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Dr. Christian Küchenthal

Im Interview verriet uns JLU-Alumnus Dr. Christian Küchenthal interessante Details zu seinem beruflichen Werdegang und seiner Verbindung zur JLU und gab nebenbei hilfreiche Tipps für Berufseinsteiger.

 

 

Dr. Christian Küchenthal, geboren 1982, aufgewachsen in Grünberg bei Gießen, absolvierte an der Justus-Liebig-Universität Gießen sein Studium zum Diplom-Chemiker. Während des Studiums war er unter anderem Praktikant bei der BASF und in den Bindungsprogrammen der Boston Consulting Group und McKinsey. Nach seinem Abschluss im Jahr 2007 promovierte er bis 2012 in Gießen in Organischer Chemie und absolvierte nebenher seinen Master of Business Administration am internationalen Collège des Ingénieurs. Ehrenamtlich engagierte sich Küchenthal als Kirchenvorsteher und Synodale und in der Gesellschaft Deutscher Chemiker. Hier leitete er einige Jahre die Gießener Ortsgruppe der JungChemiker, wurde daraufhin für zwei Jahre Bundessprecher des Jungchemikerforums und kam anschließend in den Vorstand der Gesellschaft Deutscher Chemiker, wo er heute auch Stiftungsratsmitglied ist. Seit 2015 gibt der heute 32- jährige im Rahmen des Graduiertenprogramms LaMa an der Justus-Liebig-Universität Blockvorlesungen zu dem Thema „Innovationsmanagement für Naturwissenschaftler“ und ist zudem bei Gründer-Wettbewerben wie Science4Life und Neues Unternehmertum Köln als Juror tätig.

Erfolgreich verlief außerdem die nebenberufliche Karriere Küchenthals als Tänzer, Trainer und Vorstandsmitglied im Rot-Weiß-Club Gießen. Bis in die Erste Bundesliga schaffte es der promovierte Chemiker im Einzelpaar-Tanzsport Standard und in der Standardformation.

Nach seiner Promotion im Jahr 2012 stieg Küchenthal bei dem Wissenschafts- und Technologieunternehmen Merck in Darmstadt als Senior Manager im Technologie-Scouting ein. Im Jahr 2013 wurde er Projektleiter für die „Umstrukturierung der Zentralforschung in eine Geschäftseinheit“ und daraufhin befördert zum Direktor und Mitglied des Leitungsteams dieser Geschäftseinheit. Hier lagen seine Schwerpunkte vor allem in den Bereichen Marketing Communication und Projekt-, Prozess- und Innovationsmanagement. 2016 zog Küchenthal dann nach Israel und war dort bis April 2018 als Leiter der Strategischen Forschung für Quantenmaterialien bei der Merck Tochter Qlight Nanotech in Jerusalem beschäftigt. Heute verantwortet er den Aufbau eines neuen, IT-basierten Geschäftsfeldes für Merck im Life Science Bereich aus Darmstadt heraus.


Herr Dr. Küchenthal, Sie haben ab 2002 Chemie in Gießen studiert. Wie kamen Sie auf die Idee, Chemie zu studieren?


Ich bin generell vielseitig interessiert. So hatte ich nach dem Abitur auch mit dem Gedanken gespielt, Biologie, Politik oder Wirtschaft zu studieren. Am Ende erschien mir Chemie am spannendsten und auch beruflich am attraktivsten. Jedoch musste ich dann im Studium feststellen, dass mich gerade die Kombination aus Chemie und Wirtschaft noch mehr faszinierte, als die reine Wissenschaft, weswegen ich auch parallel diverse Fortbildungen in BWL, Marketing, Innovationsmanagement und Projektmanagement absolvierte.


Nach Ihrem Diplom haben Sie dann auch an der JLU promoviert. Wem würden Sie eine Promotion empfehlen?


In der Chemie ist es immernoch üblich, nach dem Studium die Promotion anzuschließen. Aus meiner Sicht bilden wir jedoch etwa 1/3 zu viele promovierte Chemikerinnen und Chemiker aus, die zumeist leider nur auf die akademische Laufbahn ausgerichtet sind. Im Studium und in der Promotion sollte man seinen Horizont öffnen und schauen, was einem liegt und Spaß macht. Ansonsten findet man sich unter vielen guten Forschern wieder, die leider keine sonstigen Qualifikationen für andere Jobs mitbringen. Viele müssen sich dann im Nachhinein in Themen wie Qualitätsmanagement nachschulen lassen, um eine Arbeitsstelle zu finden.

Um auf Ihre Frage zu antworten: In der Promotion benötigt man Durchhaltevermögen und Frustrationstoleranz. Diese erarbeitet man sich aber auch und man wächst an seinen Herausforderungen. Man muss sich eigenständig beschäftigen können, d.h. eigene Ideen und Pläne entwickeln, Wissen anhäufen, sich mit anderen austauschen, ist aber meist auf sich alleine gestellt, wenn es um die Weiterentwicklung der eigenen Arbeit geht. Diese Selbständigkeit scheint langsam immer mehr verloren zu gehen, was wir bei vielen Bewerbern leider immer mehr feststellen müssen – vielleicht ist das dem Bachelor/Master-System geschuldet, oder auch der generellen gesellschaftlichen Entwicklung. In der Chemie muss man natürlich auch gerne jeden Tag im Labor stehen wollen, sonst wird es zäh.


Ihre Promotion haben Sie zum Thema „Synthese neuartiger krebsspezifischer Carboxypeptidase-Liganden“ geschrieben. Wie würden Sie einem Laien erklären, worum es dabei ging?


Bestimmte Moleküle erkennen ganz spezifisch Krebszellen, was man nutzen kann, um diese frühzeitig zu erkennen oder zu bekämpfen. Dies funktioniert in etwa so, wie ein bestimmter Schlüssel nur in ein bestimmtes Schloss passt. Ohne den richtigen Schlüssel lässt sich die Tür nicht öffnen. Die von mir entwickelten Moleküle („Carboxypeptidase-Liganden“) sollten in der Diagnose von Prostatakrebszellen Anwendung finden.


Im Jahr 2012 haben Sie angefangen, für Merck in Darmstadt zu arbeiten. Wie sind Sie auf die Stelle aufmerksam geworden und wie war der Bewerbungsverlauf?


Über die Zeit im Studium musste ich lernen, dass es wichtig ist, Netzwerke aufzubauen. Ich habe mich sehr stark in der Gesellschaft Deutscher Chemiker und dort im JungChemikerForum, der studentischen Unterorganisation, engagiert. Zuerst lokal in Gießen, später als Bundessprecher. So kam ich in Kontakt mit vielen Industrievertretern, darunter auch mein erster Chef bei Merck. Als ich ihn auf der Suche nach einem Projekt im Rahmen meines MBA-Studiums ansprach, konnte ich ihn davon überzeugen, dies in seinem Bereich zu tun. So konnte ich direkt beweisen, was ich so neben den sehr guten Noten kann. Am Ende winkte der Arbeitsvertrag – trotz Einstellungsstopp.

Ich kann nur jedem empfehlen, sich privat zu engagieren, das eigene Netzwerk auszubauen und sich so seine Perspektiven zu vergrößern.

Somit war es kein normales Bewerbungsverfahren, aber dafür umso erfolgreicher. Ich kann nur jedem empfehlen, sich privat zu engagieren, das eigene Netzwerk auszubauen und sich so seine Perspektiven zu vergrößern.


Was waren Ihre Aufgaben bei Merck und wie würden Sie Ihren Arbeitsalltag beschreiben?


Ich wurde als Scout im Technology Office Chemicals, einer Stabsstelle unter der Geschäftsleitung, eingestellt. Ziel meiner Tätigkeit war es, neue Technologien und mögliche zukünftige Geschäftsfelder für Merck im Life Science und Material Science Bereich zu identifizieren. Dies bedeutete, zunächst zu schauen, wie sich die Welt in der Zukunft verändern wird – man nennt dies meist Megatrendanalysen oder Corporate Foresight. Hieraus konnten dann mögliche Wachstumsmärkte und Produkte abgeleitet werden, für die es bisher keine oder nur in den ersten Entwicklungsphasen befindliche Technologien gibt. Für diese musste dann ein sogenannter Businessplan erarbeitet werden, was somit wissenschaftliche Expertise als auch betriebswirtschaftliches Verständnis benötigte. Diese Arbeit war sehr abwechslungsreich, da ich viel reiste und sowohl global mit universitären Arbeitsgruppen als auch mit Start-Ups in Kontakt kam.


Von 2016 bis April 2018 waren Sie für die Merck Tochter QLight Nanotech in Jerusalem tätig. Wie kam es zu diesem Schritt und was war dort Ihre Aufgabe?


Nach dem Scouting wurde ich Projektleiter für die Umstrukturierung einer Zentralforschungseinheit, was dazu führte, dass man mir im Anschluss eine Abteilungsleiter-Position in der neugeschaffenen Organisation anbot. Hier beschäftigte ich mich mit meinen Teams von 15 Personen mit Themen wie Marketing-Kommunikation, Innovationsmanagement, Daten- und Prozess- sowie Projektmanagement. Die neue Abteilung ging dann 2,5 Jahre später in anderen Einheiten auf – nichts ist so beständig wie der Wandel – und ich schaute mich nach neuen Herausforderungen um.

Mitte 2015 akquirierte Merck das israelische Start-Up Qlight Nanotech, welches eine Ausgründung der Chemie an der Hebräischen Universität Jerusalem war. Hierfür suchte man einen neuen Forschungsleiter, der sich neben der eigentlichen Forschung auch um die Integration der Firma in den Großkonzern kümmerte. Da es mich eh interessierte, nach einigen Jahren am Firmensitz auch mal wieder ins Ausland zu gehen, kam es mir sehr recht, als man mir diese Stelle anbot. Es dauerte keine 5 Minuten, um mich dafür zu entscheiden.

In Jerusalem bearbeiten wir mit 3 Teams und etwa 23 Mitarbeitern das Thema Quantenmaterialien für Displayanwendungen, also der Zukunft für Fernseher und Mobiltelefone. Meine Aufgabe war es nun, im zweiten Jahr meiner Entsendung – man sagt Neudeutsch eher Expat-Tätigkeit – die Teamaktivitäten an der Strategie des Geschäftsfeldes auszurichten und die Kundenwünsche in neue Erfindungen und im besten Falle erfolgreiche Produkte, also Innovationen, umzusetzen.


Welche Besonderheiten gibt es am Forschungsstandort Israel?


Israel ist natürlich schon sehr anders im Vergleich zu Deutschland. Hier gilt es eher, weniger in die Zukunft zu planen als sich spontan auf Änderungen einzustellen. Die Kollegen in Israel sind daher sehr kreativ und engagiert, auch wenn es zu Richtungswechseln kommt – man stellt sich eben ein. Schwieriger tut man sich mit Hierarchien, denn man möchte gerne den direkten Kontakt zu den Vorgesetzten haben, um über das große Ganze direkt informiert zu sein.

Es gibt nicht richtig oder falsch, wenn es um Kulturen geht!

Auch stellt man gerne die Meinung anderer in Frage, denn keiner kann alles wissen und der gemeinschaftliche Diskurs fördert die besten Ideen zu tage. An unserem Standort haben wir aber gelernt beide Kulturen, die deutsche und die israelische sowie die des Start-Ups und die des Großkonzerns, und ihre jeweiligen Vorteile sehr gut und erfolgreich zu kombinieren. Es gibt nicht richtig oder falsch, wenn es um Kulturen geht!


Trotz der großen Distanz freuen wir uns sehr, dass Sie den Kontakt zu Ihrer Alma Mater halten. So halten Sie seit 2015 eine Blockvorlesung zum Thema „Innovationsmanagement für Naturwissenschaftler“ Wie kann „Innovation“ definiert werden und wie kommt man zu Innovationen?


Es gibt viele Definitionen von Innovation. Mir gefällt vor allem diese: „Forschung ist die Umwandlung von Geld in Erfindungen/Erkenntnisse, Innovation ist die Umwandlung von Erfindungen/Erkenntnissen in Geld.“ Somit geht es darum, nicht nur etwas Neues zu erfinden, sondern diese Erfindung in ein Produkt zu verwandeln, das am Ende einen Käufer findet und zu einem Profit führt. Es bedarf daher einem guten Zusammenspiel von Forschung, Produktion, Marketing, Vertrieb und Lieferkette. In der Universität lernen Studierende der Naturwissenschaften leider meist nur eine Seite ihrer möglichen Berufsbilder, die Akademische, kennen. Jedoch landen am Ende die meisten Absolventen nicht in der universitären Forschung, sondern steigen in der Wirtschaft – und hier nicht nur in der Forschung und Entwicklung - ein. Und hier gelten andere als die gewohnten Regeln, denn es gibt keine Forschung ohne einen Gewinn durch zuvor entwickelte Produkte. Meine Vorlesung hat daher zum Ziel, die Studenten für diese wirtschaftlichen Beziehungen zu sensibilisieren und ihnen andere berufliche Wege aufzuzeigen, die ebenso spannend wie auch lohnenswert sind.


Haben Sie Tipps an unsere aktuellen Studierenden, die kurz vor dem Berufseinstieg stehen?


Es gibt aktuell wenige Stellen in den angestammten Berufsbildern für Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler (Forschung in Universität und Industrie) in Deutschland. Erfolgreich ist, wer nicht nur sehr gute Noten bringt, sondern sich auch durch andere Dinge von der Masse abheben kann. Hierfür ist es aber wichtig, die eigenen Interessen zu kennen.

Erfolgreich ist, wer nicht nur sehr gute Noten bringt, sondern sich auch durch andere Dinge von der Masse abheben kann.

Dafür gilt des den eigenen Horizont frühzeitig zu erweitern und neue Erfahrungen zu machen. Studierende sollten möglichst für eine gewisse Zeit ins Ausland gehen, ein Praktikum in den Bereichen machen, die man noch nicht kennt, sich sozial engagieren, einer an dem Studienfach orientierten studentischen Beschäftigung nachgehen, sich sportlich an die eigenen Grenzen treiben, etc. Dies liefert dann nicht nur eine gewisse Selbsterkenntnis, sondern ermöglicht es, neue und spannende Personen kennenzulernen, die einem früher oder später neue Wege aufzeigen, aber auch auf den Boden der Tatsachen zurückholen können, wenn sich die Welt zu schnell um einen dreht.


 

Vielen Dank für das Interview!