der internationalen
Arbeiterbewegung" mache - so schreibt Hauska - alles "keinen Sinn mehr. Der
Laden stinkt von oben bis unten und die deutschen Emigranten, in Frankreich,
Spanien und anderen Ländern täten am besten, ihre Koffer zu packen und nach
Hause zu fahren. Es ist nur sinnlose Kraftverschwendung"[41].
Auch der scharfblickende
Eisler schont seine Kräfte, nicht nur, weil das Exil zum Dauerzustand und das
Hoffen zum schwierigen Handwerk geworden ist. In Moskau lässt er sich nach 1935
nicht mehr blicken und in seine Kompositionen schon gar nicht. Als am 3.
Dezember 1937 in Prag fünf seiner Kammerkantaten uraufgeführt werden, ist
lediglich Brecht als Autor benannt, obgleich drei der Kantaten auf montierten
Textvorlagen aus Romanen Ignazio Silones basieren. Von Silone aber, dem
einstigen ZK-Mitglied der KPI, ist seit September 1936 ein offener Brief nach
Moskau im Umlauf, der die Moskauer Prozesse als "Kollektivmord" und
"Niederschlächterei der Oppositionellen" anprangert und von "rotem Fascismus"
spricht[42].
Man mag Eislers Exstirpieren des 'Renegaten' Silone aus seiner Musik als
Vasallentreue, vorauseilenden Gehorsam, taktische Cleverness oder aber
angsterfüllte Selbstschutzmaßnahme werten, auf jeden Fall ist es eine
Unterschlagung[43] -
auch wenn Eislers Rückgriff auf dessen Texte sehr bewusst erfolgt sein mag.
Einem Renegaten nämlich legt Silone in seinem Roman Brot und Wein (der
übrigens kurz vor dem ersten Schauprozess erschien) die Worte in den
Mund: "Der gegenwärtigen Inquisition wird eine rote Inquisition folgen, der
gegenwärtigen Zensur eine rote Zensur, den gegenwärtigen Deportationen die roten
Deportationen, deren Lieblingsopfer die dissidenten Revolutionäre sein
werden"[44].
3. Exil
1939-1948
Als Hauska wenige Tage
vor der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes, am 18. August 1939, in
Nazideutschland zu eineinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt wird, sind die anderen
drei Komponisten bereits in den USA angelangt. Dessau kurz zuvor - Juli 1939 -
und rechtzeitig noch der drohenden Kriegsgefahr entronnen, Wolpe seit Dezember
1938 auf der Suche nach einer in Palästina vermissten "Breite der
Lebensführung"[45]
und Eisler seit Januar 1938 bereits und kurz nachdem er in zwei, gemeinsam mit
Ernst Bloch verfassten Aufsätzen im fortwährenden Meinungsversteckspiel um die
politisch-künstlerische Linientreue Farbe bekannt und gegen die von Moskau via
Georg Lukács dekretierte "Oberlehrer-Museum-Ästhetik" angeschrieben
hat[46].
Die gemeinsamen New
Yorker Jahre der drei lassen kaum Gemeinsamkeiten erkennen. Wolpe und Dessau
scheinen vollauf damit beschäftigt, eine Beschäftigung zur Existenzsicherung zu
finden - Wolpe gelingt es schließlich, eine Teilzeitbeschäftigung an der
Settlement Music School in Philadelphia (bis 1943) zu bekommen, Dessau schlägt
sich als Notenkopist, Musiklehrer in einem Kinderheim und beim Y.M.C.A., aber
auch als Arbeiter auf einer Hühnerfarm in New Brunswick durch. Einzig Eisler
macht neben seinen relativ gut dotierten Jobs als 'Professor of Music' an der
New School of Social Research, ab 1940 als Leiter eines von der
Rockefeller-Stiftung finanzierten Filmmusik-Forschungsprojekts auf zweierlei
Weise von sich reden. Zum einen empfiehlt er sich mit seiner Musik zu dem von
der US-amerikanischen Ölindustrie gesponserten Trickfilm Pete Roleum and his
Cousins[47]
für die Filmindustrie, zum anderen gerät er in Konflikt mit den
US-Einwanderungsbehörden, denen er schon länger als "gefährlicher Kommunist" ein
Dorn im Auge ist, und muss mehrmals nach Mexico ausweichen[48].
Nach seiner
Übersiedelung an die Westküste im April 1942 aber integriert sich Eisler recht
bald in die Creme der Kulturemigration und avanciert zum relativ erfolgreichen
und geschätzten Hollywood-Komponisten, der meist für anspruchsvollere Filme mit
originellem Touch unter Vertrag genommen wird. Im Jahr darauf folgt Dessau. Er
findet zunächst als 'Neger', als ungenannter Zuarbeiter für die arrivierten
Kollegen eine Einstiegsluke in die Filmmusikbranche, kommt aber ab 1945 auch zu
ersten Credits. Wolpe indes bleibt in New York und wird, während er sich
weiterhin mit Teilzeitjobs und Privatstunden über Wasser hält, nach und nach zu
einer Art Mentor für die junge Komponistengeneration, darunter Morton Feldman,
Ralph Shapey, Isaac Nemiroff und auch John Cage, der von der großen
Anziehungskraft Wolpes berichtet: "Es war ein Privileg, ihn zu kennen. Als ob
man in ein wichtiges Geheimnis eingeweiht wäre"[49].
Soweit die
biographischen Fakten, die beliebig zu erweitern wären. Weit wesentlicher
scheint mir allerdings ein Blick auf die musikalische Produktion der drei
Komponisten, ein Blick, der in der Kürze der Zeit keinen Überblick vermitteln,
nicht einmal einen Einblick geben kann. Um den Blick auf vier Jahre zu
verdichten, folgende Synopse ausgewählter Werke:
| Hanns Eisler | Paul Dessau | Stefan Wolpe |
|
| 1939 |
6.Satz Deutsche Sinfonie, Spruch 1939 etc. |
Les Voix (1939-41/43) | Zemach-Suite (1939-41) |
| 1941 | 14 Arten den Regen zu
... Variationen für Klavier |
UA Les Voix | Toccata in three parts (2:Too much
suffering in the world) |
| 1943 | 4
Brechtlieder Hölderlin-Fragmente 3. Klaviersonate |
4 Brechtlieder 2. Streichquartett Deutsches Miserere (Beginn) |
3 Brechtlieder Battle Piece (Beginn) (= Encouragements 3 resp.
1) |
| 1947 | (vorl.) Abschluss: Deutsche Sinfonie UA 1959 |
Abschluss:
Deutsches Miserere UA 1966 |
Abschluss:
Battle Piece UA 1950 |
Auch wenn hier vieles
ausgeklammert bleibt, wird deutlich - bzw. werde ich versuchen, es wenigstens
andeutungsweise deutlich zu machen -, dass die drei exilierten Komponisten trotz
aller Unterschiede der gesellschaftlichen Kontexte, der lebensgeschichtlichen
Erfahrungen und der Stellung zur kommunistischen Bewegung inhaltliche
Parallelkompositionen geschrieben haben, Kompositionen, die fern jeglicher
ökonomischer Überlebensstrategien im Exilland einzig und allein um eines
kreisen: Die faschistische Aggression. Bei Eisler und Dessau ist dieser
inhaltliche Fixpunkt in zunehmendem Maße gekoppelt mit dem antifaschistischen
Kampf um ein 'neues', sprich: sozialistisches Deutschland, während Wolpe diesen
nationalen Komplex nicht nur ausspart, sondern seinen politischen Bezugsrahmen
mehr und mehr entgrenzt, ein exiltypisches Phänomen, in dem sich das
Bewusstwerden globaler Wurzel- und Ziellosigkeit zum pazifistischen
Weltbürgertum verdichtet.
1939, zur gleichen Zeit,
in der Eisler von den US-Behörden als "gefährlicher Kommunist" schikaniert wird,
gerät er in einen tiefgreifenden Konflikt mit der KP. Der Konflikt wird von
seiner strikten Ablehnung des - wenige Tage vor dem deutschen Überfall auf Polen
abgeschlossenen - Hitler-Stalin-Paktes ausgelöst und findet seinen
musiksprachlichen Ausdruck in mehreren Liedern und vor allem dem 6. Satz seiner
Deutschen Sinfonie, Eislers bereits 1935 (und übrigens während seiner
ersten USA-Reise) begonnenes vokalsinfonisches Langzeitprojekt und in der Tat
eine 'Zwölfton-Symphonie'.
Ebenfalls zwölftönig ist
Dessaus Verlaine-Vertonung Les Voix für Sopran, Klavier, Harmonium und
Schlagzeug organisiert. Das 1941 gelegentlich der New Yorker Konzerte der IGNM
uraufgeführte und seidem zu Unrecht und bis vor kurzem (der Aufführung am
8.9.1994 in Hamburg) völlig dem Vergessenwordensein überantwortete Werk ist
aufgrund des französischen Textes und vor allem seines "katastrophischen
Ausdruckscharakter[s]" in Dessaus Œuvre ein Unikat, eine von apokalyptischen
Bildern, "instrumentalen und vokalen Klagelauten durchsetzt[e] Schreckensmusik"
des in Not geratenen Exilierten[50].
Wolpes bevorzugtes
kompositorisches Arbeitsfeld jener Jahre ist die Klaviermusik. Lieder, Chöre
oder Werke mit größeren Besetzungen bleiben marginal. Seine Zemach-Suite
hat keine politischen Implikationen, sondern explizit choreographische, mit
denen er an seine vor 1933 für den Tanz konzipierte Musik anknüpft. Aber diese
angewandte Musik dient ihm gleichsam als Scharnier zu einer neuerlichen
Politisierung seiner (im Prinzip seit der kurzen Unterrichtszeit bei Anton
Webern im Herbst 1933) auf Materialbeherrschung und -organisation gerichteten
Klaviermusik. Den Umschlag ins Programmatische vollzieht 1941 Wolpes Toccata
in three parts, in dessen Mittelsatz, dem Adagio Too much suffering in
the world, die immer wieder aufgesuchte Tonalität das Leid nicht mildert,
sondern zur Empörung steigert. Für alle Toccata-Sätze kompositorisch
konstitutiv ist die BACH-Motivformel, ein hochbedeutsames Trauer-Signet, das in
Dessaus Les Voix extensiv als "Schutzgeist"[51]
angerufen wird und in Eislers Exilliedern und seiner Deutschen Sinfonie
die elegische Grundhaltung präformiert - hier klassenmäßig eingegrenzt auf die
konkrete Trauerarbeit um die Niederlage und Opfer der Arbeiterklasse im Kampf
gegen Unterdrückung und Faschismus[52].
Wie Wolpes
Toccata letztlich auf den Kriegsbeginn mit der Sowjetunion am 22. Juni
1941 reagiert, so auch die beiden Kompositionen Eislers — auf andere Weise
freilich: Der Ausgangsimpuls seiner Variationen für Klavier rekurriert
auf ein Motiv Papagenos aus der Zauberflöte - Papageno, als Lügner
ertappt, hat an dieser Stelle ein Schloss vor dem Mund - und thematisiert
dergestalt das zweijährige Intermezzo (so der beziehungsreiche Titel des
6. Satzes der Deutschen Sinfonie) antifaschistischer Abstinenz der
KP-Linie[53].
Das Quintett Vierzehn Arten den Regen zu beschreiben wiederum - und seine
filmmusikalische Herkunft und spätere Widmung zum 70. Geburtstag des verehrten
Lehrers Arnold Schönberg können schwerlich darüber hinwegtäuschen - betreibt ein
vom Kriegsgeschehen um Moskau diktiertes, musiksprachliches Sezieren der
"Anatomie der Trauer, der Melancholie"[54].
Knappe zwei Jahre später, Mitte 1943, stellt Eisler mit seiner Dritten Sonate
für Klavier diesen "vierzehn Arten, mit Anstand traurig zu
sein"[55],
eine weitere, in vieler Hinsicht außergewöhnliche an die Seite. Erstaunlich
schon der Eisler-untypische, eindringliche Gestus, noch erstaunlicher freilich
das zitatenreiche semantische Netzwerk, dessen "Kunst der Erinnerung"
verzweifelt fast die politische Resignation durch ihr Nichteingestehen
abzuwenden sucht[56].
Erstaunlich aber nicht zuletzt, dass dieser von Einsamkeit, Verbitterung und
Resignation gezeichnete Blick auf die "Heimat hinter den Blitzen
rot"[57]
zu dem Zeitpunkt kompositorisch wirksam wird, als sich die militärischen Erfolge
der Nazi-Gegenmächte immer deutlicher abzeichnen. Unendlich viel Hoffnung, nur
nicht für uns.
Dem mag Dessau nicht
folgen. Während sein reger "Kompositionsaustausch" mit Eisler in dieser Zeit ein
rein formaler Akt zu sein scheint - gegenüber Erich Itor Kahn qualifiziert er
Eislers - in bestem (Schubertschen) Sinne - 'schauerliche Lieder' als "sehr
hübsch", die Dritte Sonate als "ganz gut"[58]
-, beginnt er im Frühjahr 1943 und in produktiver Auseinandersetzung mit dem
neugewonnenen Freunde Brecht das großangelegte Deutsche Miserere zu
schreiben, eine dreiteilige Text-Bild-Musik-Montage für Soli, Chöre und großes
Orchesters, deren Fertigstellung ihm gegen Ende seiner Exilzeit - und nicht
zuletzt aufgrund der hier aus Trauer und Scham entfalteten Perspektive eines
'neuen' Deutschland - derart dringend erscheint, dass er "selbst Geschäfte
völlig vernachlässigt"[59].
Jenseits solch guter Hoffnung, wenngleich nicht ohne beginnt Wolpe ebenfalls
1943 mit der Arbeit am Battle Piece, der radikalsten seiner
Encouragements - Ermutigungen. Hier geht es nicht um Deutschland und die
Deutschen, hier geht es ums Ganze: ein wortloses Kampfstück gegen den Krieg, das
nicht nur in seiner Avanciertheit - und ohne zeitlos sein zu
wollen[60] -
über die Zeit hinausweist.
Eine eigene Geschichte
haben die Brechtlieder, die die drei Komponisten im Frühjahr 1943 schreiben.
Ihre Produktion geht auf den Stückeschreiber selbst zurück, der von Februar bis
Mai nach New York kommt und u.a. an Sendungen des Office of War Information
(OWI) nach Deutschland mitwirkt. In diese Zeit fällt die Begegnung mit Dessau,
der Beginn ihrer lebenslangen Zusammenarbeit, wohl auch die Bekanntschaft mit
Wolpe. Brecht übergibt beiden eine Reihe von Gedichten, in der Hoffnung, die von
Ernst Josef Aufricht produzierte Sendereihe 'We fight back' beliefern zu können.
Zumal die von Dessau vertonten beziehen sich deutlich auf den Krieg an der
Ostfront, in dem sich seit Stalingrad eine Wende abzuzeichnen beginnt. Brechts
Hoffnung erfüllt sich nicht. Dessaus Lied einer deutschen Mutter wird
zwar am 16. April 1943 von Lotte Lenya für das Office of War Information
eingespielt, gesendet indes keines. Nach seiner Rückkehr nach Santa Monica
reicht er die vier an Dessau übergebenen Gedichte (mit einer Textvariante) auch
an Eisler weiter, der sie rasch und - wie Brecht am 9. Juni in seinem
Arbeitsjournal notiert - "sehr schön" vertont. Auch Eislers
Kompositionen, die er später unter dem Titel Vier Lieder für
Kurzwellensendungen nach Deutschland zusammenfasst, werden nicht
ausgestrahlt[61].
Wolpes letzte Revision
am Battle Piece fällt in das Jahr 1947. Im gleichen und letzten Jahr
ihres USA-Exils schließen auch Dessau das Deutsche Miserere und Eisler
(vorläufig) die Deutsche Sinfonie ab. Aber allein die Uraufführung von
Wolpes Battle Piece erfolgt recht bald, in den USA freilich, deren
Staatsbürger der Komponist seit 1945 geworden ist. Doch nicht nur geographisch
bleibt Wolpe der "Outsider im besten Sinne", als den ihn Adorno 1940
bezeichnete[62].
Auch bei den Darmstädter Ferienkursen, an denen er um 1960 mehrere Jahre als
Dozent teilnimmt, steht er jenseits der Strömung, und bei den ehemaligen
Genossen von der 'Truppe 31' wird das Wiedersehen im Jahre 1957 zum
Aufeinandertreffen gegenseitiger Fassungslosigkeit: für den Komponisten bei den
Reaktionen der alten Truppenmitglieder auf seine Musik, die er ihnen auf Platte
vorspielt, für die Ehemaligen beim Versuch, die alten Zeiten singend zu erinnern
- Wolpe indes hat seine eigenen Lieder 'vergessen'[63].
Die beiden 'Heimkehrer'
Eisler[64]
und Dessau geraten 1950/51 in den Sog neuerlicher kulturpolitischer
Auseinandersetzungen, die aus dem verkrusteten Verhältnis der SED und ihrer
parteilinienförmigen Vertreter zum 'kulturellen Erbe' resultieren — ersterer mit
seinem Textbuch zur projektierten Oper Johann Faustus, letzterer mit
seiner und Brechts Oper Das Verhör, später Die Verurteilung des
Lukullus[65].
Auch die Aufführungen der Werke, die sie aus dem Exil mitgebracht haben, lassen
auf sich warten. "Man spielt Rachmaninow, aber nicht Eisler"[66].
Ein kleines Wunder fast, dass beide die Uraufführung ihrer dezidiert "deutschen"
Großwerke, deren inhaltliche Verstrebungen und Verkopplungen bis in eine
identische Textwahl reichen, noch erleben - in der DDR zumindest[67].
All das ist Hans Hauska,
von dem lange nicht die Rede war, nicht vergönnt. Mit Kriegsende beginnt er -
zunächst in Ulm, ab 1948 in Wien, wo er Arbeit als Notenklischeezeichner bei der
Universal-Edition findet - einen langjährigen Kampf um seine Rehabilitierung,
innerhalb der Partei natürlich, denn wie viele seiner Leidensgenossen nach ihrer
teilweise jahrzehntelangen Haft steht auch Hauska weiterhin auf dem "Standpunkt,
daß die Sowjet-Union eigentlich das größte Interesse daran haben müßte, auch in
diesen Dingen Ordnung und Klarheit zu schaffen"[68].
Anfang 1958 erfolgt tatsächlich die Rehabilitierung[69].
Zur gleichen Zeit holt der kurz zuvor nach 18 Jahren Sibirien zurückgekehrte
Helmut Damerius seinen alten 'Kolonne Links'-Genossen nach Berlin und bringt ihn
in der Musikabteilung der Deutschen Konzert- und Gastspieldirektion unter. Als
Zuchthäusler und Zwangsarbeiter hat Hauska keine komponierten Erinnerungen im
Gepäck und in den Wiener Nachkriegsjahren keine "Ehrgeize" mehr verspürt, auf
seine Musik "neugierig" zu machen: "Das wurde im Jahre 1937 restlos und
gründlich zerschlagen"[70].
In Berlin nun darf er seine alten Kampflieder rekonstruieren und in den
Schubladen und Fächern des Arbeiterliedarchivs ablegen, als sei die Geschichte
durch derart erinnerte Kompositionen abgegolten.
[1] Leonhard
Frank: Links wo das Herz ist, München ²1982, S. 128.
[2] Zit. n. Marta
Mierendorff: Anpassungsverweigerung. Das Exilwerk Leonhard Franks; in: Die
deutsche Exilliteratur 1933-1945, hg. v. Manfred Durzak, Stuttgart 1973, S.
473.
[3] Cf. hierzu
etwa die Umfrage "Was ist heute noch links?" in: Konkret 10/1997, S.
12-21.
[4] Und in diesen
Jahren vor 1933 wurde übrigens auch der Deutsche Wolpe von seinen Genossinnen
und Genossen bei der 'Truppe 31' für einen Österreicher gehalten, was darauf
zurückzuführen sein mag, dass Wolpe sich - so sein Schüler Peter Jona Korn -
"durch seine österreichische Mutter immer als halber Wiener fühlte" (Peter Jona
Korn: Ernst Toch und seine Freunde - die österreichischen Komponisten im
kalifornischen Exil; in: Beiträge '90. Österreichische Musiker im Exil,
Kolloquium 1988, hg. v. d. Österreichischen Gesellschaft für Musik, Kassel o.J.
[1990], S. 137).
[5] Cf.
Hans-Michael Bocks Filmografie in: Paul Dessau (= FilmMaterialien
6), hg. v. Hans-Michael Bock u. Wolfgang Jacobsen, Hamburg u. Berlin 1994, S.
32ff. Der Bergfilm ist übrigens ein typisch deutsches Genre, das - in der
Weimarer Republik vom einstigen Geologen Arnold Fanck gleichsam monopolistisch
verwaltet - in die technisch auf hohem Niveau gearbeiteten Aufnahmen von
Schönheit und Schrecken der Hochgebirgswelt die Botschaft eines "heroischen
Idealismus" einlässt und seine "Pro-Nazitendenzen" im "majestätischen Spiel der
Wolken" 'verbirgt' (Siegfried Kracauer: Von Caligari zu Hitler. Eine
psychologische Geschichte des deutschen Films, Frankfurt/M. ²1993, S.
120/271).
[6] Hanns Eisler:
Musik und Politik. Schriften 1924-1948, Textkritische Ausgabe v. Günter
Mayer, Leipzig 1973, S. 91.
[7] Stefan Wolpe:
Brief an die Kollegen v. 12. 9.1938, Jerusalem 1938 (unveröffentl.
Typoskript), S. 6.
[8] Genaueres zu
Biographie und musikalischer Arbeit Wolpes vor 1933 cf. Thomas Phleps: Stefan
Wolpe - Eine Einführung; in: Stefan Wolpe. Lieder mit Klavierbegleitung
1929-1933, hg. u. eingeleitet v. Thomas Phleps, Hamburg 1993, S. 1-45.
[9] Cf. Ernst
Hermann Meyer: Kontraste Konflikte. Erinnerungen Gespräche Kommentare,
hg. v. Dietrich Brennecke u. Mathias Hansen, Berlin 1979, S. 111.
[10] Cf. Christine
Kanzler: Vom Kulturrevolutionär zum "Volksfeind". Hans Hauska und die "Kolonne
Links"; in: Die Betrogenen. Österreicher als Opfer stalinistischen Terrors in
der Sowjetunion, hg. v. Hans Schafranek, Wien 1991, S. 48f.
[11] Ludwig
Hofmann u. Daniel Hoffmann-Ostwald: Deutsches Arbeitertheater 1918-1933.
1. Bd., Berlin ³1977, S.261.
[12] Zum
Ausschluss der Rechten cf. Hermann Weber: Die Wandlung des deutschen
Kommunismus. Die Stalinisierung der KPD in der Weimarer Republik, Gekürzte
Studienausgabe, Frankfurt/M. 1969, S. 186-223. Auslöser des massenhaften
Ausschlusses war die Gründung der KPO am 29.12.1928, die von der KPD als "Clique
größenwahnsinniger Konterrevolutionäre" und "Helfer des Sozialfaschismus"
bezeichnet und bis hin zu gewalttätigen Ausschreitungen bekämpft wurde (cf. ib.,
S. 221).
Ob Hauska tatsächlich - wenn auch nur für kurze Zeit - bei den 'Roten Raketen' mitarbeitete, bleibt fraglich. Laut Hoffmann-Ostwalt spielte hier durchgängig der Musikstudent Emil Futran, der "fast alle Lieder der Truppe komponierte" und bei der Spaltung zu der Gruppe zählte, "die sich einer revisionistischen Gruppierung anschloß und unter Mißbrauch des in der Arbeiterklasse so beliebten Namens 'Rote Raketen' im Fahrwasser des Klassenverrats trieb" (Daniel Hofmann u. Ursula Behse: Agitprop 1924-1933 (= Kulturelle Traditionen der Arbeiterbewegung, Heft 1), Leipzig 1960, S. 36). Beide Truppen spielten übrigens zunächst unter dem Namen 'Rote Raketen' weiter. Unmittelbar nach dem sogenannten 'Blutmai' 1929 wurde der Rote-Frontkämpfer-Bund verboten und mit ihrer Dachorganistion auch die linientreue Version der 'Roten Raketen'. Die "Agitproptruppe der Brandleristen" soll "unbehelligt" weitergespielt, sich aber aufgrund fehlender Resonanz bald aufgelöst haben (cf. ib. u. Hoffmann/Hoffmann-Ostwald, S. 261). Wenige Wochen nach ihrem Verbot formierten sich die Linientreuen zum 'Sturmtrupp Alarm', der für seine erfolgreiche Agitationsarbeit mit einer Reise durch die Sowjetunion belohnt wurde und bis zur Machtübergabe spielte.
[13] Via
Offener Brief an alle KPD-Mitglieder, mit dem Ruth Fischer ihr "eigenes
politisches Todesurteil" zu unterschreiben hatte (Ruth Fischer, zit. n. Weber,
Die Wandlung, S. 124, Anm. 13).
[14] Cf. Ruth
Fischer u. Arkadij Maslow: Abtrünnig wider Willen. Aus Briefen und
Manuskripten des Exils, hg. v. Peter Lübbe. mit einem Vorwort v. Hermann
Weber hg. v. Peter Lübbe, München 1990, S. 5f.; Ladislaus Singer: Marxisten
im Widerstreit. Sechs Porträts, Stuttgart-Degerloch 1979, S. 87ff.;
Weber, Die Wandlung, S. 53-185.
[15] Cf. Weber,
Die Wandlung, S. 222.
[16] Zur
Geschichte der 'Kolonne Links' cf. vor allem der Erlebnisbericht ihres Leiters
Helmut Damerius: Über zehn Meere zum Mittelpunkt der Welt, Berlin 1977.
[17] Unter
Berufung auf diese Verordnung vom 28.3.1931 verfügte der sozialdemokratische
Polizeipräsident von Berlin, Grzesinski, am 2.4.1931 einen Geheimerlass, der
"Versammlungen, in denen Agitproptruppen auftreten", verbot bzw. "ihr Auftreten
verhinder[n]" sollte (zit. n. Hans-Jürgen Grune: Dein Auftritt, Genosse! Das
Agitproptheater - eine proletarische Massenbewegung; in: Wem gehört die Welt
- Kunst und Gesellschaft in der Weimarer Republik, hg. v. d. Neuen
Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlin 41977, S. 459).
[18] Auch Eisler
war übrigens ab 1930 jährlich mindestens einmal für einige Wochen (und immer auf
Einladung) in der Sowjetunion, zuletzt im Mai 1932 zu filmmusikalischen Arbeiten
und im Herbst 1932 anlässlich der Gründung des Internationalen Musikbüros (IMB),
in dessen Vorstand er gewählt wurde.
[19] Zit. n. Horst
Duhnke: Die KPD von 1933-1945, Wien 1974, S. 85.
[20] Näheres
hierzu cf. Thomas Phleps: Hanns Eislers 'Deutsche Sinfonie'. Ein Beitrag zur
Ästhetik des Widerstands, Kassel 1988, S. 28ff.
[21] Paul Dessau:
Aus Gesprächen. Erschienen anlässlich des 80. Geburtstages von Paul
Dessau, Redaktion: Bernd u. Peter Paschnicke, Leipzig 1974, S. 18.
[22] Cf. Wolf
Biermann: Spaanjenshimml, Links-zwo-drei! Juden im Widerstand: Antifaschistische
Lieder zum Spanischen Bürgerkrieg; in: Ders., Der Sturz des Dädalus, Köln
1992, S. 42ff.; und dazu Thomas Phleps: Paul Dessau: Guernica - Musik im Exil;
in: Paul Dessau: Von Geschichte gezeichnet. Symposion Paul Dessau Hamburg
1994, hg. v. Klaus Angermann., Hofheim 1995, S. 76ff.
[23] Biermann, S.
43.
[24] Biermann, S.
45.
[25] Ein Plan, der
1936 auch aufgrund organisatorischer Probleme endgültig aufgegeben wird; cf.
Klaus Angermann: Und im nächsten Jahr frei; in: Programmheft Paul Dessau,
hg. v. Klaus Angermann u. Bettina Fellinger, Hamburg 1994, S. 22.
[26] Cf. Stefan
Wolpe: 2. Referat gehalten vor dem Plenum der Musikkommission des
Weltzentrums. September 1938, Jerusalem 1938d (unveröffentl. Typoskript), S.
2.
[27] Cf. Stefan
Wolpe: Referat Nr.1, gehalten in der ersten Sitzung des Weltzentrums für
jüdische Musik in Jerusalem, August 1938, Jerusalem 1938 (unveröffentl.
Typoskript), S. 5f.
[28] Wolpe, 2.
Referat, S. 2.
[29] Wolpe, 2.
Referat, S. 1.
[30] Stefan Wolpe:
Notiz über die musikalische Situation, Jerusalem 1938 (unveröffentl.
Typoskript).
[31] Wolpe,
Brief an die Kollegen, S. 3.
[32]
Höchstwahrscheinlich
seine 1937 vorgenommene Bearbeitung der Passacacaglia (komponiert 1936
als Nr. 4 der Four Studies on Basic Rows) für großes Orchester.
[33] Josef Tal: Der Sohn des
Rabbiners. Ein Weg von Berlin nach Jerusalem, Berlin 1985, S. 197. Eisler
hatte das "Neupolieren einiger Stellen" seines Roten Wedding von Seiten der
Musikabteilung des sowjetischen Staatsverlages übrigens bereits während seines
Moskau-Aufenthaltes im Juni/Juli 1931 erleben müssen und scharf gegen diese
"sehr große musikalische Naivität", in seine Arbeiten "quasi bürokratisch"
einzugreifen, protestiert: "Ich halte es für unbedingt notwendig, diesen
prinzipiell wichtigen Vorfall in dem breitesten Maße vor der Arbeiterschaft zu
diskutieren" - was nicht geschah, zumal Eislers emotional aufgeladene Erklärung
für den Gozizdat-Muzsektor mit ziemlicher Sicherheit nicht abgesandt wurde (cf.
Eisler, Musik und Politik, S. 116f.).
[34] Trotz dieses
erfolgreichen Auftritts mit der 'Truppe 31' - "Da hat er wieder den Saal
hochgebracht am Klavier", so Inge von Wangenheim in einem Interview am 8.2.1992
mit dem Verf. - und der Chance, in der Sowjetunion musikalisch zu arbeiten - ihm
wird eine Dirigentenstelle in Kiew angeboten, Sergej Tretjakow will mit ihm eine
Oper schreiben -, kehrt Wolpe Mitte August nach Zürich zurück (cf. hierzu und zu
den weiteren Stationen Wien und Bukarest Phleps, Stefan Wolpe, S. 35f.).
[35] Die
Theaterprojekte deutscher Exilierter sind vielerorts aufgearbeitet. Alle
Darstellungen, auch die der Rolle Hauskas bei diesen Projekten (cf. Kanzler, S.
56ff.), fußen allerdings auf ein und demselben, von Peter Diezel in mehreren
Arbeiten entfalteten und gewerteten Quellenmaterial (cf. etwa Peter Diezel:
Exiltheater in der Sowjetunion 1932-1937, Berlin 1978, und Klaus Jarmatz,
Simone Barck u. Peter Diezel: Exil in der UdSSR, Frankfurt/M 1979, S.
281-325).
[36] Zit. n.
Diezel, S.60.
[37] Cf. Kanzler,
S. 56ff. u. 71, Anm. 25; Georg Lukács, Johannes R. Becher, Friedrich Wolf u.a.:
Die Säuberung. Moskau 1936: Stenogramm einer geschlossenen
Parteiversammlung, hg. v. Reinhard Müller, Reinbek 1991, S. 543.
[38] Cf. Helmut
Damerius: Unter falscher Anschuldigung. 18 Jahre in Taiga und Steppe,
Berlin u. Weimar 1990.
[39] Cf. Kanzler,
S. 60; Hermann Weber: "Weiße Flecken" in der Geschichte. Die KPD-Opfer der
Stalinschen Säuberungen und ihre Rehabilitierung, Frankfurt/M 1989, S. 86ff.
Neben den fünf genannten wird laut Kanzler (S. 60) auch - als der sechste im
Bunde - Hans Klering verhaftet, der 1946 zu den Gründern der DEFA zählt und
übrigens als ehemaliger Grafiker auch ihr Emblem entwirft. Von den 1932 in
Moskau hinzugekommenen 'Kolonne Links'-Mitgliedern wird nachweislich Max Mielke
1938 verhaftet (seitdem verschollen), laut Kanzler (ib.) auch Albert Wolff. Von
der Berliner 'Kolonne Links' wiederum wird Max (Samuel) Katzenellenbogen, nach
seiner Gestapo-Haft nach Moskau geflüchtet, 1937 verhaftet (seitdem
verschollen).
Hauska wird
in einem der Verhöre mitgeteilt, dass seine Verhaftung aufgrund einer Anzeige
Gustav von Wangenheims erfolgt sei (cf. Kanzler, S.61). Wangenheim hat später
den Vorwurf der Denunziation Hauskas und weiterer Personen (cf. Hauskas Brief an
Wangenheim v. 18.3.1946 in ib., S. 65) vehement abgestritten, was zumindest
angesichts seines Verhaltens in den geschlossenen Parteiversammlungen der
Exilschriftsteller angezweifelt werden kann. Hier sind seine Beiträge bereits
Mitte 1936 durchsetzt mit der parteilinienförmigen Nachverurteilung der grundlos
Verurteilten (cf. Lukács u.a., S. 390ff.), darunter auch des 'Kolonne
Links'-Mitglieds Walter Rauschenbach, der nach 1933 hinzugestoßen ist und 1935,
während der Dreharbeiten zu Wangenheims Kämpfer - er fungiert als
Assistent - verhaftet wird. Wangenheim stilisiert diese vermeintliche Tatsache,
ahnungslos einen Konterrevolutionär beschäftigt zu haben, zur persönlichen
Beleidigung, zumal er es gewesen sei, der die 'Kolonne Links', "die verlumpt
war, die verkleinbürgerlicht war", durch die Integration in seine Theaterarbeit
auf Vordermann gebracht habe (ib., S. 407).
[40] Die
Ausweisungspraxis zwischen UdSSR und Nazideutschland ab 1937 und die Schicksale
der zahlreichen Betroffenen sind jüngst mit großer Sorgfalt von Hans Schafranek
(Zwischen NKWD und Gestapo. Die Auslieferung deutscher und österreichischer
Antifaschisten aus der Sowjetunion an Nazideutschland 1937-1941,
Frankfurt/M. 1990) aufgearbeitet worden. Die Strategien bleiben weiterhin
undurchschaubar: Hans Drach bspw., dessen Sing- und Tanzspiel Wo ist
Emilie? Hauska 1935 für das 'Deutsche Gebietstheater Dnepropetrowsk' vertont
hat und der bereits ein Jahr zuvor - am 26.12.1936 - verhaftet worden ist, wird
erst vier Jahre später und nach Inkrafttreten des Hitler-Stalin-Paktes am
5.12.1940 an die Nazis ausgeliefert.
[41] Brief Hans
Hauskas an Curt Trepte vom 4.12.1938, zit. n. Kanzler, S. 62.
[42] Silones
Brief nach Moskau vom 30.8.1936 zit. n. Ignazio Silone zum 75.
Geburtstag (= europäische ideen, Heft 9), hg. v. Andreas W. Mytze,
Berlin 1975, S. 37ff.
[43] Eine
Unterschlagung, die übrigens in der (in den 1950ern erschienenen) zehnbändigen
Eisler-Ausgabe Lieder und Kantaten ihre Fortsetzung findet. Auch hier
taucht Silones Name nicht auf, ja sind zwei der Silone-Kantaten Brecht
zugeschrieben.
[44] Ignazio
Silone: Brot und Wein, Zürich 1936, S. 189; zum Komplex Eisler-Silone cf.
eingehender Thomas Phleps: "... ich kann mir gar nicht vorstellen etwas
Schöneres" - Der Exilant Hanns Eisler; in: Musik und Musiker im Exil. Folgen
des Nazismus für die internationale Musikkultur, hg. v. Hanns-Werner
Heister, Claudia Maurer-Zenck u. Peter Petersen, Frankfurt/M 1993, S. 479ff.
[45] Wolpe,
Brief an die Kollegen, S. 3.
[46] Eisler,
Musik und Politik, S.434. Die beiden Aufsätze Bloch/Eislers -
'Avantgarde-Kunst und Volksfront' und 'Die Kunst zu erben' - erscheinen in der
Neuen Weltbühne (33. Nr.50, 9.12.1937, S. 1568-1573, und 34. Nr.1,
6.1.1938, S. 13-18; wiederveröffentlicht in Eisler, Musik und Politik, S.
397-403 und 406-411).
[47] Der Film ist
- so Albrecht Betz (Hanns Eisler. Musik einer Zeit, die sich eben bildet,
München 1976, S. 149) - "im Sommer 1939 auf der New Yorker Weltausstellung die
große Attraktion in der Halle der Combined Petroleum Exhibits".
[48] Cf. Jürgen
Schebera: Hanns Eisler im USA-Exil. Zu den politischen, ästhetischen und
kompositorischen Positionen des Komponisten 1938 bis 1948, Meisenheim am
Glan 1978, S. 71ff.
[49]
Zit
n. Austin Clarkson: Wolpe in New York; in: Stefan Wolpe.
Von Berlin
nach New York, hg. v. WDR,
Köln 1988, S. 123.
[50] Peter
Petersen: In Paris begonnen, in New York vollendet, in Berlin verlegt. "Les
Voix" von Paul Dessau; in: Musik und Musiker im Exil. Folgen des Nazismus für
die internationale Musikkultur, hg. v. Hanns-Werner Heister, Claudia
Maurer-Zenck u. Peter Petersen, Frankfurt/M. 1993, S. 447.
[51]
Cf.
ib. S. 450ff. Das Wort geht
- laut Dessau, Aus Gesprächen, S.131 - auf Schönberg zurück, der "immer" gesagt
haben soll: "'Wenn man eine große Arbeit vorhat, muß man zuvor seinen
Schutzgeist anrufen.' Er liebte seinen Bach, seinen 'Schutzgeist', und er konnte
es sich leisten, ihn anzurufen".
[52] Cf. Phleps,
Hanns Eislers "Deutsche Sinfonie", passim, und "... ich kann mir gar
nicht vorstellen...", S. 492ff.
[53] Und der
Quittung, die Eisler aufgrund seiner Missachtung der Parteiräson erhielt. Er
wurde - so Lou Eisler-Fischer, seine damalige Ehefrau (in Betz, S. 152f.) - zwei
Jahre lang von allen linientreuen Genossen weisungsgemäß gemieden.
[54] Hanns Eisler:
Gespräche mit Hans Bunge. Fragen Sie mehr über Brecht, übertragen u.
erläutert v. Hans Bunge, München 1976, S. 16. Gleichzeitig sind die Vierzehn
Arten seine letzte zwölftönige Komposition. Durch den Überfall auf die
Sowjetunion scheint für Eisler mit seiner Vergangenheit als vermeintlicher
Renegat auch die 'große Zukunft' dieser Technik (cf. Eisler, Musik und
Politik, S. 393) bewältigt.
[55] Eisler,
Gespräche, S. 16.
[56] Cf. umfassend
zu Eislers Dritten Sonate für Klavier: Thomas Phleps: "Aus der Heimat
hinter den Blitzen rot..." - Hanns Eislers Dritte Sonate für Klavier; in:
Kompositionen im NS-Exil 1933-1945, hg. v. Friedrich Geiger u. Thomas
Schäfer (= Musik im "Dritten Reich" und im Exil, Bd.4), Hamburg (im Druck).
[57] Aus der
Anfangszeile des etwa gleichzeitig entstandenen Klavierliedes Erinnerung an
Eichendorff und Schumann.
[58] Brief Dessaus
an Erich Itor Kahn v. 27.12.1943, zit. n. Juan Allende-Blin: Erich Itor Kahn;
in: Musik-Konzepte 85: Erich Itor Kahn, hg. v. Heinz-Klaus Metzger u.
Rainer Riehn. München 1994, S. 68.
[59] Brief Dessaus
an Erich Itor Kahn, undatiert (wohl 1946/7), zit. n. Allende-Blin, S.67. Zum
Deutschen Miserere cf. Peter Petersen: Botschaft aus dem Exil. Das
"Deutsche Miserere" von Dessau und Brecht; in: Musikwissenschaft als
Kulturwissenschaft. Festschrift zum 65. Geburtstag von Hans-Peter Reinecke,
hg. v. Klaus-Ernst Behne, Ekkehard Jost, Eberhard Kötter u. Helga de la
Motte-Haber, Regensburg 1991, S. 41-58.
[60] So weist der
langsame Satz - der zweite des siebensätzigen Battle Piece - deutlich auf
Guernica, der in Picassos Bild festgehaltenen Metonymie 'moderner'
Kriegsführung. Ein instruktives Beispiel der unterschiedlichen
Kompositionsstrategien böte übrigens der analytische Vergleich dieses Satzes mit
dem 1938 entstandenen Klavierstück Guernica von Dessau (cf. hierzu
Phleps, Paul Dessau).
[61] Cf. hierzu
(allerdings ohne Wolpe) Albrecht Dümling: Rundfunklieder nach
Hitler-Deutschland. Zum Problem der Mehrfach-Vertonungen Brechtscher Lieder; in:
Paul Dessau: Von Geschichte gezeichnet. Symposion Paul Dessau Hamburg
1994, hg. v. Klaus Angermann, Hofheim 1995, S. 101-116.
Zur
Chronologie: Dessau vertont am 2. April 1943 das Lied einer deutschen
Mutter, am 16. April Deutschland (In Sturmesnacht), danach
Deutsches Miserere und im Mai das Horst Dussel-Lied, Wolpe im
April 1943 die Ballade von den Osseger Witwen, Keiner oder alle
und Der Gottseibeiuns und Eisler Anfang Juni 1943 das Lied einer
deutschen Mutter, Deutschland (In Sturmesnacht), Deutsches
Miserere und den Kälbermarsch, eine Textvariante des Horst
Dussel-Liedes. Deutschland (In Sturmesnacht) komponiert am 5.
Juni 1943, einen Tag nach Eisler, auch Theodor W. Adorno: "Seine Komposition ist
offenbar als direkte Antwort, als eine Art von freundschaftlichem Wettbewerb
gedacht" (Dümling, S. 112).
[62] Cf. Theodor W. Adorno:
Gesammelte Schriften 17. Musikalische Schriften IV, hg. v. Rolf Tiedemann
u. Klaus Schultz, Frankfurt/M. 1984, S. 582.
[63] Cf. Inge von
Wangenheim: Die tickende Bratpfanne. Kunst und Künstler aus meinem
Stundenbuch, Rudolstadt 1982, S. 120f.
[64] Eislers
Rückkehr nach Wien, später Berlin (DDR) erfolgt übrigens durchaus unfreiwillig
nach einer beispiellosen Rufmordkampagne der Schwester Ruth Fischer 1946 und dem
Verhör vor dem 'Committee on Un-American Activities' 1947.
[65] Beide Fälle
kulturpolitischer Reglementierung sind ausgezeichnet dokumentiert in Hans Bunge:
Die Debatte um Hanns Eislers "Johann Faustus". Eine Dokumentation, hg. v.
Brecht-Zentrum Berlin, Berlin 1991, und Joachim Lucchesi (Hg.): Das Verhör in
der Oper. Die Debatte um Brecht/Dessaus "Lukullus" 1951, Berlin 1993.
Während sich Eisler von der Debatte um seinen Johann Faustus bis zum Ende
seines Lebens nicht mehr erholt, scheint Dessau weitgehend unberührt und
avanciert mit seinen rund 120 in der DDR komponierten Werken der verschiedensten
Genres zum vieldekorierten DDR-Komponisten (1953 Nationalpreis der DDR III.
Klasse, 1956 III. Klasse, 1965 und 1974 I. Klasse, außerdem 1964 Vaterländischer
Verdienstorden in Gold und 1969 Karl-Marx-Orden).
[66] Eisler,
Gespräche, S. 190.
[67] Uraufführung
von Eislers Deutscher Sinfonie am 24.4.1959 in Berlin-DDR (BRD: 11.5.1983
in West-Berlin), von Dessaus Deutschem Miserere am 20.9.1966 in Leipzig
(BRD: 1.9.1989 in Hamburg).
[68] Brief Hans
Hauskas an Gustav von Wangenheim v. 18.3.1946, zit. n. Kanzler, S. 65.
[69] Entscheidung
des Militärgerichts des Moskauer Militärbezirks vom 3.3.1958, am 21.2.1962 vom
Obersten Gericht der UdSSR bestätigt; cf. Faksimiles in Kanzler, S. 68f.
[70] Brief Hans Hauskas an seine ehemalige Ehefrau Luisrose Fournes v. 26.4.1953, zit. n. Kanzler, S. 73, Anm. 80.