Projekt: "Rechtsreform und Ungleichheit. Die kolumbianische Acción de Tutela und das Recht auf Bildung"
Das Promotionsvorhaben analysiert am Beispiel Kolumbiens, ob und wie demokratische Systeme durch juristische Reformvorhaben auf gesellschaftliche Krisen reagieren können. Hierfür beschäftigt sich die Arbeit mit der acción de tutela. Sie ist ein Verfahren, dass in den 90er Jahren inmitten einer umfassenden gesellschaftlichen Krise in Kolumbien eingerichtet wurde und dem Schutz von Grundrechten dienen soll. Die Arbeit konzentriert sich auf neuere tutela-Klagen, die einen Bildungsbezug aufweisen und es soll gefragt werden, wie an diesem Beispiel der Zusammenhang von Grundrechtsgarantien und gesellschaftlicher Transformation untersucht werden kann.
Bei dieser insbesondere in den Rechtswissenschaften geführten Diskussion um die umfassende Wirklichkeitstransformation zeigen sich wegen der persistenten Ungleichheiten der kolumbianischen Gesellschaft fundamentale Widerstände. Die Arbeit erkennt dementsprechend eine Forschungslücke darin, dass bisher der Zusammenhang von Grundrechtsgarantien und gesellschaftlicher Transformation hauptsächlich an der Überwindung von gesellschaftlichen Krisen bemessen wird. Da aber die gesellschaftlichen Spannungen, die mit der Einführung der tutela überwunden werden sollten, sich trotz intensiver tutela-Nutzung in sozialen Disparitäten verstetigen und gegenwärtig besonders auch in Ungleichheitskonflikten mit Bildungsbezug manifestieren, erweist sich die Erkundung des Zusammenhangs von Grundrechtsschutz und gesellschaftlicher Transformation aus dieser Perspektive als problematisch.
Im Promotionsvorhaben wird darum ein alternatives Verständnis vom Zusammenhang von sozialer Transformation und Recht ausgearbeitet, dass auf aktuellen Forschungen zu Pierre Bourdieus „Rechtsdenken“ (Kretschmann 2019, Bourdieu 1987) und auch dessen Konzeption gesellschaftlicher Konflikte aufbaut. Recht wird als spezifische Darstellung, aber nicht als Lösung, gesellschaftlicher Konflikte verstanden, die bedeutsam für die Praxis von Akteuren wird. Die These ist daher, dass bei sozialer Transformation in diesen Zusammenhängen die Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsschemata in Betracht kommen müssen, die sich durch oder mit der tutela (neu)ordnen.
Anhand von problemzentrierten qualitativen Interviews mit tutela-Kläger:innen soll dieser Annahme nachgegangen werden. Hierbei zielt die Arbeit auf eine explorative Erkundung dieser rechtlichen Konfliktdarstellungen von Akteuren ab, versucht deren Rolle für die Praxis und Habitus der Kläger:innen abzugrenzen und beabsichtigt schließlich die Befunde durch eine an der grounded theory orientierte Analyse der qualitativen Daten zu systematisieren. Diese Befunde sollen eine Einschätzung ermöglichen, inwiefern Grundrechtslagen gegen Schulen, Universitäten, Institutionen der Bildungsfinanzierung und -evaluation die Habitus und Praktiken der Kläger:innen zu welchem Grade transformieren.
Diese Arbeit beabsichtigt mit einem empirischen Beitrag zur rechtlichen Darstellung von Bildungskonflikten auf die bisher vernachlässigte Frage nach den Folgen der Rechtsmobilisierung in Lateinamerika zu antworten. Damit soll die Aussagekraft der bestehenden Diskussionen zu den juristischen Transformationsvorhaben des „new constitutionalism“ in Lateinamerika durch einen explizit rechtssoziologischen Ansatz verstärkt werden, der einen Beitrag für ein verbessertes Verständnis vom Verhältnis von Recht und sozialer Ungleichheit ermöglicht.
Projektteam:
- Markus Ciesielski. Doktorand. Professur für Friedensforschung
- Prof. Dr. Stefan Peters. Professur für Friedensforschung
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