Forschungsprojekte
Barbara Holland-Cunz: „Herstellung von Demokratie auch für Frauen“
Monographie zu Leben und Werk von Helge Pross, eine der Begründerinnen der deutschsprachigen Gender Studies
Am 14. Juli 1927 wurde Helge Agnes Nyssen in Düsseldorf geboren. Sie starb mit nur 57 Jahren im Oktober 1984. Nach Assistenzzeit und Habilitation in Frankfurt am Main wurde Pross 1965 Professorin für Soziologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen; hier entstanden einige der großen empirischen Studien (zu den Bildungschancen von Mädchen, der Erfahrung mit dem § 218, der Lebensrealität von „Hausfrauen“). Pross´ höchst erfolgreiche wissenschaftliche Arbeit, die auch medial große Resonanz fand, erzeugte an der JLU allerdings fast unerträgliche Arbeitsbedingungen; dankbar wechselte Pross deshalb 1976 auf eine Soziologie-Professur an der noch jungen Gesamthochschule Siegen, an der Pross bis zu ihrem frühen Tod forschte und lehrte.
Trotz ihrer Herkunft aus der Kritischen Theorie reüssierte Pross vor allem als Empirikerin, die sich intensiv den damals noch kaum erkundeten Lebensrealitäten von Frauen widmete. Zu den bis heute anhaltenden Kämpfen um das Verhältnis von Wissenschaft und Politik in den gesellschaftskritischen Sozialwissenschaften im Allgemeinen und den Gender Studies im Besonderen hat Pross einiges zu sagen. Obgleich sie eine ihrer Aufgaben darin sah, den Schwachen eine wissenschaftliche Stimme zu geben, wendete sich Pross entschieden gegen die Aufhebung der Trennung zwischen Wissenschaft als Beruf und Politik als Beruf.
Dies widersprach dem damaligen feministischen Zeitgeist - und Pross ist bis heute „unmodern“ geblieben. Als professorale Sozialforscherin wurde sie in den 1970er Jahren von der Neuen Frauenbewegung mit Argwohn betrachtet, als wissenschaftliche „Frauenrechtlerin“ stößt Pross im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts kaum auf eine angemessene Rezeption. Pross´ analytische und sprachliche Nüchternheit, die mit großer Wirkung auf die damals gerade entstehende Frauen- und Gleichstellungspolitik einherging, könnte 2018, angesichts zahlreicher aufgeregter Diskurse, beispielgebend sein. Doch Frauenbewegung und Geschlechterforschung haben offenkundig ein Problem mit der eigenen Geschichtspolitik.
Seit 2016 laufende Forschungsarbeit: a) Analyse und Kontextualisierung des wissenschaftlichen Werks; b) ausführliche Recherchearbeiten im Helge-Pross-Archiv der Universität Siegen; c) Diskussion von Leben und Werk auf dem Hintergrund der Geschichte der deutschsprachigen Geschlechterforschung und Frauenpolitik; d) Pross als unbeugsame Verfechterin eines pragmatischen, reformorientierten Demokratieideals, das sich an der Anerkennung der Lebensrealität der Mehrheit seiner BürgerInnen zu messen hat.
Entwicklung eines JLU-weiten interdisziplinären Zertifikatsstudiengangs „Gender Studies“
Im Zuge des Ideenwettbewerbs zur Frauenförderung an der Justus-Liebig-Universität Gießen hat die Arbeitsstelle Gender Studies Fördermittel zur Umsetzung eines interdisziplinären, JLU-weiten Zertifikatsstudiengangs „Gender Studies“ eingeworben.
Das Projekt gliedert sich in zwei Bausteine: die Konzeption des Zertifikatsstudiengangs sowie dessen geplante Umsetzung zum Wintersemester 2018/19. Der Studiengang „Gender Studies“ soll interdisziplinär angelegt und grundsätzlich offen für alle Fachbereiche und Disziplinen der JLU sein. Wir erhoffen uns, mit der Etablierung eines strukturierten Studienprogramms dabei in Zukunft auch die Disziplinen und Fachbereiche stärker ansprechen zu können, die bislang noch keine oder wenig Gender-Bezüge in ihrer Lehre aufweisen. Zugleich fördert die Entwicklung eines Gender-Zertifikationsstudiengang auch eine höhere Sichtbarkeit der Gender Studies in- und außerhalb der JLU und bietet nicht zuletzt auch für die an der JLU vorhandenen Einrichtungen und Arbeitsgruppen, die mit Gender-Belangen befasst sind, eine willkommene und ertragreiche Form der vertiefenden Kooperation. So können Synergieeffekte in der Nutzung und Bereitstellung von Gender-Angeboten künftig noch besser ermöglicht werden.
Prof. Dr. Barbara Holland-Cunz und Dr. Tina Jung leiten das Projekt.
Dr. Alexandra Kurth wird den Zertifikatsstudiengang konzipieren (02/17 - 12/17) und Annaluise Ohland die operative Umsetzung des Projekts (09/17 - 12/18) übernehmen