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Projektskizze Habilitation Dr. Kolja Lichy

Ökonomie, Politik und Moral. Die k.k. Versatzämter des 18. Jahrhunderts zwischen Kapital und Caritas"

Im Verlauf des 18. Jahrhunderts wurden in der Habsburger Monarchie zahlreiche Versuche unternommen, das bestehende öffentliche Kreditsystem zu modifizieren beziehungsweise neue obrigkeitlich sanktionierte Finanzinstitutionen zu errichten. Bislang hat sich die Forschung allerdings in erster für die Fragen des Staatskredits und großer obrigkeitlicher wie privater Zentralbankenpläne interessiert. Demgegenüber stehen in diesem Projekt die weitgehend vernachlässigten, jedoch vergleichsweise langlebigen städtischen Versatzämter im Mittelpunkt. Sie knüpften zwar an die Tradition der spätmittelalterlichen Montes pietatis an beziehungsweise reorganisierten die bestehenden Montes, definierten jedoch die caritative Pfandleihe und das lokale Kreditwesen in veränderter Weise. Hierbei gilt es, die Verzahnung oder Differenzierung originär religiöser, potentiell säkularisierend moralischer sowie politischer und ökonomischer Denk- und Handlungsoptionen analytisch auszuloten. Als einflussreich erwiesen sich jedenfalls die finanztechnischen und ökonomischen Diskurse, die in der Wiener Zentrale wie in den einzelnen Städten und Reichsteilen der Monarchie zunehmend Bedeutung erlangten. Dabei sollen die differenzierten Funktionsweisen und Entwicklungen der einzelnen Kreditanstalten und deren Wechselbeziehungen zur Wiener Zentrale in den Blick genommen werden. Denn abhängig von Trägern, theoretischen Debatten, Marktmechanismen und -teilnehmern vor Ort variierte die institutionelle und funktionelle Ausformung der Versatzämter erheblich – trotz der ihnen gemeinsamen, von Wien bestimmten, Rahmenbedingungen.

 

Spätestens die Subprime-Krise von 2007 und ihre Folgeerscheinungen haben eine Renaissance wirtschafts- und finanzgeschichtlicher Forschungen befördert. In deren Rahmen ist eine Reintegration wirtschaftswissenschaftlicher Forschung in einen breiteren sozialwissenschaftlichen und historischen Kontext diskutiert worden, wobei gleichzeitig  eine kulturgeschichtlich orientierte Geschichtswissenschaft die Ökonomie als Forschungsfeld neu entdeckt hat. Von besonderem Interesse scheint dabei das 18. Jahrhundert zu sein, in dem in der Regel grundlegende Wandlungsprozesse von „vormodernen“ zu „modernen Wirtschaften“ verortet werden. Hier bemühen sich die Debatten um eine strukturelle historische Einordnung von Wirtschaft – zum großen Teil explizit oder implizit anhand von Forschungskonstrukten wie der „Great Transformation“ Polanyis, der „political economy / économie politique“ oder auch der „moral economy / économie morale“. Kredit und Pfandleihe sind dabei insbesondere im Zusammenhang mit letzterem Ansatz thematisiert worden, wie etwa die Arbeiten von Laurence Fontaine prominent zeigen. Andererseits existiert eine von diesen Debatten kaum tangiert scheinende Forschung zu „Merkantilismus“ und „Kameralismus“, die ihren Fokus auf staatliche beziehungsweise herrschaftliche Theoretisierung und Lenkung von Wirtschaft richtet.

 

Vor diesem Hintergrund steht die Verflechtung von zeitgenössischer ökonomischer Theorie mit zentralen obrigkeitlichen und lokalen ökonomischen Entwürfen, Praktiken und Interessen  im Mittelpunkt des Projektes. Dabei sollen die existierenden Forschungsansätze kritisch überprüft und etwa im Fall von „économie politique bzw. morale“ und der Merkantilismus-/Kameralismus-Debatte die – zumindest in der deutschen Forschung - bestehende Selbstisolierung beider Konzeptionen hinterfragt werden. Die Konzentration liegt dabei auf einem Zeitraum von der Mitte des 18. bis zum beginnenden 19. Jahrhundert, in dem die Versatzämter der Habsburger Monarchie ihre entscheidende Gründungswelle erlebten. In diesem Zusammenhang ist es schließlich ein weiteres Ziel der Untersuchung, durch die Wahl von Beispielfällen aus verschiedenen Reichsteilen (Wien, Triest, Brünn, Prag, die Südlichen Niederlande), die zentralen ökonomischen Versuche einer frühneuzeitlichen composite monarchy in Hinsicht auf Kohärenz und Diskrepanz zu erforschen und dabei eine breitere europäische Perspektive zu eröffnen.