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Artikelaktionen

Flucht und Smartphones

Beitrag von Diana Dreßler, Heike Greschke, Konrad Hierasimowicz, 2015

Smartphone in Händen einer PersonAktuell häufen sich Medienbeiträge über die Akzeptanz beziehungsweise Nichtakzeptanz der deutschen Gesellschaft für Menschen, die sich auf der Flucht befinden. In einigen Fällen hat dies wenig mit „Aufnahmegesellschaft“ zu tun. Die öffentliche Meinung wird entscheidend durch die Berichterstattung geprägt. Auch in alltäglichen Interaktionen mit Mitmenschen bilden sich Meinungen heraus. Das misstrauische Beäugen der Ankommenden unter der Annahme, dass es ihnen „doch gar nicht so schlecht ginge“, ist u.a. ein Thema, welches aktuell von der Tagespresse aufgegriffen wird. Ein neuer Diskurs ist dies nicht. Oftmals wird der Besitz eines Smartphones als Indiz dafür gewertet, dass geflüchtete Menschen vermögend sein würden. In vielen Fällen wird von rein wirtschaftlichen Gründen der Flucht ausgegangen. Dies passt dann auf den ersten Blick nicht zu dem, was hier beobachtet wird. Doch ein erster Blick kann täuschen – ein zweiter Blick ist ratsam.

 

 

Gerüchte um Asyl und Smartphones

Barbara Högy[1] von der Initiative für geflüchtete Menschen „Staufenberg hilft – helfen auch Sie!“ berichtet, dass sie bei der Bitte um Spenden oder ehrenamtliches Engagement bei vielen Menschen auf Skepsis trifft. Asylsuchende würden häufig mit Handys beziehungsweise Smartphones gesehen werden. Diese Geräte gelten aus der Sicht vieler Menschen als Luxussymbole und passen somit nicht in den Kontext der Flucht. Das fehlende Verständnis dafür, dass geflüchtete Menschen Smartphones besitzen, sorgt laut Meyer-Tien[2] für die Zirkulation von beharrlichen Gerüchten: „jeder Asylsuchende bekomme ein Handy oder Smartphone inklusive Flatrate kostenlos vom Staat, finanziert durch den Steuerzahler“. Geflüchtete gelten in Deutschland, so der Hamburger Migrationsforscher Vassilis Tsianos, immer noch als „digital unmündige Personen“. Dabei gehören sie, wie alle anderen MigrantInnen, zu den „Pionieren digitaler Kommunikation“.[3]

Smartphones und Stereotypisierung

Auch in Österreich sorgt das Bild von Smartphones im Besitz der Geflüchteten oft für Verständnislosigkeit. Fremdenfeindliche Kreise finden sogar darin scheinbare „Argumente“ für den vermeintlichen Sozialleistungsmissbrauch: „Der Asylwerber schlechthin lasse sich Kost und Logis vom österreichischen Steuerzahler bezahlen, aber habe selbst genug Geld für neueste Elektrogeräte“.[4] Dabei „liefern Smartphones [kein] Indiz dafür, ob Menschen verfolgt werden und daher Anspruch auf Asyl haben“ – so der österreichische Standard.[5] Auch können sie kein Anhaltspunkt für Mutmaßungen über ihre materielle Lage sein, da diese Geräte in ihren Herkunftsländern längst weder unerschwinglich noch außergewöhnlich sind.

Das Smartphone – kein verzichtbarer Luxus

Handynutzung stellt weder einen verzichtbaren Luxus für die Geflüchteten dar, noch werden Smartphones oder Flatrates staatlich finanziert. Mobilgeräte sind für sie oft die einzige Möglichkeit Kontakt zu ihrer Familie im Heimatland aufzunehmen. Während in deutschen Haushalten inzwischen ein Festnetzanschluss, Internet und zusätzlich Handys fast schon zum Regelfall gehören, können die Asylsuchenden nur auf ihr Mobiltelefon zurückgreifen.

Auch der Zeit-Artikel „Haben wir wirklich keinen Platz mehr in Deutschland?“[6] widmet sich mit einem Absatz dem Thema und beschreibt, dass Handys meist die einzigen Elektrogeräte überhaupt sind, die Geflüchtete besitzen. Außerdem habe der Elektronikkonzern Apple gezielt gebrauchte iPhones in den Nahen Osten geschickt, da sich dort ein großer Absatzmarkt erhofft worden ist. Vermeintliche „Luxus-Smartphones“ sind also zum Teil die den in Industrieländern aussortierte Altware.

Das Smartphone – Bank, Computer, Radio und Wörterbuch

Smartphones stellen deutlich mehr dar als ein reines Kommunikationsmedium, welches die Verbindung ins Heimatland sichert; sie ersetzen laut einem Artikel von Christoph Meyer[7] „die Bank, den Computer, das Radio und das Wörterbuch.“ Weiter schreibt er, dass „Überweisungen in vielen afrikanischen Ländern per SMS getätigt werden [können], von Menschen, die noch nie ein Bankkonto besaßen und in deren Heimatort es nie eine Bankfiliale gegeben hat. Sie verschicken Guthaben, das die Verwandten in einem zertifizierten Laden gegen Geld tauschen können.“ Er erläutert ferner, dass das Handy vor der Ankunft der Menschen in Deutschland noch größere Bedeutung habe, als hier vor Ort. GPS und Navigationsanwendungen helfen bei der Orientierung und Planung während der Flucht und sichern den Kontakt zu den wenigen Bekannten in Europa.

Bedeutung des W-LAN-Zugangs

Im Ankunftsland können mit Hilfe von WLAN und verschiedenen Applikationen Anrufe in alle Welt getätigt und auch zahlreiche andere Dienste des Smartphones genutzt werden. Freies Internet in den Unterkünften wäre hier sicherlich eine große Unterstützung. Jedoch bietet erst eine sehr kleine Anzahl von entsprechenden Unterkünften kostenfreies WLAN an. Laut dem Zeit-Artikel „Freies Internet hilft gegen die Isolation“ von Weckwerth[8] bieten derzeit nur 15 Prozent der Unterkünfte Internetzugang an. Einige Initiativen, wie die Freifunker, versuchen dies zu ändern. Auch in Österreich gibt es Bestrebungen in diese Richtung. Einige österreichische Mobilfunkbetreiber hatten kostenlose Internetzugänge für Geflüchtete zur Verfügung gestellt, sahen sich daraufhin jedoch vehementer Kritik ausgesetzt.[9] Daneben gibt es mehrere Privatinitiativen, Unterkünfte mit WLAN zu versorgen, allerdings keine Unterstützung durch österreichische Behörden.[10]

Technische Infrastruktur schaffen

Die Stadt Gießen wird in Kürze im Bereich der Innenstadt freies WLAN anbieten. Eine Ausweitung auf die hessische Erstaufnahmeeinrichtung wäre vor dem Hintergrund der dargelegten Situation bedenkenswert. Darüber hinaus könnten Kommunen die vorhandene technologische Infrastruktur nutzen, um Asylsuchende mit relevanten Informationen zu versorgen und ihnen damit die Ankunft und Integration am neuen Wohnort zu erleichtern. Denn bei der Bewältigung des Alltags und der deutschen Bürokratie sind mediale Netzwerke, die oft über das Smartphone genutzt werden, eine große Hilfe für neu ankommende Menschen. Facebookgruppen bieten dabei bereits eine wichtige Anlaufstelle.

Social-Media-Networks helfen beim Einleben in einem neuen Ort

Dellair Youssef beschreibt im Magazin der Süddeutschen Zeitung[11] eine Gruppe namens „Das syrische Haus in Deutschland“ in der sich meist in arabischer Sprache über die Bewältigung von alltäglichen Problemen ausgetauscht wird. Über 82.000 Mitglieder zählt die Gruppe inzwischen. Praktische Tipps und hilfreiche Informationen findet man hier zu nahezu allen Fragen, die sich den Neuankommenden stellen: Wo finde ich einen arabischsprachigen Arzt oder Anwalt? Kann ich in Deutschland meinen Führerschein anerkennen lassen? Kann ich meine Aufenthaltsgenehmigung auf ein anderes europäisches Land übertragen? Gilt in Deutschland die Fahrradhelmpflicht? Wo kann man günstig einkaufen? … Die Smartphone-App „Refunite“ ermöglicht es Geflüchteten, ihre Familienangehörigen im Zielland aufzufinden.[12] Manchmal entspinnen sich aus den konkreten Anliegen auch Diskussionen zur (antizipierten) „deutschen“ Kultur, über Fremdheit und kulturelle Differenz, die wiederum auch für die mehr oder weniger alt-Eingesessenen informativ und lehrreich sein können.

Die Schattenseiten digitaler Kommunikationstechnologien

Bei aller Euphorie sollte jedoch nicht vergessen werden, dass die Nutzung globaler Kommunikationstechnologien in Fluchtkontexten auch ihre Schattenseiten haben kann. Leung (2011) weist darauf hin, dass die Kommunikation mit Angehörigen dort an ihre Grenzen gerät, wo die technologischen bzw. ökonomischen Ressourcen am Lebensort der Familie nicht ausreichend sind, was etwa auf ländliche Gebiete in einigen afrikanischen Ländern nach wie vor zutrifft. Auch die Überwachungs- und Zugriffsmöglichkeiten durch totalitäre Regierungen steigen mit dem Grad der digitalen Vernetzung von Asylsuchenden und damit deren begründete „Furcht, dass sie von den Regierungen zurückverfolgt werden, vor denen sie geflohen sind.“[13]


Literatur

Weitere Artikel zu diesem Thema finden Sie hier: Forced Migration Review. The Technology Issue. http://www.fmreview.org/en/technology.pdf

1 Högy, Barbara (01. Februar 2015) Informations-Email von der Initiative für Flüchtlinge „Staufenberg hilft – helfen auch Sie!“

2 Meyer-Tien, Katia (10. August 2015). Warum Flüchtlinge Smartphones haben. In: Mittelbayrische Online; http://www.mittelbayerische.de/bayern-nachrichten/warum-fluechtlinge-smartphones-haben-21705-art1268876.html (Zugriff: 25.08.15)

3 Köver, Chris (23. August 2015). Smartphones sind für Flüchtlinge überlebenswichtig! In: wired; https://www.wired.de/collection/life/ohne-smartphones-hatten-fluchtlinge-kaum-eine-chance-sagt-der-migrationsforscher (Zugriff: 25.08.15)

4 Schmid, Fabian (09. August 2015). Flüchtlinge und teure Smartphones: Hetze ohne Fakten. In: derStandard.at; http://derstandard.at/2000020396192/Fluechtlinge-und-teure-Smartphones-Hetze-ohne-Fakten (Zugriff: 25.08.15)

5 ebd.

6 Dobbert, Steffen/ Oberhuber, Nadine (18. August 2015). „Haben wir wirklich keinen Platz mehr in Deutschland?“ In: Zeit Online; http://www.zeit.de/wirtschaft/2015-08/fluechtlinge-deutschland-mythen; (Zugriff: 20.08.2015)

7 Meyer, Christoph (11. August 2015). „Handys sind für Flüchtlinge kein Luxus“; In: Sueddeutsche Online; http://www.sueddeutsche.de/panorama/vorurteile-warum-handys-fuer-fluechtlinge-kein-luxusartikel-sind-1.2603717; (Zugriff: 20.08.2015)

8 Weckwerth, Christopfer 18. August 2015). „Freies WLAN hilft gegen die Isolation“, In: Zeit Online; http://www.zeit.de/digital/internet/2015-08/internetzugang-fluechtlinge-fluechtlingsheim; (Zugriff: 20.08.2015)

9 Siehe Fußnote 4.

10 Riegler, Birgit (17. August 2015). Gratis-WLAN für Flüchtlinge in Traiskirchen. In: derStandard.at. http://derstandard.at/2000020832425/Gratis-WLAN-fuer-Fluechtlinge-in-Traiskirchen?ref=rec (Zugriff: 25.08.2015)

11 Youssef, Dellair (03. September 2015). Digitale Heimat. In: Süddeutsche Zeitung Magazin Online; http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/43534/ (Zugriff: 06.09.2015)

12 Geiger, Moritz (8. September 2015). Mit der App Refunite können Flüchtlinge Familienangehörige wiederfinden. In: wired; https://www.wired.de/collection/latest/refugees-united-will-fluchtlingsfamilien-mit-einer-app-zusammenfuhren (Zugriff: 16.09.2015)

13 Leung, Linda (2011). Phoninghome. In: Forced Migration Review, Issue 38 The Technology Issue, S. 24-25. http://www.fmreview.org/en/technology.pdf (Zugriff: 07.09.2015)

Zitationshinweis

Für den Fall, dass Sie die Inhalte des Bereichs Forschung dieser Webseite an anderer Stelle zitieren möchten, stellen wir Ihnen folgenden Zitationsweis als Empfehlung zur Verfügung:

Diana Dreßler, Heike Greschke, Hierasimowicz, Konrad (2015): Flucht und Smartphones. [WWW document]
URL: http://www.migracom.de/forschungshintergrund/flucht-und-smartphones/, (zuletzt aufgerufen am TT.MM.JJJJ).

 

Bild: © CC0 Public Domain – Autor: JESHOOTS – via pixabay – https://pixabay.com/de/mobil-hand-nokia-lumia-mann-jung-722946/