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Nachruf Prof. Dr. Wolfram Martini

Die Justus-Liebig-Universität und der Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften trauern um Prof. Dr. Wolfram Martini, der im Alter von 76 Jahren nach schwerer Krankheit verstorben ist.

 

 

Prof. Dr. Wolfram Martini leitete seit dem Sommersemester 1985 und bis zum Beginn des Wintersemesters 2006 die Professur für Klassische Archäologie und die Antikensammlung der Justus-Liebig-Universität.

 

Am 15. September 1941 in Hamburg geboren, studierte Wolfram Martini ab 1961 Klassische Archäologie, Klassische Philologie, Alte Geschichte, Ur- und Frühgeschichte und Kunstgeschichte an den Universitäten in Heidelberg, Lawrence (USA), Mainz, Rom und Hamburg. In Hamburg wurde er 1967/1968 mit einer Arbeit über „Die etruskische Ringsteinglyptik“ (18. Ergänzungsheft der Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts Rom. Heidelberg 1971) promoviert. Von 1968 bis 1979 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter und Assistent am Archäologischen Institut der Christian-Albrechts-Universität in Kiel. Während dieser Zeit, 1969–1979, leitete er im Auftrag des Deutschen Archäologischen Instituts Berlin sowie der Abteilung Athen die Ausgrabungen eines großen Baukomplexes im antiken Stadtgebiet von Samos. Er habilitierte 1977/1978 in Kiel mit den Ergebnissen dieser Grabungen mit dem Thema „Das Gymnasium von Samos I. Die hellenistische Anlage und die kaiserzeitlichen Thermen" (publiziert als „Das Gymnasium von Samos", in der Reihe SAMOS XVI, Bonn 1984). In den Jahren 1979 und 1980 vertrat er nacheinander die Lehrstühle für Klassische Archäologie an der Ruhr-Universität in Bochum und an der Georg-August-Universität in Göttingen. Nach der Ernennung zum außerordentlichen Professor (1982) lehrte er 1983 bis 1985 auf der C2-Professur des Archäologischen Instituts der Christian-Albrechts-Universität in Kiel.

 

Seine wissenschaftlichen Interessen gingen weit über die Kernbereiche der Klassischen Archäologie, die antike Plastik und Architektur sowie die griechische Vasenmalerei, hinaus. Ein besonderer Schwerpunkt von Martinis Forschungen lag allerdings auf der griechischen Plastik, insbesondere des 7. und 6. Jahrhunderts v. Chr.: Sein Buch „Die archaische Plastik der Griechen" (Darmstadt 1990) ist bis heute ein Standardwerk, nicht zuletzt auch der universitären Lehre. Aus der Beschäftigung mit dem Nachleben des antiken Gymnasiums auf Samos ging ein umfangreicher Beitrag zur Byzantinischen Archäologie hervor, den er gemeinsam mit Cornelius Steckner publizierte: „Das Gymnasium von Samos II. Das Frühbyzantinische Klostergut“ (in der Reihe SAMOS Bd. XVII, Mainz 1993). Seine Forschungen im Bereich der römischen Kunst und Architektur gliederte er in ein Großprojekt ein, das er mit zahlreichen Kollegen gemeinsam durchführte: Denn er gehörte zu den Initiatoren des Sonderforschungsbereichs „Erinnerungskulturen“ (SFB 434), der als einer der ersten und größten geisteswissenschaftlichen Forschungsverbünde 1997 gegründet wurde und zum Jahresende 2008 seine Arbeit erfolgreich beendet hat. Martini war von 1997 bis 1999 stellvertretender Sprecher dieses SFB und leitete darin das Teilprojekt "Formen der Erinnerung und des Vergessens in der bildenden Kunst hadrianischer Zeit". Sein ausgeprägtes Interesse an der archäologischen Feldforschung führte zu dem über 14 Jahre lang andauernden Projekt auf der Akropolis von Perge in der Türkei, das zunächst einen ausgedehnten Survey und danach sehr ergebnisreiche Ausgrabungen in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Haluk Abbasoğlu, dem Leiter des Archäologischen Instituts der Universität Istanbul, umfaßte. Neben zahlreichen Grabungsberichten ist die Publikation „Die Akropolis von Perge Bd. I. Survey und Sondagen 1994–1997" (Mainz 2003; gemeinsam mit H. Abbasoğlu) hervorzuheben. Der abschließende zweite Band zu den Architektur- und Schichtbefunden ist nur wenige Tage nach seinem Tod erschienen, er konnte ihn nicht mehr in den Händen halten („Die Akropolis von Perge II. Die Ergebnisse der Grabungen 1998–2004 und 2008. – Perge Akropolisi II. 1998–2004 ile 2008 Yılları Kazı Sonuçları“; Istanbul 2017; gemeinsam mit N. Eschbach). Noch im Jahr 2012 übernahm er ein großes Forschungsprojekt für das Deutsche Archäologische Institut, Abteilung Madrid: Die Nachuntersuchungen und Publikation der römischen Thermenanlage von Munigua in Spanien. Das Manuskript ist abgeschlossen und wird z. Zt. durch die Redaktion des DAI Madrid für den Druck vorbereitet.

 

Seine wissenschaftliche Leistung und seine persönliche Integrität erfuhren rasch hohe Anerkennung und Respekt. Bereits 1975 ernannten ihn das Deutsche und das Österreichische Archäologische Institut zum korrespondierenden Mitglied; seit 1985 und bis zu seinem Ausscheiden aus dem Dienst 2006 vertrat er die Klassische Archäologie Hessens in der Zentraldirektion des Deutschen Archäologischen Instituts in Berlin. Für die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) war er 2000–2003 als Fachgutachter, für den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) 2002 als Mitglied des Fachgutachterausschusses tätig. Seit 2001 brachte er seine Erfahrung im Beirat der Redaktion der international renommierten Zeitschriften Adalya (Türkei) ein, zudem seit 2006 im wissenschaftlichen Beirat der Athenischen Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts.

 

Im Jahr 1987 erwirkte Martini den Umzug der bis dahin weitgehend im Verborgenen schlummernden Antikensammlung der Universität, deren Anfänge auf das frühe 19. Jh. zurückgehen, im Wallenfels’schen Haus des Oberhessischen Museums; sie wurde so wieder öffentlich zugänglich. Er initiierte und förderte Ausstellungen und Publikationen, vor allem die Aufnahme der griechischen Vasen in das Corpus Vasorum Antiquorum der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (CVA Gießen 1, München 1998), die die Gießener Sammlung in der Forschung international bekannt machte.

 

Als Vertrauensdozent der Studienstiftung des deutschen Volkes nahm er ab 1985, federführend ab 1993, bis 2008 auch außerhalb des direkten Umfeldes an der Justus-Liebig-Universität Einfluß auf den wissenschaftlichen Nachwuchs. Im Rahmen der universitären Institutionen nahm er sowohl als Vorsitzender des geisteswissen­schaftlichen Promotionsausschusses (1987–2006) sowie des akademischen Prü­fungsamtes der Geisteswissenschaften (1989–2006) eine besondere Verantwortung für die Studierenden wahr. Als Dekan des Fachbereichs Geschichtswissenschaften (1988/1989) und 2001–2003 als Dekan des neu formierten Fachbereichs Geschichts- und Kulturwissenschaften trug er nicht nur wesentlich zum Wohle der einzelnen Fächer bei, sondern sicherte unter anderem auch den Verbleib der Klassischen Archäologie im Verbund der Geisteswissenschaften an der JLU. Seit 2003 und bis zu seinem Ausscheiden aus dem Dienst vertrat er die Interessen der Geistes­wissenschaften mit Nachdruck auch als Mitglied des Senats der Justus-Liebig-Universität. Auch über den Rahmen der Universität hinaus nahm er regen Einfluß auf die Geschicke des Faches, u. a. seit 1996 bis 2006 als Mitglied des erweiterten Vorstands des Philosophischen Fakultätentages, und schließlich nach seinem Ausscheiden z. B. seit 2008 als Mitglied der Akkreditierungskommission Agentur für Qualitätssicherung durch Akkreditierung von Studiengängen (AQAS).

 

Wolfram Martini lehrte einerseits mit großem Engagement und ruhig vorgetragenem Enthusiasmus sowie mit seiner immer deutlichen Liebe zu und Freude an der Antike, andererseits unausgesprochen durch sein Beispiel, durch seine freundschaftliche Kollegialität und seine Loyalität gegenüber Kollegen, Mitarbeitern und Studierenden. In seinem strikt Befund-orientierten Denken und Handeln, ob in der Beschäftigung mit den Gegenständen des Faches oder mit den Belangen der Professur für Klassische Archäologie und darüber hinaus, war er ein Vorbild wissenschaftlicher und menschlicher Integrität. Sein Tod hat uns sehr getroffen. Unser tiefes Mitgefühl gilt seiner Familie.

 

Die Mitglieder der Universität, des Fachbereichs und der Professur für Klassische Archäologie werden dem Verstorbenen stets ein ehrendes Andenken bewahren.