Thomas Phleps
Stefan Wolpes politische Musik
[Vortrag im Rahmen des 'Stefan Wolpe Festival
& Symposium' der Musikhochschule Freiburg vom 15. bis 18. November 2000]
Wenn ich Ihnen jetzt – wie angekündigt –
von Stefan Wolpes politischer Musik vor 1933 berichten werde, erwarten Sie
sicher – so Sie mit sog. Kampfmusik bereits konfrontiert wurden – erwarten Sie
sicher einige Exemplare der textlich härteren Gangart, bsp. "Greift an die Gurgel des
Bürgerstaats! Wenn im Betriebe der Streikruf erschallt, wird die Idee zur
Gewalt."[1]. Ich werde Sie hier nicht vollends
enttäuschen, auch wenn ich unter der politischen Musik Stefan Wolpes ein wenig
mehr verstehe oder auch nur verstehen will als diese – für die kurze Zeit
zwischen 1929 und 1933 gültige – revolutionäre Kampfmusik, die er eigentlich
nur wie ein zweiter – Hanns Eisler nämlich – zu schreiben (und – so wird
jedenfalls berichtet: zu spielen) verstanden hat.
Beide schreiben in
diesen Jahren eine eingreifende Musik, die sich sowohl die radikalpolitische
Entsorgung sprachlicher Finesse zum Ziel setzt wie auch die radikale Absenz
vermeintlich wohlklingender musikalischer Klischees. Eine Musik, die immense –
wie Eisler es später nannte: "Gestehungskosten" zu tragen hat, die
sozusagen die Mühen der Ebenen, also die Zurücknahmen avancierter musikalischer
(und sprachlicher) Gestaltungsmittel zur Besteigung des Himalaja erklärt.
Doch lassen Sie
mich meinen kurzen Bericht über diese politische Musik Wolpes mit einem (noch
kürzeren) Rückblick des Komponisten selbst aus dem Jahre 1938 beginnen: Ich
habe als Propagandist der Kultur-Front der Arbeiterpartei gearbeitet, bin mit
25 Jahren als ein Scherchenpropagandist, von Stuckenschmidt in allen deutschen
Revuen glänzend kritisierter Radikalist, mit Verträgen von Schott in der Tasche,
überall aufgeführter Musiker von der Arena abgetreten, habe statt
Zwölfton-Symphonien kleine Massenlieder in f-dur zu schreiben gelernt, arbeitete
in Kneipen, ging in die Dörfer mit Theatergruppen, Sängern und Chören, lebte
wie ein wahrhaft besessener Vagabund und Gläubiger, löschte meinen Namen aus,
der Idee und ihrer Verwirklichung meinen Namen opfernd, und umlernend und
lernend: während ich verzichtete, gewann ich.
Sehen wir von einer
etwas schiefen Sicht der Dinge ab, mit der sich Wolpe hier an der vordersten
Front der künstlerischen Avant-Garde Deutschlands verortet – es gab einen
Artikel des Freundes Stuckenschmidt, in dem er durchaus nicht glänzend kritisiert,
sondern als "Sondererscheinung" abgehandelt wurde, als
"ungewöhnliches Talent, das der Reife harr[e]", und es gab keinen
Vertrag mit Schott und ebenfalls keine (jedenfalls keine uns bekannten) Zwölfton-Symphonien
–, sehen wir also davon ab, so sind Wolpes Worte aufs Trefflichste gewählt,
wenn er von den neuen Lebens- und Arbeitsformen spricht, denen er als wahrhaft
Besessener seinen Namen opfert, ohne sich selbst zu verlieren.
Eine zweijährige
Karenzzeit ist indes nötig, bis sich der professionelle Maximalist Wolpe
nach einem vielschichtigen Lernprozeß mit seiner Person und kompositorischen
Energie in die Kulturarbeit der kommunistischen Bewegung einbindet. 1929 setzt
dieser Prozeß der Umorientierung ein, bezeichnenderweise im Mai. In diesem
Berliner 'Blutmai' 1929 vertont Wolpe Majakowskys Decret No. 2 – An die
Armee der Künstler. Eine Vertonung, die kompositionstechnisch auf der in
den Jahren zuvor entwickelten vollchromatischen Schreibweise basiert – d.h. es
werden (in
diesem Falle insgesamt 106 mitunter nicht vollständige) Zwölftonreservoires
aneinandergereiht – und den Kompositionsverlauf auf die harmonisch-rhythmische
Ausgangskonstellation bezieht – in diesem Falle zwei Klänge[2], verbunden durch
einen unregelmäßig repetierten Ton (e) und rhythmisch mit der Singstimme
korrespondierend:
Nbsp.: Decret No. 2 – An die Armee der Künstler,
T. 1
(T Wladimir Majakowski, 1918; M Stefan
Wolpe, Mai 1929)

Die Ausdrucksgehalte aber dieser Musik
beginnen sich bereits umzuorientieren – angestoßen nicht zuletzt vom
verächtlich auf die dicken Baritone, die gedankenstumpfen Lyriker
und Kulturvermieter blickenden Majakowsky-Text[3]:
Hörbeispiel 1: Decret
No. 2 – An die Armee der Künstler
Euch
–
Ihr
dicken Baritone,
die
[Ihr] im Prunke der fetten Bäuche
von
Adam
bis
auf unsre Zeit
in
den Theater genannten Spelunken
die
Romeo-Arien singt.
Euch
–
Dichter,
verpestete
Rußlands Blüte,
verfressener,
versoffener Lyrik-Betrieb,
die
Ihr wie früher singt vom Gemüte,
von
Blümelein und Weiberlieb.
Euch
–
mit
Feigenblättern bedeckte Mystikerchen,
deren
Hirnchen gedankenstumpf,
Klassizistikerchen,
Expressionistikerchen,
Futuristikerchen,
verlaust
im lyrischen Sumpf.
Euch
–
die
Ihr vertauscht
mit
der Arbeitermütze den glatten Zylinder,
mit
den Bauernschuhen den Nägellack,
proletarische
Kulturvermieter,
die
Ihr die Löcher stopft
im
alten klassischen Frack.
Euch
sage ich –
egal,
ob
genial oder nicht genial,
der
ich mich nach der Zukunft reck'.
Ich
sage Euch –
bis
man Euch nicht mit Flinten hinausbefahl:
Weg!
Weg,
weg, weg
mit
den Reimen,
mit
den Arien,
mit
dem Rosenstrauß
und
der Nachtigall
und
mit all dem übrigen Schunde
aus
dem lumpigen Kunst-Arsenal!
Wen
interessiert es,
wie
er liebte
und
er sich dabei quälte?
Wir
brauchen Meister
und
keine Schwärme von Langhaarigen,
von
Zartbesaiteten.
Höret!
Die
Lokomotiven
mit
hohlen Stimmen stöhnen schwer:
Gebt
uns Kohlen!
Schlosser!
Mechaniker
her!
Auf
den Bäuchen liegend,
von
Fäule verzehrt wie eine seuchige Kuh,
in
den Häfen die Schiffe heulen:
Gebt
uns Naphta aus Baku!
Wir
suchen den enormen Sinn
in
dem Reimeschwall,
gebt
uns neue Formen –
brüllen
die Dinge all.
Kein
Idiot steht mehr im dichterischen Dunst
vor
dem Maestro im heiligen Schreck.
Kameraden!
Gebt
eine neue Kunst uns,
dass
wir
die Republik reißen aus dem Dreck!
Die musiksprachliche Gestaltung dieser radikalen
Abrechnung mit der bürgerlichen Kunst, dem lumpigen Kunstarsenal, wie es
im Text heißt, folgt zwar konsequent dem Textverlauf, bezieht aber eindeutig
Stellung: So steigt der zweite Teil, dem Weg, weg, weg mit den Reimen
[..] und der Nachtigall und all dem übrigen Schunde inhaltlich folgend,
mit dem Krebs des Einstiegsmotivs ein, jetzt vom Klavier in unkompliziert
hüpfender Rhythmisierung unterstützt. Diese kompromißlose Realistik der
Begleitung wird im dritten Teil programmatisch gesteigert. Die schwer
nach Kohlen stöhnenden Lokomotiven dampfen unerbittlich in extremer Tiefe,
die von den Dingen geforderten neuen Formen absorbieren die
subtile rhythmische Gestaltung der Gegenwelt und exponieren in kruden Vierteln
das zwölftönige Material. Kein Idiot steht mehr im dichterischen Dunst / vor
dem Maëstro im heiligen Schreck. / Kameraden! / Gebt eine neue Kunst uns
. . .
Und Wolpe, von der Emsigkeit
eines inzüchtigen Musikbetriebes wohl ähnlich angewidert wie Eisler, begibt
sich 1929 auf die Suche nach neuen Arbeitsfeldern. Am Theater und in linken
Kabaretts findet und erprobt er erstmals die Möglichkeit, "angewandte"
Musik zu schreiben. Ende 1930 schließlich kann er in seinem Tagebuch die
ersten Sinngebungen Wolpescher Musik melden:
Mit der
endgültigen Erledigung der Geschichten, Zeus, Anna Blume – es sind dies seine
drei sehr unterschiedlichen, aber allesamt großartigen Opern aus den Jahren
1927-29 –, mit ihrer Erledigung also ist wirklich ein Stück jungen
Leidenseins, der Verwirrbarkeit der Sinne, schöpferischen Erfahrens, des
Halb-Tuns, die Musik der oberflächlichen Eingebungen vergangen.
Wolpe arbeitet in
dieser Zeit eng mit dem Wiener Schauspieler Franz Bönsch zusammen. Als Duo
treten sie ein- bis zweimal wöchentlich zumeist im Karl-Liebknecht-Haus, der
Berliner Zentrale der KPD, bei Veranstaltungen kommunistischer Organisationen
auf, erreichen aber nicht annähernd die Popularität des Paares Ernst Busch und
Hanns Eisler. In den Liedern und Balladen, die Wolpe um 1930 schreibt, ist die
formale Anlage durchaus noch im Kabarett zuhause, aber ihre
stofflich-inhaltliche Disposition weist bereits über die Sphäre des
ironisierenden bourgeoisen Amusements hinaus[4].
Hörbeispiel 2: Freches Liedchen (T Ludwig Renn; M
Stefan Wolpe, 1931)
Schweine
haben Ställe,
und
in unsrer Republik
gibt
es auch noch Fälle,
wo
das Schwein hat dieses Glück,
daß
es in der halben Zeit –
nur
durch gutes Mästen
fett
wird und auch schlachtbereit.
Auch
der Mensch braucht Ställe.
Doch
in unsrer Republik
muß
er von der Schwelle,
wenn
er aus der Arbeit fliegt.
Dauernd
fällt ihm sein Gewicht –
denn
für Arbeitslose
dient
die Mästungstechnik nicht.
Reiche
haben Ställe,
und
sie mästen sich auch fein.
Bis
auf wen'ge Fälle
müssen
alle schlachtreif sein.
Doch
in unsrer Republik –
darf
man das nicht sagen,
denn
sie wollen ihr Genick –
noch
ein wenig tragen.
Freches Liedchen ist diese
Liedkomposition Wolpes betitelt, geschrieben 1931 für seinen Duo-Partner Franz
Bönsch. Über die Frechheit der Musik ließe sich streiten – ganz so harmlos, wie
sie daherzukommen scheint, ist sie mit ihrem harmonischen Verwechselspiel (bspw.
durch Tritonusgegenklänge) allerdings nicht. Der in der Tat freche Text stammt
von Ludwig Renn, mit dem Wolpe zur gleichen Zeit an dem Tanzdrama Passion
eines Menschen arbeitet, einer optimistischen Tragödie, in der nach der Hinrichtung
eines zu Unrecht als politischer Mörder verurteilten Arbeiters - laut Programmblatt
- "das Gericht zum Proteststurm" wird. Die Geschichte geht auf
Frans Masereels gleichnamige Holzschnittfolge zurück, die wie kaum ein anderes
Werk der bildenden Kunst in der Arbeiterbewegung eine große Wirkung erzielt
hat.
Initiator und
treibende Kraft dieses über Monate sich hinziehenden Projekts ist Hans Weidt,
genannt der "rote Tänzer". Allen Beteiligten ist klar, daß sie für
ihre Arbeit kein Geld kriegen, und vor allem den 45 Mitgliedern von Weidts
Tanzgruppe wird viel abverlangt. Die Laientänzer, die auch singen und als
Sprechchor fungieren müssen, sind nicht nur größtenteils Anfänger, sondern auch
aufgrund ihrer Erwerbslosigkeit häufig so mangelhaft ernährt, daß sie die
harten Tanzproben physisch nicht durchstehen. Eine Katastrophe kündigt sich
schließlich auf der einzigen Bühnenprobe an, die aus Geldnot erst am Morgen vor
der Premiere abgehalten werden kann. Das vom Arbeiter-Theater-Bund gestellte
Laienorchester produziert, so erinnert sich Weidt, "ein höllisches Konzert
voll schriller Dissonanzen, so daß die Tanzgruppe hilflos auf der Bühne"
steht und weder beim Tanz noch beim Gesang weiß, wo einzusetzen. Um die
Aufführung vor ausverkauftem Haus am 15. November 1931 im Deutschen Künstlertheater
zu retten, wird auf zwei Flügeln musiziert und trotz weiterer kleiner Pannen
zündet das Stück. Aber es bleibt - nach Monaten harter Arbeit - bei dieser
einen Aufführung. Vielleicht auch, weil die Kritik durchweg vernichtend ist.
Selbst in der 'Roten Fahne', dem eigenen Zentralorgan, spricht Durus von einer
"Jeremiade mit revolutionärer Maskierung, einer hinterwäldlerischen
Tanzphantasie, die mit proletarisch-revolutionärer Kunst nichts zu tun gehabt
habe außer der wirklich vorzüglichen, unsentimental-harten Musik von Stefan
Wolpe".
Leider muß ebenso
wie die arg gescholtene Textvorlage auch die hochgelobte Musik bis auf einige
Ausnahmen als verloren gelten. Erhalten ist ein Trauermarsch, den Wolpe 1936
zusammen mit weiteren Märschen in der Pariser Editions 'Pro Musica' unter dem
Titel Cinq Marches Caracteristiques pour le piano als sein op. 10
veröffentlicht und der einen Einblick in die unsentimentale Härte der Musik zur
Passion eines Menschen gewährt. Es weht ein anderer Wind als in den
bekannten Trauermärschen Beethovens oder Chopins. Die vom Forte allein nach
oben offene Dynamik widersetzt sich jeglichem Tröstend-Besänftigenden, die
leeren Quint-Quart-Klänge evozieren keine dumpfe Niedergeschlagenheit. Trauer
ist hier eine mit zusammengebissenen Zähnen und erhobener Faust.
Hörbeispiel 3: Trauermarsch aus
der Passion eines Menschen (Stefan Wolpe, 1931)
Als Auftragskomposition für den Tag des
Internationalen Arbeitertheaters am 15. Februar 1931 schreibt Wolpe sein Lied
des IATB, des Internationalen Arbeiter-Theater-Bundes. Nach einem Bericht
von Herbert Kleye, der mit seiner Agitproptruppe 'Die Junge Garde' an der
Veranstaltung beteiligt ist, sind bei den Parallelveranstaltungen im
Wallner-Theater und in den Pharus-Sälen am Wedding alle 25 Berliner
Agitprop-Truppen beteiligt: "Genossen, die ein Musikinstrument spielten,
wurden zu einem Orchester zusammengefaßt, das sogleich mit dem Einüben des
'IATB-Liedes' und anderer Kampflieder begann [...] Als alles so einigermaßen
klappte, wurden die Truppen zu einer Nachtprobe in das Wallner-Theater
zusammengerufen [...] Zuerst wurde der Aufmarsch geprobt. Auf ein Signal
marschierten die Truppen mit dem Gesang des IATB-Liedes, das Fritz Gumbel gedichtet
und Stefan Wolpe vertont hatte, zur Bühne" (Hoffmann-Ostwald 1963, 66f.).
Für Wolpe stellt
sich die Arbeit mit den Agitproptruppen indes keineswegs so unproblematisch
dar, wie Kleyes Bericht vermittelt: Zum Beispiel – schreibt er in sein
Tagebuch –, zum Beispiel war bei den Proben mit allen Agitproptruppen beim
IATBLied zu beobachten wie leidenschaftlich gern die melodische Bewegung
(Gruppe) fixiert werden wollte zur mechanischen Stereotype - es wäre frech zu
sagen, daß diese dem melodischen Bedürfnis des Proletariats entspräche. Sie ist
der Beweis einer vollkommen falschen Beeinflussung durch die 'Arme Leute' Musik
der Bourgeoisie[5].
Was Wolpe hier als
Problem anspricht, ohne es freilich den proletarischen Amateurmusikern
anzulasten, ist für uns Heutige nur bedingt nachvollziehbar. Das Schöne ist
zwar, daß wir Wolpes Entwicklung zum Kampfmusik-Komponisten am erhaltenen
Notenmaterial recht deutlich rekonstruieren können. Das Schlechte aber ist –:
Wir können diese Entwicklung und die damit verbundenen Probleme nicht in
Hörbeispielen dokumentieren. Um diese zumindest für den hörenden Nachvollzug
anzudeuten, muß ich einen kleinen Umweg wählen.
Im Zusammenhang mit
seinem Lied des IATB wird Wolpe in der gesamten Arbeiterpresse erstmals
– und zudem lobend – erwähnt: "Die Musik des IATB-Liedes [sei] das
wertvolle Werk eines neuen revolutionären Komponisten", heißt es in der Roten
Fahne (vom 17.2.1931). Das Lied ist allerdings so verbreitet nicht, den
noch einige Monate später fungiert mancherorts in den Reihen des
Internationalen Arbeitertheaterbundes ein äußerst bekanntes Eisler-Kampflied
als Bundeslied – mit Hilfe der althergebrachten Umsingpraxis und dem
weitgehenden Verzicht auf korrekte Wortbetonungen. "Links, links, links,
der IATB marschiert" heißt es dort, im Original aber, entstanden als
Reaktion auf den bereits erwähnten 'Blutmai' 1929 und eingespielt von der
Berliner Agitprop-Truppe 'Der rote Wedding' und Eisler selbst am Klavier hört
es sich so an:
Hörbeispiel 4: Der Rote Wedding (T
Erich Weinert; M Hanns Eisler, 1929)
[O-Aufnahme 1929, wiederveröffentlicht
auf der LP Vorwärts und nicht vergessen – Musik der
Arbeiterbewegung in Dokumentaraufnahmen, Eterna 810052]
Ich
glaube, daß das, was Wolpe als "melodisches
Bedürfnis" problematisiert hat, hier bis hin zu der auffallenden
Überdehnung des 4/4-Taktes bei "drüüü-ben am Horizont" (übrigens und
die Problematisierung stützend in allen 3 Strophen) deutlich geworden ist[6].
Es bleibt übrigens
ein Rätsel, warum Hanns Eisler lebenslang - zumindest öffentlich - keinerlei
Notiz von Wolpe nimmt, dem – neben ihm – ohne Zweifel produktivsten und
profiliertesten Arbeitermusikkomponisten der letzten Jahre der Weimarer Republik.
Gewisse Antipathien können hier nicht ausgeschlossen werden. Wolpe jedenfalls
befindet Anfang 1931 über Eislers Musik zur Maßnahme, sie sei langweilig,
breiern – der diatonische Leierkasten der Revolution. Zumindest
textlich drehen sich indes in diesen Jahren auch bei Wolpe die Gebetsmühlen der
Revolution in der großen Zahl von Liedern, die er im Auftrag von
Agitproptruppen oder Organisationen der kommunistisch orientierten
Arbeiterbewegung schreibt. Und Jahrzehnte später muß er sich eingestehen:
Es kostete mich
große Mühe, mich zu überwinden und meinen organischen kreativen Stand zu
entwurzeln, um ein einfaches Lied zu schreiben.
Ende 1930 freilich
sucht er sich – so eine Tagebuchnotiz – in der Kunst einer grandios
unkomplizierten Umwandlung des populären Musik(Melos)Materials zu üben:
Die
Selbstaufhebung der Schlagercharaktere durch den neuen proletarischen Vitalismus.
Eine Musik, die imstande ist, diesen realistischen Vitalismus des Proletariats
musikalisch auszudrücken, kann niemals, selbst bei einfachster tonaler
Struktur, ausdruckslos sein, denn Konvention ist ein abgelebter Typ der
bürgerlichen Musik.
Wie hat diese Kunst
einer grandios unkomplizierten Umwandlung des populären Musikmaterials
auszusehen? Im Vorfeld des 13. März 1932, dem Tag der Reichspräsidentenwahl[7], und zur
Unterstützung des kommunistischen Präsidentschaftskandidaten Ernst Thälmann
geht Ende Februar im Großen Schauspielhaus am Schiffbauerdamm unter dem Titel Alles
an den roten Start! eine großangelegte rote Sportrevue über die Bühne.
Veranstaltet von der kommunistisch orientierten und geführten Kampfgemeinschaft
für rote Sporteinheit, treten in dieser Revue neben Sportlern aller Sparten Instrumentalgruppen,
Blasorchester, Agitproptruppen und Chöre auf.
Wolpe obliegt nicht
nur die Komposition der Instrumental- und Vokalnummern[8], er studiert sie
auch ein, d.h. er "stampft" – wie es in der 'Illustrierten Roten
Post' (II, 2/1932) heißt – bei der Probe mit der 'Fichte-Balalaika-Truppe'
"mit dem Fuß den Rhythmus des Liedes, daß die Dielen krachen". Der
hier vermittelte Eindruck mag unzutreffend sein – es ist weiter und durchaus
nicht abwertend von einem "ohrenbetäubenden Lärm" die Rede –, leicht
werden die Proben mit den Laienmusikern wieder einmal nicht gewesen sein, zumal
teilweise alle vier musikalischen Gruppierungen (so in einer der drei komplett
erhaltenen Nummern, das meiste ist verschollen) gleichzeitig besetzt sind.
Neben diesen Koordinationsproblemen sind die technischen Anforderungen von Wolpes
Musik zu Alles an den roten Start! allerdings gering, sie ist im
Gegensatz zur Passion eines Menschen leicht spielbar und auf eine
direkte Massenwirkung abgestellt. In meinem nächsten Beispiel hören Sie nur die
Musik, gespielt von der Amsterdamer Ebony Band, den Text blende ich ein:
Hörbeispiel 5: Das ist der Sport . . . (T Siegfried Moos; M Stefan Wolpe, 1932)
Das ist der Sport der herrschenden Klasse,
das ist des Kapitalismus Sinn:
Der Einzelne löst sich von der Masse,
steigt empor zu eig'nem Gewinn.
Und büßt er auch das Leben ein,
er will, er muß erfolgreich sein.
Das ist der Sport der herrschenden Klasse . . .
Bereits im Jahr zuvor, 1931, hat sich
Wolpe der 'Truppe 1931' angeschlossen, einem der bedeutendsten
proletarisch-revolutionären Theaterkollektive der Weimarer Republik. Er
schreibt nicht nur die Bühnenmusik zu den drei, ausgesprochen erfolgreichen
Stücken der Truppe, sondern wirkt als Kollektivmitglied bei allen Aufführungen
mit – beim ersten Stück, Die Mausefalle, immerhin mehr als 300 Mal. Das
Nachfolgestück Da liegt der Hund begraben indes gerät in die Wirren des
Berliner Verkehrsarbeiterstreiks, der Anfang November 1932 das gesamte
öffentliche Verkehrsnetz lahmlegt und zwangsläufig zur Schließung der Berliner
Theater führt[9]. Auch die 'Truppe
1931' muß ihre Aufführungsserie nach nur 32 Vorstellungen abbrechen. Der
Vertrag mit dem Theater am Schiffbauerdamm platzt. Nach Beendigung des Streiks
erwägt die Truppe keine Wiederaufnahme, sondern sieht sich neben einem neuen
Spielort auch nach einem neuen Stück um. Die Wahl fällt auf Wer ist der
Dümmste?[10], ein Stück über
die Probleme und Widersprüche fortschrittlichen Theaters innerhalb der kapitalistischen
Gesellschaft. Das "ökonomische Lehrstück", kommt nach 23 Proben im Hinterzimmer
einer Berliner Kneipe und nur fünf Bühnenproben im Kleinen Theater Unter den
Linden zur Aufführung.
Wolpe konzipiert
seine Bühnenmusik zunächst für die – um einen Spieler reduzierte – musikalische
Standardbesetzung der Truppe, muß aber schließlich, wie er auf einem Notenblatt
zu den wenigen, zumeist fragmentarisch erhaltenen Nummern notiert, "ohne
Orchester" auskommen: "so viel Geld hatten wir nicht mehr wenige
Monate vor Hitlers Beginn". Tatsächlich hat das Stück erst am fünften Tag nach
der Machtübergabe, am 4. Februar 1933 Premiere und das, wie die
Zeitungskritiken einhellig berichten, mit großem Publikumserfolg. Der liberale
Herbert Ihering zollt der "tapferen Schauspielertruppe" im 'Berliner
Börsen-Courier' (vom 5. 2. 1933) seinen Respekt, in der 'Welt am Abend' (vom 6.
2. 1933) werden Wolpes "einprägsame Melodien" gelobt[11].
Auf befremdliche
Weise aber ignoriert werden die Zeichen der 'braunen Zeit', die bereits
angebrochen ist. So schwächt der kommunistische Kritiker Heinz Luedecke (in der
'Illustrierten Roten Post', 7/1933) seine Vorbehalte gegen die Aufführung von Wer
ist der Dümmste? mit dem Argument ab, daß ja die "junge Truppe 1931
noch in der Entwicklung" sei. Dabei spricht das Stück selbst aus, was
Sache ist – bspw. im Wumba-Wumba Lied, wo der koloniale Konflikt
Weiß-Schwarz sich in der letzten Strophe zur Zustandsbeschreibung des
sogenannten 'Neuen Staates' entgrenzt[12]:
Hörbeispiel
6: Wumba-Wumba Lied
(T Gustav von
Wangenheim; M Stefan Wolpe, 1932/33)
Wumba
Wumba, Wumba Wumba, Wumba Wumba,
Wumba
Wumba, Wumba Wumba, Wumba Wumba.
Der
weiße Mann kommt übers Meer
und
kommt mit seinem Werkzeug her,
Maschinen
und Kanonen.
Er
stiehlt und raubt und preßt und zwickt,
und
was er hat, wird hingeschickt,
wo
andre Weiße wohnen.
So
will er uns beglücken.
Das
muß uns baß entzücken.
Wer
ist der Dümmste?
Er
weiß es nicht,
denn
wer Geschäfte macht,
der
hält sich für den klügsten Kopf,
und
Wumba Wumba lacht.
Hahahaha!
Wumba
Wumba, Wumba Wumba, Wumba Wumba,
Wumba
Wumba, Wumba Wumba, Wumba Wumba.
Doch
bald kommt eig'ne Produktion.
Was
ihr könnt, können wir lange schon!
Kanonen
und Maschinen.
Mit
Waren voll von A bis Z
Europa
schmort im eig'nen Fett
und
kann nichts mehr verdienen!
Alt-Afrika,
die Feine,
die
produziert alleine!
Wer
ist der Dümmste?
Es
kommt die Zeit,
Europa
bebt und kracht.
Dann
stehn die Weißen auf dem Kopf,
und
Wumba Wumba lacht.
Hahahaha!
Wumba
Wumba, Wumba Wumba, Wumba Wumba,
Wumba
Wumba, Wumba Wumba, Wumba Wumba.
Dann
kommt die große Fresserei,
dann
werden alle Messer frei,
dann
wird es mordsmartialisch.
Wo
irgendwo was menschlich ist,
gleich
kommt die Fresse, die es frißt,
die
Welt wird kannibalisch.
Den
Letzten in der Runde,
den
beißen dann die Hunde.
Wer
ist der Dümmste?
Ich
weiß es nicht,
ich
seh nur, daß es kracht.
Die
ganze Welt steht auf dem Kopf,
und
Wumba Wumba lacht.
Hahahaha!
Hahahahahahahaha!
Am 4. März 1933 bewilligt der Berliner
Polizeipräsident von Revetzow die letzte Aufführung von Wer ist der Dümmste?.
Getreu der offiziellen Parteidoktrin, daß die Nazis - wie ein Leitartikel in
der Kommunistischen Internationale (III, 7/1933, S.114) allen Ernstes
feststellt - "nur Eintagskönige" seien, deren "kurzbemessenem
Sieg [...] die proletarische Revolution auf dem Fuße folgt", will die Truppe
sofort und ungeachtet aller Gefahren ein neues Stück (Wangenheims Einakter Das
Urteil) herausbringen[13]. Aber die
Mitglieder werden verfolgt, Günter Ruschin und Curt Trepte am 15. März bei
einer SA-Razzia im 'Roten Turm' am Südwest-Corso verhaftet[14]. Wolpe, der
ebenfalls in dieser Wilmersdorfer Künstlerkolonie wohnt, taucht zunächst in
einem anderen Stadtteil unter[15]. Ende März flieht
der als Jude, Kommunist und "entarteter" Musiker dreifach Gefährdete
mit dem Zug zu seiner Schwester Bobbi nach Brünn in die Tschechoslowakei[16].
Ich bin am Ende
meines Berichts über Wolpes eingreifende Musik vor 1933 angelangt. Daß dieses
Ende durchaus nicht mit dem einer politisch orientierten Musik Wolpes
zusammenfällt, hatte ich bereits angedeutet. Aber es sind nicht allein die angewandten
Musiken, mit denen Wolpe diese Tradition fortsetzt – etwa seine wenig bekannte
Vertonung von Albert Einsteins Address about Peace in the Atomic Era aus
dem Jahre 1950 –, sondern ebenso die avancierten Werke. Bspw. das ebenfalls
1950 geschriebene Quartet für Trompete, Tenorsaxophon, Schlagzeug und
Klavier, ein Schlüsselwerk der neuen hochkomplexen Musiksprache Wolpes. An
seinen Freund, den Oboisten und Verleger Josef Marx, schreibt er in einem
merkwürdigem Sprachgemisch, einer von ihm noch 1960 beklagten dauernden Doppelheit
der Zunge:
The Quartet is one of my best Kampfmusiken, as one
called it so most scheußlicherweise in Germany. Es ist populism, and my
personal human radicalism, mit offenen Armen gesungen.
Tatsächlich sind
der Komposition Anklänge an Jazz und Kampfmusik unschwer herauszuhören,
referiert bereits die Besetzung mit zwei Bläsern und einer reduzierten
Rhythmusgruppe nicht allein die Standardformation des Jazz jener Jahre, sondern
auch die der 'Truppe 1931'. Gewidmet ist das Quartet der chinesischen
Revolution, deren große Entbehrungen und Verluste während des "langen
Marsches" der erste Satz beklagt, während der zweite die Freude über die
siegreich verlaufene Revolution Mao Tse-tungs vermitteln will.
Man hat das
Gefühl, man faltet die Zunge aller Völker in seiner eigenen Zunge zusammen.
Etwas davon ist in diesem Stück [...] Ich liebe dieses Stück. Ich
liebe seine Verrücktheit, seine Offenheit. Es sollte wirklich auch auf
öffentlichen Plätzen gespielt werden, so nah verwandt ist der Geist dieses
Stückes der leidenschaftlichen Begeisterung der Leute.
Dem Quartet
eingeschrieben ist also auch der alte kampfmusikalische Wunsch nach Etablierung
einer Gegenöffentlichkeit, einer zweiten Kultur, die mit der herrschenden
Kultur auch die Herrschenden außer Kraft setzt. Ein frommer Wunsch, gewiß, aber
warum sollte man nicht weiterhin – um mit Wolpe zu schließen – das Ganze
überdenken.
[1] Aus Proleten, auf zum Durchbruchskampf. Oder: "Wir schließen die Front, wir reihen uns ein, wir wollen der Arbeiter Feldmusik sein." (Lied der Arbeiter-Musiker); "Wir sind Soldaten der Klassenarmee, wir Arbeiterspieler des IATB!" (Lied des IATB).
[2] Ein Tritonus-Kleinterz-Klang: 1H-F-Gis und ein einfacher Dur-Dreiklang: Fis-Ais-cis (bzw. mit dem repetierten e ein Septakkord, der zum gleichzeitig erklingenden c-moll-Dreiklang der Singstimme im Tritonusverhältnis steht).
[3] Die dreiteilig angelegte Vertonung mag unter dem Eindruck entstanden sein, den Majakowski als Rezitator seiner eigenen Poeme bei Wolpe hinterlassen hat, als er drei Monate zuvor, im Februar 1929, Berlin besuchte.
[4]
Melodisch
und harmonisch stehen diese zwar tonalen, aber stark dissonanten Lieder und Balladen
den von Kurt Weill entwickelten Verfahrensweisen recht nahe, ganz direkt sogar
in Wir sind entlassen, dessen Refrain in der Klavierbegleitung den
Beginn des Zweiten Dreigroschenfinales erinnert – allerdings in
doppeltem Tempo. Die bekanntere Vertonung dieses Walter-Mehring-Textes schreibt
übrigens ein Jahr vor Wolpe der eben erwähnte Hanns Eisler unter dem Titel Bankenlied,
ein Paradebeispiel für Eislers kompositorische Maßnahmen, dem unsäglichen
"Dominanteln", wie er es nennt, zu entgehen. Während Eislers
Komposition eine scharfe, sarkastisch-kämpferische Grundhaltung vermittelt, ist
Wolpes Fassung konzilianter angelegt, von einem warmen und einfühlsamen Gestus
getragen.
[5] Tatsächlich hat Wolpe in sein Lied des IATB kleine melodisch-rhythmische Stolpersteine eingebaut, die sich der "mechanischen Stereotype" widersetzen: Eine Triole bei "Revolution" (T.8), Synkopen bei "Straße" und "Bühne" (T.17), unterschiedliche Betonungen von "Arbeiter" in zwei aufeinanderfolgenden Takten (T.19f.). Die harmonische Disposition dieses Arbeitermarsches hingegen ist von fast übertrieben gestalteter Simplizität, die das mehrtaktige Verharren auf der Mollparallele während der Aufzählung europäischer Hauptstädte zu Beginn des Refrain - erst mit "Tokio" wechselt die Stufe - durch die ungewöhnliche Aufstockung des in Terzen pendelnden Klavierbasses zu Vierklängen verstärkt. Gleichermaßen einfach gehalten sind nahezu alle Agitprop- und Kampflieder Wolpes. Allein das frühe Bauernlied experimentiert mit der Kombination von diatonischer Singstimme und durch Substitute angereicherter, zum chromatischen Total drängender Klavierbegleitung bis hin zu einer clusterartig erweiterten Dominante, der als Liedschluß ein leerer Quintklang folgt. Solch musiksprachlich Attraktionspunkte, zumeist vom Text bedingt, finden sich freilich in vielen der Lieder. Im Lied des ATBD sind sie in die Harmonik gelegt, wenn etwa die "Agitatoren" und "Propagandisten" über eine vermollte Subdominantparallele mit nachfolgendem verkürzten Dominantseptakkord zweimal hart aneinandergeschnitten "Klassenwahrheit zeigen".
[6] Der Rote Wedding ist übrigens ein Paradebeispiel für die Entstabilisierung der Harmonik, indem die Fundamenttöne häufig durch die Sixte ajoutée ersetzt wird.
[7] Erst ein zweiter Wahlgang sichert indes die von der SPD unterstützte Wiederwahl Hindenburgs.
[8] Zu denen Siegfried Moos (Redakteur von 'Arbeiterbühne und Film') die Texte schreibt.
[9]
Laut
Wangenheim (Da liegt der Hund begraben und andere Stücke. Aus dem Repertoire
der "Truppe 31", Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1974, S.169)
unterstützen die Truppenmitglieder aktiv diesen Streik, in dem - ein Beispiel
für die verheerenden Folgen einer KPD-Politik, die auf der Grundlage der von
Stalin bereits 1924 verkündeten Sozialfaschismusthese die Sozialdemokratie als
Hauptfeind der Arbeiterklasse denunziert - die kommunistische Revolutionäre Gewerkschaftsopposition
(RGO) eine "Einheitsfront" mit der nationalsozialistischen (NSBO)
bildet, während die freien Gewerkschaften sich gegen den Streik aussprechen
(cf. Hermann Weber [Hg.]: Der deutsche Kommunismus. Dokumente 1915-1945. Köln:
Kiepenheuer & Witsch 31973, S.110).
[10] Ein Marionettenspiel für Kinder von Karl August Wittfogel, das Gustav von Wangenheim gemeinsam mit dem Autor für die Truppe umarbeitet.
[11] Darunter auch das
aus der Passion eines Menschen übernommene Kampflied Es wird die neue
Welt geboren, Wolpes bekannteste und - der Begriff sei in diesem
Zusammenhang erlaubt: schönste Kampfliedkomposition, die eine Vielzahl
attraktiver kompositorischer Verfahrensweisen bietet. Kompositorische Finessen,
vollzogen auf engstem Raum von zehn Takten, die darauf weisen, daß die
Attraktivität dieser einfachen Lieder, deren Komposition Wolpe so enorme
Mühe bereitet, nicht allein in den einfachen, diatonisch gebauten Melodien
liegt, sondern sich erst im Gesamtzusammenhang von Melodie und einer Begleitung
realisiert, die im Gegensatz zu den traditionellen Arbeiterliedern mehr ist als
–: Begleitung:
Entgegen der verschränkten Reimfolge der vier Textzeilen (a-b-b-a) ist die Melodie periodisch (a-b-a'-c) strukturiert und durch eine Variante der ersten Gesangsphrase im Klaviervorspiel zur Fünfteiligkeit erweitert. Während diese erste Phrase durch den traditionellen Quarteinstieg und das Verharren auf der Molltonika einen konventionellen Verlauf nimmt, wird in der folgenden Phrase der Hochton des Liedes (dis2) mit einem Tritonussprung angesteuert und entgegen der Erwartung einer Doppeldominante zum Dominantseptnonenakkord des nächsten Taktes mit einem Septakkord der 6. Stufe harmonisiert. Der solcherart gefährdete harmonische Kontext läßt nun die Wiederaufnahme der ersten Phrase mit ihrem Endton (f1) und einem Mollseptakkord der phrygischen VII. Stufe aus der konventionellen Bahn geraten. Mit einem harten Schnitt zum Dreiklang der Dominante auf dem vierten Schlag setzt die letzte Phrase ein. Ihr melodischer Quartgang zum Tiefton (h) wird von einer Gegenbewegung des bislang durch übliche Quart- und Quintwechsel unscheinbaren Klavierbasses kontrapunktiert. Wie in der zweiten Phrase der Tritonus die Textworte Hunger, Elend der ersten Strophe unterstreicht, so wird jetzt das Textwort Opfer - mit einem Tritonussprung vom Tiefton abfedernd - angeleuchtet. Als Tritonusecho erreicht der Baß den melodischen Folgeton, und mit einem Sextsprung der Melodie auf zwei akzentuierte Viertel wird traditionell kadenzierend zum Schluß dieser um drei Schläge verlängerten letzten Phrase dem herrschenden Leid - verloren, (er-)frieren - der Kampf angesagt.
[12] Interessanterweise ist die Partitur (Tp / Pos / Schlgzg) zunächst mit Einheitsfrontlied überschrieben, das nachträglich durchgestrichen wird. Ein Einheitsfrontlied Wolpes ist indes nicht bekannt. Falls hier eine Parodie vorliegen sollte, könnte Wolpe die Bühnenmusik doch von vornherein auf die Klavierbegleitung beschränkt haben. Daß Wolpe bei der Komposition unter Zeitdruck arbeitet, zeigen die übrigen, zumeist sehr flüchtig notierten Spielvorlagen.
[13]
Steffie
Spira hingegen berichtet (in einem Telephoninterview mit dem Autor am
9.10.1992), daß der Truppe vom Berliner Kulturdezernat vorgeschlagen worden
sei, sich "von zwei Juden zu trennen". Wangenheim und sie, Spira,
seien ja nur Halbjuden, "das ginge schon". Sie "sollten von
Ibsen 'Ein Volksfeind' spielen, aber wir sagten doch: Nein danke! Deswegen sind
wir auch verhaftet worden".
[14]
Beide
werden wenig später wieder freigelassen - Ruschin irrtümlich am 28. Mai, Trepte
etwas früher - und können über Umwege nach Paris fliehen, wo die 'Truppe 31'
(ohne Wolpe) Friedrich Wolfs Professor Mamlock einstudieren will (cf.
Steffi Spira: Trab der Schaukelpferde. Autobiographie. Freiburg/Br.: Kore 1991,
S.90; Curt Trepte: Du hast noch einen gültigen deutschen Paß, dann aber
raus..., Gespräch mit Gudrun Klatt u. Claude Sebisch. In: Notate 3/1990,
S.15). Das Projekt scheitert, die meisten Mitglieder der 'Truppe 31' emigrieren
schließlich in die Sowjetunion (cf. Klaus Pfützner: Ensembles und Aufführungen
des sozialistischen Berufstheaters in Berlin (1929-1933). In: Schriften zur
Theaterwissenschaft [Schriftenreihe der Theaterhochschule Leipzig Bd.4]. Hg. v.
Rolf Rohmer. Berlin: Henschel 1966, S.144f.).
[15] Nachdem er von der brutalen Folterung seines Bruders Willi, dem die Nazis in einer 36stündigen Tortur mit einer Pistole ein Auge ausschlagen und gesundheitlich ruinieren, erfahren hat und ihn die Freundin Irma Schoenberg - beide heiraten 1934 in Palästina – schließlich dazu überreden kann.
[16] Inzwischen hat die Gestapo seine Manuskripte aus dem Dahlemer Kellerraum konfisziert, indes: "They were orderly Germans. They took whatever they wanted but brought back the rest" (Irma Wolpe-Rademacher: Konvolut von Interviews und Telefongesprächen mit Austin Clarkson zwischen 1976 und 1980, unveröffentlicht, S.64). Und Irma Schoenberg holt diesen 'Rest' aus der verlassenen Schlomann-Villa, "cut out or scratched out the inflammatory names" (ib.) und bringt ihn dank ihres rumänischen Passes sicher über die Schweizer Grenze nach Zürich, wo sie sich Anfang April mit Wolpe trifft.