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Projekt "Sport und Politik als Medienereignis"

2005-2006

Wettbewerbsspiele: Sport und Politik als Medienereignis


Der Hintergrund

Den Feldern der Politik und des Sports wird von den Massenmedien eine große Bedeutung zuerkannt. Gerade Bundestagswahlen und Fußballweltmeisterschaften kommt dabei in der Medienlandschaft eine herausragende Rolle zu, die allerdings zwischen Herbst 2005 und Sommer 2006 noch einmal eine Aufwertung erfahren hat, da beide Großereignisse mit geringerem zeitlichen Abstand in Deutschland stattfanden - wenn auch nicht in der ursprünglich geplanten Reihenfolge. Mit Blickrichtung auf die Politik konnte dies zunächst nicht weiter überraschen, da sowohl die alten als auch die neuen Medien eine Informationsfunktion erfüllen, kontroverse Themen zur Sprache bringen, über gesellschaftliche Probleme aufklären, politische Skandale aufdecken und die Prozesse der demokratischen Entscheidungsfindung kommentierend begleiten. Im Vergleich zu den alten Medien bietet darüber hinaus das World Wide Web sowohl günstige Rahmenbedingungen für öffentliche Formen der Protest-Kommunikation als auch der Parteienkommunikation (z.B. Online-Wahlkämpfe, virtuelle Parteitage).

Die aktuelle gesellschaftliche Wertschätzung des Sports und die globale Popularität der Sportart Fußball sind des Weiteren ohne den Einfluss der Massenmedien kaum denkbar. Der Sport ist unter Mitwirkung der Medien zu einem Bestandteil des Alltagslebens geworden und gerade das Fernsehen hat frühzeitig Beziehungen zum Sport geknüpft, da dieser eine zwanglose Nähe zu den Feldern der Freizeit, der Lebensstile und des Konsums verspricht sowie einen Zeichencode aufweist, der anscheinend von Menschen rund um den Globus verstanden wird. Innerhalb der medien- und sportwissenschaftlichen Debatte über die Globalisierung und Mediatisierung des Sports wird so häufig argumentiert, dass der Spitzensport inzwischen weitestgehend in einem Medien-Sport-Komplex aufgeht.

Dieser Begriff bezeichnet die gerade im Fußball weit vorangeschrittene Tendenz des Zusammenwachsens von Sportanbietern, Medien, Vermarktern und transnationalen Konsumgüterunternehmen. Professioneller Fußballsport und Medienfußball sind so inzwischen kaum noch voneinander zu trennen, wobei sicherlich die Medien den Eintritt des Sports in die Sphäre der Ökonomie stimuliert haben. Im Verlauf dieses Entwicklungsprozesses sind die nationalen Ligen und die europäischen Cup-Wettbewerbe zu TV-Quotenhits geworden, während Europa- und Weltmeisterschaften insgesamt als globale Spektakel und in gewisser Hinsicht auch als Instanzen der Sinnvermittlung erscheinen. Die Inszenierung von Olympischen Spielen, Fußballweltmeisterschaften oder der Fußballbundesliga stellt für die Fernsehsender und die beteiligten Sportanbieter insgesamt ein lukratives Geschäft dar und trägt erheblich zum Wachstum der gesamten Sportbranche bei. Nach Angaben der FIFA gilt beispielsweise die Weltmeisterschaft 2002 in Japan und Korea, deren 25 Spieltage vom TV mit einer Gesamtsendezeit von über 41.000 Stunden in 213 Länder übertragen wurden, als das meistgesehene Ereignis der Fernsehgeschichte.

Grundsätzlich stellen Sport und Politik im weitesten Sinne Wettbewerbsspiele mit je eigener Bereichslogik und Codierung dar, wobei sich derartige Systemdifferenzen jedoch nicht selten im Theatralischen (im Sinne von Goffman) bzw. in dessen medialen Performanz auflösen bzw. wechselseitig kontaminieren. In der modernen „Inszenierungsgesellschaft“ (Willems & Jurga) wird das Verhältnis von Politik und Sport so zunehmend unschärfer. Stehen sich einerseits gesellschaftliche Subsysteme gegenüber, werden andererseits vor allem im Rahmen medialer Inszenierungen kulturelle Wechselbeziehungen sichtbar, die nicht zuletzt in einschlägigen Überschriften wie Politik als Theater, Sport als Spektakel, Kampagnenpolitik, Showsport, Versportlichung der Gesellschaft oder Politisierung des Sports ihren Ausdruck finden.

Es spricht also einiges für die Annahme, dass Politik und Sport in den Medien zum Teil unter Verwendung durchaus vergleichbarer Skripte in Szene gesetzt werden. Und der FC Deutschland 06, die Koinzidenz von Fußballweltmeisterschaft und Bundestagswahl in Deutschland, könnte die Gemeinsamkeiten und Wechselwirkungen in der medialen Präsentation und Repräsentation beider Felder wahrscheinlich noch steigern - auch wenn die Integration der öffentlichen Arena Fußball-WM in den Wahlkampf nun nicht mehr gelingen kann. Das Medienecho und die parteipolitischen Kontroversen um eine anlässlich der FIFA WM 2006 von der Bundesregierung und dem Bundesverband der Deutschen Industrie gemeinsam geplante Imagekampagne für den Standort Deutschland („Land der Ideen“) haben so schon eineinhalb Jahre vor dem ersten Anstoß ebenso einen Vorgeschmack auf mögliche Inszenierungsmuster, Regieeinfälle und Bühnenbilder des herannahenden Fußball-Politik-Spektakels gegeben wie die zur gleichen Zeit unter reger politischer Beteiligung einsetzende Debatte um einen durch den sog. Wettskandal ausgelösten Imageschaden für den deutschen Fußballsport. Zu diesen Tendenzen einer symbiotischen Beziehung von Fußball und Politik trägt sachlich der agonale Charakter beider Veranstaltungen bei, formal die Präsentation dieses Ringens um Sieg und Niederlage im identischen Medium. Der Studiotisch, an dem Sieger und Verlierer einer Wahl Auskunft geben, ähnelt nun einmal aufs Haar dem Studiotisch, an dem Gewinner und Verlierer eines Matches stehen. Und in beiden Fällen verlangen Mikrophonträger unmittelbar nach Abpfiff des Spiels respektive Schließung der Wahllokale von den Unterlegenen Auskunft, woran es denn gelegen habe, worauf Experten das Drama in epischer Breite aufbereiten. Solche Wortwechsel haben eine eigene, von PR-Strategen und Spin-Doktoren ausgetüftelte Sprache, wobei Medienpolitik und Medienfußball zunehmend von ein und demselben Motiv beherrscht sind - wer nun Konsequenzen ziehen müsse.

 

Das Projekt

Diese knappe Skizze zur offenbar strukturellen Verwandschaft der medialen Aufbereitung politischer wie sportlicher Großereignisse setzte den Rahmen für eine interdisziplinäre Auseinandersetzung mit ausgewählten Phänomenen im Rahmen eines Sammelbandes in der ZMI-Publikationsreihe „Interaktiva“.

Vertreter aus Sport-, Sozial-, Kultur- und Medienwissenschaften beleuchten unterschiedliche, aber doch stets verbindende Aspekte der Thematik. Die Dimension der Medien scheint dabei die Teilbereiche Politik und Sport regelrecht zu verklammern und nimmt dabei eine Scharnierfunktion ein. Ein Interview mit Daniel Cohn-Bendit - während der WM 2002 selbst als Experte für den europäischen Kultursender ARTE aktiv - zur Verortung des Themas im Entstehungsprozess einer europäischen Öffentlichkeit ergänzt die akademische Auseinandersetzung um eine praxisorientierte Perspektive.

Der von Prof. Dr. Jürgen Schwier und Prof. Dr. Claus Leggewie heraus gegebene Band setzt einen Schwerpunkt auf die Auseinandersetzung mit aktuellen Entwicklungstendenzen des Leitmediums Fernsehen - jedoch reflektieren die Beiträge auch die wachsende Konkurrenz zwischen alten und neuen Bildschirmmedien und untersuchen auch die fortschreitende Technologisierung sowohl der TV-Berichterstattung wie auch der „Basisphänomene“ Politik und Sport.


Projektleitung (Herausgabe): Prof. Dr. Jürgen Schwier, Prof. Dr. Claus Leggewie
Projektmitarbeit (Autorenbeiträge aus dem ZMI): Dr. Christoph Bieber, Oliver Fritsch, Dr. Eike Hebecker, Dr. Mathias Mertens, Dr. Thorsten Schauerte

 

 

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