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Niclas von Wyle, Vorrede (1478)

Niclas von Wyle: Transzlation oder Tütschungen (...). Esslingen: Fyner 1478.
-- Auszug: Widmungsvorrede für Georg von Absberg mit Ausführungen u.a. über Adressaten, Schreibanlässe, Zielsetzungen und Übersetzungsweise.
-- Textgrundlage: Translationen von Niclas von Wyle. Hg. von Adelbert von Keller. Stuttgart 1861, 7-12.
-- Texterfassung: Thomas Gloning, 27.10.2001
-- Wiedergabe: Seiten (<<7>>) und Zeilen nach der Ausgabe von Keller; Silbentrennung aufgehoben; übergestellte Zeichen kodiert (z.B. uo, av, v: = v mit Trema; Wyle'sche Virgel als "/", Zeilenzähler nach rechts außen gestellt; Folioangaben im Wortinnern aus dem Wort herausgestellt, um elektronische Suche zu ermöglichen (z.B. Keller: "dar[6b]zuo", hier: "darzuo [6b]"); "[!e]" = so steht es in der Edition; vgl. aber auch Kellers Anmerkungen S. 367ff.
-- (c) You may use this digital document for scholarly, private and non-profit purposes.

<<7>>
[3b] DEm edeln hochgelerten vnd strengen herrn Jergen von
absperg ritter vnd doctor der rechten minem lieben herren
günner fründ vnd gebieter Enbütt jch niclavs von wyle, des
hochgebornen herren herrn Vlrichs grauen zuo wirtemberg vnd
zuo Mümpelgarte etc., mines gnedigosten herren minster cantzler      5
vil hails. du havst (fürtreffender vnd wytverrümpter mane) vor
langem / als du des yetz genanten mines gnedigosten herren
lanthofmaister gewesen bist / min translatze vnd tütschung
boecy de consolacione philosophie zuo meren mavlen gelopt vnd
mir geravten ? die gedruckt, vsz zegeen lavssen Vnd als jch das      10
dozemavl nit tuon mocht, vrsachen halb, daz das letscht buoche
nit gantz zuo end gebravcht was / rietest du / daz jch doch
dann etlich ander miner translatzen vnd schriften / die jch
in vergangen zyten vß schwerem vnd zierlichem latine nit avne
arbeit zuo tütsch gebracht hett / wölt lavssen trucken vnd      15
vsgeen / vmb daz die menschen, vil kluoger dingen dar Inne
begriffen / vnd so zewissen guot sint ouch antailhäftig werden
möchten, vnd ir gemüt zuo zyten darmit in kurtzwyle ergetzen.
wie wol jch nu waisz dero vil sin / die dise min translaciones
schelten vnd mich schumpfieren werden vnd sagen / daz die      20
an vil enden wol verstentlicher möchten worden gesetzet sin,
dann von mir beschechen syg noch dann dinem ravte vnd guot
beduncken navch (die ich acht sin oraculum appolinis) so wil
ich sölich min translaciones yetz lavssen vszgeen / bis vf boecium
den jch noch etlicher vrsachen halb wil verhalten. vnd gestee      25
disen maistern minen schumpfierern jrer schuldigung nechst
gemelt danne war ist, daz jch in der ersten translatze von
Euriolo an den anfange in der andern epistel von Enea siluio
an marianum sozimum gestellet / dise latinischen wort (Sed
inuenies aliquos [4a] senes amantes, amatum nullum) Also hab      30
<<8>>
getütschet vnd transferyeret / du findest alber etlich alt
liebhabend mane / aber liebgehapten kainen. Welche wort Ich
wol verstentlicher hett mugen setzen also. du findest aber
etlich alt mane die frovwen liebhabent / Aber kainen alten
findst du, der von frovwen werd lieb gehept. jch waiß ouch      5
daz mir so wyt vßlouffe hier Inne erloupt gewesen wer navch
dem vnd oracius flaccus in siner alten poetrye (als du waist)
schribet / daz ain getrüwer tolmetsch vnd transferyerer / nit
sorgfeltig sin söll / ain yedes wort gegen aim andern wort
zeverglychen, sunder syge gnuog / daz zuo zyten ain gantzer      10
sine gegen aim andern sine verglychet werd. als ich dann
ouch oft vnd vil in disen navchfolgenden translatzen an andern
orten getavn han vnd etwenne genötiget tuon muost / von
gebruch wegen tütscher worten gegen den latinischen / dero
der grösser folle ist, in dem latine (als wir dann oft mit      15
ainandern von sölichen worten, etas senium senectus. vnd mens
animus. felix beatus. vnd der gelychen hunderterlay geredt
hant, daran vns gebruchh ist aigenlicher tütscher worten vnd
darumbe man die vmbreden muoß. daz Ich aber kom da hin
ich wolt, vnd verstanden werd, warumb ich dise translaciones      20
vf das genewest dem latin navch gesetzet hab / vnd nit geachtet /
ob dem schlechten gemainen vnd vnernieten man das
vnuerstentlich sin werd oder nit. das ist darumb. Ich waisz du
havst gelesen daz leonardus aretinus der gröst vnd beste redner
vnd dichter, so zuo vnsern zyten gelept havt in ainem tractavt      25
de studys literarum, schribet der hochgebornen vnd wolgelerten
fürstin baptiste de malateste, die dann zuo diser kunst
wolredens vnd dichtens (die wir nennent oratoriam) entzündet
waz / daz sy nit durch ützit belder vnd bas zuo sölicher
begerter kunste komen noch die [4b] erfolgen möcht / danne      30
daz sy oft vnd vil lese in geschriften guoter vnd zierlicher
gedichten vnd sich darInne emsenklich übte / vnd lesung
grober vnd vnzierlicher gedichten vermitte vnd die fluch als
ain dinge hieran aller grösten schaden geberende, disen ravte
havt ouch geben der hochgelert poet Eneas siluius dem      35
durlüchtigen fürsten vnd herren hertzog Sigmunden von österrych
zuo zyten siner Jünglikait in ainer epistel die in disen minen
navchfolgenden translacionen ouch funden wirt. Vnd sagent
<<9>>
dise bed. daz durch sölich emsig lesung guoter vnd zierlicher
gedichten / dem lesenden menschen, haimlich vnd verborgenlich
navch vnd nach wachse, ain naigung geschicklichkait vnd arte /
daz der selb mensch ouch vf sölich form werd vnd müsz arten
zereden zeschriben vnd zedichten. füro hort ich ains mavls als      5
ich zuo nüremberg ravtschryber was / von dem hochgelerten wyt
verrümpten redner hern gregorien haimburg beder rechten
doctor / den du allain / an kunst wyshait vnd gesprechnüsz yetz
tuost verglychen von vns ersetzen (got syg jm barmhertzig) daz
er sagt / daz ain yetklich tütsch, daz usz guotem zierlichen vnd      10
wol gesatzten latine gezogen vnd recht vnd wol getranferyeret
wer / ouch guot zierlich tütsche vnd lobes wirdig, haissen vnd
sin müste, vnd nit wol verbessert werden möcht. dem allem
navch / do mir vor zyten vil wol geschickter Jüngling, erberer
vnd fromer lüten kinder ouch etlich baccalary von manchen      15
enden her zuo tische in min cost wurden verdinget / die in
obgemelter kunste schribens vnd dichtens ze Instituwieren zeleren
vnd zevnderwysen / fielent mir zuo / diser dryer höchstgelerter
mannen rät vnd lere / die mich bewagten / daz jch ye
versuochen wollt / etlich costlich zierlich vnd verrümpte latinisch      20
gedichte von den gelertesten mannen [5a] vnser zyten in diser
kunste / gemachet in tütseh [!e] zebringen vnd aller maiste die /
so disen minen jungern lustig vnd kurtzwylig wurden zelesen /
vmb des willen daz vsz dero emsiger lesung in Inen die art
wuochs dar von obgemelt ist. als bald jch aber aine oder zwo      25
translaciones volbravcht / vnd die an den tag kament / ward ich
von etlichen fürsten fürstin herren vnd frovwen gebetten wyter
etliche andere ding zetranferyeren / welich bitte mir wavren ain
gebotte vmb nichte zeuerachten. Diser beder vrsachen halb /
minen jungern zuo guot / vnd das ich disen herren vnd frovwen      30
jrs willens ouch lebte, vnd also (wie daz sprüchwort ist) mit
ainem ainigen zuo gelte, zwo töchtern hin geben vnd usstüren
möcht / hab ich sölicher translacionen etwa vil gemachet / dero
ich dann als vil her navch folgent yetz lavsz vsgeen dinem ravte
navch obgemelt / Nu hab ich vor etlichen Jaren die colores      35
rethoricales ains tails getransferyeret vnd Jn ain verstentlich
tütsche gebravcht / vnd wird yetz von vilen gebetten / darjnne
ze volfaren die vsz zemachen vnd gedruckt hin navch zegeen
<<10>>
lavssen / so sint ander gelert die mir daz wider ravtent /
sagende / daz yemer schad were / daz mancher vngelerter grober
laye / dise loblichen kunst von marco tulio cicerone vnd andern
so kostlich gesetzt, erfolgen vnd vnderricht werden sölt
avne arbeit / die doch vil der gelerten nit anders danne mit      5
arbait vnd grovssem flysse haben erfolget vnd zuo dero verstentnisz
vnd bruhe komen sint / deshalb lieber herre vnd gebieter
Ich hierInn hitthabe vnd nit waisz was mir zetuon gebürret,
danne daz Ich das diner hohen vernunft haim setz vnd gib /
Und was du ainiger hierInne ravtest vnd vrtailest / dem wil      10
ich leben vnd folg tuon vnd niemant anderm. wo du ouch daz
rietest so wurd jch die exempel aller farwen vnd colorn ains
tails wysen [5b] vnd laiten vf dise nachfolgenden translaciones.
In welcher vnd an welchem blatte man die finden wurd. deshalb
aber not gewesen ist / mich in disen translatzen by dem      15
latin (so nechst ich mocht) beliben sin, vmb daz nützit der
latinischen subtilitet durch grobe tütschung wurd gelöschett,
vnd wil hiermit mich gegen disen grovssen maistern minen
schumpfierern gnuogsam verantwort han. dwyle ich aber diner
wyshait allain haim geben hab zeurtailen ob ich die colores      20
rethoricales söll lassen ersitzen oder zuo ende bringen / so kum
ich widerumb vf den vorgenanten doctorem gregorium hainburg /
der zuo minen zyten zuo nürenberg von aim erbern ravt
daselbs minen lieben herren besöldet was / vnd uf ain mavl zuo
mir redt / daz er in der latinischen rethorick wenig ützit fund      25
zuo zierung vnd hofflichkait loblichs gedichtes dienende / daz
nit in dem tütsche ouch statt haben vnd zuo zierung sölicher
tütscher gedichten als wol gebrucht werden möcht als in dem
latine etc. daz ich navch emsiger erfarung diser dingen sidher
getavn / yetz gantz geloub vnd dir des ain mustre schick nit      30
wyter danne an den gemainen figuren die wir nennen gramaticales
dann warumb solt ich nit wol vnd recht reden oder
schriben ? die stat costentz das hochzyt ostern der manot
maye ? daz jm latin haissent apposiciones vnd warumbe nit
wol ? jch armer schryb so du rycher ruowest ? daz jm latine      35
sint euocaciones. warumb nit recht ? Ich vnd du louffen du
vnd der schribent die da haissen concepciones numeri vnd
personarum. so ferre man zwüschen disen Worten schriben
<<11>>
vnd schribent louffen vnd louffent vnderschaid haben wölt in
personis als etlich tuont. Item warumb nit ? Ich niclas von
wyle vnd Ich Cristina sin elich huszfrovwe Bed burger zuo
Nüremberg etc. für burger vnd burgerin. Und Jerg rat vnd
dorothea von [6a] wyle sint liebhaber gotes etc. für liebhaber      5
vnd liebhbearin [!e] daz da sin concepciones generis. warumb nit
wol vnd zierlich ? Ich schryb wie du. du redest wie Ich oder
der. die zuo latin genennet werden zeumates oder zeume Vnd
warumb nit zierlich vnd recht? dise louffent. der bald vnd
der gemachh. vnd dise schribent. der wol / vnd der v:bel. die      10
da haissent prolempses. Item warumb solt nit wol vnd recht
geredt oder geschriben sin. bescheche aber daz wir bede oder
vnser ains todes abgienge etc. oder bescheche daz vnser ains
oder wir bede todes abgiengent. oder bescheche, daz vnser
ains todes abgieng oder wir bede etc. vsz der satzung      15
prisciani de verbi propinquioris conformacione also vnd dem
gelych mugen die colores rethoricales vnd die transumciones
gar navch alle in tütschen gedichten wie in dem latine gebrucht
werden / als du selbs daz bas waist danne jch dir dar von
schriben könn oder mug. aber ir grovssen patrone tuont üch      20
nützit annemen noch beladen / so klainer dingen sunder allain
grösser / also daz not wer (wie tulius schreibt) daz ainer
zeuor ainen menschen ertötet hett der sich üwer hilf wölt
gebruchen. Aber anders waisz ich sin an dir, gegenm [!e] mir /
des hertze du in trüwen erkennest, vnd der du waist daz      25
nützit ain wavrer fründe sinem fründe getuon mag guotes / daz
er jm nit schuldig syg / vnd darumb, so wil ich des warten
diner vrteil / darInne du dich nit abfüren lassen wöllest dises
min langes schriben, dar usz du mich nach diner wyshait
merckest (waisz ich) vf wedern taile ich genaigter wer. aber ich      30
wil noch danne lieber wenig geltes mangeln / danne tun /
daz von dir vnd andern hochgelerten sölt werden gescholten.
jch wirt ouch noch dann nützit dester minder min translatze
boecy de consolacione gedruckt lavssen usgeen. wie wol mir
darzuo [6b] schaden komen wirt / daz nechst by vier Javren ain      35
andere translatze desselben boecij ouch gedruckt usgangen
vnd Jn werdem kouffe vertriben worden ist / Vnd haben diser
köffern vil gewändt sölich translatze syge min gewesen / navch
<<12>>
dem vnd vor gesagt worden was, Das die In miner schmitten
leg vnd bald vsgeen sölte / das Ist aber mir dargegen zuo
troste / daz sölicher köffern wenig sint, die da sagent daz sy
dise translatze mercken oder versten mugen etc. Ich heb
aber dich edeln hochgelerten vnd wytverrümpten ritter zelang      5
vf, mit disem minem langen schriben / Vnd ja wol zelangem /
dan so oft Ich die federn in min hande nim / dir ützit
zeschriben / so waisz Ich kain rechte form me schribens noch
rechte mavsz vf hörrens / Als jch doch yetz hie (gebruchh
halb der zyt) stumpf vf hören muosz vnd wil / Mit flysz      10
bittende, daz du mir sölich vorgemelte vrtail vnd din guot beduncken
hierInne / fürderlich vnd so Erst gesin mug schicken
wöllest, vnd mich gegen minen schunpfierern wo du die hören
wurdest / usz obgemelten vrsachen getrülich verantworten /
so ferre dich beduncken werd / das du sölichs vsz wavrhait      15
billich vnd wol tuon mugest / wil Ich das v:brig so Ich noch
wyter dir geschriben haben wolt / In der fädern stecken
lavssen / der hoffung, daz gelück schier fügen werd / daz wir
persönlich zesamen komen vnd sölichs vnd anders muntlich
vsz gerichtem. [!e] mugen Geben zuo stutgarten vf dem fünften tage      20
des aberellen Anno domini. M. cccc. lxxviij.


tg, 27.10.01