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Abstract

Die gesellschaftliche Organisation von Schwangerschaft und Geburt hat in den letzten Jahrhunderten u.a. durch die Entstehung der modernen Geburtsmedizin sowie durch die Medikalisierung und die Hospitalisierung der Geburt einen historischen Wandel durchlaufen. Auch in der jüngeren Zeit vollziehen sich tiefgreifende Umstrukturierungsprozesse des Geburtshilfesystems (im weiteren Sinne). Diese sind mehrdimensional und dabei durchaus widersprüchlich: Im Kontext der Ökonomisierung des Gesundheitswesens verändert sich das Versorgungs-, Finanzierungs- und Versicherungssystem für geburtshilfliche Einrichtungen und Tätigkeitsbereiche (Zentralisierung der Krankenhausversorgung, Stärkung von Perinatalzentren und Schließung von meist kleineren Kreißsälen; Einführung des DRG-Systems mit finanziellen Anreizen für Interventionen in den Geburtsablauf; explodierende Haftpflichtprämien für freiberufliche Hebammen): hier zeigt sich sowohl eine Dynamik der Kostenersparnis mit Blick auf den Einsatz von Personal und Fragen der „Rentabilität“ insbesondere kleiner und mittlerer Geburtshilfeabteilungen, wie auch eine Dynamik der Inwertsetzung des Gebärens, wie sie sich nicht zuletzt an den seit 2005 stark steigenden DRG-Erlössummen je „Fall“ (das heißt je Gebärender) in der klinischen Geburtshilfe zeigt. Damit verwoben ist einerseits eine anhaltende Medikalisierung und Technisierung der Geburt, wie sie u.a. in hohen Interventionsraten und einer weitreichenden Klassifizierung von (gesunden) Schwangeren als Risikopatient_innen zum Ausdruck kommen; gleichzeitig lassen sich von verschiedenen gesundheitspolitischen Akteuren Bemühungen um eine „physiologische Geburt“ als professionelles Leitbild bzw. neu erstarkende, teils durch Ratgeberliteratur popularisierte, Diskurse um „Natürlichkeit“ rund um Schwangerschaft, Geburt und Kindererziehung verzeichnen. Während in der Gesundheitspolitik Qualität, Sicherheit und Gesundheit ebenso wie Patient_innenrechte und Nutzer_innenorientierung eine immer größere (auch gesetzlich verankerte) Rolle beigemessen wird, weisen Frauengesundheits- und Elterninitiativen auf Versorgungslücken, auf Einschränkungen im Wahl- und Selbstbestimmungsrecht der Schwangeren und auf Menschenrechtsverletzungen v.a. in Form von Gewalt gegen Frauen während der Geburt in geburtshilflichen Einrichtungen hin.

In meiner Arbeit geht es zum einen darum, eine geschlechts- und machtkritische Perspektive auf Geburtshilfe als politisches Feld zu entwickeln und hierfür Ansätze und Begriffe vorzuschlagen, die es erlauben, die Politik der Geburt als aktuellen und relevanten Gegenstand in die Politikwissenschaft zu integrieren (wie z.B. Maternity Care, vgl. Jung 2017). Zum anderen stehen in gesellschaftstheoretischer wie auch in empirischer Perspektive Fragen nach den Dynamiken von Geschlechterverhältnissen, Ökonomisierung und Medikalisierung sowie nach der Regierung von Sicherheit und Selbstbestimmung im Feld Geburtshilfe im Fokus. Ein wichtiger, bislang in der Forschungsliteratur kaum berücksichtigter Aspekt wird die wissenschaftliche Beforschung von Gewalt in der Geburtshilfe sein.