Jung, Tina, 2016: (K)Eine Frage der Freiheit? Selbstbestimmung im Kontext von Schwangerschaft und Geburt“ In: Birkle, Carmen/Grubner, Barbara/Henninger, Annette (Hrsg.): Feminismus und Freiheit. Geschlechterkritische Aneignungen eines umkämpften Begriffs.
Geburt und Schwangerschaft mit der Frage der Freiheit in Verbindung zu bringen, ist auf den ersten Blick irritierend. Geburt und Schwangerschaft gelten gemeinhin als natürlich und den körperlich-existenziellen Naturseiten des Menschen zugehörig. Als solche scheinen sie zumindest den gängigen Vorstellungen davon, was Gegenstand politischen Freiheitsdenkens ist, nicht zu entsprechen. In diesem Beitrag werden einführend die Gründe für den Ausschluss von Geburt und Schwangerschaft aus dem klassischen Freiheitsdenken skizziert und anschließend gezeigt, dass und wie diese Phänomene auch für die Thematisierung von Freiheit und Selbstbestimmung relevant sind. Dem tradierten Ausschluss von Schwangerschaft und Geburt aus dem politischen (Freiheits-)Denken entgegen werden im Beitrag feministische bzw. frauenzentrierte Diskurslinien nachgezeichnet, die Schwangerschaft und Geburt als eine Frage der Freiheit behandeln. In diesen zeigt sich, dass Schwangerschaft und Geburt Gegenstand gesellschaftlicher Regulierungen sind und als solche eine große Relevanz für (frauen-)politische Fragen und gesellschaftskritisches Denken und Handeln haben. Die gesellschaftliche Organisation, Deutung und Bewertung von Gebären und Geburtshilfe (und ihres Wandels) beinhaltet Momente der Kontrolle und Verfügungsgewalt über weibliche Körper und Reproduktionsfähigkeit ebenso, wie darin Kämpfe um Freiheit und Selbstbestimmung angelegt sind. Verhandelt werden Zwänge durch die Natur oder durch bestimmte Regelungen (z.B. durch die institutionellen Abläufe und Vorgaben der klinischen Geburtsmedizin) ebenso wie die Möglichkeiten der Befreiung von diesen; auch spielen Aspekte wie Wahl- und Entscheidungsfreiheit von Schwangeren und Gebärenden eine große Rolle.
In diesem Sinne sind Schwangerschaft, Geburt und Geburtshilfe zwar als Gegenstände politischen (Freiheits-)Denkens zu begreifen; zugleich jedoch fordert die Spezifik des Felds dazu heraus, tradierte Kategorien politischer (Freiheits-)Theorie zu überdenken. In dieser Frage, auch das macht der Beitrag deutlich, herrscht jedoch keineswegs Einigkeit im feministischen und frauenzentrierten Diskurs. Nicht nur die Bezugnahmen auf Natur und Körperlichkeit einerseits, Technik und Kontrolle andererseits sind höchst divergent, sondern auch die jeweils darin verorteten Potentiale für weibliche Selbstbestimmung und Freiheit.