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Pirckheimer, Tabula Cebetis

Willibald Pirckheimer: Deutsche Übersetzung der Tabula Cebetis
(Willibald Pirckheimer: German translation of Cebes' Tablet)
-- Entstehung wohl vor/um 1500; Erstdruck Frankfurt a.M. 1606
-- Digitale Version: Thomas Gloning
-- Textgrundlage: Reinhart Schleier: Tabula Cebetis oder 'Spiegel des Menschlichen Lebens/ darinn Tugent und untugent abgemalet ist'. Studien zur Rezeption einer antiken Bildbeschreibung im 16. und 17. Jahrhundert. Berlin 1973, Anhang I, Seite 141-155. (Hier auch zahlreiche Abbildungen aus der Geschichte der Cebestafel; vgl. auch: Cebes' Tablet. Facsimiles of the Greek Text, and of Selected Latin, French, English, Spanish, Italian, German, Dutch, and Polish Translations. Introduction by Sandra Sider. New York 1979. Enthält u.a. eine kurze textgeschichtliche Einleitung und die deutschen Übersetzungen von Hans Sachs und Georg Witzel.)
-- Einrichtung: <<...>> = Seitenzahlen der Schleier-Edition; // Kursivdruck = von mir aufgelöste Abbreviatur; // [!Ed] = so in der Schleier-Edition; // zeilengetreue Wiedergabe, aber Silbentrennung aufgehoben.
-- (c) You may use this digital version for scholarly, private and non-profit purposes only. Make sure that you do not violate copyright laws of your country. Do not remove this header from the file.


<<144>>
TABULA CEBETIS.

Eine fast Kunstreiche vnd
artige alte Tafel/ darinn das gantze
Menschliche Leben/ mit lebendigen farben
abgemahlet wirdt/ mit nützlicher vnd gantz
heilsamer vnterweisung eines vhralten
Philosophen/ wie dasselbig vernünfftiglich
vnd bescheiden anzustellen
sey.

Auß Griechischer Sprach
verdeutschet.

<<145>>

Bericht von dem Dichter
dieses Büchleins.

Cebes ist vor zeiten ein berümbter Philsophus [!Ed] gewesen/ von Thebis in Baeotia bürtig/
ein Jünger deß Socratis/ vnd Condiscipul Platonis/ Xenophontis/ vnd viel anderer
fürtrefflicher Leut. Es gedencken seiner vnd dieser Tafel Menschliches Lebens vil von den alten
Weisen: Als Plato im anfang seines Gesprechs/ so er Crito intituliret/ Item in Phaedone:
Wie in gleichem auch er Cebes den Platonem ein mal nennet in dieser Tafel: Item/ Xenophon
im ersten vnnd andern Buch der denckwürdigen Sprüche vnd Thaten Socratis (da doch
sonst Xenophon deß Platonis/ vnd hinwider Plato deß Xenophontis nirgendts mit keinem
wort einige meldung nit thut: Daher gelehrte Leut abnemen/ das sie beyde einer dem
andern nicht gut gewesen sein.) Item/ Lucianus im Vnterweiser der Redner: vnd Diogenes
Laertius lib. 2. Endlich auch Suidas/ vnd viel andere Gelehrten mehr/ die es auß
oberzehlten genommen haben.

Fernern bericht oder wissenschafft hat man von disem guten Mann nit/ ohn daß er neben
diesem Tractat noch zwey andere Gespräch sol geschrieben hinterlassen haben/ nemlich
Hebdomen oder Septimam/ vnnd Phrynichum/ die auff vns nicht gelanget sein/ darumb
wir auch von derselben inhalt nicht viel sagen können. Was anlanget diesen Dialogum/
kan derselb vmb mehr richtigkeit willen mit A. vnd B. an bequemen orten gezeichnet
werden/ von wegen besser vnterscheidung der Personen/ das also das A. bedeutet den
Autorem Cebetem selbst/ welcher Bericht der Tafel begert zu haben/ vnd das B. den alten
Mann/ welcher den Gästen Bericht von allen sachen thut.

<<146>>

Cebetis Tafel:
Darin eine feine weiß
fürgebildet wird/ wie das Menschliche
Leben vernünfftiglich vnd
bescheiden anzustellen sey.

A.

Als wir dermal eins im Tempel deß Saturni spatziren giengen/ vnnd viel zun Ehren
Gottes auffgehengte Gaben daselbst beschaweten/ wurden wir auch einer Tafel gewar/ so
vor dem Tempel angehefftet/ etliche frembde Fabeln in sich hielte. Wir kondten aber nicht
errathen/ waserley art Gedicht es weren/ vnd von wannen sie kommen. Dann es war dz
Gemälte weder einer Stadt noch einem Lager gleich: Sondern vergleichet sich einem Gezäune/
welches zwen andere Zäune in sich hielte/ einen grössern/ vnd einen kleinern. Es war auch
im ersten Zaun ein Thor/ bey welchem ein grosser hauffen Menschen gemahlet stunde.
Innerhalb aber deß Zauns sahe man etliche viel Weibsbilder. Im ersten Eingange deß Vorhofs
vnd Zauns stund ein alter Mann/ also gestallt vnd geberdet/ das man nicht anders
vermeinete/ dann er thete dem hineingehenden hauffen etliche Gebot fürhalten. Als wir
vns nun lange darüber besunnen/ vnd bey vns zweyfelten/ was diß Gedicht bedeuten
möchte/ spricht zu vns ein alter Mann/ welcher bey vns stunde. B. Es ist/ meine liebe
Gäste/ wol kein wunder/ daß ihr ob dieser gemahlten Tafel stutzet. Dann auch wenig
vnter den Inwohnern dieses Landes seyn/ die wüsten/ was diß Gedicht vnd Fabelwerck
bedeuten mag. Dann es nicht ist ein Geschenck von vnser Stadt herrürend/ sondern es hat vor
Jaren ein frembder Gast (welcher ein vernünfftiger vnnd sehr gelehrter Mann war/ auch
in seinen worten vnd thaten sich also verhielte/ daß er dafür geachtet ward/ als/ welcher
auff den schlag deß Pythagorae vnd Parmenidis sein Leben anrichtete) so wol diesen Tempel/
als gegenwertiges Gemäldte dem Saturno zu ehren geweyhet. A. Da sprach ich zu ihm:
Hastu dann denselben Menschen gesehen? Vnd kennest du jhn? B. Ja freylich/ spricht er:
Dann ich hab mich auch ein geraume zeit über jhn verwundert. Dann da er noch jünger war/
pflag er viel schöner discurs zu halten: So hab ich auch zum dickernmal von jhme die
außlegung dieses Gedichts erzehlen gehört. A. Da sagt ich zu jm/ Lieber ich bitt dich/ du
wöllest/ wo dich anderst nicht grosse geschäfften davon abhalten/ dasselbig auch vns
außlegen/ weil wir solches zuvernemen gantz begierig seyn. B. Es hindert mich zwar nichts/
meine liebe Gäste/ sprach er: Aber es ist euch diß zu wissen von nöthen/ das die Außlegung
nicht ohne gefahr sey. A. Wie so/ sprich ich/ vnd was hats für gefahr auff sich? B.
Diese/ spricht er: Dann wo jhr zu Ohren vnd Hertzen fassen werdet/ was euch wird für
getragen werden: so werdet jhr klug vnnd selige Leut werden: Wo nicht/ so werdet jhr/
als vnverständige/ vnselige/ rauhe vnnd vngeschickte Leut/ ein armseligs Leben führen.
Dann die Außlegung ist gleich den Rätzlein deß vngeheuren Thiers Sphyngis/ welche es
den Leuten fürgab: Wer nun dieselben verstunde/ der blieb vnbeschädigt: Wer sie nicht
traff vnd erriethe/ der wurd vom Sphynge vmbgebracht. Eben also verhelt sichs auch mit
dieser Außlegung. Dann die Thorheit ist den Menschen/ wie das wunder Thier Sphynx.
Dann dieselb deutet auch etwas dunckel an/ was im Leben gut vnd böß: Vnnd was weder
gut noch böß sey. Welches wer es nicht versteht/ der kombt nit nur einmal vmb von der
Thorheit/ als wie der/ so von Sphynge getödtet vnd gefressen wurde. Sondern durch sein
gantzes lebenlang verschmachtet er allgemach vnd langsam: Gleich wie die jenigen/ so im
Gefängknis ligen/ vnd warten biß der Scharpffrichter Hand an sie lege. Wann aber
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jemandt die sachen versteht: So wendet sich das blat vmb/ vnd die Thorheit geht zu grunde:
Er aber bleibt vnverletzt/ vnd sein Lebtag ist er deß bösen überhaben/ vnd wird selig.
Derwegen sollet jr mit andacht darauff mercken/ vnd nit oben hin zuhören. A. Behüt
Gott/ sagten wir/ wie grosse begierd hast du in vns erwecket/ wann sich die sach also helt.
B. Ja/ sprach er/ dem ist nicht anderst. A. Derwegen wollest du es vns auffs erst erzehlen.
Denn wir wollen nicht vnfleissig zuhören: fürnemlich weil beydes/ so grosse belohnung/
vnnd so grosse straff daher zugewarten ist.

B. Demnach hub er den stab auff/ vnd reckete jhn zu dem gemälde: Sehet jhr/ sprach
er/ diesen Zaun? A. Wir sehen jn wol. B. Nun diß müst jr anfänglich wissen/ daß diser
ort heist dz Leben: Vnd die grosse meng/ welche bey dem Thor steht/ seyen die/ so zum
Leben kommen werden. Aber der Alte/ so oben stehet/ vnd in der einen Hand ein Papyr
helt/ mit der andern aber gleichsam etwas weiset/ der heist Genius/ oder jhr Engel. Er
befihlt aber denen die hinein gehen/ was sie thun sollen/ wenn sie zum Leben kommen:
vnnd weiset jhnen/ welchem Leben sie sich ergeben sollen/ wann sie inn jhrem Leben
vnversehrt wöllen davon kommen. A. Was (sagt ich drauff) heist er sie dann für einen weg
gehn/ oder in was gestalt? B. Sichst du/ antwortet er/ neben dem Thor ein Königlichen
Stul gesetzt an dem ort/ da das Volck hinein geht: Darauff ein Weib sitzt/ die das Angesicht
verwenden kan/ vnd hübsch scheinet/ vnd in der hand ein Geschirr hellt? A. Ich sihe
sie/ sprach ich: Wer ist sie aber? B. Es ist die Betriegerey/ sagt er/ welche alle Menschen
verführet. A. Was thut sie? B. Denen/ so zum Leben gelangen/ gibt sie jhre Krafft oder
Kunst zutrincken. A. Was ist aber das für ein Tranck? B. Der Irrthumb/ sagt er/ vnd die
vnwissenheit. A. Was geschicht darnach? B. Wann sie die getruncken haben/ kommen sie
zum Leben. A. Sauffen sie denn alle den Irrthumb hinein? B. Ja alle/ sagt er: Aber etliche
mehr/ etliche weniger. Vber das sichst du nicht jnnerhalb deß Thors ein hauffen vnzüchtiger
Weiber/ von mancherley gestalt? A. Ich sihe sie wol. B. Die heissen nun die seltzame
meinungen/ die Begierden vnd die Wollüste: vnnd wann der hauffen herein geht/ springen
sie herfür/ vmbfangen ein jeglichen/ vnd führen jhn hinweg. A. Wo führen sie aber einen
hin? B. Etliche/ sagt er/ zum heyl/ etliche zum seyl vnd verderben wegen der Betrigerey.
A. O du redlicher Mann/ wie ein hefftiges Tranck erzehlest du mir. B. Vnd sie verheissen
zwar alle/ daß sie die Leut zu allem guten anweisen/ vnd zu einem seligen vnd fruchtbarlichen
Leben befürdern wollen. Diese aber wegen der vnwissenheit vnd deß Irrthumbs/
welchen sie bey der Betriegerey hinnein gesoffen haben/ finden den rechten weg zum
Leben nicht: sondern wandeln in eytelkeit hin vnnd her/ wie du sihest. Sihest du auch/
daß die zuvor hinein gangen sein/ herumb wandern/ wo sie die vnzüchtigen Weiber hin
gewiesen haben? A. Ich sihe es wol/ antwortete ich. Wer ist aber das Weib/ welches gleich
einer blinden vnd vnsinnigen/ auff einem runden Stein stehet? B. Sie heist zwar das Glück/
sagt er: Vnd ist nicht allein blind/ sondern auch toll vnd taub. A. Was hat sie denn für
ein Ampt zuverwalten? B. Sie/ sagt er/ spatzieret hin vnnd her: Vnnd nimbt etlichen/ was
sie haben: etlichen schenckt sie/ vnndt nimbt jhnen wider/ was sie gegeben hat/ vnnd
begabt andere damit/ gar vnbedachtsam vnnd vnbestendig. Erkläret derwegen diß Bildt
eben recht die art vnd eigenschafft deß Glücks. A. Welches meinest du/ sagt ich? B. Das/
so auff einem runden stein stehet. A. Was bedeut aber das? B. Es zeigt an/ daß die gaben
deß Glücks/ nicht stät noch bestendig sein. Denn es leidet einer grossen vnnd gewaltigen
schaden/ wann er dem Glück trawet. A. Wie? Was begert der grosse hauff/ der herumb
steht/ vnd wie nennt man dieselben Leut? B. Man nennt sie die vnbesunnenen. Es begert
aber ein jelicher diß/ was das Glück wegwirfft. A. Wie kombts denn/ das nicht einer außsieht
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wie der ander? Sondern etliche lassen sich ansehen/ daß sie frölich seyen: Andere das
sie traurig sein vnd die Händ außbreiten? B. Welche frölich vnd lachend außsehen/ die
seyn/welche vom Glück etwas bekommen haben: Vnd nennen es derwegen das Gute
Glück. Die aber die Händ außstrecken/ vnd den weinenden gleich sehen/ denen hat das
Glück genommen/ was es jhnen zuvor gegeben hatte. Darumb wirdt es hergegen von
denselben das Vnglück genennt. A. Was sein denn diß für sachen/ die es gibt: weil sich die so
darüber freuen/ welche sie empfangen: Die andern aber weinen/ so sie verlorn haben? B.
Es sein die/ so man in gemein für Güter schätzet: als Reichthumb/ Ehr/ Adeliches
herkommen/ Kinder/ Herrschafften/ Königreiche/ vnd dergleichen anders mehr. A. Wie? Sein
dann diß so gute sachen? B. Davon wölln wir zur andern zeit handeln: Jetzt aber auff deß
angeregten Gedichts außlegung achtung geben. A. Wolan/ es geschehe also. B. Sihest du
nun/ Wann du für dem Thor fürüber bist/ einen andern höhern Zaun/ vnnd ausserhalb
deß Zauns etliche Weiber stehn/ die wie vnzüchtige Dirnen sich geschmuckt haben? A. Gar
wol? B. Darunter heist eine die Vnbescheidenheit/ eine der Vberschwall/ eine die Geitzigkeit/
eine die Schmeichlerey. A. Warumb stehn sie dann allda? B. Sie geben acht auff die/
so etwas vom Glück empfangen haben. A. Was wird weiter darauß? B. Sie hüpffen/ vnd
hertzen sie/ vnd liebkosen jhnen: vnd begern/ daß sie bey jnen bleiben wöllen: vnd
verheissen jnen ein sanfftes vnd ruhiges leben/ da sie aller beschwernuß überhaben seyn. Wer
jnen nun folget/ vnd den wollüsten sich ergibt: Den beduncket dasselb Leben ein zeitlang
gar lieblich/ so lang den Menschen gleichsam der fürwitz sticht vnd kützelt: da es doch in
der warheit kein lieblichs noch wolleben ist. Dann wann sich der Mensch recht bedenckt/ vnd
wider zu sich selbs kombt: vermerckt er/ daß er nit die wollust vnd gutes leben hab
eingenommen/ sondern vom selben sey eingenommen/ spöttlich gehalten vnd verzehret worden.
Derhalben wenn er nun alles hat anworden/ was er vom Glück empfangen: wird er
getrungen denselben Weibern zu dienen/ vnd alles von jhnen zu leiden/ vnd sich vngebürlich
zu halten/ vnd jhrent wegen zu stifften/ was sein grosser schad ist: als nemblich/ er muß
betriegen/ Kirchen plündern/ ein falschen Eid schwern/ verretherey treiben/ mörden/
rauben/ stehlen/ vnd anders dergleichen. Wann jhnen aber diß alles entgeht vnd mangelt:
werden sie zur straff gezogen: Dann du sichst hinter jhnen etwas/ gleich wie ein Thür oder
Fenster vnd ein enges vnd finsters Loch: Auch etliche vnfletige vnd zerrißne Weiber stehen
daselbs. Welche nun die Peitschen in der Handt hat/ heist die Straff. Welche den Kopff biß
auffs Knie henget/ ist die Traurigkeit vnd Langweil. Welche ihr Haar außraufft/ die Trübsal.
A. Wer ist aber der ander/ so bey jhnen steht/ heßlich/ mager vnnd nacket? deßgleichen
daß Weib hinter jhm/ welches eben so heßlich vnd dürr ist/ als er? B. Der Mann
zwar heist Leid: sein schwester aber Verzweiflung. Denen wird er nun übergeben: vnd mit
denen bringt er sein leben zu/ in qual vnnd marter. Darnach wird er wider in ein ander
losament geworffen/ nemblich der Vnglückseligkeit: da er sein vbrige lebenszeit/ in allem
elend verzehret/ wo jm nit die Rew ohn gefehr begegnet. A. Was geschicht dann darnach?
B. die Rew/ so sie jm begegnet/ errett jn auß dem vnglück allen: vnd bringt ein andere
Meinung vnd Begierd in jn/ welche jhn zu rechtschaffner Geschickligkeit leitet: zugleich
auch die/ dadurch er zu der falschberhümten Kunst/ oder scheinweißheit kommen mag.
A. Was wirdts dann mehr? B. Im fall/ sagt er/ jener die Meinung wol fasset/ welche jn
zu rechtschaffner Geschickligkeit leitet: wird er von jhr gereinigt vnd erhalten: Vnd bringt
sein zeit seliglich/ vnd ohn alle widerwertigkeit zu. Wo nicht/ so wird er widerumb von
falschem wahn/ vnd angemaster Kunst verführet. A. Behüt Gott/ wie ist auch dise andere
gefahr so groß.

<<149>>

Wer ist aber/ sprach ich/ dieselbe falsch berhümbte Kunst? B. Sihest du nit (sprach er
darauff) denselben andern Zaun? A. Freilich/ sagt ich. B. Nun ausserhalb dieses Zauns/
neben dem Eingang steht ein Weib/ die scheinet gar sauber vnd wol geberdet sein. Dieselb
nennt der gemeine hauff/ vnd das leidige Gesindlein/ die Geschickligkeit: Da sie doch
nicht die warhafflige/ sondern nur ein angemaste geschickligkeit oder scheinweißheit ist.
Zu der kommen nun erstlich die/ so erhalten werden/ vnd die warhafftige Geschickligkeit
sollen zu wegen bringen. A. Ist denn sonst kein anderer weg/ der zur rechten Kunst vnnd
geschickligkeit führe? B. Ja/ sagt er/ es ist einer. A. Wer sind aber die Leut/ welche jnnerhalb
deß Zauns vmbgehn? B. Die Liebhaber/ spricht er/ der falsch berühmbten Kunst/
welche betrogen werden/ vnd den wohn haben/ daß sie mit der wahrhafften Geschickligkeit
zu schaffen haben. A. Mit was für namen werden dieselben genennt? B. Etliche/ sagt er/
heissen Poëten oder Verßmacher: Etliche Oratores oder Redner: Etliche Dialectici: Etliche
Musici oder Singer: Etliche Arithmetici: Etliche Geometrae oder Feldmesser: Etliche Astrologi/
oder Sterngücker: Etliche Cyrenaici: Etliche Peripatetici: Etliche Critici/ vnd
andere/ so jhnen nicht vnehnlich. A. Die Weiber aber/ welche einen beduncken vmblauffen/
vnd den ersten gleich seyn (darunter du sagest/ sey die vnbescheidenheit/ vnd die andern
jhre Gespielen) wer sollen die seyn? B. Es sein eben die vorigen/ spricht er. A. Kommen sie
dann auch da herein? B. Ja/ bey glauben/ aber selten: vnd nicht so offt/ als in den ersten
Zaun. A. So schleichen sich auch jrrige meynungen da ein? B. Ja/ sagt er: dann es bleibt
auch darinn der Tranck/ von der Betriegerey zugebracht/ deßgleichen die vnwissenheit:
vnd fürwar neben derselben auch die Thorheit. Dann der jrrige wahn/ vnnd die andern
mengel werden von jhnen nicht weichen/ biß sie die angemaste geschickligkeit hindan
setzen/ den rechten weg für die Hand nehmen/ vnd das rechte Purgiertrüncklein zu sich
nemen: vnd alles böse/ damit sie beträngt werden/ als den jrrigen wahn/ vnd die vnwissenheit/
vnd alle vntugend abgelegt vnd außgejagt haben: Als dann wird jhnen erst
geholffen werden. So lang sie aber da bleiben bey der falsch berühmbten Kunst/ werden sie
nimmermehr ledig werden: noch einiges böses vertreiben/ durch hülff zwar obernennter
Kunst.

A. Welches ist dann der Weg/ so zur rechtschaffenen Geschickligkeit weiset? B. Sihest du/
sprach er/ denselben hohen ort/ der einen ansihet/ als stünde er gantz öd/ vnd würde von
niemand bewohnt? A. Ja/ ich sihe jhn. B. So sihest du auch ein kleine Thür/ vnnd einen
Weg vor der Thür/ darauff wenig gangen sein: dieweil er gäh/ rauh vnd steinicht seyn
scheinet? A. Ich sihe ihn wol/ sagt ich. B. Da siht man auch ein hohes Berglein/ vnd ein
schmalen antritt/ der auff beyden seiten gäh herab gehet. Das ist nun der Weg/ sagt er/ der
zu rechtschaffener geschickligkeit führet: vnd zwar sehr beschwerlich anzusehen. So sichst
du auch oben/ neben dem Berglein/ ein grossen vnnd hohen Felß/ der rings vmbher gäh
herab geht? A. Ich sehe jhn wol/ sagt ich. B. Sihest du demnach auch zwey Weiber/ so feist
vnd starck von Leib/ auff dem Felsen stehen/ welche jhre Händ getrost außstrecken?
A. Ja/ ich sehe sie: wie heissen sie aber? B. Eine heist die Messigkeit/ die ander die Gedult:
vnd seind zwo Schwestern. A. Warumb strecken sie aber so freudig jre händ auß? B. Sie
vermahnen/ sprach er/ die Wandersleut/ so biß an den ort kommen/ sie sollen ein gut
Hertz haben/ vnd nicht verzagen: Denn es werd geschehen/ daß sie/ nach dem sie ein
kurtze beschwernuß erduldet/ bald auff einen lustigen Weg kommen werden. A. Wann sie
aber an den Felsen getretten sein/ wie steigen sie hinauff? Denn ich sihe keinen Weg/ der
sie dahin trage. B. Die zwo Frawen steigen von dem gähen berge ein wenig herab/ vnd
ziehen die Wandersleut zu sich hinauff. Darnach heissen sie sie ruhen/ vnd verleyhen jhnen
<<150>>
stärck/ vnnd ein gute zuversicht: vnnd verheissen/ sie wöllen sie zur rechtschaffnen
Geschickligkeit leiten vnd führen: vnnd weisen jhnen/ wie derselbig Weg so lustig/ eben vnd
leicht zu gehn sey/ auch alles vnglücks befreyhet: wie du selbst sihest. A. Also bedunckt
mich zwar. B. Sihest du weiter/ sprach er/ vor demselben Waldt einen ort/ der einen
bedunckt/ eine lustige Wisen/ vnd gar liecht vnnd helle zu sein? A. Freylich. B. Sihest du
mitten in der Wisen auch ein andern Zaun/ vnd ein ander Thor? A. Ja/ sagt ich: Wie heist
aber der ort? B. Der seligen wohnung/ sprach er. Denn da halten sich alle Tugenten vnd
die Seligkeit auff. A. Ohne zweiffel ist der ort gar lustig. B. Sihest du nun/ spricht er/
neben dem Thor ein schöne Matron stehen/ mit vnwandelbarem gesicht/ bey jhren besten
tagen/ die doch schon beginnet alt zu werden/ in einem schlechten Kleyd/ dabey nicht viel
gesprengs [!Ed] ist? Sie steht aber nit auff eim runden/ sondern viereckichten vnd vnbeweglichen
stein. Bey jhr stehen andere zwo/ die scheinen jhre Töchter sein. A Also bedunckt mich
auch. B. Nun die mitler vnter disen/ ist die Geschickligkeit: die ander/ die Wahrheit: die
dritt/ die Beredtsamkeit. A. Warumb steht sie aber auff eim viereckichten stein? B. Sie
zeigt an/ sprach er/ das beydes die Wandersleut ein sichern vnd bestendigen Weg zu
jr haben: Vnd das die frucht jhrer Gaben/ ohn alle gefahr sey denen/ so dieselben empfangen.
A. Was sein jhre gaben? B. Zuversicht vnd entledigung von aller furcht/ sagt er. A. Was
haben aber die ding für krafft? B. Nemlich diese/ daß die Menschen wissen/ das jhnen
nichts übels jhr lebtag werd widerfahren. A. Behüt Gott/ sagte ich/ wie herrliche
geschencke sein das: Warumb stehet sie aber also ausser deß Zauns? B. Daß sie die frembden
Gäst heile/ sprach er/ vnnd jhnen kräfftige Purgiertranck zubringe. Wann sie aber
purgirt vnd gereinigt sein/ also dann führt sie sie erst an zur Tugendt. A. Wie geschieht das?
fragte ich/ denn ich versteh es nicht. B. Du solst es aber fein verstehen/ sagt er. Denn es
geht da eben zu/ als wann einer mit einer schweren kranckheit behafft/ zum Artzt
geführet wird. Derselbig vertreibt fürnemblich durch eine Purgation alle vrsach der kranckheit:
vnd alsdann erst sterckt er die kräfften/ vnd bringt den Patienten wider zu seiner
gesundheit. Wo ferrn der Kranck dem Artzt nicht gefolget hett: wer er billich für die Thür
gesetzt/ vnd von der Kranckheit auffgerieben worden. A. Diß versteh ich wol/ sagt ich.
B. Da sprach er/ Eben auff den schlag/ wann einer zur Geschickligkeit gelanget/ so heilt
sie jhn/ vnd gibt jhm jhre krafft einzutrincken/ daß sie jhn vor allen dingen reinige/ vnd
alles das böse außtreibe/ welches der Mensch mit sich gebracht hatte. A. Was sein diß für
böse ding? B. Versteh die Vnwissenheit/ vnd den Irrthumb/ welchen er bey der Betriegerey
getruncken: Item/ die Hoffart/ böß begierd/ vnbescheidenheit/ Gächzornigkeit/ Geitz/
vnd alles anders/ so er im ersten Zaun heuffig verschlungen/ vnd sich damit angefüllet
hatte. A. Nach dem er aber gereiniget ist/ wo schickt sie jhn hin? B. Hinnein/ sagt er/ zur
wissenschafft/ vnd andern Tugenden. A. Wer sein die? B. Sihest du nicht/ spricht er/ jnnerhalb
deß Thors ein hauffen ehrlicher Frawen/ welche einen hübsch vnnd züchtig beduncken/
vnd haben nichts falsches oder gleißnerisches an jhnen/ seind auch nicht stattlich gebutzt/
wie die andern? A. Ich sihe sie wol: Wie heissen sie aber? B. Die erst zwar heist Wissenschafft:
die andern aber jhre Schwestern/ die Mannheit/ die Gerechtigkeit/ die Redligkeit/
Messigkeit/ Bescheidenheit/ Freygebigkeit vnd Sanfftmuth. A. O wie schöne Leut seind
das/ sagt ich. Wie grosse hoffnung haben wir. B. Wo fern jhr/ sagt er/ verstehn/ vnd in
eurem leben üben vnd bekräfftigen werdet/ was jhr gehört habt. A. Wir wollen/ sagt ich/
mit höchstem fleiß vns dahin bemühen. B. So wirdt euch/ sagt er/ geholffen werden.

A. Wenn aber obgedachte ehrliche Matronen einen Menschen zu sich genommen haben/
wo führen sie jhn hin? B. Zu jhrer Mutter/ sagt er. A. Wer ist aber dieselb? B. Die Seligkeit.
<<151>>
Dann sihest du wol jenen Weg/ der auff die höch hinauff führt/ da das Schloß ist aller der
Zäun? Da sitzt nun im eingang auff einem hohen Stul eine Matron/ eines bestendigen alters/
schön/ vnd fein gezieret/ doch ohne überflüssiges gepräng/ vnd mit einem grünen Krantz
gar hübsch gekrönet. Das ist nun die Seligkeit. A. Wann aber einer dahin kommen ist/ was
thut sie? B. Sie/ die Seligkeit/ vnd die andern Tugenden mit einander/ krönen jhn mit
jhrer krafft/ als einen der gewaltige kämpffe hat außgestanden. A. Was hat er dann für streit
vnd kämpffe außgestanden/ sagt ich. B. Darauff antworttet er: Sehr grosse vnd schwere
streit vnd kämpffe. Dann er hat alle die vngehewren großmechtigsten Thier (welche jhn
zuvor verschlingen/ quelen/ vnd dienstbar machen wolten) überwunden/ vnnd von sich
geschlagen/ daß er nun frey vnd für sich selbs ist: sie aber jhm jetzt dienen müssen/ wie er
vor langst jhr Knecht hat sein müssen. A. Was meinest du für wilde Thier? Denn ich möchts
gar gern hören. B. Erstlich/ sagt er/ die vnwissenheit vnd den Irrthumb: Meinst du nicht/
das dieses seltzame Thier seyn? A. Ja bey trawen/ sehr vngestümbe vnd schädliche/ sagt ich
drauff. B. Darnach den schmertzen/ das leyd/ den Geitz/ die vnbescheydenheit vnd andere
Laster mehr. Vber diese alle herrschet er jetzund: Vnnd geht jhnen nicht zugehorsam/ wie
vorhin. A. O/ sagte ich/ wie seyn diß herrliche Thaten: wie ein so stattlicher gewaltiger
Sieg ist das? Aber/ sag mir auch diß: Was für krafft hat der Krantz/ damit er geschmückt
wird/ wie du vor erzehletest. B. O lieber Jüngling/ er wircket vnd bringt die Seligkeit.
Dann wer damit gekrönet wirdt/ der wird selig/ vnd von allem vnglück ledig: Vnd setzt
die hoffnung seiner Seligkeit nicht auff ander ding/ sondern auff sich selbs. A. O deß
schönen Siegs: Wenn er aber gekrönt ist/ was thut er darnach/ oder wo geht er hin? B. Die
Tugenden begleiten jhn dahin/ wo er vor herkommen war: Vnd weisen jm die Leut/ so
sich da auffhalten/ wie elend vnd armselig sie leben/ vnd wie sie in jhrem leben Schiffbruch
leyden/ vnd in der jrre herumb ziehen: Etliche auch als von den Feinden überwunden
vnd gefangen geführet werden/ entweder von der vnbescheidenheit/ oder von der
Hoffart/ oder vom Geitz/ oder von der leydigen Ehrsucht/ oder von ander Lastern. Wer
nun inn denselben beschwernussen stecket/ der kan sich selbs nit herauß winden/ das jhm
geholffen würde/ vnd er zu Seligkeit gelangete: Sondern all sein lebtag wird er verwirrt.
Welches jhm deßhalben begegnet/ dieweil er den guten Weg nicht finden kan: Sintemal er
deß Gebotts vergessen hat/ daß jhm sein Engel oder Genius hat gegeben. A. Mich deucht/
du redest recht von der sach. Aber widerumb zweiffel ich daran/ warumb die Tugenden
jhm den ort zeigen/ auß dem er vor kommen ist? B. Er wuste nicht recht/ vnd verstund
nicht/ was man dort handlet: Sondern zweiffelte/ vnd wegen der Vnwissenheit vnd deß
Irrthumbs/ den er in sich hinein getruncken/ hielt er für gut/ was nicht gut ist: vnd schätzet
das für böß/ was nicht böse ist. Derhalben lebt er übel/ wie die andern/ so dort wohnen.
Jetzt aber/ nach dem er die erkanntnuß hat/ welche ding nützlich vnd zutreglich seyn: lebt
beydes er wol vnd selig/ vnd sihet auch der andern jammer vnd elend. A. Wenn ers nun
gesehen hat/ was thut er weiters/ oder wo verfügt er sich hin? B. Wo er nur hin will. Denn er ist
überall sicher: nicht anders/ als wenn er in der Höle were/ deren name ist Corycium: Vnd
wo er hinkommet/ da wird er ehrlich vnnd ohne gefahr leben. Denn es wird jhm meniglich
gern auffnemen/ gleich wie die Krancken den Artzt. A. Hat er denn auch auffgehört
dieselben Weiber zu förchten/ welche du sagtest/ es weren wilde Thier/ also das er sich vor
jhnen weiter nichts zubefahren hat? B. Gar nichts. Dann er weder mit Schmertzen/ noch mit
vnbescheidenheit/ noch mit Geitz/ noch mit Armuth/ noch mit jrgend einem andern
vnglück angefochten vnd geplagt wird. Dann er ist jr aller Herr: er ist jnen allen zun Haupten
gewachsen/ von denen er vor gepeinigt ward: Gleich wie die/ so ein Ottern gebissen hat.
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Dann die Schlangen/ so alle andere Menschen biß auff den todt beschedigen/ verletzen die
nicht/ welche von Ottern gebissen worden: Dann der Ottern gifft ist jhnen ein praeservativa
darwider: Also beschediget auch einen weisen vnd seligen Mann nichts/ dieweil er ein
praeservativartzney bey sich hat. A. Mich dunckt/ du redest wol von der sach.

Aber erkler mir auch das/ wer dieselben sein/ die dort von dem hohen Berglein
herkommen? Deren ein theil gekrönet/ vnd frölich anzusehen sein: Welcher theil aber keine
Kron hat/ die scheinen/ als wöllen sie verzweiffeln. Vnd haben abgeniffelte Schienbein
vnd Häupter/ vnd werden von etlichen Weibern gleichsam gefangen gehalten? B. Welche
die Kräntz tragen/ sagt er/ die sein vnversehrt zur Weißheit vnd Geschickligkeit kommen/
vnnd freuen sich/ daß sie dieselb erlangt haben. Die aber keine Kräntz haben/ die tretten
zum theil ab/ weil sie von der Geschickligkeit/ verworffen vnd verschlagen worden/ vnd
gehaben sich übel: Zum theil seind sie durch faulkeit vnd verzagte weiß widerumb zu rück
gewichen/ da sie schon biß zur Gedult vnd Tauerhafftigkeit kommen waren/ drumb sie
jetzt in jrrsamen Wegen umbziehen. A. Wer sein aber die Weiber/ so jhnen nachfolgen?
B. Die Trübsal/ sprach er/ vnd beschwerden/ die Verzweiflung/ schmach vnd Vnwissenheit.
A. Wenn dem also ist/ wie du sagst: So folgt jnen alles vnglück nach. B. Freylich alles
vnglück. Wann sie aber im ersten Zaun zu dem zertlichen Leben/ vnd zur vnmessigkeit/
widerkommen sind/ so klagen sie nicht über sich selbs/ sondern fluchen stracks der Geschickligkeit/
vnd denen so denselben Weg gangn seyn/ als elenden/ mühseligen vnd vnglückhafften:
Welche das leben/ so jene verbringen/ verlassen haben/ vnd übel leben/ vnd jener
Güter nit geniessen. A. Was halten sie aber für gut? B. Kürtzlich vnd über haubt davon zu
reden/ den Vberschwall vnd die Vnmessigkeit. Denn sie vermeinen/ diß heiß/ der höchsten
Güter geniessen/ wenn man wie das Viech schlemmet/ vnd den kragen voll hat. A. Die
andern Weiber aber/ die von dannen weg sein gangen/ frölich vnd mit lachendem Mund/
wie werden die genennet? B. Die mancherley meinungen/ sagt er: vnd nach dem sie die zur
Geschickligkeit geführt haben/ welche zur Tugend eingangen sein/ kommen sie jetzt
wider/ daß sie andere mehr holen und jr zuführen/ vnd verkündigen/ daß die/ so sie
hingeführt hatten/ nun selig worden seyn. A. Gehn dann die meinungen/ sprach ich/ zu den
Tugenten hinein? B. Nein/ sagt er: dann es ist der meinung vnd dem wohn nit zugelassen/
das sie zur wissenschaft hinein gehe: Sondern sie befehlen die Leut der vnterweisung: Vnd
wann sie die vnterweisung hat auffgenommen/ so kommen die Weiber wider/ vnd wöllen
widerumb andere Leut zuführen: gleich wie die Schiff/ wenn sie jre wahren haben
abgeladen/ fahren sie wider hin/ vnd laden andere wahren auff.

A. Die ding hast du recht vnd wol erklert/ als mich bedunckt. Das aber hast du noch
nit außgelegt/ was der Genius oder Engel denen befehle/ so ins leben eingehen? B. Das sie
getrost seyn/ vnd ein gut hertz haben. Derwegen seyt auch jr getrost. Denn ich wills euch
alles offenbaren/ vnd nichts außlassen. A. Du redest recht/ sprach ich. B. Derwegen reckte
er wider die hand auß/ vnd sagte: Sehet jr das Weib/ das einen blind sein bedunckt/ vnd
auff ein runden stein stehet/ welche man das Glück nennt? A. Wir sehens wol. B. Nun
disem/ sagt der Engel/ soll man nit glauben/ oder meinen/ das etwas bestendigs daran sey/
vnd sicher oder für ein eigens gut behalten werde/ was man dem Glück zu dancken hat.
Dann es hinderts nichts/ daß es seine gaben wider neme/ vnd dem andern gebe. Denn
solches pfleget es offt zu thun. Darumb vermahnet der Genius/ daß die Leut sich nit lassen
überwältigen durch die gaben deß Glücks/ vnd sich nicht frewen/ wenn es jhnen was
schenckt: auch nit trawren/ wenn es dasselb wider wegnimbt: vnd daß sie das Glück weder
loben/ noch schenden sollen. Den es thut nichts mit bedacht/ sondern alles liderlicher/
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schlumpffs vnd vnbesunnener weiß: wie ich euch zuvor gesagt hab. Erinnert demnach
Genius die Leut/ daß sie sich nicht verwundern/ es macht es gleich das Glück wie es wolle:
vnd das sie nit den bösen Wechßlern folgen/ welche wenn sie von andern ein geld empfangen
haben/ frewen sich drüber/ als wenns jr wer: vnd so mans wider abfodert/ werden
sie vnwillig/ vnd meinen/ es geschehe jhnen vnrecht. Sie vergessen aber/ das man das
geldt mit dem beding hab bey jnen dargelegt/ dz es der Glaubiger ohn alle hindernuß
wider hinweg vnd zu sich nemen kan. Nun eben auff die weiß befihlt der Genius/ das man
gegen deß Glücks gaben gesinnet sey/ vnd gedencke/ daß diß deß Glücks art vnd natur
sey/ das es nemb/ was es gegeben hat: vnd plötzlich vil mehr schencke: vnd noch einmal
neme/ was es geschenckt hat: vnd nit allein das/ sondern auch das jenige/ was einer zuvor
gehabt hat. Was einem nun das Glück gibt/ das heißt der Engel von jm annemen: vnd wenn
mans hat/ alsbald hingehn zu eim bestendigen vnd sichern geschenck. A. Was ist aber diß/
fragt ich. B. Welches sie von der vnterweisung empfangen werden/ wenn sie vnversehrt
dahin gelangen: Nemlich rechte wissenschaft nützlicher ding: vnnd ein solches geschenck/ das
bestendig ohne gefahr/ vnd vnwandelbar ist. Derhalben gebietet er/ das man geschwind
dahin seine zuflucht hab: vnd wenn man kommen ist zu denen Weibern/ die ich vor genennt
hab/ nemlich zur vnmessigkeit/ vnd zertlichen leben/ so soll man flugs davon gehen/ vnd
jnen keinen glauben geben: biß man kommen ist zur falschberühmbten Kunst. Bey der soll
man sich ein zeitlang auffhalten/ vnd von jhr als ein wegzehrung nemen/ was vnd so vil
einer will: Darnach geschwind von dannen sich verfügen zur rechtschaffnen vnterweisung.
Diß seind deß Genii oder Engels Gebot: welche/ wer sie entweder nicht in acht nimbt/
oder nit recht versteht/ der ist böß/ vnd wird ein böß end nemen. Vnd das Gedicht oder
Invention zwar/ lieben Gäst/ so dise Tafel in sich helt/ ist also geschaffen. Wenn jhr aber
weiter etwas fragen wöllet/ von einem oder dem andern/ das sey euch erlaubt/ Denn ich
wils euch gern sagen. A. Du redest recht vnd wol/ sagt ich. Was befihlt denn Genius/ dz sie
von der angemasten vnterweisung sollen nemen? B. Was sie bedunckt nützlich zu seyn. A.
Was ist aber das? B. Geschickligkeit vnd gute künste/ von welchen auch Plato gesagt hat/
das sie jungen Gesellen an statt eines Zaums sein/ damit sie nit mit andern sachen vmbgiengen
vnd sich verwirreten. A. Muß denn der/ so zur warhafftigen vnterricht kommen will/ dieselbe
kunst annemen oder nit? B. Es treibt jn zwar kein noth dazu. Denn sie sein wol für sich
nütz: aber das einer in der tugend zuneme vnd wachse/ dazu dienen sie nicht. A. Wie
sprichst du/ sie taugen nichts/ das einer desto frömmer werde? B. Ja/ sagt er: denn man kan
auch ohne dieselben fromb werden. Doch sein sie deßhalben nit gar vnfruchtbarlich. Denn
wie wir bißweilen das jenig durch ein Dolmetschern vernemen/ was da geredt wird: vnd
es kan doch nit schaden/ wenn wir selbs ein sprach gründlich verstehen/ ob wir schon durch
den Dolmetschen etwas vernommen haben: also hinderts nichts/ daß wir derselben künste
nit sollen entrathen können. A. So hör ich wol/ die gelehrten haben keinen vorzug für
andern Leuten/ daß sie frömmer müsten werden/ als jene? B. Wie solten sie ein vortheil
haben/ sprach er/ dieweil am tage ist/ das sie eben so wol als andere Menschen/ vnrecht
vrtheilen von bösem vnd gutem/ vnd noch mit allerley vntugenden behafftet sein? Denn es
kan wol sein/ das einer gelehrt/ vnd in allen freyen künsten erfahren sey/ vnd gleichwol
ein trunckenbolt/ auch vnmessig/ geitzig/ vngerecht/ Item ein verräther/ vnd schließlich
vnbesunnen sey. Warlich man kan zwar vil solcher finden vnd sehen. Wie solten sie denn/
sagt er/ einen vortheil haben/ wegen jrer kunst/ daß sie frömmere Leut würden? A. Es
scheint daß sie keinen vortheil haben/ wo ferrn sich die sach also helt. Darauff sagt ich: was
ist denn die vrsach/ daß sie im andern Zaun sein/ gleichsam als die nahe zur rechten
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vnterweisung kommen? B. Was empfangen sie aber für nutz drauß/ sprach er: dieweil man offt
vermerckt/ das etliche auß dem ersten Zaun von der vnbescheidenheit vnd den andern
lastern/ biß in dritten Zaun kommen zur rechten vnterweisung/ welche doch für denselben
gelehrten vnd künstlern fürüber gehn. Wer solt nun sagen/ daß sie den andern fürzuziehen
sein? Sein sie derwegen entweder feuler/ oder vngelerniger. A. Wie da/ sagt ich. B. Denn die
im andern Zaun stehn/ thun zum wenigsten darin vnrecht/ daß sie fürgeben/ sie können
das/ was sie doch nit können. Weil sie nun durch disen wahn eingenommen sein: müssen sie
desto feuler vnd langsamer sein/ der warhafftigen vnterweisung nach zutrachten. Darnach/
sihest du nit auch/ dz seltzame meinungen auß dem ersten Zaun sich noch zu jnen verfügen?
Derhalben sein sie nichts besser als andere/ es sey denn sach/ dz die Rew sich zu
jnen mache: vnd sie sich deß bereden/ das sie nit die rechte/ sondern falsche vnd betrügliche
vnterweisung haben/ welche sie in jrrthumb führe: vnd dz sie bey dem wesen vnd
zustand/ nit können selig werden. Derhalben/ sprach er/ auch jr frembden Gäst/ wo jr jm
nit also thun werdet/ vnd nit mit dem ding (davon ich geredt) vil vnd offt vmbgehn/ biß
jrs in die gewonheit bringet: so wirdt euch alles/ was jhr gehört habt/ nichts nutz sein.
Dann man muß ein ding zum öffternmal erwegen/ vnd nit vnterlassen/ sondern vor dem
alles hindan setzen vnd ligen lassen. A. Wolan/ wir wollen jm also thun. Aber erkler vns
das/ warumb die ding nit gut sein/ welche die Menschen vom Glück empfahen? Als das
leben/ gesundheit/ reichthumb/ ehr/ kinder/ sieg/ vnd anders dergleichen? vnd warumb
die ding/ so jhnen zu wider/ nicht böß sein? Dann die red bedunckt vns gar seltzam/
vngereimpt/ vnd vnglaublich. B. Wolan/ sprach er/ kehr fleiß an/ daß du auff das/ was
ich fragen werde/ antwortest/ wie es dich für gut ansihet. A. Ich wills thun/ sagt ich. B.
Ist auch dem das leben gut/ welcher übel lebt? A. Ich halt nit/ sondern es sey jm böß. B.
Wie ist denn/ sprach er/ das leben gut/ wenn es jm böß ist? Denn/ wie mich bedunckt/
so ist das leben gut/ denen/ die da wol leben: aber böß denen/ die da übel leben. Wilst du
demnach sagen/ das leben sey gut/ vnd sey auch böß? A. Ja/ ich sag es. B. Hüte dich/
daß du nicht vngereimbte ding fürbringst. Denn es kan nit sein/ das eben ein ding zugleich
böß vnd gut sey. Denn also wirdt es beydes nützlich vnnd schädlich: beydes allzeit zu
erwehlen/ vnd zu fliehen sein. A. Das ist zwar vngereimbt. Wenn aber der/ welcher böß
lebt/ etwas böses hat: wie kan das Leben selbs böß sein? B. Ja/ sagt er/ es ist nicht eins/
leben vnd böß leben. Meinst du nit auch also? A. Fürwar/ es dünckt mich auch nit einerley.
B. Derwegen/ ist es kein böses ding vmb das Leben. Dann wann es böß wer/ so wer es auch
denen böß/ so wol leben. Denn sie hetten das Leben/ welches an jhm selbst etwas böses
were. A. Mich bedunckt/ du sagest die warheit. B. Weil es sich denn begibt/ daß sie beyde
das leben haben/ so wol die/ welche böß leben/ als welche wol leben: So wird das leben
für sich/ weder gut noch böß sein: inmassen auch das schneiden vnd brennen. Dann den
krancken ists zwar heilsam/ aber den gesunden schedlich. Also helt sichs auch mit dem
leben. Derhalben bedenck du die sach also: Woltest du lieber böß leben/ als wol/ ehr- vnd
ritterlich sterben? A. Ich wolt lieber ehrlich sterben. B. Derwegen/ so ist sterben nichts böses.
Denn sterben ist offt mehr zu erwehlen/ dann leben. A. Dem ist also. B. Gleicher weiß helt
sichs auch mit der gesundheit/ vnd kranckheit. Denn offt ist es nit nutz/ gesund sein/ nach
dem es die vmbstend geben. A. Du sagst recht. B. Wolan laß vns gleicher massen den reichthumb
betrachten: Wann anderst dz betrachten heist/ welches man offt erfehrt/ das einer
reich sey/ vnd doch übel vnd elendiglich lebe. A. Fürwar man findet deren viel. B. So hilfft
jhnen der reichthumb nichts/ wol vnd seliglich zu leben? A. Es dunckt mich nicht/ weil sie
böß sein. B. Derwegen macht nicht der Reichthumb frombe Leut/ sonder die vnterweisung.
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A. Es ist glaublich. B. Nun auff dise weiß/ wie kan reichthumb gut sein/ wenn er seinen
Herrn in dem nicht hilfft/ daß er besser vnd frömmer werd? A. So lest es sich ansehen. B.
Darumb ist es etlichen gut/ daß sie nicht reich sein/ weil sie den reichthumb nicht wissen
zugebrauchen. A. Nach meiner meinung zwar. B. Wie wird dann einer diß für gut halten/
welches offt nutz ist/ das mans nit hab? Wer demnach den reichthumb wol vnnd künstlich
weiß zugebrauchen/ der wird wol leben: wo nit/ wird er übel leben. A. Mich dunckt/ du
sagst die lauter warheit. B. Zum beschluß/ weil man die ding entweder in großen ehrn
helt/ als etwas guts: oder auffs eusserst verachtet/ als etwas böses: eben das ist/ daß die
leut verwirret vnd beleidigt: wenn sie die ding hochachten/ vnd meinen/ sie wöllen dardurch
die Seligkeit erlangen. Vnd jhrent wegen hernach alles fürnemen/ ob es gleich gar vngöttlich
scheinet. Daß widerfehrt jhnen aber deßwegen/
weil sie nicht wissen/
was gut sey.

FINIS.


tg, 1996/2002