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Nachruf auf Prof. Dr. Norbert Relenberg, von Prof. Dr. Thomas Brüsemeister (GD), 22.4.2020

Prof. Dr. Norbert Relenberg (bis 04/2008 Schmidt-Relenberg), geboren 1931, ist im April verstorben. Als derzeitiger geschäftsführender Direktor des Instituts für Soziologie (Fachbereich 03, Sozial- und Kulturwissenschaften) ist es mir ein Anliegen und eine Ehre, ein Nachwort zu unserem Kollegen zu verfassen. Das tue ich sehr gern.

 

Jeder Nachruf geht von einer bestimmten Sicht aus. Meine ist, dass ich Kollege Relenberg leider nicht kennen gelernt habe. Während Norbert Relenberg im Jahr 1989 in den vorzeitigen Ruhestand ging, kam ich 2008 an das Institut für Soziologie in Gießen. Aus dieser zeitlichen Spanne ergibt sich jedoch nicht, dass sich eine Bindung, die wir zu unserem Institut für Soziologie haben, abwählen ließe. Schließlich liegt bei dem Kollegen und bei mir eine lebenslange Sozialisierung mit und für die Soziologie vor, zu der ich mich zu Ehren unseres Kollegen sehr gern verhalte.

Norbert Schmidt-Relenberg promoviert 1960 zum Dr.phil. in Stuttgart (Die Berufstätigkeit der Frau als soziologisches Problem). 1968 folgt die Habilitation in Hamburg. Dort ist er bis 1972 Privatdozent für Soziologie und bis 1973 Professor. Zur JLU-Gießen wechselt er 1973.

Nimmt man den Reichtum der Schriften von Norbert Relenberg in den Blick, lässt sich Bemerkenswertes berichten. Zuerst, dass die Hochphase des Schaffens des geehrten Kollegen Relenberg fast keine digitalen Hilfsmittel kennt. Dennoch weist das Internet heute fast 10.000 Einträge auf, wenn man seinen Namen eingibt.

Sein Werk „Selbstorganisation der Armen. Ein Bericht aus Venezuela“ (1980) erscheint auch auf Spanisch und wird im Internet immer wieder erwähnt.

Sein Schwerpunkt Stadtsoziologie paart sich mit einer besonderen Ausrichtung, nämlich Städtebau. Ab den 1960er Jahren lässt sich der intensive Aufwuchs des Wohlfahrtsstaates, damit von Städten, Bildungssystemen, Infrastruktur, erleben. Derartiges hat es historisch gesehen nie zuvor gegeben und ruft nach Begleitung durch Wissenschaften. Durch den Ausbau der Universitäten sind die Kolleginnen und Kollegen unmittelbar involviert. Im Rückblick auf 375 Jahre der Universität Gießen werden in den Gießener Universitätsblättern des Jahres 1982 die Ausgaben für Bauten für die JLU resümiert. Sie betrugen zwischen den Jahren 1957-61 ca. 45, zwischen 1962-66 ca. 208, zwischen 1967-71 ca. 268, zwischen 1972-76 ca. 249, zwischen 1977-81 ca. 93 Millionen DM.[1] Für die Soziologie als „Hilfswissenschaft“ der Stadtplanung, so Kollege Relenberg, ergibt sich die Aufgabe, die stete Ausrichtung der Gebäude an NutzerInnen wachzuhalten. Dies scheint gerade in der Planungseuphorie nicht immer leicht. Der Stadtsoziologie schreibt Schmidt-Relenberg in seinem Werk von 1968 „Soziologie und Städtebau. Versuch einer systematischen Grundlegung“ ins Stammbuch, es sollten „Gebiete mit städtisch-lebendigem, Gebiete mit städtisch-ruhigem und Gebiete mit quasi-ländlichem Charakter erstellt werden“ (a.a.O., 215). Hierbei wäre es nach dem Autor ein Fehler, sich hierbei nicht an flexiblen Übergängen der BewohnerInnen zu orientieren, die sich im Lebensablauf durch den Wandel des Zusammenlebens, in Freizeit und Berufen ergeben. Kurz: Modelle der Stadt sollen nicht getrennt und fixiert voneinander entworfen sein, sondern sich an flexiblen Bedarfen und Übergängen ausrichten. Ähnlich springt der Autor mit seiner Schrift „Sanierung und Sozialplan – Mitbestimmung und Sozialtechnik“ (1973) der städtebaulichen Planung bei, indem er auf Möglichkeiten der Partizipation von BewohnerInnen insistiert.

 

In derartiger Weise sind viele der Schriften von Norbert Relenberg Teil des grundlegenden Gedächtnisses und des soziologischen Grundwissens zu unseren Institutionen.

Seine architektursoziologischen Schriften gehen 1970 in Gründungsdokumente für Aufbaustudiengänge ein (Aufbaustudium am Institut für Umweltplanung, Ulm).[2]

Die heutige „Bibliothek Architektursoziologie“[3] erinnert den Titel „Norbert Schmidt-Relenberg, Soziologie und Städtebau, Stuttgart 1968“. Gedanken seiner Architektursoziologie sind noch heute Teil von Modulen in der Hochschulausbildung (Hochschule München 2010 – Fakultät für Architektur, Bachelor-Studiengang).[4]

 

Im Jahr 1963 wechselt Norbert Relenberg von der Sozialforschungsstelle Dortmund zur Universität Hamburg. Dies geschieht zusammen mit dem ehemaligen Assistenten von Helmut Schelsky, Rudolf Tartler. Durch Autounfall verstirbt der neue Dienstherr Tartler in Hamburg nach wenigen Wochen, so dass sich Kollege Relenberg „als Diener keines Herren“ erlebt. Dies ist keine Kleinigkeit, sondern wird hoch geschätzt, da in Dortmund teilweise noch ein „Nazigeist“ erlebt wird (wie Herr Relenberg in einem Brief notiert). Wahrlich kein Leichtes in der damaligen Zeit der Ideologien, zu einer wissenschaftlich-pragmatischen Haltung zu gelangen und sie beizubehalten, wie sie in den Schriften von Norbert Relenberg zum Ausdruck kommt.

 

Diese Haltung gelingt offensichtlich durch: empirische Sozialforschung. Bald werden in den Hamburger Seminaren erste kleine Untersuchungen zum Leben in der Stadt durchgeführt, wobei Herrn Relenberg das Engagement des Studenten Christian Luetkens auffällt. Nach eigenem Bericht imponiert ihm, dass dieser vor dem Studium eine handfeste Schiffsbauer-Lehre abgeschlossen hat. Zwischen 1963 und 1973, vor dem Ruf nach Gießen, führen Norbert Relenberg und Team in Hamburg etliche Untersuchungen zu Sanierungsvorhaben durch, manche im Auftrag des Senates. Die Vorhaben sind aus Sicht des Kollegen oft problematisch. Um so mehr bleibt ihm in Erinnerung, dass in (mindestens) einer Gemeinde viele Vorschläge der WissenschaftlerInnen nicht nur gehört, sondern auch umgesetzt werden.

 

In der Zeit in Hamburg, sowie auch danach, bilden die Erforschung von Sexualität und Sexualaufklärung einen weiteren Schwerpunkt des geehrten Kollegen. Noch heute dokumentiert das Archiv des SPIEGEL in einem Artikel von 1969 die Empörung der Öffentlichkeit, wie Relenberg und ein Kollege es wagen konnten, SchülerInnen über ihr Wissen zur Sexualität zu befragen; sie waren damals die ersten Forscher, die derartiges unternahmen.[5]

 

In Folge der engen Zusammenarbeit mit Christian Luetkens eröffnet Norbert Relenberg ihm die Möglichkeit, als wissenschaftlicher Mitarbeiter mit an die JLU-Gießen zu kommen. Die Freundschaft entwickelt sich weiter. Dies ändert sich auch nicht, als Christian Luetkens nach seiner Promotion bei Kollege Relenberg andere Forschungsinteressen entwickelt, die mehr in Richtung Medizin gehen. Im Jahr 1976 veröffentlichen Norbert Schmidt-Relenberg, Christian Luetkens und Klaus-Jürgen Rupp die Monografie „Familiensoziologie – eine Kritik“.

Zusammengefasst eröffnen sich mit den theoretischen und empirischen Schriften breite Möglichkeiten für theoretische und empirische Beobachtungen, um zu untersuchen, wie Städtebauplanung, Familienbedarfe, unter Bedingung der Partizipation Aller („Randgruppen“, „Elendsviertel“, „Stricher“) ‚inklusiv‘ gestaltet werden können. Anleihen an Parsons‘ Strukturfunktionalismus bilden einen Bezugspunkt, einen zusammenhängenden Blick nicht aufgeben zu wollen. Zugleich implizieren die empirischen Arbeiten eine Offenheit – empirische Ergebnisse können überraschen, ob in der politischen oder städtebaulichen Planung, in der dritten Welt, bei Strichern, oder Familien, oder SchülerInnen. Soziologie ist bei dem geschätzten Kollegen an Bedarfen der Mitglieder der Gesellschaft ausgerichtet, wohlwissend, dass es gravierende Differenzen zwischen städtebaulichen PlanerInnen im Hamburger Senat, der Bevölkerung in den Stadtvierteln Hamburgs, der armen Bevölkerung in den Elendsvierteln Venezuelas, im Wissen von Familien und SchülerInnen zur Sexualaufklärung gibt. Diese Unterschiedlichkeiten zu erkennen ist nicht das Ende, sondern der Anfang einer viel tiefergehenden Pflicht zur Erforschung von Zusammenhängen zwischen all diesen Bereichen. Eine Pflicht, die uns Kollege Relenberg ins Stammbuch unseres Instituts für Soziologie geschrieben hat, die wir heute aufgreifen und weiterverfolgen.

Die Offenheit und Überraschungsfähigkeit für Forschungsergebnisse von Norbert Relenberg wurde zum Beispiel 2008 auch von Elisabeth Beck-Gernsheim in der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ gesehen. In ihrem dortigen Aufsatz Störfall Kind: Frauen in der Planungsfalle[6] zitiert sie den geehrten Kollegen mit seiner frühen Studie aus dem Jahr 1959. Schmidt-Relenberg wollte damals 300 Abiturientinnen befragen, wie sie ihre Zukunft zwischen Beruf und Familie sehen. Da jedoch bereits fast alle der ersten 100 Studentinnen nur ihre eigene Familienplanung fokussierten, konnte Relenberg die Studie abbrechen, worüber er selbst überrascht war. Auch dies konnte Anlass gewesen sein, weiter empirisch zu forschen, statt sich mit systemischen Prognosen à la Parsons zu begnügen, eine Modernisierung von Rollen zwischen Beruf und Familie werde schon stattfinden. Dieses Thema beschäftigt den Autor auch noch 1965 in seinem Aufsatz für die „Soziale Welt“ mit dem Titel „Die Berufstätigkeit der Frau und die Familie in den Leitbildern von Abiturientinnen“.[7]

Norbert Relenberg und Team hatten in den 1980er Jahren Wohnsituationen auch international erforscht, insbesondere in so genannten Armenvierteln. MitarbeiterInnen des Lehrgebiets sind regelmäßig in Lateinamerika und Afrika vor Ort, um Projekte sozialwissenschaftlich zu beraten („Selbstorganisation der Armen. Ein Bericht aus Venezuela“, 1980).

 

Nach seiner Emeritierung schreibt Norbert Relenberg historisierende Romane, die die deutsche Zeitgeschichte als Familiengeschichte von Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts zum Gegenstand haben. Im Jahr 2002 wird der Roman veröffentlicht „Der Scheich: ein Verbrecher in Latinien; aus latinianischen Aufzeichnungen und den Memoiren von Sven Larsen“. 2010 erscheint „Sebastian in Arnstadt: Noten zum jungen Bach“. Im Jahr 2013 veröffentlicht der Autor das Werk „Geständnisse eines Scharlatans oder: Leben, Abenteuer und Ansichten des Lewin Allenberg“. –

 

In der Moderne sind wir multiple Persönlichkeiten, die sich zum Glück – vor einer gläsernen Öffentlichkeit – Geheimnisse bewahren. Über die letzten Jahre des geehrten Kollegen weiß ich nicht Bescheid und habe zu einem Bericht nicht das Recht. Fachlich weiß und fühle ich Norbert Relenberg als Teil meiner Soziologie-Familie, der mit vielen soziologischen Klassikern wie Parsons gearbeitet und empirisch neue Ufer erschlossen hat. Dies entspricht ganz dem Geist unseres heutigen Institutes. Da ich ihn früher nicht kannte, bin ich überrascht, glücklich und dankbar, ihn jetzt etwas zu kennen. Aber ich bin traurig, auch für unser Institut, ihn auf Erden verloren zu haben. Wir wünschen seiner Familie, seinen Angehörigen und Freunden viel Kraft für diese schwere Zeit.

Thomas Brüsemeister, als GD im Namen des Instituts für Soziologie