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Lassalle, Offenes Antwortschreiben, 1863


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Ferdinand Lassalle:
Offenes Antwortschreiben an das Zentralkomitee zur Berufung eines Allgemeinen Deutschen Arbeiterkongresses zu Leipzig (1863)
Quelle: Programme der deutschen Sozialdemokratie. Hannover 1963, 27-64.
Elektronische Fassung: gescannt und eingerichtet, aber bisher nur flüchtig auf Scanfehler durchgesehen! Nur zum Gebrauch im Sommersemester 2001. Die endgültige Fassung wird nach dem Original von 1863 eingerichtet.


<<28>>

Meine Herren!

Sie fordern mich in Ihrer Zuschrift auf, Ihnen in irgendeiner
mir passend erscheinenden Form meine Ansichten
über die Arbeiterbewegung und über die Mittel, deren
sie sich zu bedienen hat, um die Verbesserung der Lage
des Arbeiterstandes in politischer, materieller und geistiger
Beziehung zu erreichen, sowie besonders auch
über den Wert der Assoziationen für die ganze
unbemittelte Volksklasse auszusprechen.

Ich nehme keinen Anstand, Ihrem Wunsche
nachzukommen, und wähle dazu die einfachste, durch die
Natur der Sache nahegelegte Form, die Form eines
öffentlichen Send- und Antwortschreibens auf Ihren
Brief.

Ich bemerke nur, daß infolge meiner in diesem Moment
durch notwendige Arbeiten sehr in Anspruch genommenen
Zeit dieser Brief sich der größtmöglichen Kürze
befleißigen muß, was übrigens Ihrem eigenen Zwecke
entsprechen wird.

Als Sie im Oktober vorigen Jahres, zu welcher Zeit ich
gerade von hier abwesend war, die erste Vorberatung
in Berlin über den deutschen Arbeiterkongreß hielten,
der ich in den Veröffentlichungen durch die Zeitungen
mit Interesse gefolgt bin, wurden zwei entgegengesetzte
Ansichten in der Versammlung geltend gemacht.
Die eine ging dahin, daß Sie sich überhaupt um die
politische Bewegung nicht zu bekümmern hätten und
diese interesselos für Sie sei.

Die andere ging im Gegenteil dahin, daß Sie sich als
den Anhang der preußischen Fortschrittspartei zu
betrachten, und den selbstlosen Chor und Resonanzboden
für sie abzugeben hätten.

Wäre ich damals in Ihrer Versammlung gegenwärtig
gewesen, so würde ich mich gleichmäßig gegen beides
ausgesprochen haben.

Es ist geradezu vollständig beschränkt, zu glauben, daß
den Arbeiter die politische Bewegung und Entwickelung
nicht zu kümmern habe!

<<29>>

Ganz im Gegenteil kann der Arbeiter die Erfüllung
seiner legitimen Interessen nur von der politischen
Freiheit erwarten.

Schon die Frage, inwiefern Sie sich versammeln. Ihre
Interessen diskutieren, Vereine und Zweigvereine zur
Wahrnehmung derselben bilden dürfen usw., ist eine
von der politischen Lage und politischen Gesetzgebung
abhängige Frage, und es verlohnt sich daher nicht, eine
so beschränkte Ansicht erst noch durch weiteres
Eingehen zu widerlegen.

Nicht weniger falsch und irreleitend war aber auch das
entgegengesetzte Ansinnen, das Ihnen gestellt wurde,
sich politisch nur als den Anhang der Fortschrittspartei
zu betrachten.

Zwar wäre es ungerecht gewesen, zu verkennen, daß
sich die preußische Fortschrittspartei damals in ihrem
Konflikt mit der preußischen Regierung durch ihr
Festhalten an dem Budgetbewilligungsrecht und ihren
Widerstand gegen die Militärreorganisation in Preußen ein
gewisses, wenn auch mäßiges, Verdienst um die politische
Freiheit erworben hatte.

Gleichwohl war schon damals die Erfüllung jenes
Ansinnens durch die folgenden Gründe vollständig
ausgeschlossen:

Erstens ziemte eine solche Haltung von vornherein
nicht einer so mächtigen und selbständigen, viel
prinzipiellere politische Zwecke verfolgenden Partei, wie die
deutsche Arbeiterpartei zu sein hat, gegenüber einer
Partei, welche, wie die preußische Fortschrittspartei, in
prinzipieller Hinsicht nur das Festhalten an der preußischen
Verfassung als ihre Fahne aufgepflanzt und nur
Dinge wie die Abwehr einer einseitigen Umgestaltung
der Militärorganisation -- die man in ändern deutschen
Ländern nicht einmal versucht -- oder wie das Festhalten
am Budgetbewilligungsrecht -- das man in ändern
deutschen Ländern nicht einmal bestreitet -- zum
Inhalte ihres Kampfes hat. --

Zweitens stand jedenfalls durch nichts fest, ob die
preußische Fortschrittspartei ihren Konflikt mit der
<<30>>
preußischen Regierung mit jener Würde und Energie
zum Austrag bringen werde, welche allein des Arbeiterstandes
angemessen ist und auf seine warme Sympathie
rechnen kann.

Drittens stand ebenso durch nichts fest, ob die preußische
Fortschrittspartei, wenn sie selbst den Sieg über
die preußische Regierung errungen, diesen Sieg im
Interesse des gesamten Volkes oder nur zur Aufrechterhaltung
der privilegierten Stellung der Bourgeoisie
ausnützen würde; d. h. ob sie diesen Sieg zur
Herstellung des allgemeinen gleichen und direkten
Wahlrechts, welches durch die demokratischen Grundsätze
und die legitimen Interessen des Arbeiterstandes
geboten ist, verwenden würde oder nicht.

Im letzteren Fall konnte sie offenbar nicht auf das
geringste Interesse von seilen des deutschen
Arbeiterstandes Anspruch machen.

Dies wäre es gewesen, was ich Ihnen damals in bezug
auf jenes Ansinnen zu sagen gehabt hätte.

Heute kann ich noch hinzufügen, daß sich seitdem auch
tatsächlich gezeigt hat, was damals freilich schon
unschwer vorauszusehen war -- daß es der preußischen
Fortschrittspartei vollständig an jener Energie gebricht,
welche erforderlich gewesen wäre, um auch nur jenen
beschränkten Konflikt zwischen ihr und der preußischen
Regierung würdig und siegreich zum Austrag zu bringen.
Indem sie trotz des ihr von der Regierung tatsächlich
verweigerten Budgetbewilligungsrechtes fortfährt,
fortzutagen und parlamentarische Geschäfte mit einem
Ministerium zu erledigen, welches von ihr selbst für
kriminalrechtlidi verantwortlich erklärt worden ist,
erniedrigt sie durch diesen Widerspruch sich und das
Volk durch das Schauspiel einer Schwäche und
Würdelosigkeit ohnegleichen!

Indem sie trotz des von ihr selbst erklärten Verfassungsbruchs
fortfährt, fortzutagen, fortzudebattieren
und mit der Regierung parlamentarische Geschäfte zu
ordnen, ist sie selbst der Regierung behülflich und bietet
<<31>>
ihr sogar die Hand, den Schein eines konstitutionellen
Zustandes aufrechtzuerhalten.

Statt die Sitzungen der Kammer für auf so lange
geschlossen zu erklären, bis die Regierung die von der
Kammer verweigerten Ausgaben nicht länger fortzusetzen
erklärt haben werde, und hierdurch der Regierung
die unvermeidliche Alternative zu setzen, entweder
das verfassungsmäßige Recht der Kammer zu
achten oder aber auf jeden Schein und Apparat eines
konstitutionellen Zustandes zu verzichten, offen und
unumwunden als absolute Regierung zu wirtschaften,
die ungeheure Verantwortlichkeit einer solchen auf sich
zu nehmen und so selbst die Krise herbeizuführen,
welche allmählich als die Frucht des offenen Absolutismus
eintreten müßte -- setzt sie selbst die Regierung in
den Stand, alle Vorteile der absoluten Gewalt mit allen
Vorteilen eines scheinbar konstitutionellen Zustandes
zu verbinden.

Und indem sie, statt die Regierung auf den offenen
unverhüllten Absolutismus hinzudrängen und das Volk
durch die Tat über das Nichtvorhandensein eines
verfassungsmäßigen Zustandes aufzuklären, einwilligt, ihre
Rolle in dieser Komödie des Scheinkonstitutionalismus
weiterzuspielen, hilft sie einen Schein aufrecht erhalten,
welcher, wie jedes auf Schein beruhende Regierungssystem,
verwirrend auf die Intelligenz und depravierend
auf die Sittlichkeit des Volkes einwirken muß.

Eine solche Partei hat dadurch gezeigt, daß sie einer
entschlossenen Regierung gegenüber durchaus
ohnmächtig ist und stets sein wird.

Eine solche Partei hat gezeigt, daß sie eben dadurch
vollkommen unfähig ist, auch nur die geringste reelle
Entwickelung der Freiheitsinteressen herbeizuführen.

Eine solche Partei hat gezeigt, daß sie keinen Anspruch
auf die Sympathien der demokratischen Schichten der
Bevölkerung hat und daß sie ohne jeden Sinn und
<<32>>
Verständnis für das politische Ehrgefühl ist, welches
den Arbeiterstand durchdringen muß.

Eine solche Partei hat, mit einem Worte, tatsächlich
gezeigt, daß sie nichts anderes ist, als die mit einem
anderen Namen geschmückte Wiederauferstehung des
verrufenen Gothaertums.

Dies kann ich Ihnen heute hinzufügen.

Heute wie damals endlich hätte ich Ihnen noch sagen
müssen, daß eine Partei, welche sich durch ihr Dogma
von der "preußischen Spitze" zwingt, in der preußischen
Regierung den berufenen Messias für die deutsche
Wiedergeburt zu sehen, während es, und zwar mit
Einschluß Hessens, nicht eine einzige deutsche Regierung
gibt, welche hinter der preußischen in politischer
Beziehung zurückstände, während es, und zwar mit
Einschluß Österreichs, fast keine einzige deutsche Regierung
gibt, welche der preußischen nicht noch bedeutend
voraus wäre -- schon hierdurch allein sich jedes
Anspruches begibt, den deutschen Arbeiterstand zu
repräsentieren: denn eine solche Partei legt hierdurch
allein schon eine Versunkenheit in Illusion, Selbstüberhebung
und sich in bloßer Wortberauschung befriedigende
Unfähigkeit an den Tag, welche jede Hoffnung,
von ihr eine reelle Entwickelung der Freiheit des deutschen
Volkes zu erwarten, beseitigen muß.

Aus dem Gesagten ergibt sich nun mit Bestimmtheit,
welche Haltung der Arbeiterstand in politischer Hinsicht
einnehmen und welches Verhältnis zur Fortschrittspartei
er beobachten muß.

Der Arbeiterstand muß sich als selbständige politische
Partei konstituieren und das allgemeine, gleiche und
direkte Wahlrecht zu dem prinzipiellen Losungswort
und Banner dieser Partei machen. Die Vertretung des
Arbeiterstandes in den gesetzgebenden Körpern Deutschlands --
dies ist es allein, was in politischer Hinsicht
seine legitimen Interessen befriedigen kann. Eine friedliche
und gesetzliche Agitation hierfür mit allen gesetzlichen
Mitteln zu eröffnen, das ist und muß in politischer
Hinsicht das Programm der Arbeiterpartei sein
.

<<33>>

Es erhellt von selbst, wie diese Arbeiterpartei sich zur
deutschen Fortschrittspartei zu verhalten hat.

Sich überall als eine selbständige und durchaus von ihr
getrennte Partei zu fühlen und zu konstituieren, gleichwohl
die Fortschrittspartei in solchen Punkten und Fragen
zu unterstützen, in welchen das Interesse ein
gemeinschaftliches ist, ihr entschieden den Rücken zu
kehren und gegen sie aufzutreten, so oft sie sich von
demselben entfernt, die Fortschrittspartei eben dadurch
zu zwingen, entweder sich vorwärts zu entwickeln und
das Fortschrittsniveau zu übersteigen oder aber immer
tiefer in den Sumpf von Bedeutungs- und Machtlosigkeit
zu versinken, in welchem sie bereits knietief
angelangt ist -- das muß die einfache Taktik der deutschen
Arbeiterpartei gegenüber der Fortschrittspartei
sein.

Soviel über das, was Sie in politischer Hinsicht zu tun
haben.

Nun zu der Sie mit Recht in noch höherem Grade in-
teressierenden sozialen Frage, die Sie aufwerfen. --

Nicht ohne schmerzliches Lächeln habe ich aus den
öffentlichen Blättern entnommen, daß die Debatten über
Freizügigkeit und Gewerbefreiheit einen Teil Ihrer für
den Kongreß projektierten Tagesordnung bilden sollen.
Wie, meine Herren, Sie wollten über Freizügigkeit
debattieren?

Ich weiß Ihnen hierauf nur mit dem Distichon Schillers
zu antworten:

"Jahrelang schon bedien' ich mich meiner Nase zum
Riechen, aber hab ich an sie auch ein erweisliches Recht?"

Und verhält es sich mit der Gewerbefreiheit nicht ganz
ebenso?

Alle diese Debatten hätten mindestens den einen Fehler --
um mehr als fünfzig Jahre zu spät zu kommen.

Freizügigkeit und Gewerbefreiheit sind Dinge, welche
man in einem gesetzgebenden Körper stumm und
lautlos dekretiert, aber nicht mehr debattiert.

Sollte der deutsche Arbeiterstand gleichfalls das Schauspiel
jener Versammlungen wiederholen wollen, deren
<<34>>
Selbstgenuß darin besteht, sich in zwecklos langen
Reden zu befriedigen und zu beklatschen?

Der Ernst und die Tatkraft des deutschen Arbeiterstandes
werden ihn vor einem so kläglichen Schauspiel
zu bewahren wissen!

Aber Sie wollen Sparkassen, Invaliden-, Hilfs- und
Krankenkassen stiften?

Ich erkenne gern den relativen, obwohl äußerst
untergeordneten und kaum der Rede werten Nutzen dieser
Institute an.

Aber unterscheiden wir gänzlich zwei Fragen, die
schlechterdings nichts miteinander zu tun haben.
Ist es Ihr Zweck, das Elend von Arbeiterindividuen
erträglicher zu machen? Dem Leichtsinn, der Krankheit,
dem Alter, den Unglücksfällen aller Art entgegenzuwirken,
wodurch zufällig oder notwendig einzelne
Arbeiterindividuen noch unter die normale Lage des
Arbeiterstandes hinuntergedrückt werden?

In diesem Fall sind Kranken-, Invaliden-, Spar- und
Hilfskassen ganz angemessene Mittel. Nur verlohnt es
sich dann nicht, für einen solchen Zweck eine Bewegung
durch ganz Deutschland anzuregen, eine allgemeine
Agitation in den gesamten Arbeiterstand der Nation
zu werfen. Man muß nicht die Berge kreisen lassen, als
wollten sie gebären, damit dann ein kleines Mäuschen
zum Vorschein komme!

Dieser so höchst beschränkte und untergeordnete Zweck
ist vielmehr ruhig den lokalen Vereinen und der lokalen
Organisation zu überlassen, die ihn auch weit besser
zu erreichen vermögen.

Oder aber ist es Ihr Zweck: die normale Lage des
gesamten Arbeiterstandes selbst zu verbessern und über
ihr jetziges Niveau zu erheben?

Und freilich ist das und muß das Ihr Zweck sein. Aber
es bedarf eben nur der scharfen Unterscheidungslinie,
die ich hier zwischen diesen beiden Zwecken, die nicht
miteinander verwechselt werden dürfen, gezogen habe,
um Sie besser als durch eine lange Abhandlung ein-
sehen zu lassen, wie ganz und gar ohnmächtig zur
<<35>>
Erreichung dieses zweiten Zweckes und somit, wie ganz
und gar außerhalb des Umfanges der jetzigen
Arbeiterbewegung liegend jene Institute sind.

Nur das Zeugnis eines einzigen Gewährsmannes
erlauben Sie mir anzuführen, das Eingeständnis des streng
konservativen, streng royalistischen Professors Huber,
eines Mannes, welcher gleichfalls der sozialen Frage
und der Entwicklung der Arbeiterbewegung seine
Studien gewidmet hat.

Ich liebe es, die Zeugnisse dieses Mannes anzuführen --
und werde es daher im Laufe dieses Briefes noch hin
und wieder tun --, weil er, in politischer Hinsicht auf
durchaus entgegengesetzten und in ökonomischer
Hinsicht auf durchaus verschiedenem Standpunkt mit mir
stehend, durch sein Zeugnis am besten den Verdacht
beseitigen muß, als sei der geringe Wert, den ich auf
jene Institute lege, nur die Folge vorgefaßter politischer
Tendenzen; andererseits weil Professor Huber, ebenso
weit vom Liberalismus entfernt wie von meinen
politischen Ansichten, gerade dadurch die nötige
Unbefangenheit hat, auf nationalökonomischem Boden
wahrheitsgetreue Eingeständnisse abzulegen, während alle
Anhänger der liberalen Schule auf nationalökonomischem
Boden gezwungen sind, die Arbeiter, oder zur
besseren Täuschung dieser, vorher auch sich selbst zu
täuschen, um die Dinge in Übereinstimmung mit ihren
Tendenzen zu erhalten.

"Ohne daher" -- sagt Professor Huber in seiner 'Concordia' --,
"ohne daher den relativen Nutzen der Sparkassen,
Hilfs- und Krankenkassen usw., soweit er wirklich
geht, irgend zu verkennen, können diese guten
Einrichtungen Nachteile mit sich führen, als sie dem
Bessern hinderlich in den Weg treten."

Und sicherlich, nie würden sie in höherem Grade diese
großen negativen Nachteile bewährt haben und dem
Bessern hindernd in den Weg getreten sein, als wenn
sie die Kräfte der großen allgemeinen deutschen
Arbeiterbewegung für sich in Anspruch nehmen oder auch
nur teilen sollten.

<<36>>

Aber Sie sollen, so hieß es in verschiedenen Zeitungen,
und so wird, wie Ihr Brief selbst besagt, von fast allen
Orten Ihnen anempfohlen, die Schulze-Delitzschen
Organisationen, seine Vorschuß- und Kreditvereine, seine
Rohstoffvereine und seine Konsumvereine zur Verbesserung
der Lage des Arbeiterstandes in Anspruch
nehmen.

Ich erlaube mir. Ihre Aufmerksamkeit in einem immer
gesteigerten Grade zu erbitten.

Schulze-Delitzsch kann in dreierlei Beziehungen
betrachtet werden.

In politischer Hinsicht gehört er der Fortschrittspartei
an, welche oben bereits betrachtet worden ist.

Er erhebt zweitens auch den Anspruch, Nationalökonom
zu sein. In dieser Hinsicht, als theoretischer Nationalökonom,
steht er jedenfalls ganz und gar auf dem
Boden der liberalen Schule, teilt alle ihre Irrtümer,
Täuschungen und Selbstverblendungen. Die Vorträge,
die er bisher den Berliner Arbeitern gehalten hat,
sind ein schlagender Beleg hierfür; schiefe Darstellungen,
Schlußfolgerungen, die mit ihren Prämissen keineswegs
zusammenhängen, bilden ihren Inhalt. Indes,
es kann nicht Ihr Zweck und meine Absicht sein, mich
hier in eine Kritik der theoretischen nationalökonomischen
Ansichten und Vorträge von Schulze-Delitzsch
einzulassen und jene Selbsttäuschungen und Fehlschlüsse
nachzuweisen, die ihm mit der ganzen liberalen
Schule, der er in theoretischer, nationalökonomischer
Hinsicht angehört, gemeinsam sind. Ich werde überdies
ohnehin noch weiter unten gezwungen sein, auf den
hauptsächlichen Inhalt dieser Lehren zurückzukommen.
Aber Schulze-Delitzsch hat drittens noch eine über seinen
theoretischen nationalökonomischen Standpunkt in
gewisser Hinsicht hinausgehende praktische Natur.

Er ist das einzige Mitglied seiner Partei, der
Fortschrittspartei, welches -- und es ist ihm eben deshalb
nur um so höher anzurechnen -- etwas für das Volk
getan hat!

<<37>>

Er ist durch seine unermüdliche Tätigkeit und, obwohl
alleinstehend und in gedrücktester Zeit, der Vater und
Stifter des deutschen Genossenschaftswesens geworden,
und hat so der Sache der Assoziation überhaupt
einen Anstoß von den weitgreifendsten Folgen
gegeben, ein Verdienst, für das ich ihm, so sehr ich in
theoretischer Hinsicht sein Gegner bin, indem ich dies
schreibe, im Geiste mit Wärme die Hand schüttele.
Wahrheit und Gerechtigkeit auch gegen einen Gegner
-- und vor allem geziemt es dem Arbeiterstand, sich
dies tief einzuprägen! -- ist die erste Pflicht des Mannes.

Daß heute schon von einer deutschen Arbeiterbewegung
die Frage diskutiert wird, ob die Assoziation in
seinem oder meinem Sinne aufzufassen sei -- das ist
zum großen Teile sein Verdienst, das eben ist sein
wahres Verdienst, und dies Verdienst läßt sich nicht
zu hoch veranschlagen.

Aber die Wärme, mit welcher ich dies Verdienst
anerkenne, darf uns nicht daran hindern, mit kritischer
Schärfe die Frage ins Auge zu fassen:

Sind die Schulze-Delitzschen Assoziationen, die Kredit-
und Vorschuß-, die Rohstoff- und die Konsumvereine
imstande, die Verbesserung der Lage des
Arbeiterstandes zu bewirken?

Und auf diese Frage muß die Antwort allerdings das
entschiedenste Nein sein!

Es wird leicht sein, das in Kürze zu zeigen.

Was zunächst die Kredit- oder Vorschuß- und die
Rohstoffvereine betrifft, so kommen beide darin überein,
daß sie nur für denjenigen existieren, der ein Geschäft
für eigene Rechnung betreibt, also nur für den kleinen
Handwerksbetrieb. Für den Arbeiterstand im engeren
Sinne, für den in der fabrikmäßigen Großproduktion
beschäftigten Arbeiter, der keinen eigenen Geschäftsbetrieb
hat, für den er Kredit und Rohstoffe benutzen
könnte, existieren beide Vereine nicht.

Ihre Hilfe kann somit von vornherein nur den
handwerksmäßigen Kleinbetrieb treffen.

<<38>>

Aber auch in dieser Hinsicht wollen Sie zwei wesentliche
Umstände festhalten und sich einprägen.

Erstens ist es die notwendige Bewegung unserer Industrie,
täglich immer mehr den fabrikmäßigen Großbetrieb
an die Stelle des handwerksmäßigen Kleinbetriebs,
oder des Zwerggewerbes -- wie man denselben
auch benannt hat -- zu setzen und folglich täglich
eine immer größere Anzahl von Handwerkern in den
in der fabrikmäßigen Großproduktion beschäftigten
eigentlichen Arbeiterstand hinüberzutreiben. England
und Frankreich, die uns in der ökonomischen Entwicklung
voran sind, zeigen dies in noch höherem Grade
als Deutschland, welches übrigens täglich mächtige
Fortschritte auf demselben Wege macht. Ihre eigenen
Erfahrungen werden Ihnen dies hinreichend bestätigen.

Folglich ergibt sich hieraus, daß die Schulze-Delitzschen
Kredit- und Vorschuß- und seine Rohstoffvereine,
wenn sie selbst den Handwerkern zu helfen vermöchten,
doch nur einer durch die notwendige Entwicklung
unserer Industrie täglich immer mehr verschwindenden,
täglich immer kleiner werdenden Anzahl von Leuten
zugute kommen, welche durch die Bewegung unserer
Kultur in immer größerem Umfange in den von dieser
Hilfe nicht betroffenen eigentlichen Arbeiterstand
hinübergedrängt werden. Und das ist gleichwohl nur eine
erste Folgerung. Eine zweite, genau mit ihr zusammenhängende
noch wichtigere Konsequenz des Gesagten ist
folgende: Der Konkurrenz der fabrikmäßigen Großproduktion
gegenüber, welche sich täglich mehr an die
Stelle des kleinen handwerksmäßigen Betriebes setzt,
vermögen auch die in demselben ausharrenden Handwerker
durch die Kredit- und Rohstoffvereine keineswegs
geschützt zu werden. Ich will Ihnen dafür wieder
als Zeugnis das Eingeständnis des Professors Huber
anführen: "Leider aber" -- sagt er, nachdem er die
Schulze-Delitzschen Kredit- und Rohstoffvereine, gleich
mir, rühmend betrachtet hat --, "leider aber erscheint
die Voraussetzung, daß damit die Konkurrenz des
<<39>>
Zwerggewerbes mit der Großindustrie ermöglicht wäre,
durchaus nicht hinreichend begründet."

Besser aber als jedes Zeugnis werden Sie die leicht zu
entwickelnden inneren Gründe von dem, was ich sage,
überzeugen.

Wie weit kann die Wirkung von Kreditvereinen und
von Vereinen zur billigen und guten Beschaffung von
Rohstoffen gehen? Sie kann den unbemittelten Handwerker
in die Lage setzen, mit dem bemittelten Handwerker,
mit demjenigen, der das hinreichende kleine
Kapital für seinen handwerksmäßigen kleinen Betrieb
hat, zu konkurrieren. Sie kann also höchstens den
unbemittelten Handwerker gleichsetzen und in dieselbe
Lage bringen mit dem mit eigenem hinreichenden
Kapital für seinen Handwerksbetrieb ausgerüsteten
Meister. Nun ist ja die Tatsache aber eben die, daß auch
die mit eigenem hinreichendem Kapital produzierenden
Handwerksmeister nicht die Konkurrenz des großen
Kapitals und der fabrikmäßigen Massenproduktion
aushaken können, sowohl wegen der durch den Großbetrieb
ermöglichten billigeren Erzeugungskosten aller
Art, als wegen der geringeren Profitrate, die bei dem
massenhaften Betrieb auf jedes einzelne Stück zu
fallen braucht, als endlich wegen noch anderer mit ihm
verbundener Vorteile. Da nun die Kredit- und
Rohstoffvereine die unbemittelten kleinen Handwerker
höchstens im allgemeinen in dieselbe Lage wie den für
seinen Kleinbetrieb mit hinreichendem Kapital
ausgerüsteten Handwerksmeister versetzen können und
dieser selbst die Konkurrenz der fabrikmäßigen
Großindustrie nicht ertragen kann, so bleibt um so mehr
dasselbe Resultat auch für jenen mit Hilfe dieser Vereine
sein Geschäft betreibenden Handwerker bestehen.

Diese Vereine können also auch in bezug auf den kleinen
Handwerker nur den Todeskampf, in welchem das
kleine Handwerk der Großindustrie zu unterliegen und
Platz zu machen bestimmt ist, verlängern, die Qualen
dieses Todeskampfes dadurch vermehren und die
Entwicklung unserer Kultur unnütz aufhalten -- das ist
<<40>>
das ganze Resultat, das sie auch in bezug auf den kleinen
Handwerkerstand haben, während sie den eigentlichen,
in der Großindustrie beschäftigten und täglich
wachsenden Arbeiterstand überhaupt nicht berühren!

Bleiben also noch die Konsumvereine zu betrachten.

Die Einwirkung der Konsumvereine würde den gesamten
Arbeiterstand umfassen.

Sie sind gleichwohl gänzlich unfähig, die Verbesserung
der Lage des Arbeiterstandes zu bewirken. Dies werden
Ihnen drei Gründe nachweisen, die innerlich einen
einzigen bilden.

1. Die Benachteiligung, welche den Arbeiterstand trifft,
trifft ihn, wie das sub 2 anzuführende ökonomische
Gesetz zeigen wird, als Produzenten, nicht als Kon-
sumenten. Es ist daher schon eine ganz falsche Hilfe,
dem Arbeiter als Konsumenten helfen zu wollen, statt
ihm auf der Seite zu helfen, wo wirklich der Schuh
ihn drückt, als Produzenten.

Als Konsumenten stehen wir bereits heute im allgemeinen
alle gleich. Wie vor dem Gendarmen, sind vor
dem Verkäufer alle Menschen gleich, wenn sie nur
zahlen.

Es ist wahr, daß eben hierdurch für den Arbeiterstand
in Folge seiner beschränkten Zahlungsfähigkeit sich
noch ein besonderer Nebenschaden entwickelt hat, der
aber mit dem Haupt- und Krebsschaden, an dem er
leidet, nichts zu tun hat: der Nachteil, seine Bedürfnisse
im kleinsten Detail ankaufen zu müssen und so
dem Wucher des Kramladens -- des shopkeepers --
verfallen zu sein. Hiergegen helfen und schützen die
Konsumvereine; aber abgesehen davon, daß Sie unter
Nr. 5 sehen werden, wie lange diese Hilfe dauern kann
und wann sie aufhören muß, darf diese beschränkte
Hilfe, geeignet, die traurige Lage des Arbeiters eben
um etwas erträglicher zu machen, durchaus nicht mit
einem Mittel zu jener Verbesserung der Lage der arbeitenden
Klasse verwechselt werden, welche der Arbeiterstand
erstrebt.

<<41>>

2. Das eherne ökonomische Gesetz, welches unter den
heutigen Verhältnissen, unter der Herrschaft von Angebot
und Nachfrage nach Arbeit, den Arbeitslohn bestimmt,
ist dieses: daß der durchschnittliche Arbeitslohn
immer auf den notwendigen Lebensunterhalt
reduziert bleibt, der in einem Volke gewohnheitsgemäß
zur Fristung der Existenz und zur Fortpflanzung
erforderlich ist. Dies ist der Punkt, um welchen der wirkliche
Tageslohn in Pendelschwingungen jederzeit herum
graviert, ohne sich jemals lange weder über denselben
erheben, noch unter denselben hinunterfallen zu können.
Er kann sich nicht dauernd über diesen Durchschnitt
erheben -- denn sonst entstände durch die leichtere,
bessere Lage der Arbeiter eine Vermehrung der
Arbeiterehen und der Arbeiterfortpflanzung, eine
Vermehrung der Arbeiterbevölkerung und somit des
Angebots von Händen, welche den Arbeitslohn wieder auf
und unter seinen früheren Stand herabdrücken würde.
Der Arbeitslohn kann auch nicht dauernd tief unter
diesen notwendigen Lebensunterhalt fallen, denn dann
entstehen -- Auswanderungen, Ehelosigkeit, Enthaltung
von der Kindererzeugung und endlich eine durch Elend
erzeugte Verminderung der Arbeiterzahl, welche somit
das Angebot von Arbeiterhänden noch verringert und
den Arbeitslohn daher wieder auf den früheren Stand
zurückbringt.

Der wirkliche durchschnittliche Arbeitslohn besteht
somit in der Bewegung, beständig um jenen seinen
Schwerpunkt, in den er fortdauernd zurücksinken muß,
herumzukreisen, bald etwas über demselben (Periode
der Prosperität in allen oder einzelnen Arbeitszweigen),
bald etwas unter ihm zu stehen (Periode des mehr
oder weniger allgemeinen Notstandes und der Krisen).
Die Beschränkung des durchschnittlichen Arbeitslohnes
auf die in einem Volke gewohnheitsmäßig zur Fristung
der Existenz und zur Fortpflanzung erforderliche
Lebensnotdurft -- das ist also, ich wiederhole es Ihnen,
das eherne und grausame Gesetz, welches den Arbeitslohn
unter den heutigen Verhältnissen beherrscht.

<<42>>

Dieses Gesetz kann von niemandem bestritten werden.
Ich könnte Ihnen für dasselbe ebenso viele Gewährsmänner
anführen, als es große und berühmte Namen
in der nationalökonomischen Wissenschaft gibt, und
zwar aus der liberalen Schule selbst, denn gerade die
liberale ökonomische Schule ist es, welche selbst dieses
Gesetz entdeckt und nachgewiesen hat.

Dieses eherne und grausame Gesetz, meine Herren,
müssen Sie sich vor allem tief, tief in die Seele prägen
und bei allem Ihrem Denken von ihm ausgehen.

Bei dieser Gelegenheit kann ich Ihnen und dem
gesamten Arbeiterstand ein unfehlbares Mittel angeben,
wie Sie ein für allemal allen Täuschungen und
Irreführungen entgehen können.

Jedem, der Ihnen von der Verbesserung der Lage des
Arbeiterstandes spricht, müssen Sie vor allem die Frage
vorlegen, ob er dieses Gesetz anerkennt oder nicht.

Erkennt er es nicht an, so müssen Sie sich von vornherein
sagen, daß dieser Mann entweder Sie täuschen
will oder aber von der kläglichsten Unerfahrenheit in
der nationalökonomischen Wissenschaft ist. Denn es
gibt, wie ich Ihnen bereits bemerkt habe, in der liberalen
Schule selbst nicht einen namhaften Nationalökonomen,
der dasselbe leugnete. Adam Smith wie
Say, Ricardo wie Malthus, Bastiat wie John Stuart Mill
sind einstimmig darin, es anzuerkennen. Es herrscht
hierin eine Übereinstimmung aller Männer der
Wissenschaft.

Und wenn nun derjenige, der Ihnen von der Lage der
Arbeiter spricht, auf Ihre Frage dieses Gesetz anerkannt
hat, so fragen Sie ihn weiter: wie er dasselbe beseitigen
will.

Und wenn er hierauf nicht zu antworten weiß, so
wenden Sie ihm ruhig den Rücken. Er ist ein leerer
Schwätzer, der Sie oder sich selbst täuschen und mit
hohlen Phrasen verblenden will.

<<43>>

Betrachten wir einen Augenblick näher die Wirkung
und Natur dieses Gesetzes. Sie ist mit anderen Worten
folgende:

Von dem Arbeitsertrag (der Produktion) wird zunächst
soviel abgezogen und unter die Arbeiter verteilt, als
zu ihrer Lebensfristung erforderlich ist (Arbeitslohn).

Der ganze Oberschuß der Produktion -- des
Arbeitsertrages -- fällt auf den Unternehmeranteil.

Es ist daher eine Folge dieses ehernen und grausamen
Gesetzes, daß Sie -- und deswegen habe ich Sie in
meiner Arbeiterbroschüre, auf die Sie sich in Ihrem
Schreiben berufen, die Klasse der Enterbten genannt --
sogar von der durch die Fortschritte der Zivilisation
gesteigerten Produktivität, das heißt von dem gesteigerten
Arbeitsertrage, von der gesteigerten Ertragsfähigkeit
Ihrer eigenen Arbeit notwendig ausgeschlossen
sind! Für Sie immer die Lebensnotdurft, für den
Untemehmeranteil immer alles, was über dieselbe
hinaus von der Arbeit produziert wird.

Weil aber bei sehr großen Fortschritten der Produktivität
(der Ergiebigkeit der Arbeit) zugleich viele
Industrieprodukte zur äußersten Billigkeit herabsinken,
so kann es kommen, daß Sie durch diese Billigkeit
nicht als Produzenten, wohl aber als Konsumenten
zunächst einen gewissen indirekten Vorteil von der
gesteigerten Ergiebigkeit der Arbeit haben. Dieser
Vorteil trifft Sie überhaupt nicht in Ihrer Tätigkeit als
Produzenten, er trifft und ändert nicht die auf Ihren
Anteil entfallende Quote am Arbeitsertrag, er trifft
nur Ihre Lage als Konsumenten, wie er auch die Lage
der Konsumenten und auch die aller an der Arbeit
gar nicht teilnehmenden Menschen als Konsumenten
-- und zwar in viel erheblicherem Grade als die Ihrige --
verbessert.

Und auch dieser Sie bloß als Menschen, nicht als
Arbeiter treffende Vorteil verschwindet wieder durch
jenes eherne und grausame Gesetz, welches den Arbeitslohn
auf die Länge immer wieder auf das Maß der zum
Lebensunterhalt notwendigen Konsumtion herabdrückt.

<<44>>

Nun kann es aber vorkommen, daß, wenn eine solche
gesteigerte Produktivität der Arbeit und die durch sie
eintretende äußerste Billigkeit mancher Produkte ganz
plötzlich eintritt, und wenn sie zweitens zugleich in
eine länger dauernde Periode der steigenden Nachfrage
nach Arbeiterhänden fällt --, daß dann diese jetzt
unverhältnismäßig billiger gewordenen Produkte in den
Umfang dessen aufgenommen werden, was
gewohnheitsmäßig in einem Volke zum notwendigen
Lebensunterhalt gehört.

Dies also, daß Arbeiter und Arbeitslohn immer
herumtanzen um den äußersten Rand dessen, was nach dem
Bedürfnis jeder Zeit zu dem notwendigsten Lebensunterhalt
gehört, bald etwas über, bald etwas unter
diesem Rand stehend, dies ändert sich nie!

Dieser äußerste Rand selbst aber kann sich in
verschiedenen Zeiten durch ein Zusammentreffen der
angegebenen Umstände geändert haben, und es kann
somit kommen, daß, wenn man verschiedene Zeiten
miteinander vergleicht, die Lage des Arbeiterstandes in
dem späteren Jahrhundert oder in der späteren Generation --
insofern jetzt das Minimum der gewohnheitsmäßig
notwendigen Lebensbedürfnisse etwas gestiegen
ist -- sich gegen die Lage des Arbeiterstandes
in dem früheren Jahrhundert und der früheren
Generation etwas gebessert hat.

Ich mußte diese kleine Abschweifung machen, meine
Herren, wenn sie auch meinem eigentlichen Zwecke
fern liegt, weil gerade dies, diese geringfügige Verbesserung
im Laufe der Jahrhunderte und Generationen,
immer der Punkt ist, auf welchen alle diejenigen,
welche Ihnen Sand in die Augen streuen wollen, nach
dem Vorgange Bastiats, stets mit ebenso billigen als
hohlen Deklamationen zurückkommen.

Bemerken Sie genau meine Worte, meine Herren. Ich
sage: es kann aus den angegebenen Gründen dahin
kommen, daß das notwendige Lebensminimum und
somit die Lage des Arbeiterstandes, in verschiedenen
<<45>>
Generationen miteinander verglichen, sich etwas
gehoben hat. Ob dies wirklich so ist, ob wirklich die
Gesamtlage des Arbeiterstandes, und zwar fortlaufend,
in den verschiedenen Jahrhunderten sich gebessert hat
-- meine Herren, das ist eine sehr schwierige, sehr
verwickelte Untersuchung, eine viel zu gelehrte Untersuchung,
als daß diejenigen auch nur irgend, auch nur
annähernd ihrer fähig wären, welche Sie ohne Unterlaß
mit den Vorhaltungen amüsieren, wie teuer der
Kattun im vorigen Jahrhundert war, und wieviel
Kattunkleider Sie jetzt verbrauchen, und mit ähnlichen
Gemeinplätzen, die man aus jedem Kompendium
abschreiben kann.

Es ist nicht mein Zweck, mich hier auf diese Untersuchung
einzulassen. Denn hier muß ich mich darauf
beschränken. Ihnen nicht nur absolut Feststehendes,
sondern auch ganz leicht zu Begründendes zu geben.
Unterstellen wir also immerhin, daß eine solche
Verbesserung des untersten Lebensbedürfnisses und
somit der Lage des Arbeiterstandes fortlaufend in den
verschiedenen Generationen und Jahrhunderten
stattfinde.

Aber das muß ich Ihnen zeigen, meine Herren, daß
man mit diesen Gemeinplätzen Ihnen jedenfalls die
Frage aus der Hand spielt, um die es sich handelt, und
sie in eine ganz andere verkehrt.

Man täuscht Sie, man hintergeht Sie, meine Herren!

Wenn Sie von der Lage der Arbeiter und ihren
Verbesserungen sprechen, so meinen Sie Ihre Lage,
verglichen mit der Ihrer Mitbürger in der Gegenwart,
verglichen also mit dem Maßstab der Lebensgewohnheiten
in derselben Zeit.

Und man amüsiert Sie mit angeblichen Vergleichen
Ihrer Lage mit der Lage der Arbeiter in früheren
Jahrhunderten!

Ob Sie aber, weil das Minimum der gewohnheitsmäßigen
Lebensbedürfnisse gestiegen wäre -- falls dies der
Fall ist --, sich heute besser stehen, als der Arbeiter
<<46>>
vor 80, vor 200, vor 500 Jahren --, welchen Wert hat
diese Frage für Sie, und welche Befriedigung kann sie
Ihnen gewähren? Ebensowenig als die freilich ganz
ausgemachte Tatsache, daß Sie sich heute besser stehen
als die Botokuden und die menschenfressenden Wilden!

Jede menschliche Befriedigung hängt ja immer nur ab
von dem Verhältnis der Befriedigungsmittel zu den in
einer Zeit bereits gewohnheitsmäßig erforderlichen
Lebensbedürfnissen oder, was dasselbe ist, von dem
Überschuß der Befriedigungsmittel über die unterste
Grenze der in einer Zeit gewohnheitsmäßig erforderlichen
Lebensbedürfnisse. Ein gesteigertes Minimum
der untersten Lebensbedürfnisse gibt auch Leiden und
Entbehrungen, welche frühere Zeiten gar nicht kannten.
Was entbehrt der Botokude dabei, wenn er keine
Seife kaufen, was entbehrt der menschenfressende
Wilde dabei, wenn er keinen anständigen Rock tragen,
was entbehrte der Arbeiter vor der Entdeckung Amerikas
dabei, wenn er keinen Tabak rauchen, was entbehrte
der Arbeiter vor der Erfindung der Buchdruckerkunst
dabei, wenn er ein nützliches Buch sich nicht
anschaffen konnte?

Alles menschliche Leiden und Entbehren hängt also
nur von dem Verhältnis der Befriedigungsmittel zu
den in derselben Zeit bereits vorhandenen Bedürfnissen
und Lebensgewohnheiten ab. Alles menschliche
Leiden und Entbehren und alle menschlichen Befriedigungen,
also jede menschliche Lage, bemißt sich somit
nur durch den Vergleich mit der Lage, in welcher sich
andere Menschen derselben Zeit in bezug auf die
gewohnheitsmäßigen Lebensbedürfnisse derselben befinden.
Jede Lage einer Klasse bemißt sich somit immer
nur durch ihr Verhältnis zu der Lage der anderen
Klasse in derselben Zeit.

Wenn also noch so fest stünde, daß sich das Niveau
der notwendigen Lebensbedingungen in den verschiedenen
Zeiten gehoben hätte, daß früher nicht gekannte
<<47>>
Befriedigungen gewohnheitsmäßiges Bedürfnis geworden
sind und eben dadurch mit diesen auch früher nicht
gekannte Entbehrungen und Leiden eingetreten sind --
Ihre menschliche Lage ist in diesen verschiedenen Zeiten
immer dieselbe geblieben; immer diese: auf dem
untersten Rande der in jeder Zeit gewohnheitsmäßig
erforderlichen Lebensnotdurft herumzutanzen, bald ein
wenig über ihm, bald ein wenig unter ihm zu stehen.

Ihre menschliche Lage ist also dieselbe geblieben, denn
diese menschliche Lage bemißt sich nicht durch Ihr
Verhältnis zu der Lage des Tieres in den Urwäldern oder
des Negers in Afrika, oder des Leibeigenen im Mittelalter,
oder des Arbeiters vor 200 oder vor 80 Jahren,
sondern nur durch das Verhältnis dieser Lage zu der
Lage Ihrer Mitmenschen, zu der Lage der anderen
Klassen in derselben Zeit.

Und statt hierüber Betrachtungen anzustellen und zu
sinnen, wie dieses Verhältnis zu bessern und jenes
grausame Gesetz, das Sie beständig auf dem untersten
Rande der Lebensbedürfnisse einer jeden Zeit festhält,
zu ändern sei, amüsiert man sich. Ihnen unvermerkt
die Frage vor der Nase zu vertauschen und Sie mit
sehr problematischen kulturhistorischen Rückblicken
auf die Lage des Arbeiterstandes in den früheren
Zeitepochen zu unterhalten, Rückblicke, die um so
problematischer sind, als gerade die immer mehr der
äußersten Billigkeit verfallenden Industrieprodukte nur in
weit geringerem Grade zu dem Konsum des Arbeiters
gehören, während die hauptsächlich seinen Konsum
bildenden Lebensmittel keineswegs von der gleichen
Tendenz immer steigender Billigkeit beherrscht werden!
Rückblicke endlich, die nur dann einen Wert haben
würden, wenn sie die gesamte Lage des Arbeiters in
den verschiedenen Zeiten nach allen Seiten hin in ihre
Untersuchung zögen, Untersuchungen von der schwierigsten
und nur mit der äußersten Umsicht zu führenden
Natur, zu welchen gerade diejenigen, die sie Ihnen
vorhalten, nicht einmal das Material in der Hand
<<48>>
haben, und die sie daher um so mehr den eigentlichen
Gelehrten überlassen sollten!

3. Kehren wir nunmehr von dieser, wenn auch notwendigen
Abschweifung zu der Frage zurück: Welchen
Einfluß können nach dem sub 2 entwickelten, den
Arbeitslohn bestimmenden Gesetz die Konsumvereine
auf die Lage des Arbeiterstandes haben. Die Antwort
wird jetzt eine sehr einfache sein.

Solange nur einzelne Kreise von Arbeitern zu Konsumvereinen
zusammentreten, so lange wird der allgemeine
Arbeitslohn nicht durch dieselben berührt, und so lange
werden also die Konsumvereine den Arbeitern, welche
zu ihnen gehören, durch die billigere Konsumtion jene
untergeordnete Erleichterung ihrer gedrückten Lage
gewähren, welche ich sub i betrachtet und zugegeben
habe. -- Sowie aber die Konsumvereine mehr und mehr
den gesamten Arbeiterstand zu umfassen beginnen,
tritt jetzt vermöge des betrachteten Gesetzes die
notwendige Konsequenz ein, daß der Arbeitslohn infolge
des durch die Konsumvereine billiger gewordenen
Lebensunterhaltes um ebensoviel fallen muß.

Dem gesamten Arbeiterstand können die Konsumvereine
somit niemals auch nur irgendwie helfen, und den
einzelnen Arbeiterkreisen, die sie bilden, können sie
die früher betrachtete untergeordnete Hilfe gerade nur
so lange gewähren, wie das Beispiel dieser Arbeiter
noch nicht hinreichende Nachahmung gefunden hat.
Mit jedem Tage, mit welchem die Konsumvereine sich
mehr und mehr ausbreiten und größere Massen des
Arbeiterstandes umfassen, fällt mehr und mehr auch
jene geringfügige Erleichterung auch für die in diesen
Vereinen befindlichen Arbeiter fort, bis sie an dem
Tage auf null sinkt, wo die Konsumvereine den größten
Teil des gesamten Arbeiterstandes umfassen
würden.

Kann auch nur ernsthaft die Rede davon sein, daß der
Arbeiterstand sein Auge auf ein Mittel richten soll,
welches ihm als Stand gar nicht hilft und seinen
<<49>>
einzelnen Gliedern auch jene so geringfügige Erleichterung
nur auf so lange gewährt, bis der Stand als solcher
ganz oder zum großen Teil dasselbe ergriffen hat?

Wenn der deutsche Arbeiterstand einen solchen
Tretmühlenrundgang sollte anstellen wollen -- so wird die
Zeit bis zu der wirklichen Verbesserung seiner Lage
noch lange dauern! --

Ich habe Ihnen jetzt sämtliche Schulze-Delitzschen
Organisationen zergliedert und gezeigt, daß sie Ihnen
nicht helfen, noch helfen können.

Wie also? Sollte das Prinzip der freien individuellen
Assoziation der Arbeiter nicht vermögen, die Verbesserung
der Lage des Arbeiterstandes zu bewirken?

Allerdings vermag es das -- aber nur durch seine

Anwendung und Ausdehnung auf die fabrikmäßige
Großproduktion.

Den Arbeiterstand zu seinem eigenen Unternehmer
machen -- das ist das Mittel, durch welches -- und
durch welches allein -- wie Sie jetzt sofort selbst sehen,
jenes eherne und grausame Gesetz beseitigt sein würde,
das den Arbeitslohn bestimmt!

Wenn der Arbeiterstand sein eigener Unternehmer ist,
so fällt jene Scheidung zwischen Arbeitslohn und
Unternehmergewinn und mit ihr der bloße Arbeitslohn
überhaupt fort, und an seine Stelle tritt als
Vergeltung der Arbeit: der Arbeitsertrag!

Die Aufhebung des Unternehmergewinns in der
friedlichsten, legalsten und einfachsten Weise, indem sich
der Arbeiterstand durch freiwillige Assoziationen als
sein eigener Unternehmer organisiert, die hiermit und
hiermit allein gegebene Aufhebung jenes Gesetzes,
welches unter der heutigen Produktion von dem
Produktionsertrag das eben zur Lebensfristung Erforderliche
auf die Arbeiter als Lohn und den gesamten
Oberschuß auf den Unternehmer verteilt, das ist die
einzige wahrhafte, die einzige seinen gerechten
Ansprüchen entsprechende, die einzige nicht illusionäre
Verbesserung der Lage des Arbeiterstandes.

<<50>>

Aber wie? Werfen Sie einen Blick auf die Eisenbahnen,
die Maschinenfabriken, die Schiffsbauwerkstätten, die
Baumwollspinnereien, die Kattunfabriken usw. usw.,
auf die zu diesen Anlagen erforderlichen Millionen,
werfen Sie dann einen Blick in die Leere Ihrer Taschen
und fragen Sie sich, wo Sie jemals die zu diesen Anlagen
erforderlichen Riesenkapitalien hernehmen und
wie Sie somit jemals den Betrieb der Großindustrie
auf eigene Rechnung ermöglichen sollen?

Und gewiß ist nichts sicherer, nichts fester stehend, als
daß Sie dies niemals ermöglichen würden, wenn Sie
ausschließlich und lediglich und allein auf Ihre isolierten
Anstrengungen als Individuen reduziert bleiben.

Eben deshalb ist es Sache und Aufgabe des Staates,
Ihnen dies zu ermöglichen, die große Sache der freien
individuellen Assoziation des Arbeiterstandes fördernd
und entwickelnd in seine Hand zu nehmen und es zu
seiner heiligsten Pflicht zu machen. Ihnen die Mittel
und Möglichkeit zu dieser Ihrer Selbstorganisation und
Selbstassoziation zu bieten.

Und hier lassen Sie sich nicht durch das Geschrei derer
täuschen und irreführen, die Ihnen sagen werden, daß
jede solche Intervention des Staates die soziale Selbsthilfe
aufhebe.

Es ist nicht wahr, daß ich jemanden hindere, durch
seine eigene Kraft einen Turm zu ersteigen, wenn ich
ihm Leiter oder Strick dazu reiche. Es ist nicht wahr,
daß der Staat die Jugend daran hindert, sich durch
eigene Kraft zu bilden, wenn er ihr Lehrer, Schulen
und Bibliotheken hält. Es ist nicht wahr, daß ich jemanden
hindere, durch eigene Kraft ein Feld umzuackern,
wenn ich ihm einen Pflug dazu reiche. Es ist
nicht wahr, daß ich jemanden hindere, durch eigene
Kraft ein feindliches Heer zu schlagen, wenn ich ihm
eine Waffe dazu in die Hand drücke.

Und obgleich es wahr ist, daß hin und wieder jemand
einen Turm erklettert haben mag ohne Strick und
Leiter, und obgleich es wahr ist, daß sich einzelne
gebildet haben ohne Lehrer, Schulen und öffentliche
<<51>>
Bibliotheken, und obgleich es wahr ist, daß die Bauern der
Vendée in den Revolutionskriegen hin und wieder den
Feind geschlagen haben auch ohne Waffen, so heben
doch alle diese Ausnahmen ihre Regel nicht auf, sondern
bestätigen sie nur. Und obgleich es also wahr ist,
daß unter gewissen besonderen Verhältnissen einzelne
Kreise von Arbeitern in England durch eine lediglich
aus ihren eigenen Bemühungen hervorgegangene
Assoziation auch in gewissen kleineren Zweigen der
großen Produktion und in einem gewissen kleinen
Umfang ihre Lage etwas verbessern konnten, so bleibt
nichtsdestoweniger das Gesetz bestehen, daß die
wirkliche Verbesserung der Lage des Arbeiters, die er
gerechterweise zu fordern hat, und für den allgemeinen
Arbeiterstand als solchen nur durch jene Hilfsleistung
des Staates herbeigeführt werden kann.

Und ebensowenig lassen Sie sich durch das Geschrei
derer irreführen und täuschen, die hier etwa gar von
Sozialismus oder Kommunismus sprechen und mit
derlei billigen Redensarten dieser Ihrer Forderung
entgegentreten wollen. Sondern seien Sie von solchen fest
überzeugt, daß sie Sie nur täuschen wollen oder aber
selbst nicht wissen, was sie sprechen. Nichts ist weiter
entfernt von dem sogenannten Sozialismus und Kommunismus
als diese Forderung, bei welcher die arbeitenden
Klassen ganz wie heute ihre individuelle Freiheit,
individuelle Lebensweise und individuelle Arbeitsvergütung
beibehalten und zu dem Staat in keiner
anderen Beziehung stehen, als daß ihnen durch ihn
das erforderliche Kapital resp. der erforderliche Kredit
zu ihrer Assoziation vermittelt wird. Das aber ist
gerade die Aufgabe und Bestimmung des Staates, die
großen Kulturfortschritte der Menschheit zu erleichtern
und zu vermitteln. Dies ist sein Beruf. Dazu existiert
er; hat immer dazu gedient und dienen müssen. Ein
einziges Beispiel, statt der Hunderte von Beispielen,
die ich Ihnen geben könnte, den Kanälen, Chausseen,
Posten, Paketbootlinien, Telegraphen, Landrentenbanken,
landwirtschaftlichen Verbesserungen, Einführungen
<<52>>
von neuen Fabrikationszweigen usw., bei welchen
allen die Intervention des Staates eintreten mußte
-- ein einziges Beispiel will ich Ihnen geben, aber ein
Beispiel, das Hunderte aufwiegt, und zwar ein ganz
besonders naheliegendes Beispiel: Als die Eisenbahnen
bei uns gebaut werden sollten, da mußte in allen deutschen --
und ebenso in den meisten auswärtigen --
Ländern, ausgenommen bei einigen ganz kleinen und
vereinzelten Linien, der Staat in der einen oder der
anderen Weise intervenieren, meistens in der Weise,
daß er mindestens die Zinsgarantie für die Aktien --
in vielen Ländern noch weit größere Leistungen --
übernahm.

Die Zinsgarantie stellte noch dazu folgenden Löwenkontrakt
der Unternehmer -- der reichen Aktionäre --
mit dem Staate dar: Sind die neuen Unternehmungen
unvorteilhaft, so soll der Nachteil auf den Staat fallen,
folglich auf alle Steuerzahler, folglich ganz besonders
auf Sie, meine Herren, auf die große Klasse der
Unbemittelten! Sind die neuen Unternehmungen dagegen
vorteilhaft, so soll der Vorteil -- die starken Dividenden --
uns, den reichen Aktionären, zukommen. Dies
wird auch nicht dadurch beseitigt, daß in manchen
Ländern, wie zum Beispiel in Preußen, dafür dem
Staate in einer sehr, sehr fernen Zukunft damals noch
ganz ungewisse Vorteile ausbedungen wurden, Vorteile,
deren sich aus der Assoziation des Arbeiterstandes
weit schnellere und größere für ihn ergeben würden.

Ohne diese Intervention des Staates, von welcher, wie
gesagt, die Zinsgarantie noch die schwächste Form war,
hätten wir vielleicht noch heute auf dem ganzen Kontinent
keine Eisenbahnen!

Jedenfalls steht die Tatsache fest, daß der Staat hierzu
schreiten mußte, daß auch die Zinsgarantie eine, und
zwar äußerst starke Intervention des Staates war, daß
diese Intervention noch dazu der reichen und begüterten
Klasse gegenüber stattfand, die ohnehin über alles
<<53>>
Kapital und allen Kredit verfügt, und die sich daher
der Staatsintervention weit leichter hätte begeben
können als Sie, und daß diese Intervention von der
gesamten Bourgeoisie gefordert wurde.

Warum entstand damals kein Geschrei gegen die
Zinsgarantie als eine "unzulässige Intervention des
Staates"? Warum erklärte man damals nicht, daß durch die
Zinsgarantie die "soziale Selbsthilfe" der reichen Unternehmer
jener Aktiengeschäfte bedroht sei? Warum tat
man die Zinsgarantie des Staates nicht als "Sozialismus
und Kommunisinus" in Verruf?

Aber freilich, jene Intervention des Staates fand im
Interesse der reichen und begüterten Klassen der
Gesellschaft statt, und da ist sie freilich ganz zulässig
und immer zulässig gewesen! Nur allemal, wenn es
sich um eine Intervention zugunsten der notleidenden
Klassen, zugunsten der unendlichen Mehrheit handelt
-- dann ist sie reiner "Sozialismus und Kommunismus"!
Dies also antworten Sie denen, welche Ihnen ein
Geschwätz über die Unzulässigkeit der Staatsintervention
und die dadurch gefährdete soziale Selbsthilfe und den
darin liegenden Sozialismus und Kommunismus bei
dieser dazu nicht den geringsten Anlaß gebenden
Forderung erheben wollen. Und fügen Sie ihnen hinzu:
daß, wenn wir doch schon einmal so lange im Sozialismus
und Kommunismus leben, wie jene Zinsgarantie
bei den Eisenbahnen und alle jene anderen oben flüchtig
berührten Beispiele zeigen, wir auch weiter darin
verbleiben wollen!

Es kommt hinzu, daß so groß auch der durch die Eisenbahnen
bewirkte Kulturfortschritt war, er doch noch zu
einem verschwindenden Punkte zusammensinkt gegenüber
jenem gewaltigsten Kulturfortschritt, der durch
die Assoziation der arbeitenden Klassen vollbracht
würde. Denn was nützen alle aufgespeicherten Reichtümer
und alle Früchte der Zivilisation, wenn sie immer
nur für einige wenige vorhanden sind, und die
große unendliche Menschheit stets der Tantalus bleibt,
<<54>>
welcher vergeblich nach diesen Früchten greift? Schlimmer
als Tantalus, denn dieser hatte wenigstens nicht
die Früchte hervorgebracht, nach denen sein dürstender
Gaumen vergeblich zu lechzen verdammt war.

Wenn je also, so würde dieser gewaltigste Kulturfortschritt
von allen, welche die Geschichte kennt, eine
hilfreiche Intervention des Staates rechtfertigen.

Es kommt hinzu, daß der Staat durch die großen Kredit-
und Zirkulationsinstitute (die Banken), wie hier
nicht weiter ausgeführt werden kann, in der leichtesten
Weise und ohne irgendeine größere Verantwortlichkeit
auf sich zu nehmen, als durch die Zinsgarantie bei den
Eisenbahnen geschah. Ihnen diese Möglichkeit gewähren
kann.

Endlich aber, meine Herren; was ist denn der Staat?
Werfen Sie einen Blick auf die Statistik, und zwar auf
die amtliche, von den Regierungsanstalten veröffentlichte
Statistik, denn nicht mit eigenen Schilderungen
und Berechnungen will ich Ihnen nahen.

Das königlich-preußische, von dem königlich-preußischen
Geheimrat Professor Dieterici damals redigierte
amtliche statistische Bureau veröffentlichte 1851 auf
Grund der amtlichen Steuerlisten eine Berechnung, wie
sich die Bevölkerung nach ihrem Einkommen verteilt.
Ich setze Ihnen die Resultate dieser Berechnung mit
wörtlicher und zahlenmäßiger Treue hierher. Hiernach
besitzen von der Bevölkerung des preußischen Staates:
ein Einkommen von über 1000 Taler 1/2 Prozent der
Bevölkerung, von 400 bis 1000 Taler 3 1/4 Prozent der
Bevölkerung, von 200 bis 400 Taler 7 1/4 Prozent der
Bevölkerung, von 100 bis 200 Taler 16 3/4 Prozent der
Bevölkerung, unter 100 Taler 72 1/4 Prozent der
Bevölkerung.

Und dieses Einkommen fällt auf den klassensteuerpflichtigen
Kopf der Bevölkerung, welcher nach Dietericis
Annahme durchschnittlich eine Familie von fünf
Personen repräsentiert, fällt also durchschnittlich auf
eine Familie von fünf oder mindestens über drei Personen.
<<55>>
Und analog muß es sich natürlich in den
anderen deutschen Staaten verhalten.

Diese stummen amtlichen Zahlen, wenn sie auch als
statistische Durchschnittszahlen durchaus nicht auf
mathematische Genauigkeit Anspruch haben, zumal
vor der Steuer jeder seine Einnahmen gern verkleinert,
was aber eine wesentliche und hier in Betracht kommende
Differenz nicht im geringsten begründen kann,
werden Ihnen deutlicher sprechen als dicke Bücher!
72 1/4 Prozent der Bevölkerung mit einem Einkommen
von unter 100 Taler, also in der elendesten Lage! Andere
16 3/4 Prozent der Bevölkerung mit einem Einkommen
von 100 bis 200 Taler, also in einer kaum besseren,
immer noch elenden Lage, andere 7 1/4 Prozent der
Bevölkerung mit einem Einkommen von 200 bis 400
Taler, also noch immer in einer gedrückten Lage, 3 1/4
Prozent der Bevölkerung mit einem Einkommen von
400 bis 1000 Taler, also teils in einer eben erträglichen,
teils in einer behäbigen Lage und 1/2 Prozent der Bevölkerung
endlich in allen möglichen Abstufungen des
Reichtums. Die beiden untersten in der allergedrücktesten
Lage befindlichen Klassen bilden also allein
89 Prozent der Bevölkerung, und nimmt man, wie
man muß, noch die 7 1/4 Prozent der dritten, immer
noch unbemittelten und gedrückten Klasse hinzu, so
erhalten Sie 96 1/4 Prozent der Bevölkerung in gedrückter,
dürftiger Lage. Ihnen also, meine Herren, den
notleidenden Klassen, gehört der Staat, nicht uns, den
höheren Ständen, denn aus Ihnen besteht er! Was ist
der Staat? frage ich, und Sie ersehen jetzt aus wenigen
Zahlen handgreiflicher als aus dicken Büchern die Antwort:
Ihre, der ärmeren Klassen, große Assoziation --
das ist der Staat!

Und warum soll nun Ihre große Assoziation nicht fördernd
und befruchtend auf Ihre kleineren Assoziationskreise
einwirken?

Diese Frage wollen Sie gleichfalls denjenigen vorlegen,
die Ihnen von der Unzulässigkeit der Staatsintervention
<<56>>
und von Sozialismus und Kommunismus bei dieser
Forderung schwätzen.

Wollen Sie endlich noch einen speziellen Beleg für die
Unmöglichkeit, anders als mit jener fördernden Intervention
des Staates durch die freie Assoziation die
Verbesserung der Lage des Arbeiterstandes hervorzubringen,
so mag ihn gerade England geben, gerade
jenes Land, auf das man sich am meisten beruft, um
die Möglichkeit einer lediglich und ausschließlich mit
ihren isolierten Kräften hervorzurufenden, die Lage
des gesamten Standes verbessernden Assoziation der
einzelnen Arbeiter zu behaupten. England, welches in
der Tat aus verschiedenen, in seinen besonderen
Zuständen wurzelnden Gründen noch am ehesten geeignet
erscheinen müßte, dieses Experiment durchzuführen,
ohne daß deshalb noch eine gleiche Möglichkeit
auch für andere Länder dadurch bewiesen wäre.

Und dieser spezielle Beleg knüpft gerade an jene
englische Arbeiterassoziation an, welche bisher als der
triumphierende Beweis einer solchen Behauptung
angeführt zu werden pflegte. Ich spreche von den
Pioniers in Rochdale. Dieser seit 1844 bestehende
Konsumverein legte -1858 eine Spinnerei und Weberei an
mit einem Kapital von 5500 Pfd. Sterling (zirka 38000
Taler). In den Statuten dieser Fabrikassoziation wurde
den in der Fabrik beschäftigten Arbeitern, gleichviel ob
sie Aktionäre der Assoziation waren oder nicht, außer
dem ortsüblichen Arbeitslohn ein gleicher Anteil an
dem als Dividende zu verteilenden Geschäftsgewinn
zugesichert wie den Aktionären, da die Bestimmung
getroffen war, daß die Jahresdividende ebenso auf den
Arbeitslohn wie auf das Aktienkapital berechnet und
verteilt werden solle. Nun beträgt die Anzahl der
Aktionäre jener Fabrik 1600, während in der Fabrik
nur 500 Arbeiter beschäftigt sind. Es ist also eine
große Zahl von Aktionären vorhanden, die nicht zugleich
Arbeiter der Fabrik sind, wie andererseits nicht
alle Arbeiter zugleich Aktionäre sind. Infolgedessen
brach unter den Arbeiteraktionären, die nicht Arbeiter
<<57>>
der Fabrik waren, und auch unter denen, die Arbeiter
und Aktionäre zugleich waren, eine Agitation (1861)
dagegen aus, daß auch die Arbeiter, welche nicht Aktionäre
seien, einen Anteil an dem Geschäftsgewinn --
dem Arbeitsertrag -- erhielten.

Man stellte von Seiten der Arbeiteraktionäre ganz offen
und einfach den Grundsatz auf, daß nach dem ganz
allgemeinen Brauch in der gesamten industriellen Welt
die Arbeit mit dem Arbeitslohn abgefunden sei, und
dieser durch Nachfrage und Angebot bestimmt werde
(-- wir haben oben gesehen, durch welches Gesetz!).
"Diese Tatsache" -- erzählt Professor Huber in dem
Bericht, den er von dieser Angelegenheit gibt -- "wurde
ohne weiteres von vornherein als der keiner weiteren
Motivierung und Legitimierung bedürftige naturgemäße
Zustand gegenüber einer ganz ausnahmsweisen,
willkürlichen, wenngleich statutenmäßigen Neuerung
geltend gemacht." Tapfer, aber nur mit sehr unklaren
Gefühlsgründen, wurde dieser Antrag auf Änderung
der Statuten von den alten Stiftern und Vorstehern
der Assoziation bekämpft. In der Tat stimmte eine
Majorität von fünf Achteln der Arbeiteraktionäre für
die Änderung der Statuten, ganz wie die bürgerlichen
Unternehmer handelnd, und die Abänderung der
Statuten unterblieb vorläufig nur deshalb, weil zu einer
solchen statutengemäß eine Majorität von drei Viertel
der Stimmen erforderlich ist. "Niemand aber" --
berichtet Professor Huber weiter -- "täuscht sich darüber,
daß die Sache dabei ihr Bewenden haben wird.
Vielmehr stehen dieser Assoziation noch sehr heftige
innere Kämpfe bevor, deren Ausgang vielleicht schon
nächstes Jahr eine siegreiche Wiederholung jenes
Antrages sein dürfte, um so mehr, da die Opposition
entschlossen ist, ihren Einfluß auch bei den Wahlen zu
den Assoziationsämtern geltend zu machen, wo die
absolute Majorität entscheidet, wo dann die dominierenden
Stellungen des Vorstandswesens bald in ihren
Händen sein könnten." Huber berichtet ferner, hierbei:
"Die meisten der fabrikmäßig produktiven Vereine
<<58>>
haben sich von vornherein dem allgemeinen Brauch
angeschlossen, offenbar ohne weiteres Nachdenken oder
doktrinäres Bewußtsein; nur einige haben das kooperative
Prinzip zugunsten der Arbeit angenommen." Und
Huber muß ferner, obwohl sehr wider Willen und mit
sehr schwerem Herzen, denn er ist ein Anhänger der
bloß von den isolierten Arbeitern ausgehenden
Assoziation, gestehen, es sei "gar kein Zweifel, daß diese
Fragen sehr bald in allen anderen produktiven Assoziationen
zur Erörterung und Entscheidung kommen
werden, wo der Gegensatz von Kapital und Arbeit
vorhanden ist und sich aus dem industriellen Makrokosmus
(das heißt der Welteinrichtung im großen) der
Konkurrenz in den kooperativen Mikrokosmus (das
heißt der von der Arbeiterassoziation dargestellten
Welt im kleinen) reproduziert."

Sie sehen, meine Herren, wenn Sie über diese Tatsachen
nachdenken, daß sich die großen Fragen immer
nur im großen, nie im kleinen lösen lassen. Solange
der allgemeine Arbeitslohn durch das oben betrachtete
Gesetz bestimmt wird, so lange werden auch die kleinen
Assoziationen sich dem herrschenden Einfluß desselben
nicht entziehen können. Und was gewinnt dann
der allgemeine Arbeiterstand, der Arbeiter als solcher
dabei, ob er für Arbeiterunternehmer oder für
Bourgeoisunternehmer arbeitet? Nichts! Sie haben nur die
Unternehmer, denen der Ertrag ihrer Arbeit zugute
kommt, zerbröckelt. Aber die Arbeit und der Arbeiterstand
sind nicht befreit! Was er dabei gewinnt? Er gewinnt
nur die Depravation, die Verderbnis, die jetzt
ihn selbst ergreift und Arbeiter gegen Arbeiter in
ausbeutende Unternehmer verwandelt! Die Personen der
Unternehmer haben gewechselt, die Sache ist geblieben,
die Arbeit, diese einzige Quelle alles Ertrages, bleibt
nach wie vor auf den sogenannten Lohn, das heißt die
Lebensfristung, angewiesen. So groß ist unter der Herrschaft
dieses Gesetzes die Verkehrung der Begriffe,
daß jetzt sogar jene nicht in der Fabrik beschäftigten
Arbeiteraktionäre, statt einzusehen, daß sie ihre Dividende
<<59>>
der Arbeit der beschäftigten Arbeiter verdanken,
daß sie es somit sind, welche den Vorteil aus der
Arbeit jener ziehen, umgekehrt ihnen nicht einmal einen
Teil von dem Ertrage ihrer eigenen Arbeit, nicht einmal
einen Teil von dem gönnen wollten, worauf die
Arbeit gerechten Anspruch hat.

Arbeiter mit Arbeitermitteln und Unternehmergesinnungen --
das ist die widrige Karikatur, in welche jene
Arbeiter verwandelt worden sind.

Und nun endlich noch einen letzten sich hieran
knüpfenden scharfen und entscheidenden Beweis.

Sie haben gesehen, daß in jener Fabrik der Pioniere
500 Arbeiter beschäftigt und an ihr 1600 Arbeiter als
Aktionäre beteiligt sind. Soviel wird Ihnen auch ganz
klar sein, daß, wenn wir uns die Arbeiter nicht gleich
geradezu als reiche Leute denken wollen, womit dann
freilich alle Fragen in der Illusion gelöst sind, die in
einer Fabrik beschäftigte Anzahl von Arbeitern nie
ausreichen wird, um auch das für die Fabrik erforderliche
Anlagekapital aus ihren eigenen Taschen aufzubringen.
Sie werden dazu vielmehr immer eine viel
größere Zahl von anderen nicht in der Fabrik beschäftigten
Arbeiteraktionären in Anspruch nehmen müssen.
In dieser Hinsicht ist das Verhältnis bei jener
Fabrik der Pioniere -- 1600 Arbeiteraktionäre auf 500
in der Fabrik beschäftigte Arbeiter, also ein Verhältnis
von nur wenig mehr als 5 zu 1 -- sogar ein erstaunlich
günstiges und seltenes, ein so kleines wie nur irgend
möglich zu nennen und erklärt sich nur teils aus der
ganz besonders glücklichen Lage der Pioniere, die im
Arbeiterstande als eine hohe Ausnahme dasteht, teils
daraus, daß jener Fabrikationszweig noch durchaus
nicht zu jenen gehört, welche das stärkste Kapitalverhältnis
erfordern, teils daraus, daß jene Fabrik noch
nicht zu den wahrhaft großen Produktionsanstalten gehört,
in denen das Verhältnis auch in diesem Fabrikationszweig
noch ein ganz anderes sein würde. Es kommt
endlich dazu, daß durch die Entwicklung der Industrie
selbst und durch die Fortschritte der Zivilisation dieses
<<60>>
Verhältnis noch alle Tage gewaltig wachsen muß. Denn
die Fortschritte der Zivilisation bestehen gerade darin,
daß täglich mehr tote Naturkraft, also mehr Maschinen,
an die Stelle der menschlichen Arbeit gesetzt
wird, und daß also täglich das Verhältnis der Größe
des Anlagekapitals zur Menge der menschlichen Arbeit
wächst. Wenn also in jener Fabrik der Pioniere, um
das Anlagekapital für 500 beschäftigte Arbeiter zu
beschaffen, 1600 Arbeiteraktionäre erforderlich waren,
und somit ein Verhältnis von l zu 5, so wird sich bei
anderen Arbeitern und in anderen Branchen und in
den größeren Produktionsanstalten und mit den
täglichen Fortschritten der Zivilisation das Verhältnis
gestalten wie l zu 4, 1 zu 5, zu 6, zu 8, zu 10, zu 20
und so fort. Bleiben wir indes sogar bei dem Verhältnis
von 1 zu 5 stehen! Um also eine Fabrik zu gründen,
in welcher 500 Arbeiter Beschäftigung finden,
brauche ich 1600 Arbeiteraktionäre, um das nötige
Anlagekapital zu haben. Gut, solange ich eine, zwei, drei
usw. Fabriken gründen will, hat das in der Vorstellung
-- immer in der Vorstellung, meine Herren, in der
Illusion -- keine Schwierigkeit. Ich nehme nur immer
in der Vorstellung die dreifache, vierfache Anzahl usw.
von Arbeiteraktionären zu Hilfe. Wenn ich aber die
Assoziation auf den gesamten Arbeiterstand ausdehne
-- und von diesen, nicht von einzelnen, die emporkommen
wollen, handelt es sich hier doch -- wenn ich
also im Lauf der Zeit soviel Fabriken gründen will,
daß der ganze Arbeiterstand darin beschäftigt ist --
woher nehme ich denn dann noch die drei-, vier-, fünf-,
zehn-, zwanzigfache Anzahl des gesamten Arbeiterstandes,
die nun noch als Arbeiteraktionäre hinter den
in den Fabriken beschäftigten Arbeitern stehen müßte,
um diese Fabriken anzulegen?

Sie sehen also, meine Herren, daß es geradezu eine
mathematische Unmöglichkeit ist, den Arbeiterstand
auf diesem Wege durch die Anstrengungen seiner
Mitglieder als bloß isolierter Individuen zu befreien; daß
nur ganz unklare unkritische Vorstellungen sich diesen
<<61>>
Illusionen hingeben können, und daß der einzige Weg
hierzu, der einzige Weg zur Aurhebung jenes grausamen,
den Arbeitslohn bestimmenden Gesetzes, an
welches der Arbeiterstand wie an einen Marterpfahl
geschmiedet ist, die Förderung und Entwicklung der
freien, individuellen Arbeiterassoziationen durch die
helfende Hand des Staates ist. Die auf die rein
atomistisch-isolierten Kräfte der Arbeiterindividuen
gebaute Arbeiterassoziationsbewegung hat nur den Wert
gehabt -- und dieser Wert ist ein immenser --, handgreiflich
den Weg, den praktischen Weg zu zeigen, auf
welchem die Befreiung vor sich gehen kann, glänzende,
praktische Beweise zur Beseitigung aller wirklichen oder
vorgeschützten Zweifel über die praktische Ausführbarkeit
zu liefern und es eben dadurch dem Staat zur
gebieterischen Pflicht zu machen, seine stützende Hand
diesem höchsten Kulturinteresse der Menschheit zu
leihen.

Zugleich habe ich Ihnen bereits den Beweis geliefert,
daß der Staat überhaupt gar nichts anderes als die
große Organisation, die große Assoziation der arbeitenden
Klassen ist, und daß also die Hilfe und Förderung,
durch welche der Staat jene kleineren Assoziationen
ermöglichte, gar nichts anderes sein würde, als
die vollkommen natur- und rechtmäßige, vollkommen
legitime soziale Selbsthilfe, welche die arbeitenden
Klassen als große Assoziation sich selbst, ihren
Mitgliedern als vereinzelten Individuen, erweisen.

Noch einmal also, die freie individuelle Assoziation der
Arbeiter, aber die freie individuelle Assoziation ermöglicht
durch die stützende und fördernde Hand des Staates --
das ist der einzige Weg aus der Wüste, der dem
Arbeiterstand gegeben ist.

Wie aber den Staat zu dieser Intervention veranlassen?
Und hier wird nun sofort sonnenhell die Antwort vor
Ihrer aller Augen stehen: dies wird nur durch das
allgemeine und direkte Wahlrecht möglich sein. Wenn
die gesetzgebenden Körperschaften Deutschlands aus
dem allgemeinen und direkten Wahlrecht hervorgehen --
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dann und nur dann werden Sie den Staat bestimmen
können, sich dieser seiner Pflicht zu unterziehen.

Dann wird diese Forderung in den gesetzgebenden
Körperschaften erhoben werden, dann mögen die Grenzen
und Formen und Mittel dieser Intervention durch
Vernunft und Wissenschaft diskutiert werden, dann
werden -- verlassen Sie sich darauf! -- die Männer,
die Ihre Lage verstehen und Ihrer Sache hingegeben
sind, mit dem blanken Stahl der Wissenschaft bewaffnet
zu Ihrer Seite stehen und Ihre Interessen zu schützen
wissen! Und dann werden Sie, die unbemittelten
Klassen der Gesellschaft, es jedenfalls nur sich selbst
und Ihren schlechten Wahlen zuzuschreiben haben,
wenn und solange die Vertreter Ihrer Sache in der
Minorität bleiben.

Das allgemeine und direkte Wahlrecht ist also, wie sich
jetzt ergeben hat, nicht nur Ihr politisches, es ist auch
Ihr soziales Grundprinzip, die Grundbedingung aller
sozialen Hilfe. Es ist das einzige Mittel, um die materielle
Lage des Arbeiterstandes zu verbessern.

Wie nun aber die Einführung des allgemeinen und
direkten Wahlrechts bewirken?

Und hier blicken Sie auf England!

Mehr als fünf Jahre hat die große Agitation des englischen
Volkes gegen die Korngesetze gedauert. Dann
aber mußten sie fallen, mußten durch ein Tory-Ministerium
selbst beseitigt werden!

Organisieren Sie sich als ein allgemeiner deutscher
Arbeiterverein zu dem Zweck einer gesetzlichen und
friedlichen, aber unermüdlichen, unablässigen Agitation
für die Einführung des allgemeinen und direkten
Wahlrechts in allen deutschen Ländern. Von dem
Augenblicke an, wo dieser Verein auch nur 100000
deutsche Arbeiter umfaßt, wird er bereits eine Macht
sein, mit welcher jeder rechnen muß. Pflanzen Sie diesen
Ruf fort in jede Werkstatt, in jedes Dorf, in jede
Hütte. Mögen die städtischen Arbeiter ihre höhere
Einsicht und Bildung auf die ländlichen Arbeiter
<<63>>
überströmen lassen. Debattieren Sie, diskutieren Sie
überall, täglich, unablässig, unaufhörlich, wie jene große
englische Agitation gegen die Korngesetze, in friedlichen,
öffentlichen Versammlungen wie in privaten
Zusammenkünften die Notwendigkeit des allgemeinen
und direkten Wahlrechts. Je mehr das Echo Ihrer
Stimme millionenfach widerhallt, desto unwiderstehlicher
wird der Druck derselben sein.

Stiften Sie Kassen, zu welchen jedes Mitglied des deutschen
Arbeitervereins Beiträge zahlen muß, und zu
denen Ihnen Organisationsentwürfe vorgelegt werden
können.

Gründen Sie mit diesen Kassen, die trotz der Kleinheit
der Beiträge eine für Agitationszwecke gewaltige
finanzielle Macht bilden würden -- bei einem wöchentlichen
Beitrag von nur einem Silbergroschen würde bei
hunderttausend Mitgliedern der Verein jährlich über
l60000 Taler verwenden können --, öffentliche Blätter,
welche täglich dieselbe Forderung erheben und die
Begründung derselben aus den sozialen Zuständen
nachweisen. Verbreiten Sie mit denselben Mitteln
Flugschriften zu demselben Zweck. Besolden Sie aus den
Mitteln dieses Vereins Agenten, welche dieselbe Einsicht
in jeden Winkel des Landes tragen, das Herz
eines jeden Arbeiters, eines jeden Häuslers und Ackerknechts
mit demselben Ruf durchdringen. Entschädigen
Sie aus den Mitteln dieses Vereins alle solchen Arbeiter,
welche wegen ihrer Tätigkeit für denselben Schaden
und Verfolgung erlitten haben.

Wiederholen Sie täglich unermüdlich dasselbe, wieder
dasselbe, immer dasselbe! Je mehr es wiederholt wird,
desto mehr greift es um sich, desto gewaltiger wächst
seine Macht.

Alle Kunst praktischer Erfolge besteht darin, alle Kraft
zu jeder Zeit auf einen Punkt -- auf den wichtigsten
Punkt -- zu konzentrieren und nicht nach rechts noch
links zu sehen. Blicken Sie nicht nach rechts noch links,
seien Sie taub für alles, was nicht allgemeines und
<<64>>
direktes Wahlrecht heißt oder damit im Zusammenhang
steht und dazu führen kann!

Wenn Sie diesen Ruf -- was Ihnen binnen wenigen
Jahren gelingen kann -- wirklich durch die 89 bis 96
Prozent der Gesamtbevölkerung fortgepflanzt haben
werden, welche, wie ich Ihnen gezeigt habe, die armen
und unbemittelten Klassen der Gesellschaft bilden,
dann wird man -- seien Sie unbesorgt -- Ihrem Wunsch
nicht lange widerstehen! Man kann von selten der
Regierungen mit der Bourgeoisie über politische Rechte
schmollen und hadern. Man kann selbst Ihnen politische
Rechte und somit auch das allgemeine Wahlrecht
verweigern, bei der Lauheit, mit welcher politische
Rechte aufgefaßt werden. Aber das allgemeine
Wahlrecht von 89 bis 96 Prozent der Bevölkerung als
Magenfrage aufgefaßt und daher auch mit der Magenwärme
durch den ganzen nationalen Körper hin verbreitet --
seien Sie ganz unbesorgt, meine Herren, es
gibt keine Macht, die sich dem lange widersetzen
würde!

Dies ist das Zeichen, das Sie aufpflanzen müssen. Dies
ist das Zeichen, in dem Sie siegen werden! Es gibt
kein anderes für Sie!

Mit Gruß und Handschlag
F. Lassalle

Berlin, 1. März 1863.


tgl, 29.5.2001