
Das
Fremde aus der Dose
Es gibt in jeder Stadt eine erstaunlich große Anzahl von Menschen,
die nicht lesen können. Einige von ihnen sind noch zu jung dafür,
andere lehnen es ab, die Schriftzeichen zu lernen. Es gibt auch viele Touristen
und Arbeiter aus anderen Ländern, die mit anderen Schriftzeichen leben.
In ihren Augen erscheint das Bild der Stadt wie verrätselt oder verschleiert.
Als ich nach Hamburg kam, kannte ich zwar schon alle Buchstaben des
Alphabets, aber ich konnte die einzelnen Buchstaben lange angucken, ohne
die Bedeutung der Wörter zu erkennen. Ich blickte zum Beispiel jeden
Tag auf die Plakate vor der Bushaltestelle und las niemals die Namen der
Produkte. Ich weiß nur, daß auf einem der schönsten Plakate
von ihnen siebenmal der Buchstabe »S« auftauchte. Ich glaube
nicht, daß dieser Buchstabe mich an die Gestalt einer Schlange erinnerte.
Nicht nur das »S«, sondern auch die anderen Buchstaben des
Alphabets hatten im Unterschied zu einer lebenden Schlange weder Fleisch
noch Feuchtigkeit. Ich wiederholte die S-Laute im Mund und merkte dabei,
daß meine Zunge plötzlich fremd schmeckte. Ich wußte bis
dahin nicht, daß die Zunge auch nach etwas schmecken konnte.
Die Frau, die ich damals an dieser Haltestelle kennenlernte, hatte
einen Namen, der mit S anfing: Sascha. Ich wußte sofort, daß
sie nicht lesen konnte. Sie blickte mich jedes Mal an, wenn sie mich sah,
intensiv und interessiert, aber sie versuchte dabei niemals, etwas aus
meinem Gesicht herauszulesen. Damals erlebte ich oft, daß Menschen
unruhig werden, wenn sie mein Gesicht nicht lesen können wie einen
Text.
Es ist merkwürdig, daß ein fremder Gesichtsausdruck oft
mit einer Maske verglichen wird. Liegt diesem Vergleich der Wunsch zugrunde,
hinter dem fremden Gesicht ein bekanntes zu entdecken?
Sascha konnte jede Art Unlesbarkeit mit Ruhe akzeptieren. Sie wollte
nichts »lesen«, sondern alles genau beobachten. Sie war wahrscheinlich
Mitte fünfzig. An die Farbe ihrer Haare kann ich mich nicht erinnern.
Weil ich es als Kind nicht gelernt habe, kann ich mir nicht die Farbe der
Haare merken.
Sascha stand oft an dieser Bushaltestelle, um ihre Freundin abzuholen.
Denn Sonja, so nannte sie ihre Freundin, konnte nicht alleine aus dem Bus
aussteigen. Ihre Arme und Beine konnten nicht gemeinsam ein Ziel erreichen,
weil sie sich nicht an eine Anweisung hielten.
Sascha drückte Sonias Arme und Beine zusammen und rief ein paar
Mal ihren Namen, als könnte der Name ihre Glieder zu einer Einheit
bringen.
Sascha und Sonja wohnten zusammen in einer Wohnung. Drei Mal in der
Woche kam ein Betreuer zu ihnen und erledigte alles, was schriftlich gemacht
werden mußte. Außer lesen und schreiben konnten sie alles,
was sie im Leben brauchten.
Ich wurde auch ein paar mal bei ihnen zum Kaffee eingeladen. Es gab
Fragen, die Sascha und Sonja mir nie gestellt haben, obwohl ich sonst überall
solchen Fragen begegnete: diese Fragen fangen an mit »Stimmt es,
daß die Japaner ... «. Das heißt, die meisten Menschen
wollten wissen, ob das, was sie in einer Zeitung oder Zeitschrift gelesen
haben, wahr oder falsch ist. Fragen, die mit »Ist es in Japan auch
so, daß ... « anfangen, wurden mir auch oft gestellt. Ich konnte
sie nicht beantworten. Jeder Versuch, den Unterschied zwischen zwei Kulturen
zu beschreiben, mißlang mir: Der Unterschied wurde direkt auf meine
Haut aufgetragen wie eine fremde Schrift, die ich zwar spüren, aber
nicht lesen konnte. Jeder fremde Klang, jeder fremde Blick und jeder fremde
Geschmack wirkten unangenehm auf den Körper, so lange, bis der Körper
sich veränderte. Die Ö-Laute zum Beispiel drängten sich
zu tief in meine Ohren und die R-Laute kratzten in meinem Hals. Es gab
auch Redewendungen, bei denen ich eine Gänsehaut bekam, wie zum Beispiel
»auf die Nerven gehen«, »die Nase voll haben«,
oder »in die Hosen gehen«.
Die meisten Wörter, die aus meinem Mund herauskamen, entsprachen
nicht meinem Gefühl. Dabei stellte ich fest, daß es auch in
meiner Muttersprache kein Wort gab, das meinem Gefühl entsprach. Ich
hatte das nur nicht so empfunden, bis ich in einer fremden Sprache zu leben
anfing.
Ich ekelte mich oft vor den Menschen, die fließend ihre Muttersprache
sprachen. Sie machten den Eindruck, daß sie nichts anderes denken
und spüren konnten als das, was ihre Sprache ihnen so schnell und
bereitwillig anbietet.
Von unserer Bushaltestelle aus konnte man nicht nur die verschiedenen
Werbeplakate, sondern auch die Schilder einiger Restaurants sehen. Eines
von ihnen gehörte zu einem chinesischen Restaurant, das »Goldener
Drache« hieß. Zwei chinesische Schriftzeichen leuchteten golden
und grün. Das erste bedeutet »Gold« und das zweite bedeutet
»Drache«, erklärte ich Sascha, als sie lange auf das Schild
blickte. Sascha sagte mir dann, daß das zweite Zeichen tatsächlich
eine ähnliche Gestalt habe wie ein »richtiger« Drache.
Es ist zwar möglich, in diesem Zeichen das Bild eines Drachen zu sehen:
das Kästchen rechts oben könnte ein Drachenkopf sein, und die
Striche auf der rechten Seite erinnern mich an den Rücken des Drachen.
Sascha wußte aber, daß es kein »Bild« des Drachen
war, denn sie fragte mich, ob ich es auch schreiben könne.
Ein paar Wochen später zeigte mir Sascha eine Teetasse und sagte,
daß sie dort das Zeichen »Drache« entdeckt habe. In der
Ta
t
stand dieses Zeichen auf der Tasse. Sascha hatte sie in einem Laden gefunden
und sofort gekauft. Zum ersten Mal im Leben konnte sie lesen. Ich wollte
ihr dann noch mehr Schriftzeichen beibringen. Sie wird zwar eine Analphabetin
bleiben, da sie nicht das »Alphabet« lesen kann, aber sie kann
jetzt ein Schriftzeichen lesen und weiß, daß das Alphabet nicht
das einzige Schriftsystem der Welt ist.
Vor der Bushaltestelle gab es einen kleinen Laden, in dem Sascha ab
und zu eine Seife für Sonja kaufte. Sonja liebt diese Seife, genauer
gesagt, liebt sie die Verpackung der Seife. Die Verpackung der Seife trog:
Denn auf dem Verpackungspapier waren Schmetterlinge, Vögel oder Blumen
gemalt, obwohl der Inhalt eine Seife ist. Es gibt nicht so viele Produkte,
auf deren Verpackung etwas gemalt ist, was mit dem Inhalt unmittelbar nichts
zu tun hat. Sonja packte sofort die Seife aus, wenn sie eine von Sascha
bekam, und packte sie wieder ein.
Einmal war auf der Seifenschachtel ein Phönix und darauf stand
in einer feinen Schrift »Seife«, was Sonja natürlich nicht
lesen konnte. Sonja verstand nur das Bild des Phönix und den Inhalt:
die Seife.
Nur weil es die Schrift gibt, dachte ich mir damals, hat man auf die
Verpackung einen Phönix gemalt anstatt ein Stück Seife. Was könnte
sonst die Bedeutung des Inhalts, nämlich die Seife, festhalten, wenn
die Schrift nicht da wäre? Es würde dann die Gefahr bestehen,
daß die Seife sich im Laufe der Zeit in einen Phönix verwandelt
und wegfliegt.
Einmal kaufte ich mir eine kleine Dose im Supermarkt, auf die eine
Japanerin gemalt war. Ich öffnete die Dose zu Hause und sah ein Stück
Thunfisch darin. Die Japanerin schien sich während der langen Schiffsfahrt
in ein Stück Fisch verwandelt zu haben. Diese Überraschung erlebte
ich an einem Sonntag, weil ich mich entschlossen hatte, sonntags keine
Schrift zu lesen. Stattdessen beobachtete ich die Menschen, die ich auf
der Straße sah, so als wären sie vereinzelte Buchstaben. Manchmal
setzten sich ein paar Menschen zusammen in ein Café, und so bildeten
sie für eine Weile gemeinsam ein Wort. Dann lösten sie sich,
um ein neues Wort zu bilden. Es muß einen Moment gegeben haben, in
dem die Kombination dieser Wörter zufällig mehrere Sätze
bildete und in dem ich diese fremde Stadt wie einen Text hätte lesen
können. Aber ich entdeckte niemals einen Satz in dieser Stadt, sondern
nur Buchstaben und manchmal einige Wörter, die mit dem »Inhalt«
der Kultur direkt nichts zu tun hatten. Diese Wörter motivierten mich
hin und wieder, die äußere Verpackung zu öffnen, um eine
weitere Verpackung darunter zu entdecken.
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