WIR-Sprechen - soziale Räume für Sprechaktivitäten für erwachsene Migrant:innen
Ko-Leitung: Lena Gohil, Karin Madlener-Charpentier
Mitarbeit: ausgewählte Studierende
Kooperation: Büro für Integration der Stadt Gießen
Status: laufend seit Herbst 2024
Link: https://www.giessen.de/Leben/Soziales-und-Gesellschaft/Migration-und-Integration/WIR-sprechen/
Das Projekt WIR-Sprechen ist eine Initiative des Büros für Integration der Stadt Gießen in Kooperation mit der Professur für Deutsch als Fremdsprache der JLU unter Mitarbeit von an.ge.kommen e.V. und dem Freiwilligenzentrum für Stadt und Landkreis Gießen e.V.
Gesellschaftliche Teilhabe als Mitsprache ist für (Neu-)Zugewanderte eine besondere Herausforderung, da Kompetenzen im Bereich eben des Sprechens schwierig zu erwerben sind. Um spontan und flüssig sprechen zu lernen, braucht es viel Zeit und Übung, also regelmäßige bedeutungsvolle Sprechanlässe und Gelegenheiten zum mündlichen Austausch, sei es im Klassenzimmer, im Alltag oder im Beruf, sei es mit anderen Menschen im Deutscherwerb oder mit Muttersprachler:innen. Wie jedoch eine informelle Befragung durch das Büro für Integration der Stadt Gießen (2024) ergab, berichten Neuzugewanderter, dass sie sich zwar durch die angebotenen Deutschkurse im Lesen und Schreiben ganz gut aufgestellt fühlen, aber in ihrem Alltag typischerweise sehr wenig informelle Gelegenheiten haben, ihre mündlichen Sprachkompetenzen zu üben, zu festigen und zu erweitern. Angesichts der aktuellen und der weiterhin geplanten Beschränkungen beim Zugang zu formellen Sprachlerngelegenheiten (Integrationskursen) wird die Möglichkeit informeller Gelegenheiten zum Sprechen und Lernen des Deutschen noch wichtiger.
Ziel von WIR-Sprechen ist es daher, informelle Sprechaktivitäten zu entwickeln und in niederschwelligen Austausch- und Deutschlernangeboten zu implementieren, so dass Neuzugewanderte (bzw. allgemein Menschen im Deutscherwerb) zum Sprechen ermutigt werden und sie Gelegenheiten haben, ihre Sprechflüssigkeit zu trainieren und ggf. auch Sprechängste zu überwinden. Gleichzeitig werden in den Aktivitätsformaten zentrale Informationen zur Stadt Gießen, zu lokalen und regionalen Kultur- und Freizeitangeboten (z.B. Stadtbibliothek, Schwimmbad), zu ausgewählten Vereinen und /Beratungs-)Institutionen etc. angeboten. Durch verbesserte Sprechkompetenzen einerseits und Kenntnisse von kulturellen, sozialen, unterstützenden Angeboten andererseits sollen sich sowohl die tatsächliche soziale Teilhabe als auch das Gefühl von Empowerment und Autonomie der Neuzugewanderten erhöhen. Durch verschiedene Aktivitätsformate, die vorrangig von Ehrenamtlichen durchgeführt und begleitet werden, schaffen wir also Räume, in denen Deutsch aktiv angewendet und gefestigt wird, und gleichzeitig Räume für interkulturellen Austausch zwischen Menschen verschiedener Herkunft und Prägung, verschiedenen Alters, verschiedener Ansichten und Einstellungen. Damit sollen insgesamt das gegenseitige Verstehen, das soziale Miteinander und der gesellschaftliche Zusammenhalt gestärkt werden.
Im April 2025 startete als erste Aktivität das wöchentliche Zeitungscafé, das inzwischen guten Zulauf findet. Dort lesen Ehrenamtliche und Neuzugewanderte jeden Donnerstag gemeinsam Ausschnitte aus lokalen Zeitungen und kommen dazu ins Gespräch—über die Zeitungsartikel, über damit verbundene eigene Erfahrungen, über die Stadt, Ereignisse, Institutionen etc., aber auch über unbekannte Wörter und die deutsche Sprache. Am 20.11.2025 besuchte Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher das Zeitungscafé, um sich über das Projekt zu informieren und mit den Stakeholdern—Deutschlernenden, Ehrenamtlichen, Forschenden, Organisator:innen etc.—zu sprechen und an der gemeinsamen Lektüre und Diskussion teilzunehmen: BERICHT GIESSENER ANZEIGER 27.11.2025
Inzwischen sind drei weitere Formate von Sprechaktivitäten implementiert und stoßen auf zunehmendes Interesse von Neuzugewanderten wie auch von Vereinen, Familienzentren etc.:
In Wir im Gespräch (Start Oktober 2025) führen Neuzugewanderte und Ehrenamtliche in wechselnden Kleingruppen informelle Gespräche, bei Bedarf unterstützt durch Themenkarten. Vorschläge von—möglichst einfach formulierten—Fragen zu jedem Thema (z.B. Familie, Mobilität, Bildung, Hobbies) stellen dabei sicher, dass alle in der Gruppe zu Wort kommen, wenn sie das möchten. Wir im Gespräch findet regelmäßig im ZIBB und neu auch im Stadttheater statt.
Bei Schauen und Sprechen (Start Dezember 2025) gehen Ehrenamtliche und Neuzugewanderte gemeinsam ins Theater und sehen gemeinsam ein aktuelles Theaterstück. Der Theaterbesuch wird durch schriftliche Informationen zum Stück und eine mündliche Einführung durch die Dramaturgie vorbereitet. Nach dem Theaterstück gibt es Gelegenheit, einerseits informell in kleinen Gruppen miteinander über das Stück und die eigenen Eindrücke zu sprechen, andererseits aber auch Fragen an den/die verantwortliche/n Dramaturg:in des Stadttheaters zu stellen. Schauen und Sprechen bietet niedrigschwelligen Zugang zum kulturellen Angebot der Stadt Gießen und gleichzeitig vielfältige Sprechanlässe im geschützten Raum der Kleingruppe.
Das Café Spielraum (Start März 2026) bietet die Möglichkeit, beim Ausprobieren von Brettspielen verschiedener Schwierigkeitsgrade andere Neuzugewanderte und Ehrenamtliche kennen zu lernen, informell ins Gespräch zu kommen und dabei ggf. auch Deutsch zu lernen. Je nach Kompetenzen der jeweiligen Gruppen können z.B. mit thematischen Memories Wörter gelernt, kurze Sätze gebildet oder gemeinsam Geschichten erzählt werden. Dabei sollen die Teilnehmenden durchaus auch Spiele kennen lernen, die sie zuhause mit ihren Kindern spielen können. Das Café Spielraum etabliert sich aktuell an verschiedenen Orten in Gießen, die aktuellen Termine finden sich unter https://www.giessen.de/Leben/Soziales-und-Gesellschaft/Migration-und-Integration/WIR-sprechen/.
Außerdem gibt es bereits gut nachgefragte unregelmäßige Angebote wie z.B. Führungen im Rathaus, bei denen grundlegende Informationen zur Lokalpolitik und zu demokratischen Prinzipien anschaulich dargestellt und auch zur Diskussion gestellt werden (z.B. Was passiert bei der Kommunalwahl? Was macht das Stadtparlament?). Weitere Formate für motivierende Sprechaktivitäten sollen zeitnah entwickelt werden; weitere Standorte für die Angebote werden aktuell eruiert, so dass die Austauschformate zukünftig noch mehr Interessierten zugutekommen.
Durch die Entwicklung der (erwerbstheoretisch fundierten) Aktivitätsformate und der entsprechenden Materialien sowie die längerfristige Begleitung der Formate und der wechselnden Ehrenamtlichen (u.a. durch Coachings und Feedbackgespräche) unterstützen wir von der Professur DaF—zusammen mit dem Büro für Integration, dem Verein an.ge.kommen e.V. und den Freiwilligenzentrum—direkt und lokal Neuzugewanderte (bzw. allgemein Menschen mit Migrationshintergrund) bei der Erweiterung ihrer Sprachkenntnisse bzw. Sprechkompetenzen und mit Blick auf gesellschaftlichen Austausch, Teilhabe und Integration. Ein Forschungsprojekt, das die Akzeptabilität, Wirkung und tatsächliche Wirksamkeit der verschiedenen Angebote untersuchen soll, ist aktuell in Planung.