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Artikelaktionen

Archiv

The report needs to become more visual

Am 17.01.2020 fand im Rahmen der Reihe Stimmen aus der Praxis die Veranstaltung "THE REPORT NEEDS TO BECOME MORE VISUAL" statt. Dabei hat sich Kevin Mertens mit den Veränderungen von Darstellung von Nachrichteninhalten in Web und Mobile auseinandergesetzt.

 

Schneller, digitaler, visueller: Das ist der Journalismus der Zukunft. Seit Veröffentlichung des im Titel zitierten 2020 Strategiepapiers der New York Times ist im Bereich des digitalen Journalismus viel passiert. Es entwickeln sich neue, stark visuell geprägte Darstellungsformen für Nachrichteninhalte. Wie redaktionell in Newsrooms gearbeitet wird, verändert sich kontinuierlich. Die früher strikte Aufteilung zwischen Text- und Bildjournalisten löst sich zunehmend auf, und die Anforderungsprofile an Redakteure definieren sich neu.

 

In seiner Präsentation hat Kevin Mertens Beispiele aktueller „Visual Stories“ gezeigt und mit den Teilnehmenden der Veranstaltung darüber diskutiert. Außerdem hat er die Arbeit mit neuen, multimedial und modular aufgebauten Redaktionssystemen vorgestellt – denn was heute noch oft als „Special Feature“ von Publikationen firmiert, wird in Zukunft die neue Normalität sein.

Der Bericht über die Veranstaltung kann hier abgerufen werden.

 

 

(07.02.20 Komla Digoh)

Filmgespräch: Die Sonneninsel

Die Sonneninsel Poster

Die Sektion "Medien und Geschichte" lädt zu Filmvorführung und anschließendem Gespräch mit Regisseur und Filmwissenschaftler Prof. Dr. Thomas Elsaesser ein.

 

Im Deutschland der 1920er Jahre steht Liesel Elsaesser zwischen zwei Männern: Verheiratet ist sie mit Martin Elsaesser, und Leberecht Migge liebt sie. Beide Männer sind Architekten. Thomas Elsaesser, Enkel von Martin Elsaesser und einer der weltweit renommiertesten Filmwissenschaftler, erzählt in seinem Essayfilm die Liebes- und Familiengeschichte unter Verwendung privater Filmaufnahmen und Dokumente aus dem Familienarchiv. Martin Elsaesser prägte als Stadtbaudirektor das Stadtbild der Finanzmetropole Frankfurt am Main (1925 bis 1935). Leberecht Migges Interesse hingegen galt hauptsächlich der Garten- und Landschaftsarchitektur. Auf der "Sonneninsel" in der Nähe von Berlin versuchte der "Urahn" der grünen Bewegung mit Liesels Unterstützung seine Idee von sozialem Ausstieg und Selbstversorgung umzusetzen. Dort begegneten auch die beiden Männer einander. Thomas Elsaesser verknüpft seine Liebes- und Familiengeschichte mit der Reflexion der konträren architektonischen Konzepte Elsaessers und Migges, des Bauens im Geiste des kapitalistischen Wachstumsdenkens oder einer Stadtplanung, die dem Gemeinwohl verpflichtet ist und auf Ideen zurückgeht, die bis heute in der grünen Bewegung fortleben.

 

Das Screening findet am Donnerstag den 4. Juli 2019 um 19:30 Uhr im Kinocenter Gießen, Bahnhofstraße 34 statt. Der Eintritt beträgt 5 €.


(24.06.2019, Jonas Feike)

"Stimmen aus der Praxis": Die Reportage - Zwischen Nähe und Distanz

"Stimmen aus der Praxis": Die Reportage - Zwischen Nähe und Distanz


Logo Stimmen aus der PraxisDonnerstag, 9. Mai, 18:15 Uhr, C 214

 

Lena Niethammer hat Geschichte studiert, ist jetzt 29 Jahre alt und arbeitet sehr erfolgreich als freie Journalistin in Berlin. Sie schreibt vor allem Langzeitreportagen und Porträts u.a. für das Süddeutsche Zeitung Magazin, den Spiegel, für Reportagen, Die Zeit und den Tagesspiegel. Ihre Reportagen sind eindringlich und gehen einem nach der Lektüre noch lange durch den Kopf. Das liegt sowohl an der persönlichen Beziehung, die Lena Niethammer zu ihren ProtagonistInnen offenkundig entwickelt, als auch an der gelungenen Dramaturgie ihrer Reportagen. Sie wurde bereits mit dem Axel Springer Preis und dem Georg Schreiber Preis ausgezeichnet und mehrfach für den Deutschen Reporterpreis nominiert.

 

Wir wollen mit Lena Niethammer am Beispiel zweier ihrer Texte über ihre Arbeit sprechen. "Sieht mich jemand?" ist das Porträt eines 45-Jährigen, der per Kleinanzeige unter dem Titel „Gottverdammte Einsamkeit“ nach einem einzigen Menschen suchte, der mit ihm in den Zoo ging. Mehr sei hier nicht verraten. Lesen Sie lieber selbst:  

http://www.reporter-forum.de/fileadmin/pdf/Reporterpreis_2017/niethammer_sieht.pdf
Die Reportage "Täter und Opfer" handelt von sexuellem Missbrauch in einer Familie, dem Zerbrechen der Familie und dem Versuch zu verzeihen. Lena Niethammer hat dazu Antworten aus ihren langen Einzelinterviews mit der Tochter, dem Vater und der Mutter zu einem Gespräch komponiert, das die drei miteinander nie geführt hatten.

http://www.reporter-forum.de/fileadmin/pdf/Reporterpreis_2017/niethammer_opfer.pdf

Hier finden Sie weitere Reportagen von Lena Niethammer: https://cargocollective.com/LenaNiethammer

 

(07.05.2019, Jonas Feike)


Gastbeitrag: Nachbericht zur Spring School: "Frozen Moments in History"

Historische Momentaufnahmen / Frozen Moments in History

Spring School – Justus Liebig Universität Gießen, 11.–15. März 2019

Ulrike Koppermann & Michaela Scharf

 

Die Analyse visueller Zeugnisse und hier insbesondere von Fotografien ist zu einem integralen Bestandteil zeitgeschichtlicher Forschung geworden. Zeithistoriker_innen sind nicht länger Zuschauer_innen einer von anderen Disziplinen wie der Kunstgeschichte geführten Diskussion um die Bedeutung von Fotos; sie gestalten die Debatten um den iconic bzw. visual turn in den Geisteswissenschaften maßgeblich mit. Die Suche nach neuen Ansätzen zur Interpretation und Analyse visueller Produktionen unter Berücksichtigung ihrer Herstellungs- und Rezeptionskontexte stand im Mittelpunkt der vom Arbeitsbereich Fachjournalistik Geschichte der Justus-Liebig-Universität Gießen in Kooperation mit dem Zentrum für Medien und Interaktivität (ZMI) organisierten Springschool “Frozen Moments in History”. In einem gemischten Programm aus Workshops, Vorträgen und Exkursionen diskutierten Nachwuchswissenschaftler_innen sowie Expert_innen der historischen Bildforschung und fotografischen Praxis anhand verschiedener Fotokonvolute und Kontexte den Erkenntniswert und Interpretationsmöglichkeiten historischer Fotografien für die kultur- und geschichtswissenschaftliche Forschung.

Paul_Lowe_Keynote
Paul Lowe bei seiner Keynote: „Witness to Existence: Reflections on Life During Conflict 1989-1999“
In seiner Keynote veranschaulichte der mehrfach preisgekrönte Pressefotograf Paul Lowe (London College of Communication) seine fotojournalistischen Leitgedanken anhand einzelner Fotos vom Fall der Mauer und der Rumänischen Revolution in 1989, der Hungersnot in Somalia 1992, der Zerstörung von Grozny 1994/1995 sowie der Belagerung von Sarajevo 1992–1996. Aus journalistischer Perspektive bilde Fotografie ein einzigartiges Medium, um der Welt von den Erfahrungen der Bevölkerung in Krisengebieten zu berichten und damit – in Anlehnung an Butler – bisher unbekanntes Leid erst beklagbar („grievable“) zu machen. Als Fotograf strebe er daher danach, innerhalb eines Fotos wesentliche Elemente einzufangen, aus welchen sich eine Erzählung der Emotionen und Ereignisse vor Ort ergebe. Insbesondere suche er nach einer visuellen Sprache, um die menschliche Erfahrung politischer Konflikte sowie ihre zeitliche Dimension in Einzelfotos verdichtet zu vermitteln. Dass diese eigenen inhaltlichen und kompositionellen Überlegungen nur eine von vielen Deutungsmöglichkeiten eines Fotos darstellen und schon der Publikationskontext eine neue mit sich bringen kann, begreift er gerade als Chance für einen vielstimmigen Diskurs. In der anschließenden Diskussion um Tropen einer fotografischen Kriegsikonografie zeigte er ausgehend von seiner eigenen Erfahrung auf, dass sich motivische Muster und Wiederholungen vor allem ergeben, weil sich ähnliche historische Phänomene an verschiedenen Orten wiederkehrend ereignen.    

Im Mittelpunkt von Lowes Workshop stand die Visualisierung und Konzeptualisierung von Täter_innenschaft in Fotos britischer und US-amerikanischer Kriegsfotografen während und unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Einführend stellte er zwei zunächst motivisch ähnliche Fotos des bei der US Army akkreditierten Fotografen John Florea einander gegenüber. Sie zeigen jeweils die leicht schneebedeckte Leiche eines GIs und eines Wehrmachtsoldaten, welche beide in den Ardennen im Kampf ums Leben kamen. Ihren Tod aber inszenierte der Fotograf mit subtilen Mitteln, sodass – so zeichnete es sich in der Diskussion schnell ab – der Eindruck von würdevoller Totenruhe nur bei dem toten GI aufkommt. Wie ambivalent und abhängig von der Perspektive der Betrachter_innen das Verständnis von Opfer- und Täter_innenschaft sein kann, zeigt auch die Zusammenschau der Signal Corps Fotos von US Soldaten, welche die SS-Kampfgruppe Peiper bei Malmedy ermordet hatte, sowie von kriegsgefangenen Invaliden der Waffen-SS, welche GIs in Dachau exekutiert hatten. Während das Massaker von Malmedy als Trauma in die amerikanische Kriegsgeschichtsschreibung einging, sei das zweite Kriegsverbrechen nicht zuletzt von George S. Patton vertuscht worden. Die irritierende Unklarheit einer kategorischen Einordnung wiederholte sich auch bei einer Serie Mug Shot Portraits, welche ein britischer Fotograf von ehemaligem KZ-Personal und Überlebenden in Bergen Belsen nach der Befreiung aufgenommen hatte. Die personalisierende Funktion von Portraits lud uns Betrachter_innen dazu ein, in den Gesichtern nach Zeichen zu suchen, die eine Einordnung ermöglichen.

Katharina Stornig und Florian Hannig (beide JLU Gießen) stellten vor, wie in unterschiedlichen historischen Kontexten Fotos aus Westafrika dazu dienten, räumlich entfernten Betrachter_innen u.a. in Deutschland die Ereignisse vor Ort nahezubringen. Einerseits machte die Norddeutsche Missionsgesellschaft zwischen 1863 und 1865 in Südwest-Ghana Gruppenportraits von Kindern, welche sie mit privaten Spenden aus der Sklaverei freigekauft hatte, und schickte die Fotos an die Geldgeber. Der Fotograf Don McCullin hingegen wollte, dass seine Fotos des Unabhängigkeitskrieges in Biafra 1967 ihre Betrachter_innen „hart treffen“ (Zitat).

Workshop_Stornig_Hannig
Workshop: „Making sense of historical photographs from distant Lands“ mit Katharina Stornig und Florian Hannig
Diese Funktionalisierungen der Fotos finden sich jeweils belegt in schriftlichen Quellen, welche direkt auf die Fotos Bezug nehmen und damit auch einen Einblick in ihre zeitgenössische Rezeption geben. Das Monatsblatt der Missionsgesellschaft lobte die „schweigenden und doch redenden Bilder“, da sie in ihren Augen von Erfolgen der Mission zeugten. Aus John Bergers Kommentar zu McCullins Fotos spricht hingegen Enttäuschung, dass die Fotos Betrachter_innen nicht zur Veränderung der Verhältnisse zu mobilisieren vermochten. Da die Kontroverse um die politischen Wirkungsmöglichkeiten von Fotografie im kritischen Diskurs eine lange Tradition hat, ergab sich im Plenum die Forderung, diese Diskussion ihrerseits zu historisieren.        

 

Die Fotografin und Künstlerin Lucie Marsmann (Bielefeld) gab den Teilnehmer_innen Einblicke in ihre kreative und persönliche Auseinandersetzung mit dem fotografischen Nachlass ihrer Großeltern Ulla und Willi. Beim Durchstöbern der privaten Fotos stieß sie auf ein sich wiederholendes Motiv: Ulla und Willi fotografierten sich gegenseitig oftmals am selben Ort und in derselben Pose. In ihrem Fotobuch “Ulla und Willi. Eine persönliche Darstellung von Familie und Beziehung(en)” arrangiert Marsmann die in den 1950er- bis 1980er-Jahren entstandenen Fotos ihrer Großeltern neu, kombiniert sie mit Fotos von Erinnerungsstücken und -orten und regt damit zur eingehenden Reflexion von Ullas und Willis Bildpraxis an. Die Fotografien dienten – so die Überlegungen der Künstlerin – wohl nicht nur der Produktion von Erinnerung sowie der persönlichen Selbstvergewisserung der Großeltern, sondern entfalteten auch eine stabilisierende Wirkung für deren Paarbeziehung. In der Diskussion zeigte sich, wie sehr der jeweilige Rezeptionskontext die Interpretation der privaten Fotografien bestimmt. Während im privaten sowie im künstlerischen Rezeptionsmodus die eigene Involviertheit der Betrachter_innen der Fotos stärker im Mittelpunkt steht und Aspekte der persönlichen Emotionalisierung reflektiert werden, evoziert ein wissenschaftlicher Lektüremodus Fragen nach dem gesellschaftlichen Kontext der Fotografien, ihren politischen Bezügen und ihren jeweiligen sozialen und kulturellen Funktionen.

Im Zentrum des Workshops von Paul Betts (University of Oxford) standen Pressefotografien von Josip Broz Tito, die den jugoslawischen Staatschef während verschiedener Auslandsreisen durch Afrika zeigen. Nach dem Bruch mit Josef Stalin und der Loslösung Jugoslawiens von der Sowjetunion im Jahr 1948 war Tito als Initiator und späterer Vorsitzender der Blockfreien Staaten darum bemüht, eigene diplomatische Beziehungen – unter anderem zu den ehemaligen Kolonialstaaten in Afrika – aufzubauen. Die Pressefotografien von Titos Auslandsreisen spielten eine wesentliche Rolle im Rahmen der Kulturdiplomatie: Sie visualisierten die Beziehungen zwischen Jugoslawien und den neuen afrikanischen Ländern. Tito setzte in Hinblick auf seine Selbstinszenierung insbesondere auf kulturellen Austausch und Informalität: Er schlüpfte im Rahmen der Staatsbesuche mitunter in die traditionellen Gewänder des jeweiligen Landes und ließ sich mit den neuen Staatschefs häufig in privaten Settings und freundschaftlichen Posen fotografieren. Trotz der Bemühungen um einen neuen Stil der Repräsentation, der Egalität, Intimität und Volksnähe suggerieren sollte, scheinen viele der Pressefotografien einen kolonialen Blick zu reproduzieren. Insbesondere ein Foto, das während Titos Besuchs in Ghana im Jahr 1961 entstand, führte unter den Teilnehmer_innen zu regen Diskussionen. Das für die europäische Presse gedachte Bild zeigt den jugoslawischen Staatschef im weißen Anzug, auf einem weißen Podest stehend, umgeben von afrikanischen Diplomaten in dunklen Anzügen und einem Ghanaer in traditionell-gemusterter Kleidung, der hier einen übergroßen Sonnenschirm hält, um Tito Schatten zu spenden. Die Teilnehmer_innen gingen der Frage nach, inwiefern sich dieses Setting sowie die davon angefertigte Fotografie als Reproduktionen kolonialer Machtverhältnisse interpretieren lassen und spekulierten, wer dieses Setting wohl aus welchem Grund so gewählt hatte. Dieses Beispiel verdeutlicht die Schwierigkeit – sowohl für die westlichen Länder, aber auch für die neuen afrikanischen Staaten selbst – eine neue visuelle Sprache zu finden, die sich nicht länger an bildlichen Konventionen des Kolonialismus orientiert.

In der Sektion für studentische Forschungsprojekte stellte zuerst Laura Busse (HU Berlin) vor, wie sie in Anlehnung an die serielle Ikonographie von Ulrike Pilarczyk anhand zweier Fotos – eines aus dem Kontext kolonialer Großwildjagd in British Eastafrica und eines von deutschen Wehrmachtssoldaten im Krieg gegen die Sowjetunion – den bislang lose verwendeten Topos der fotografischen Trophäe diskutiert und neu begründet. Zum einen betont sie die Notwendigkeit analytisch zu unterscheiden, inwiefern das Motiv – z.B. getötete Feinde – als Siegeszeichen fungiert oder das materielle Foto die Funktion des Siegeszeichens übernimmt, wenn „die Beute“ selbst nicht mehr vorliegt. Da zu dem zweiten Foto keine Kontextinformationen verfügbar sind, erarbeitet sie eine ausführliche Bildbeschreibung und -interpretation, um dennoch aus dem Fotos heraus Argumente zu entwickeln, wie motivische und kompositionelle Details zusammenwirken, sodass der Eindruck einer Trophäe – im Foto und als Foto – entsteht.

Das materielle Objekt und seine kulturellen Verwendungsformen standen ebenfalls für Ulrike Koppermann (JLU Gießen) im Vordergrund, als sie die Bedeutung des Fotoalbums als mediales Dispositiv für die Repräsentation historischer Kontexte untersuchte. Für ein Album, das die Fotografen des SS-Erkennungsdienstes des KZ Auschwitz im Sommer 1944 unter dem Titel „Umsiedlung der Juden aus Ungarn“ anfertigten, zeichnete sie anhand eines der transmedialen Narratologie entliehenen Modells nach, wie die Überlieferung der „Ungarn-Aktion“ durch mediale Spezifika eines Albums geformt wird.

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Paul Betts bei seinem Workshop „Tito in Africa“
Sibylle Wuttke (Friedrich-Schiller-Universität Jena) stellte erste Quellenfunde aus ihrem Arbeitsbereich innerhalb des Forschungs- und Bildungsprojekt „Sozialismus im Bild. Visuelle Aneignung von DDR-Lebenswelten“ am Historischen Institut vor. Bei ihren Recherchen nach fotografischen Quellen zu alternativen Lebensentwürfen stellt sich zunächst die Herausforderung, wie die Sammlung zu organisieren wäre, um vom Material ausgehend tradierte Annahmen aufzubrechen. Zugleich wurde diskutiert, inwiefern der Begriff von „Alltagsfotografie“ nicht ein Paradox und fehlleitend sein kann, da der Alltag selten Thema der fotografischen Überlieferung ist und diese sich stattdessen auf besondere Anlässe konzentriert.

Ausgangspunkt von Benjamin Glöckler (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg) und seiner Analyse der visuellen Konstruktion des Alterns zu Beginn des 21. Jahrhunderts waren Kataloge mit den Gewinnerfotos zweier veranstalteter Wettbewerbe, die zur Einsendung „neuer Bilder des Alterns“ aufgerufen hatten. Glöckler zeigte auf, wie die Wettbewerbe angesichts des demografischen Wandels und der Restrukturierung des Sozialstaates seit den 1990er-Jahren darauf ausgerichtet waren, defizitäre Altersbilder zu überwinden und visuell ein Gegenbild zu schaffen: die „jungen Alten“ – aktiv, produktiv und autonom. Die Bildauswahl setzt damit normativ nun auch für alternde Menschen neoliberale, von Wirtschaft und Politik präferierte Subjektvorstellungen und suggeriert Alter als neue „Ressource“. In den Überschriften der Kataloge – u.a. „Generationsverhältnis“, „Herausforderungen und Endlichkeit“ oder „Aktivität im Alter“ – entfallen hingegen offenkundig Themen wie Einsamkeit, Altersarmut oder Tod. Bildpolitisch werden diese Lebensrealitäten ausgeschlossen.

Im Rahmen einer Exkursion nach Marburg besuchten die Teilnehmer_innen zwei Institutionen, die sich mit der Archivierung, wissenschaftlichen Aufarbeitung sowie Vermittlung von Fotografien befassen. Im Bildarchiv des Herder Instituts für Ostmitteleuropaforschung bekamen die Teilnehmer_innen einen Einblick in verschiedene Bildbestände zur Topografie sowie Kunst- und Kulturgeschichte Ostmitteleuropas. Neben Architekturfotos stellten die Mitarbeiter_innen historische Schrägluftbilder der Ostgebiete des ehemaligen Deutschen Reiches, Dokumentaraufnahmen des polnischen Fotografen Stefan Arczyński und eine Reihe an Fotoalben vor. Insbesondere der fotografische Nachlass von Hermann Beyerlein, der als deutscher Postbeamter zwischen 1939 und 1944 im besetzten Warschau tätig war und in rund 300 Fotografien Eindrücke von der besetzten polnischen Hauptstadt festhielt, erweckte die Aufmerksamkeit der Teilnehmer_innen. Im Anschluss an die gemeinsame Diskussion der Archivalien veranschaulichte die hausinterne Fotografin den Prozess der Digitalisierung historischer Bildquellen und führte die Gruppe in die Kühlkammer, in der die Fotonegative gelagert werden. Abschließend erhielten die Teilnehmer_innen eine umfassende Einführung in die Systematik des digitalen Bildkataloges, wobei hier Fragen der Kategorisierung, Verschlagwortung und Verlinkung der Materialien im Zentrum der Diskussion standen.

Den Nachmittag verbrachte die Gruppe im Deutschen Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte – Bildarchiv Foto Marburg der Philipps-Universität Marburg, das kunstgeschichtliche Dokumentarfotografien sowohl anfertigt, als auch sammelt, archiviert und der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt. Nach einer kurzen Einführung in den Bildindex der Kunst und Architektur, einer Bilddatenbank, in der die Bestände von Foto Marburg erschlossen und online verfügbar gemacht werden, führte die Leiterin der fotografischen Sammlung Sonja Feßl die Teilnehmer_innen in das Depot, in dem Negative verschiedener Formate gelagert werden. Frau Feßl zeigte hier anhand von Glasnegativen die Aufnahme- und Bearbeitungstechniken frühester Fotografen_innen und machte deutlich, dass Nachbearbeitung und Retusche keinesfalls erst Erfindungen der digitalen Fotografie darstellen. Abschließend demonstrierte der hausinterne Fotograf den Digitalisierungsprozess von analogen Architekturfotos sowie die technischen Möglichkeiten der digitalen Bildbearbeitung.

FotoMarburg
Exkursion zum Bildarchiv Foto Marburg
Den Abschluss der Spring School bildete der Workshop von Sylvia Necker (University of Nottingham) zu “Deutsch-Jüdischen Fotoalben als Gegenstand geschichtswissenschaftlicher Forschung”. Bereits der gewählte Titel des Workshops “Konkurrenz der Erzählungen oder: sehen, was gar nicht drauf ist” lud zur Reflexion eigener Forschungsperspektiven ein, unter denen wir die Fotos jeweils lesen. Schließlich bestimmt das Wissen um Deportation und Massenvernichtung von Juden und Jüdinnen während der nationalsozialistischen Herrschaft den Blick auf das Quellenmaterial maßgeblich mit. Privatfotografien von Juden und Jüdinnen fungieren insbesondere im Ausstellungskontext oftmals als direkter visueller Link zwischen Judentum und Holocaust und dies obwohl sie weder eine spezifische Form des Jüdisch-Seins zum Ausdruck bringen, noch die Diffamierung oder Ermordung von Juden und Jüdinnen zeigen. Auch als Forscher_innen sind wir nicht davor gefeit, die Fotos vor dem Hintergrundwissen um den Holocaust zu interpretieren und in ihnen Spuren von jüdischer Differenz zu suchen. Selbst die Benennung der Materialien als “jüdische Fotoalben” verschleiert die Tatsache, dass sich diese nicht per se als jüdisch klassifizieren lassen. Dennoch war der Erfahrungshorizont von Juden und Jüdinnen im Nationalsozialismus ein fundamental anderer als jener von “Volksgenossen”, weshalb sich Fragen nach der Funktion von privater Fotografie für Angehörige einer Gruppe, die nicht zur “Volksgemeinschaft” gehörte, in anderer Weise stellen. Im Anschluss an Neckers Einführung wurden die Teilnehmner_innen dazu angehalten, selbst mit dem Quellenmaterial zu arbeiten und in Arbeitsgruppen jeweils ein Fotoalbum zu analysieren. Während der Gruppenarbeit wurde deutlich, dass verfügbare Kontextmaterialien nicht ausschließlich als methodischer Vorteil zu werten sind, versperren sie doch oftmals den Blick auf die Fotoalben. Ausgehend von diesem Befund diskutierten die Teilnehmer_innen über verschiedene methodische Herangehensweisen an das Bildmaterial und gingen der Frage nach, inwiefern hier Synergien zwischen Methoden der Kunstgeschichte (wie bspw. der seriellen Ikonografie) und Methoden der Geschichtswissenschaft (wie bspw. der dichten Kontextualisierung) fruchtbar gemacht werden können.

Wenngleich die vorgestellten Quellen grundverschieden waren und jeweils einer präzisen Kontextualisierung bedurften, wiederholten sich methodische Problemstellungen und Ansätze: Da visuelle Quellen Forscher_innen breitere Interpretationsmöglichkeiten bieten als schriftliche, fordern sie einmal mehr dazu auf, den Referenzrahmen und die Voraussetzungen der Lesarten zu reflektieren. Wertvoll, aber selten überliefert, sind dabei ergänzende Quellen, die über die zeitgenössische Rezeption Aufschluss bieten, sodass diese wiederum der eigenen gegenübergestellt werden kann. Als besondere Herausforderung stellten sich private Fotografien dar, bei denen das Verhältnis von zeithistorischem Kontext, persönlicher Biografie und fotografischer Praxis häufig uneindeutig bleibt. Demgegenüber bieten die Bildpresse zu Staatsbesuchen und Bildwettbewerbe Untersuchungsbeispiele dafür, wie visuelle Mittel im Interesse einer politischen Agenda eingesetzt und politisch gewollte Mitteilungen inszeniert werden. Erhellend für die historische Forschungsperspektive waren zudem die Ausführungen der Archivar_innen und Fotograf_innen, deren Wissen über fotografische Arbeitstechniken sowie Sammlungsgenese und -erschließung der Analyse und Recherche zu weiterer Präzision verhelfen kann. 

 

(09.04.2019, Jonas Feike)

Vorführung Dokumentarfilm "Linie 41" mit anschließender Diskussion

Vorführung Dokumentarfilm "Linie 41" mit anschließender Diskussion

Linie 41 ist eine Dokumentation, die die Geschichte und Psychologie im komplexen Dreieck von Tätern, Opfern und Zuschauenden ("bystanders") der Schoah beleuchtet.

Im Film wird ein Überlebender des Ghettos Litzmannstadt bei der Rückkehr in das heutige Łódź begleitet. Natan Grossmann hat über viele Jahre vermieden, sich mit der Geschichte seines Bruders Ber auseinanderzusetzen, der im Jahr 1942 verschwand. Nach 70 Jahren begibt er sich schließlich auf die Suche nach ihm und stößt dabei auch auf Spuren seiner Eltern, die im Ghetto umkamen. Natans Suche kreuzt sich auch mit der Geschichte von Jens Jürgen Ventzki, dem Sohn des ehemaligen Nazi-Oberbürgermeisters von Litzmannstadt, der einem dunklen Familiengeheimnis nachgeht. 

Die Filmemacherin Tanja Cummings kommt am 28. Mai 2019 zusammen mit Jens Jürgen Ventzki nach Gießen, um ihren Dokumentarfilm zur Diskussion zu stellen. Beginn der Vorführung ist um 19 Uhr im Kinocenter Gießen. Im Anschluss an den Film folgt eine Gesprächsrunde mit der Produzentin Tanja Cummings und Jens Jürgen Ventzki.

Bei der Veranstaltung handelt es sich um eine Kooperation der Fachjournalistik Geschichte, der ZMI-Sektion Medien und Geschichte, Zeitgeschichte, Osteuropäische Geschichte und Abeitsstelle Holocaustliteratur.

 

(02.04.2019, Jonas Feike)

 

 

Spring School: "Historische Momentaufnahmen / Frozen Moments in History"

Spring School: "Historische Momentaufnahmen / Frozen Moments in History"

Fotografien halten historische Momente fest. Sie zeigen Ausschnitte eines Geschehens, das FotografInnen beobachtet und zum Dokumentieren ausgewählt oder vor der Kamera arrangiert haben. Menschen fotografieren professionell und als Amateure, im Auftrag und häufig Konventionen folgend, leidenschaftlich oder beiläufig, reflektiert oder aus einer Eingebung heraus. Im Unterschied zur Malerei spielt in der Fotografie das Werkzeug, hier also die technische Apparatur, eine größere, gleichsam eigenständigere Rolle. Spring School "Historische Momentaufnahmen"Fotoapparate lassen sich auch ohne besondere Fertigkeit bedienen. Und sie können unter Umständen zusätzlich Informationen einfangen, deren sich die Fotografierenden nicht bewusst waren. Um diesen Eigenarten gerecht zu werden und die Potenziale der Quellengattung auszuschöpfen, benötigen HistorikerInnen angemessene Fragestellungen. Gleichzeitig müssen sie lernen, Fotos zu lesen, und ihre Recherchen ausdehnen auf deren Entstehung, Verbreitung und Rezeption.

In der Spring School "Historische Momentaufnahmen / Frozen Moments in History" (11. März bis 15. März 2019) führen ExpertInnen an verschiedene Arbeitsweisen mit ganz unterschiedlichen Fotos sowie Fotografierpraxen heran und laden zum Mitdenken ein. Der international bekannte, mehrfach ausgezeichnete Fotograf Dr. Paul Lowe (London) wird sowohl eigene Fotos aus Kriegs- und Krisengebieten vorstellen als auch historische Aufnahmen vom Kriegsende 1945 kommen­tieren. Prof. Dr. Katharina Stornig und Florian Hannig (Gießen) analysieren Fotos, mit denen Hilfsorganisa­tionen im 19. und 20. Jahrhundert auf Not in Afrika aufmerksam machen wollten. Prof. Dr. Paul Betts (Oxford) diskutiert anhand von Fotos von Titos Paul Lowe FlyerStaatsbesuchen in Afrika, wie sozialistische Länder während des Kalten Krieges internationale Solidarität inszenierten. Ulrike Koppermann (Berlin) hinterfragt das visuelle Narrativ des von der SS angefertigten sogenannten Auschwitz-Albums. Dr. Sylvia Necker (Nottingham) zeigt, wie sie in ihrer Forschung mit Fotoalben jüdischer Familien aus der NS-Zeit umgeht. Eine eintägige Exkursion zum Bildarchiv Foto Marburg und zum Bildarchiv des Herder-Instituts für historische Ostmitteleuropaforschung gibt Gelegenheit, im Rahmen von eigens organi­sier­ten Führungen relevante Quellenbestände kennen­zu­lernen und forschungs­prak­tische Fragen zu erörtern.

TeilnehmerInnen sind eingeladen, eigene fotohistorische Projekte oder Ideen für eine fotohistorische Abschlussarbeit vorzustellen. Die Unterrichtssprache ist Deutsch und Englisch. Die Spring School wird vom Arbeitsbereich Fachjournalistik Geschichte in Kooperation mit der Sektion Medien und Geschichte des ZMI organisiert. Interessierte Studierende wenden sich bitte an . Bitte stellen Sie in einem kurzen Anschreiben dar, warum Sie sich für die Thematik interessieren, inwieweit Sie relevante Vorkenntnisse besitzen und ob Sie ein eigenes Projekt präsentieren wollen. Bewerbungsschluss war der 20. Februar 2019

 

 



(30.01.2019, Rahel Schmitz)

Vortrag: Tatjana Heid bei Stimmen aus der Praxis zum Digital-Journalismus und "Fake-News"

Vortrag: Tatjana Heid bei Stimmen aus der Praxis zum Digital-Journalismus und "Fake-News"

Stimmen aus der Praxis

Digital-Journalismus ist das Spannendste, was der Journalismus derzeit zu bieten hat, und gleichzeitig mit das Anstrengendste. Nachrichten machen nie Pause, die LeserInnen reagieren sofort und sogar namhafte PolitikerInnen zweifeln die Integrität der Medien an.

 

Wie gestaltet sich die Arbeit in einem modernen, auf Digital-Journalismus ausgerichteten Newsroom? Was heißt das eigentlich: multimedial arbeiten? Und was ist der Reiz von Politik-Journalismus, wo die Klickbringer oft eher Sport, Unterhaltung und Crime sind? Wie lässt sich mit dem Vertrauensverlust in die Medien umgehen?

 

Diese Fragen beantwortete Tatjana Heid, ehemalige Fachjournalistik-Studentin und heute Head of News & Politik bei t-online.de, im Rahmen der Reihe Stimmen aus der Praxis des Forschungsverbundes Medien und Geschichte. Außerdem berichtete die leidenschaftliche Politikjournalistin in ihrem Vortrag "Politischer Digital-Journalismus in Zeiten von 'Fake-News'" über ihren Weg vom Hörsaal in den Beruf. Die Veranstaltung fand am Dienstag, den 4. Dezember 2018, um 18 Uhr, im Philosophikum I, Haus C, Raum 214, statt.

 

Der Pressebericht des Studienmagazins UNIversum kann hier gelesen werden.

 



(22.11.2018, Rahel Schmitz)

Stimmen aus der Praxis: Filmemacher Adrian Oeser zum Thema "Wer die Geschichte verändert, verändert den Film. Filme mit und ohne Sprechtexte im Vergleich"

Stimmen aus der Praxis: Filmemacher Adrian Oeser zum Thema "Wer die Geschichte verändert, verändert den Film. Filme mit und ohne Sprechtexte im Vergleich"


Zwei Filme, unterschiedliche Themen, aber noch wichtiger: grundverschiedene Macharten. Der Filmemacher Adrian Oeser präsentierte am Dienstag, den 20. November, von 18-21 Uhr, im Philosophikum I, Haus C, Raum 214, im Rahmen der Reihe Stimmen aus der Praxis des Forschungsverbundes Medien und Geschichte zwei Arbeiten aus seinem Filmstudium, die in ihrem Aufbau verschiedenen Erzählweisen entsprechen.

 

Die Dokumentation Bag Mohajer – Tasche des Flüchtlings porträtiert drei Geflüchtete, die aus den Resten der Schlauchboote und Schwimmwesten, die auf den griechischen Inseln stranden, Taschen nähen. Für sie ein Akt der Selbstermächtigung und ein Weg, ihre Geschichte an Orte zu tragen, an die sie selbst nicht reisen können.

 

Der journalistisch gehaltene Film Von Neonazis und Superhelden – Die Kleinstadt Themar und der Rechtsrock porträtiert die Kleinstadt Themar in Thüringen. Hier finden seit dem vergangenen Jahr regelmäßig große Rechtsrockkonzerte statt, auf denen sich die militante europäische Neonazi-Szene vernetzt. Doch in dem kleinen Ort regt sich auch Widerstand gegen die rechten Umtriebe. Der Film lässt die verschiedenen Seiten zu Wort kommen und geht der Frage nach, wie die Neonazi-Aktivitäten den kleinen Ort verändert haben.

 

Nach den Screenings diskutierten wir, wie die Wahl der Form die filmische Erzählweise beeinflusst.

 



(20.11.2018, Rahel Schmitz)

"Visual History of the Holocaust" - Neue digitale Methoden für die Archivierung der Dokumente des Holocausts

"Visual History of the Holocaust" - Neue digitale Methoden für die Archivierung der Dokumente des Holocausts


Ulrike Weckel
Prof. Dr. Ulrike Weckel

Die Frage der Darstellung und Darstellbarkeit des Holocausts im Zeitalter der digitalen Medien wirft erneut die Frage nach der Bewahrung seiner Dokumentation auf. Das Projekt “Visual History of the Holocaust: Rethinking Curation in the Digital Age“ hat sich zur Aufgabe gemacht sich diese Fragen neu zu stellen und nach einer kuratorischen Lösung für die filmischen Dokumente jener Zeit zu suchen. Professorin Dr. Ulrike Weckel ist mit der JLU an dem – mit insgesamt fünf Millionen Euro geförderten – Projekt des EU-Programms Horizon 2020 beteiligt. Welche digitalen Wege das Projekt geht, um die Dokumente öffentlich zu machen und welche Rolle dabei Ulrike Weckel und ihr Team spielt ist nachzulesen im Gießener Anzeiger.

 

 

Weitere Presse u.a.

Pressestelle der JLU über Visual History of the Holocaust

(30.08.2018, Abdullah Erdogan)


Gießen 1968 – Filmvorführung der Fachjournalistik Geschichte im Kinocenter Gießen

Gießen 1968 – Filmvorführung der Fachjournalistik Geschichte im Kinocenter Gießen

 

Vor 50 Jahren protestierten die "68er" in der gesamten Bundesrepublik. Mit dem Vermächtnis des langjährigen Gießener Grünenpolitikers und "68ers" Heinrich Brinkmann, der auch "Dutschke von Gießen" genannt wurde, beschäftigt sich der Dokumentarfilm "Giessen 68 – ein revolutionärer Traum". Der Film ist eine Masterprojektarbeit von Studierenden der Fachjournalistik Geschichte der JLU Gießen.

Eine weitere Masterprojektarbeit mit dem Titel: " ‚… erwarten die sofortige Rückkehr‘. Der Fall Jeung Gil Choe" rekapituliert filmisch die Geschehnisse rund um die Entführung des Gießener Studenten Jeung Gil Choe und das anschließende Engagement seiner KommilitonInnen, welche sich für seine Freilassung einsetzten. Über das Projekt und die damit einhergehenden Dreharbeiten berichtete bereits im Vorfeld der Gießener Anzeiger.

Am Donnerstag, 28. Juni 2018, zeigte das Kinocenter Gießen, in Kooperation mit dem ZMI, der JLU Gießen und der Hessischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien, die beiden Filme von Studierenden der Fachjournalistik Geschichte. Die Filme wurden anlässlich des Sommerfestes der Fachjournalistik Geschichte am 12. Juli 2018 noch einmal gezeigt.


Der Film "Giessen 68 – ein revolutionärer Traum" ist mittlerweile auch auf dem YouTube-Kanal des ZMI abrufbar:


 

(21.06.2018, Max Stümpel/20.11.2018, Niklas Ferch)

Stimmen aus der Praxis: Ulla Menke spricht über bloggende Geisteswissenschaftlerinnen, Twitterstorians und ihre Communities

Stimmen aus der Praxis: Ulla Menke spricht über bloggende Geisteswissenschaftlerinnen, Twitterstorians und ihre Communities


Wie steht es um die digitale Vernetzung von Wissen, Daten und Interessen? Ulla Menke, Referentin für digitale Wissenschaftskommunikation bei der Max Weber Stiftung in Bonn und Community Managerin für de.hypotheses.org, gibt einen Einblick in die digitale geisteswissenschaftliche Landschaft (Blogosphäre) und in Community Building, Vernetzung sowie Enabling als Teile ihrer Arbeit. Fragen, die im Zentrum des Vortrags und der anschließenden Diskussion stehen sollen, sind beispielsweise: Digitalität und Geisteswissenschaften – wie geht das zusammen und was kommt dabei raus? Welche Chancen und Möglichkeiten ergeben sich für Präsentation und Vernetzung innerhalb der Community durchs Bloggen und Twittern?

Weitere Informationen finden Sie im Veranstaltungskalender der JLU Gießen.

Der Vortrag findet am Dienstag, 19. Juni 2018, um 18 Uhr c.t., im Raum C 214 des Philosophikum I statt. Sie sind herzlich dazu eingeladen!


(19.06.2018, Max Stümpel)

Stimmen aus der Praxis: Marc Lepetiti spricht über die Authentizität von historischen Event-Serien

Stimmen aus der Praxis: Marc Lepetiti spricht über die Authentizität von historischen Event-Serien

 

Event-Serien mit historischem Kontext liegen im Trend. Beispiele sind "Babylon Berlin" (Sky/ARD 2017), "Charité" (ARD 2017) oder die "Ku’damm – Reihe" (ZDF 2016/ 2018), welche sich großer Beliebtheit beim Publikum erfreuen. Diese Serien überzeugen zwar alle auf Unterhaltungsebene. Es muss bei der Diskussion um mediale Produkte mit historischem Kontext allerdings auch immer die Frage nach dem darin vermittelten Geschichtsbild gestellt werden.

Wie authentisch können, sollen und müssen Serien mit historischen Themen umgehen? Wie kann Authentizität überhaupt hergestellt werden? Und was wird unter Authentizität verstanden? Antworten auf diese Fragen gibt Marc Lepetiti, ausführender Produzent bei der UFA-Fiction GmbH. Lepetiti war dort unter anderem für die erfolgreichen Serien "Ku’damm 56" und "Ku’damm 59" mitverantwortlich. Er begleitete die Serien inhaltlich und war zuständig für Setdesign und Look, sowie für die Suche nach Drehorten.

Marc Lepetiti spricht an diesem Donnerstag, den 7. Juni 2018, im Raum C 214 im Philosophikum I, um 18.15 Uhr. Sie sind herzlich eingeladen!

 


(04.06.2018, Max Stümpel)

Muster, Perspektiven und Traditionen der Aushandlung von Migration und Integration. Internationale Tagung „Repräsentation und Erinnerung der Migration“ in Nantes

Muster, Perspektiven und Traditionen der Aushandlung von Migration und Integration. Internationale Tagung "Repräsentation und Erinnerung der Migration" in Nantes

Das Thema Migration bestimmt seit einigen Jahren die politischen und gesellschaftlichen Diskussionen in Europa. Es ist nicht das erste Mal, dass Migration im politischen Diskurs europäischer Staaten eine dominante Rolle spielt, man denke an die so genannte „Gastarbeitermigration“ nach dem Zweiten Weltkrieg oder die Migrationswelle nach den Balkankriegen in den 1990er Jahren. Obwohl Migration ein wiederkehrendes bzw. konstantes Thema des 20. und 21. Jahrhunderts darstellt, ist in den letzten Jahren ebenso deutlich geworden, dass die Perspektive der Migration und die Erfahrungen und Erinnerungen von MigrantInnen nicht oder höchstens unzureichend in das „kollektive Gedächtnis“ integriert sind.

Mit den unterschiedlichen Bedingungen, Formen und Effekten der Repräsentation und Erinnerung von Migration wird sich die internationale Tagung „Repräsentation und Erinnerung der Migration“ am 24. und 25. Mai 2018 in Nantes beschäftigen. Mit Blick auf die Historie und die Gegenwart sollen Muster, Perspektiven und Traditionen der Aushandlung von Migration und Integration in unterschiedlichen Ländern analysiert werden. Ebenso stehen die verstärkten Bemühungen um eine Sichtbarmachung von Migrationsgeschichten und die damit verbundenen Herausforderungen für die Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Politik im Fokus.

Die Tagung wird von der Justus-Liebig-Universität Gießen und dem Zentrum für Medien und Interaktivität mitveranstaltet. Prof. Dr. Severin-Barboutie (JLU Gießen und ZMI Sektion 4) ist eine der Organisatorinnen und wird am Freitag, den 25. Mai 2018, die dritte Sitzung zum Thema „Infrastrukturen des kollektiven Gedächtnisses“ moderieren.

Die Tagung findet am 24. und 25. Mai 2018 im Château des ducs de Bretagne – Musée d’histoire de Nantes statt. Die Diskussionen und Vorträge finden auf Deutsch und Französisch statt. Es wird simultan übersetzt.

(22.05.2018, Max Stümpel)

Internationale Konferenz „Audiences of Nazism: Media Effects and Responses, 1923-1945” unter der Leitung von Ulrike Weckel, Richard von Weizsäcker Fellow Oxford

Internationale Konferenz "Audiences of Nazism: Media Effects and Responses, 1923-1945" unter der Leitung von Ulrike Weckel, Richard von Weizsäcker Fellow Oxford

Prof. Ulrike Weckel (Sektion 4) ist für das akademische Jahr 2017/2018 Richard von Weizsäcker Fellow am St Antony’s College der Oxford University. Am 24. und 25. Mai 2018 findet dort eine rezeptionsgeschichtlich ausgerichtete Tagung zum Thema "Audiences of Nazism: Media Effects and Responses, 1923-1945" statt.

Hier mehr zum Inhalt:
Since the end of the war, the Nazis' success in turning their fringe party into a mass movement and, once in power, securing the support of a large majority of the German population, has often been explained as the result of their effective propaganda communicated through all of the modern mass media then available. For example, in his final statement at the Nuremberg trial, Albert Speer characterized the Nazi regime as the first dictatorship to make complete use of all technical means in a manner perfect for the domination of its own nation, that is, for preventing independent thinking. This explanation came in handy for those Germans who had applauded the regime or even actively supported it. They could point out that the Nazis had established a ministry of propaganda whose head, Joseph Goebbels, had often pitched himself as the cunning mastermind behind its well orchestrated propaganda, much of which consisted in images of enthusiastic masses. Theories of totalitarianism have also identified the supposed power of mass media to indoctrinate and manipulate audiences as a key factor of totalitarian rule. But such broad claims about the power of media have long been questioned. It is well known by now that audiences tend to look for confirmation of their views and how hard it is to get them to change their minds. Goebbels's grandiloquent claims have been challenged. And we know that the Nazis’ stagings of overwhelming mass support were intended to convey the message that non-supporters were outsiders. However, historical research into the details of audience reception is still rare. It is true that primary sources are not so easy to find, but it is definitely worth the effort. Participants of this conference will present a variety of case studies and discuss the possibilities and limitations of studying audience reception under the Nazi dictatorship.

Weitere Informationen zum Programm finden Sie hier und bei H-Soz-Kult.

(25.04.2018, Katharina Monaco)

ZDF-History – Geschichte im Fernsehen zwischen "Dokutainment" und öffentlich-rechtlichem Auftrag - Johanna Kaack bei Stimmen aus der Praxis

ZDF-History – Geschichte im Fernsehen zwischen "Dokutainment" und öffentlich-rechtlichem Auftrag

Johanna Kaack bei Stimmen aus der Praxis

stimmen aus der praxis logoGeschichte und Unterhaltung – wie passt das zusammen? Als Gratwanderung zwischen Fakten und Fiktion gehört das sogenannte "Dokutainment" zu einem der beliebtesten Vermittlungswege historischer Inhalte im Fernsehen. Wie Geschichten aus der Geschichte vor dem Hintergrund eines öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrages spannend aufbereitet und erzählt werden, berichtet Johanna Kaack, Autorin, Schlussredakteurin und Chefin vom Dienst für das Format ZDF-History in der Redaktion Zeitgeschichte. In ihrer redaktionellen Arbeit für das Fernsehformat ZDF-History bedient sie tagtäglich die spezifischen Anforderungen dieses Mediums – und seines Publikums. Zugleich gibt sie Einblicke in ihren bisherigen Karriereweg vom Studium der Fachjournalistik Geschichte bis zu ihrer heutigen Position in der Redaktion Zeitgeschichte des ZDF.

Der Termin im Rahmen der gemeinsamen Veranstaltungsreihe Stimmen aus der Praxis der ZMI-Sektion 4 und der Fachjournalistik Geschichte findet am Dienstag, den 30. Januar 2018 um 18:30 Uhr im Philosophikum I, Raum C 113 statt.

Auf der Suche nach Bildern – Sascha Schmidt zu Gast bei Stimmen aus der Praxis

Auf der Suche nach Bildern

Sascha Schmidt zu Gast bei Stimmen aus der Praxis

stimmen aus der praxis logoAm Dienstag, 16. Januar 2018 wird Sascha Schmidt, Freier Film- und Theaterregisseur, um 18:30 Uhr im Philosophikum I, Raum C 113 seine Erfahrungen aus der Praxis beschreiben und den interessierten Zuhörenden von seiner Arbeit und der damit einhergehenden Suche nach Bildern berichten. Denn nahezu keine Dokumentation über ein historisches Thema kommt ohne das Zeigen von Archivmaterial (Filme, Fotos, Akten usw.) aus. Gerade der Einsatz von Archivfilmbildern vermittelt uns oft den Eindruck, ganz nah und intensiv an das erzählte Thema heranzukommen. Doch wie findet man passende Aufnahmen? Und wie bindet man diese innerhalb der Narration der erzählten Geschichte sinnvoll ein? Sascha Schmidt gibt uns zu diesen Fragen Einblick in seine Projekte (zum Beispiel Endstation Freistatt, NDR 2016) und berichtet aus der Praxis eines Filmemachers.

Katharina Stornig berichtet über den interdisziplinären Workshop Data Collection and Visualization of Networks in History and Culture des ZMI, GCSC und Herder-Instituts

Katharina Stornig berichtet über den interdisziplinären Workshop Data Collection and Visualization of Networks in History and Culture des ZMI, GCSC und Herder-Instituts

Die Netzwerkforschung erlebt aktuell eine Konjunktur. Diese erfasste in den letzten Jahren auch die Geschichts- und Kulturwissenschaften, welche sich zunehmend mit den Möglichkeiten und Grenzen von zum Beispiel digitalen Netzwerkanalysen und der Visualisierung von Netzwerken auseinandersetzen. Der Begriff des "Netzwerks" erfährt dabei durchaus unterschiedliche Interpretationen und Konnotationen: So wird er in manchen Studien als Quellenbegriff operationalisiert und als Selbstzuschreibung von AkteurInnen betrachtet, die sich explizit als Netzwerk verstanden und beschrieben. Andere Studien wiederum verwenden den Begriff eher metaphorisch, um unterschiedliche (kommunikative) Bezüge zwischen Personen und/oder Institutionen deutlich zu machen.

Die historische Netzwerkforschung im engeren Sinn geht hingegen auf sozialwissenschaftliche Theorien und Methoden zurück. Sie versteht die Netzwerkanalyse als ein Instrument, welches es uns erlaubt, komplexe soziale Beziehungen und Bezüge auf Basis von bestimmten – zum Beispiel aus Textquellen erhobenen und kritisch reflektierten – Daten systematisch zu erfassen und darzustellen. Der erfolgreiche Einsatz der digitalen Netzwerkanalyse erfordert folglich nicht nur ein fundiertes Verständnis von ihrem analytischen Potential in bestimmten Forschungskontexten, sondern auch eine gewisse Vertrautheit mit den einschlägigen Programmen und Medien. Die Vermittlung dieses Wissens sowie die kritische Reflexion auf die Möglichkeiten und Grenzen dieses methodischen Zugriffs aus Sicht der Geschichts- und Kulturwissenschaften standen im Zentrum des Workshops, welcher von Dr. Martin Stark (Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung Aachen), einem Experten und langjährigen Kenner des Feldes der historischen Netzwerkforschung, geleitet wurde.

Der Workshop umfasste im Wesentlichen zwei Teile. Der erste Teil fand am International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC) in Gießen statt und bestand aus einem öffentlichen Vortrag von Martin Stark mit anschließender Diskussion. Stark präsentierte eine Fallstudie zum Kreditwesen im ländlichen Württemberg in den mittleren Dekaden des 19. Jahrhunderts. Am Beispiel der Gemeinde Ohmenhausen diskutierte er die soziale Einbettung des lokalen Kreditmarktes und fragte insbesondere nach der Bedeutung von sozialen und familiären Netzwerken für die Kreditvergabe vor dem Hintergrund sich wandelnder rechtlicher Rahmenbedingungen. Dabei konnte Stark deutlich machen, dass die Wichtigkeit familiärer Netzwerke am Ohmenhausener Kreditmarkt nach 1850 tendenziell abnahm, was er darauf zurückführte, dass neue Gesetze zunehmend Rechtssicherheit für Kreditgeber hergestellt und somit das Ausfallrisiko reduziert hatten. Im Zentrum der anschließenden Diskussion standen jedoch weniger Starks empirische Ergebnisse als vielmehr sein methodisches Vorgehen: Im Besonderen wurde dabei Starks Erhebung von Daten aus "klassischen" Quellen der Geschichtswissenschaft (vor allem den diversen Medien des Kreditmarktes wie zum Beispiel Kreditbüchern, Vermögensverzeichnissen, Steuerlisten oder Kirchenregistern) und ihrer Verarbeitung und Analyse mittels digitaler Instrumente diskutiert, welche er genutzt hatte, um die sozialen Bezüge der zu erforschenden Kreditvergaben zu erfassen und zu visualisieren. Kritisch hinterfragt wurde auch das Verhältnis zwischen Aufwand und analytischem Nutzen der digitalen Datenerhebung und ihrer Visualisierung.

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Mit Palladio und Venmaker führte Martin Stark (links) Software zur Analyse und Visualisierung von Netzwerken ein. (Foto: Herder-Institut)

Die Auseinandersetzung mit den Instrumenten der Digitalen Netzwerkforschung und ihren Möglichkeiten und Grenzen bildete einen wesentlichen Aspekt des zweiten Teils der Veranstaltung, einem praktisch- und diskussionsorientierten Workshop, zu dem sich eine Gruppe von insgesamt 24 Teilnehmenden am folgenden Tag im Herder-Institut in Marburg versammelte. Im Rahmen des Workshops wurden nicht nur der Begriff des Netzwerks und sein heuristisches Potential, sondern auch sein analytischer Mehrwert für die historische und kulturwissenschaftliche Forschung diskutiert. Dies geschah stets sowohl auf theoretischer als auch auf praktischer Ebene. In mehreren Gruppendiskussionen entwarfen die Teilnehmenden diverse Netzwerke, welche nicht nur Personen und Institutionen umfassten, sondern auch anders gelagerte Beziehungen und Bezüge, wie zum Beispiel semantische Netzwerke, mit einschlossen. Darüber hinaus beschäftigte sich der Workshop mit der Frage der Erhebung von relevanten Daten aus Textquellen und der Umwandlung von textbasierten Netzwerkdaten in Soziogramme und/oder Matrizen. Mit Palladio und Vennmaker führte Stark zudem nicht nur einschlägige Software zur Analyse und Visualisierung von Netzwerken ein, sondern stellte deren Operationalisierung auch zur Diskussion. Dies geschah stets in engem Bezug zu den Forschungsinteressen und -schwerpunkten der Teilnehmenden, welche zum Teil ihre eigenen Forschungsdaten präsentierten und die entsprechenden Visualisierungen abschließend im Plenum diskutierten.

Organisiert und durchgeführt wurde der interdisziplinäre Workshop, der am 15. und 16. November 2017 in Gießen und Marburg stattfand, in Kooperation zwischen der ZMI-Sektion 4, dem GCSC und dem Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung in Marburg. Für die Organisation verantwortlich waren Prof. Katharina Stornig (ZMI-Sektion 4/GCSC), Dr. Elke Bauer und Dr. Victoria Harms (jeweils Herder-Institut).

(12.12.2017, Katharina Stornig)

Reporter bei der Huffington Post Deutschland - Lennart Pfahler bei Stimmen aus der Praxis

Reporter bei der Huffington Post Deutschland - Lennart Pfahler bei Stimmen aus der Praxis

Stimmen aus der PraxisWie schreibe ich im Internet journalistisch spannend und unterhaltsam über Politik? Wie erreiche ich mein Publikum und wie mache ich auf meine Artikel aufmerksam? Ist Facebook dabei mein Kooperationspartner oder Gegner?

Antworten auf diese Fragen gibt der ehemalige Fachjournalistik-Student Lennart Pfahler. Pfahler ist Reporter im News- und Politikteam der Huffington Post Deutschland und Absolvent der Fachjournalistik Geschichte der Justus-Liebig-Universität. Der 24-Jährige Journalist berichtet zurzeit als Parlamentskorrespondent vor allem über innenpolitische Themen. Bevor Pfahler durch ein Volontariat bei der Huffington Post in den Beruf einstieg, lebte er in Ägypten und den USA und absolvierte diverse Praktika im Bereich Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit. In seinem Blog Die Letzte Seite schreibt Lennart Pfahler über Innen- und Außenpolitik, insbesondere über den Nahen Osten und die Türkei.  In Stimmen aus der Praxis berichtet der Politikjournalist über seinen Berufsweg zur Huffington Post, über seinen Arbeitsalltag sowie seine Reporter-Reisen in die USA, die Türkei und den Irak. Der öffentliche Vortrag findet am Dienstag, 5.12.2017 um 18:30 Uhr im Phil I, Haus C, Raum 113 statt.

(5.12.2017, Max Stümpel)


Interdisziplinärer Workshop Data Collection and Visualization of Networks in History and Culture

Interdisziplinärer Workshop Data Collection and Visualization of Networks in History and Culture

ZMI, GCSC und Herder-Institut Marburg veranstalten am 16. November 2017 gemeinsam den Workshop Data Collection and Visualization of Networks in History and Culture. Die von Prof. Katharina Stornig (ZMI-Sektion 4/GCSC), Dr. Elke Bauer und Dr. Victoria Harms (jeweils Herder-Institut) organisierte Veranstaltung eröffnet am 15. November 2017 mit einem öffentlichen Vortrag von Dr. Martin Stark (Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung). Das Programm sieht folgende Themenschwerpunkte vor:

Over the last decade, network analysis has made its way from a fringe theory to an established albeit minor methodology in historical research that goes beyond a purely metaphorical use of the term "network". A substantial number of studies on different topics and periods have shown that network theories and formal network methods developed in other disciplines can be fruitfully applied to various bodies of historical sources. Recognizing the growing importance of digital research tools and methods in the humanities and social sciences, the workshop aims at exploring the potential of processing and visualizing network data for the broader field of the study of history and culture. The speaker, Dr. Martin Stark (Hamburg/Aachen), is specializing in network theories and the development of digital tools for historical research. He will host a two-part-series of events. On the first day, Dr. Stark will introduce his research and relevant concepts, methods, and theories in the framework of a public lecture, followed by a discussion. On the second day, Dr. Stark will hold a hands-on workshop, which aims at providing registered participants the possibility to adapt the digital methods presented in the lecture via applying open source tools to their own research questions and projects. With Dr. Stark’s assistance, each participant is invited to bring his or her own research data and use the findings to visualize the implicit historical networks.

The workshop, a collaboration between the GCSC, the Herder Institute and the ZMI, is open to all graduate students, researchers, and staff interested in digital history. No prior knowledge of digital history is required. Participants are expected to bring their own laptops. Material to process will be provided, but individual findings can be used, too. Please indicate your preference in your registration email. In order to register, please send a short email summarizing your study/research interests and motivation to participate in this workshop by November 5, 2017, to victoria.harms. This informal email will only be used to better service your needs.

Zeit/Ort:

Mittwoch, 15. November 2017 (17.00-19.00 Uhr): Öffentlicher Vortrag "Historical Network Research: The Case of a Rural Credit Market in the 19th Century" (Ort: Multifunktionsraum des GCSC, Alter Steinbacher Weg 38, 35394 Gießen, in Kooperation mit dem Oberseminar zur Neueren und Neuesten Geschichte).

Donnerstag, 16. November 2017 (9.30-16.00 Uhr): Workshop "Data Collection and Visualization of Networks in History and Culture" (Herder-Institut Marburg).

Den Flyer mit dem kompletten Programm finden Sie hier.

(05.10.2017, Katharina Monaco)

Bericht: Filmaufnahmen als Zeitmaschine?

Filmaufnahmen als Zeitmaschine?

Rückblick auf die Summerschool der Fachjournalistik Geschichte

Schützengräben des Ersten Weltkriegs, das Winterpalais im Oktober 1917, das Warschauer Ghetto, der Nürnberger Gerichtssaal, ein DDR-Schlafzimmer: historische Filmaufnahmen entführen uns in vergangene Welten. Sie suggerieren Augenzeugenschaft und entfalten Wirkung, und dies selbst wenn die Betrachterin weiß, dass das Geschehen gestellt und die dokumentarische Anmutung des Materials künstlich erzeugt wurde. Was also können Historikerinnen und Historiker mit solchen bewegten Bildern anfangen? Wie kön­nen sie im Hinblick auf ihren Entstehungsprozess, ihre Machart, ihre Wirkung dekonstruriert und zu­gleich als historische Quellen für vergangene Gesellschaften genutzt werden? Um diese Frage kreiste die Summer­school Historische Filmaufnahmen als Zeitmaschine?, die vom 28. 8. bis zum 1. 9. 2017 an der Justus-Liebig-Universität Gießen stattfand. Eingeladen hatten der Arbeitsbereich Fachjournalistik Geschichte am Histori­schen Institut und das Zentrum für Medien und Interaktivität (ZMI).

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Foto: Ulrike Weckel, Christina Benninghaus, Thomas Lindenberger (v.l.n.r.)
Den Masterstudierenden und DoktorandInnen aus Gießen, Berlin, Jena und Wien bot sich ein Programm, das ganz unterschiedliche Ansätze der historischen Forschung zu und mit Filmen präsentierte. Nachdem Ulrike Weckel und Christina Benninghaus die TeilnehmerInnen begrüßt und das Konzept der Summerschool vorgestellt hatten, nutzte Thomas Lindenberger seinen Eröffnungsvortrag für einen konzisen Überblick über Potentiale der historischen Arbeit mit Filmen. Lindenberger unterschied dabei gesellschaftsgeschichtliche, archivwissenschaftliche und geschichtskulturelle Fragen, drei Dimen­sionen, die für die weitere Summerschool eine wichtige Rolle spielten. Wie Lindenberger darstellte, ver­danken sich die Anfänge des Films und die Entwicklung des Kinos der technischen Innovationskraft und der sozio-kulturellen Situation des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Frühe Filmvorführungen waren Teil einer kommerziellen Unterhaltungskultur, die immer auch von den Interessen des Publikums geformt wurde. An zeitgenössicher Kritik mangelte es nicht. Die insbesondere von kirchlicher Seite initiier­ten Informationsdienste sowie staatliche Zensurmaßnahmen produzierten Materialien, die heute wichtige historische Quellen für den frühen Film und seine damalige Wahrnehmung darstellen. Mit Verweis auf Siegfried Kracauer hielt Lindenberger an der Grundüberlegung fest, dass die Analyse von Spielfilmen, ihrer Entstehung und Rezeption Einblicke in die Befindlichkeit der jeweiligen Gesellschaft ermöglichen, dass sich gerade im kommerziell erfolgreichen Film bestehende Ängste und Wünsche und geteilte, zeitgenössisch selbstverständliche Vorstellungen zeigen. Aus gesellschaftshistorischer Sicht stellen Filme und ihre Rezep­tion damit eine für das 20. Jahrhundert geradezu unverzichtbare Quelle dar. Dies gilt in besonderem Maße für Dokumentarfilmaufnahmen, in denen – jenseits der Konstruktionsabsichten und Perspektiven der Filmemacher – eine außerfilmische Realität Spuren hinterlassen hat.

Dass Filme auch ein wichtiges Medium der Geschichtsdarstellung sind, wurde an dem von Thomas Linden­berger im Rahmen eines Workshops näher vorgestellten Film Oktjabr (Oktober) von Sergei Eisenstein deutlich. Bei Eisensteins Film handelt es sich um ein mittlerweile in rekonstruierter Fassung vorliegendes Meisterwerk der Stummfilmzeit. Obwohl der zum 10. Jahrestag des Sturzes der Provisorischen Regierung gedrehte Film ganz offensichtlich mit aufwändigen filmischen Mitteln arbeitet und eine kunstvoll kompo­nier­te Erzählung anbietet, werden Teile der Filmaufnahmen bis in die Gegenwart als dokumentarische Aufnahmen missverstanden. Dies ist insofern verständlich, als Eisenstein manche historische Ereignisse – etwa die Schüsse auf die Aufständischen auf dem Petrograder Newski-Prospekt im Juli 1917 – im Rückgriff auf Fotografien sorgfältig reinszenierte. Zugleich aber stiftete er, so Lindenberger, mit der im Zentrum

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Foto: Thomas Lindenberger
des Films stehenden Erstürmung des Winterpalais einen bis heute wirkungsvollen Mythos. In Anlehnung an John Reeds dramatische Schilderung Ten days that shook the world schuf Eisenstein eine bildgewaltige Darstellung der Erstürmung des Winterpalais, die es in dieser Form nicht gegeben hat, handelte es sich bei der Ablösung der Provisorischen Regierung durch die Bolschewiki im Oktober 1917 doch eher um einen wenig spektakulären Staatsstreich, bei dem die Revolutionäre, statt Barrikaden zu überwinden, durch offene Hintertüren in das Winterpalais eindringen konnten.

Von Eisenstein benutzte Formen der Authentifizierung – das Drehen an Orginalschauplätzen, die Arbeit mit Schauspielern, die den historischen Protagonisten ähnlich sehen, das Nachstellen von historischen Foto­grafien – sind bis heute wichtige Elemente des historischen Spielfilms, wie sich aktuell z.B. in Dunkirk oder Der Stern von Indien beobachten lässt. Wie Lindenberger herausstellte, wenden sich solche Filme immer an das Publikum ihrer Entstehungszeit und werden notwendigerweise im Lichte der jeweils gegenwärtigen Problemkonstellationen gesehen. HistorikerInnen seien dabei, so Lindenberger, zwar als Experten gefragt, wenn es um die historische Korrektheit des Films gehe, wichtiger sei aber ihre Expertise in Sachen Geschichtspolitik und Erinnerungskultur. Da Filme das Geschichtsbewusstsein oft stark beeinflus­sen, muss die Geschichtsdeutung, die sie anbieten, kritisch diskutiert werden. Nicht die Korrektheit im Detail, sondern die Quintessenz, die der Film anbietet, seine Interpretation des damaligen Geschehens und die dabei gewählte Perspektive sollten im Zentrum der Auseinandersetzung stehen. Spielfilme wollen und müssen ihr Publikum erreichen. Ihnen die Verdichtung historischer Abläufe, die Erfindung fiktiver Charak­tere oder auch die Erzeugung von Spannung oder Melodramatik vorzuwerfen, führt nicht weit. Gefragt wer­den kann aber, wessen Geschichte aus welcher Perspektive erzählt wird, inwieweit dabei auch ver­steckte Deutungen angeboten werden und wem eigentlich die Macht zugeschrieben wird, Geschichte zu machen und die Wirklichkeit zu verändern.

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Foto: Ulrike Weckel, Anja Horstmann, Teilnehmerinnen der Summerschool (v.l.n.r.)
Die Frage nach ideologischen Zielen und ihrer Umsetzung in filmischen Narrativen stellt sich in besonderem Maße für Propagandafilme. Anja Horstmann widmet sich in ihrer Dissertation dem Filmfragment Ghetto aus dem Frühjahr 1942. Im Filmmaterial wird eine bestimmte Sicht auf das Leben im Warschauer Ghetto konstruiert und dabei mit einer Mischung aus inszenierten und vorgefundenen Situationen gearbeitet. Bestimmte Aspekte – etwa die auf zeitgenössischen Fotografien ins Bild gesetzte Arbeit in den Ghetto-Werkstätten – blieben dabei ausgeklammert. Die Aufnahmen wurden, wie Horstmann zeigte, offensichtlich zu propagandistischen Zwecken gedreht und montiert. Der Film sollte belegen, dass die im Ghetto zusam­men­gepferchten Juden eines solidarischen Umgangs miteinander unfähig seien und statt dessen eine unmenschliche Klassengesellschaft errichtet hätten, in der wohlhabende Juden ein angenehmes Leben führten, während auf den Straßen des Ghettos Menschen verhungerten.

Über die Entstehung der Filmaufnahmen ist durch die Tagebuchaufzeichnungen des "Judenältesten" Adam Czerniakow einiges bekannt. Unklar ist jedoch, warum der Film nicht fertiggestellt wurde. Dafür können Zufälle bzw. mangelnde Ressourcen verantwortlich gewesen sein. Vielleicht – so Horstmann – wurde er auch nicht mehr gebraucht, weil die Deportationen aus dem Reich bereits abgeschlossen waren und das Regime kursierenden Gerüchten über das Schicksal der Deportierten nicht weitere Nahrung geben wollte. Vielleicht gab es aber auch Zweifel an der Überzeugungskraft des Films. Als Propagandafilm konnte er nur funktionieren, wenn es gelang, beim Publikum jegliches Mitleid mit verhungernden Juden auszuschalten. Andere nationalsozialistische Filme wie Opfer der Vergangenheit forderten dazu auf, Menschen mit geisti­gen und physischen Behinderungen mit Ekel zu betrachten. Wäre dies – unterstützt durch Montage, Text und Musik – auch für den Blick in die Augen der dem Hungertod nahen Menschen gelungen? Ein von Horstmann angeregter Vergleich mit 1941 in der Berliner Illustrierten Zeitung veröffentlichten Fotografien zeigt, dass das Narrativ der zu Mitmenschlichkeit unfähigen reichen Jüdinnen und Juden auch dort bedient wurde. Die Verstörung, die der Film bei der heutigen Betrachterin auslöst, der die Gesichter der Sterbenden im Gedächtnis haften bleiben, findet keine Entsprechung in den kleinformatigen Bildern aus der BIZ. Der Film, so könnte man im Rückgriff auf den von Lindenberger zitierten Marc Ferro argumentieren, eröffnet hier Sichtweisen und Einblicke, die sich von den Filmemachern nur bedingt kontrollieren ließen. Vielleicht war auch dies ein Grund, warum der Film nicht fertiggestellt wurde.

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Foto: Michaela Scharf (l.)
Filme werden für ein Publikum gedreht. Bei den ambitionierten Amateurfilmen, die Michaela Scharf vom Ludwig-Boltzmann-Institut für Geschichte und Gesellschaft in Wien für ihr Dissertationsprojekt analysiert, bestand dieses Publikum aus dem Familien- und Freundeskreis und eventuell auch aus Mitgliedern eines Filmclubs. Die soziale Praxis des Freizeitfilmens war komplex. Sie entwickelte sich auf der Grundlage von veränderten technischen Möglichkeiten – dem sich wandelnden Angebot an (erschwinglichen) Schmalfilmkameras –, im Rückgriff auf Anleitungen und im Kontext von Diskursen und Sehgewohnheiten, die ihrerseits vermutlich vom kommerziellen Film und professionellen Dokumentarfilm beeinflusst wurden. Unter ambitionierten Amateurfilmen versteht Scharf dabei solche Filme, die nachbe­arbeitet wurden, also durch Schnitt, Ton, Texttafeln, Trickfilmelemente u. ä. und somit zeigen, dass hier ein vorzeigbares Endprodukt erzeugt werden sollte. Thematisch widmen sich solche Filme der eigenen Familie, dem Wohnviertel oder dem Betrieb, sie zeigen Reisen und tagesaktuelle Ereignisse. Es finden sich aber auch Amateurspielfilme mit fiktiven Charakteren und Handlungen. In ihrer dokumentarischen Qualität laden die Filme zu einer doppelten historischen Lesart ein. Einerseits zeigen sie Bilder einer uneinholbar vergangenen materiellen Realität. Andererseits müssen sie als Kompositionen gesehen werden, in denen – beeinflusst durch zeitgenössische Diskurse und Anleitungen – ganz bestimmte Ausschnitte dieser Realität in bestimmter Perspektive auf Filmmaterial festgehalten wurden. Aus Sicht des Filmamateurs bzw. der Film­amateurin eröffnete die Praxis des Filmens damit seit den 1920er Jahren neue Möglichkeiten der Selbst­darstellung: als nüchterner Chronist, als Flaneur, Naturbeobachter, Liebender, Erziehender etc. Die Art der Selbstinszenierung konnte dabei auch dezidiert politische Formen annehmen, wie etwa in dem von Scharf vorgestellten Film Urlaub 1938, in dem sich ein bürgerliches österreichisches Paar als überzeugte National­sozialisten präsentiert: Fasziniert von der Grandezza von Reichsautobahn und Brücken, die ausführlich abgefilmt werden, und zu Besuch in Berchtesgarden, das Auto geschmückt mit kleiner Hakenkreuzfahne.

Mit der Produktion von Filmen gehen Kommunikationsabsichten einher. Sie können informieren, indoktri­nie­ren, unterhalten, verstören, berühren, die Fantasie beflügeln. Ob sie intendierte Wirkungen erreichen, steht allerdings auf einem anderen Blatt. Ulrike Weckel interessiert sich seit vielen Jahren dafür, wie das Publikum in medienhistorischen Arbeiten untersucht werden kann. In ihrem Workshop ging es um Filme, die Aufnahmen aus befreiten Konzentrationslagern zeigten und von den Alliierte in der unmittelbaren Nachkriegszeit eingesetzt wurden, um Deutsche mit den Greueltaten der NS-Zeit zu konfrontieren. Als der Film Die Todesmühlen Anfang 1946 für eine Woche in den 52 Kinos des amerikanischen Sektors von Berlin gezeigt wurde, sorgte das scheinbar geringe Interesse der Einwohner für Empörung. Nur eine Minderheit der Berliner sah sich den Film freiwillig an. In einem von der amerikanischen Militärregierung lancierten Artikel im Tagesspiegel wurden die einer Schätzung zufolge rund 75% der erwachsenen Berliner Bevölke­rung, die sich den Film nicht angesehen hatten, beschuldigt, nach wie vor dem Nationalsozialismus anzu­hängen und "Angst vor der Wahrheit" zu haben. Leserbriefe zeigten, dass die Motivlagen jedoch vielfältig waren und es unterschiedliche Gründe gab, weshalb sich Menschen den Film nicht ansehen wollten. Ebenso wie zeitgenössische Filmbesprechungen in der Presse erweisen sich diese Leserbriefe als weitaus aufschlussreicher als die ebenfalls vorliegenden Befragungen des Kinopublikums, die von amerikanischer Seite mithilfe von Fragebögen durchgeführt wurden. Letztere zeigen vor allem, wie groß die Hoffnung der Amerikaner war, dass die Filmaufnahmen zu einem Umdenken führen würden. Historische Rezeptionsfor­schung, so könnte man Weckels Fallbeispiel vielleicht verallgemeinern, findet immer in einem Spannungs­verhältnis statt. Auch scheinbar neutrale Erhebungsinstrumente spiegeln die Erwartungen der Meinungs­forscher wider, deren Vorurteile den Mediennutzerinnen und -nutzern vermutlich nicht verborgen blieben. Und auch der Blick der Historikerin auf das historische Material ist von ihrem Wissen um die spätere Ent­wicklung und ihren eigenen Sehgewohnheiten beeinflusst.

Dieses Spannungsverhältnis wurde auch im Workshop von Anja Laukötter deutlich, der sich dem Film Mann und Frau intim von 1984 widmete. Teil eines großen Quellenkorpus zur Sexualaufklärung im Film des 20. Jahrhunderts, ist dieser Film insofern außergewöhnlich, als er in der Spätphase der DDR mit erheblichem Aufwand produziert und breit rezipiert und diskutiert wurde. Zeitgenössischen Umfrageergebnissen zufolge wurde der Film vom Publikum überwiegend als gelungen eingestuft, auch wenn die befragten Zuschauerin­nen und Zuschauer keineswegs das Gefühl hatten, der Aufklärung in sexuellen Dingen zu bedürfen, und obwohl viele eine noch freizügigere Darstellung der Sexualbeziehung bevorzugt hätten. Die filmische The­ma­tisierung möglicher Probleme in einer modernen Paarbeziehung griff eher bereits vertraute, milieu­spezifische Überzeugungen auf, nämlich dass befriedigende Sexualität des offenen Gesprächs zwischen den Partnern bedürfe. Hier ließe sich gut an allgemeinere Überlegungen zum Zusammenhang zwischen Medien­nutzung und Wertewandel anknüpfen. Ähnlich wie Weckel, arbeitet auch Laukötter mit zeitgenössischen Meinungsumfragen, die allerdings höchstens indirekt Rückschlüsse darauf zulassen, welche Wirkung der Film tatsächlich entfaltete. Sie zeigen aber zumindest die in den Film gesetzen Erwartungen und das Bestreben, eine spezifisch sozialistische Form der erfüllten Paarbeziehung von westlichen Verhältnissen abzugrenzen.

Auf eine heutige Betrachterin wirkt Frau und Mann intim befremdlich und antiquiert, was aber die gedank­liche Beschäftigung mit den im Film aufgeworfenen Fragen ebenso wenig ausschließt, wie ein Berührt­werden durch die erotischen Passagen am Filmende. In der Diskussion wurde rasch deutlich, dass die spon­tane Rezeption des Films stark von individuellen Erwartungen, vielleicht auch Sehgewohnheiten abhängig ist, die bei der historischen Analyse mitreflektiert werden müssen. Kontextualisierung über zeit­genössische Materialien zur Entstehung des Films und zu Zuschauerreaktionen einerseits, Vergleich mit anderen zeitge­nössischen Aufklärungsfilmen andererseits, erwiesen sich als notwendige und effektive historische Arbeits­schritte, um zu einer intersubjektiven Deutung des Films und seiner Wirkung zu gelan­gen.

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Foto: Jan Peter, Ulrike Weckel (v.l.n.r.)
Anders als Texte, die in publizierter Form zwar auch auf der Arbeit von VerlegerInnen und LektorInnen ba­sieren, aber in ihren großen Mehrheit doch deutlich einem Autor bzw. einer Autorin zugeschrieben werden können, sind Filme in hohem Maße Gemeinschaftsprodukte. Sie entstehen unter Kostenzwängen und Zeit­druck und machen Kompromisse notwendig. Filme profitieren von der Kreativität und Intelligenz einer Grup­pe von Filmschaffenden und reflektieren dabei notwendig stattfindende Aushandlungsprozesse. Faszinierende Einblicke in die professionelle Praxis bei heutigen Fernsehproduktionen bot der Workshop mit Jan Peter, dessen Miniserie 14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs sicher zum Besten zu zählen ist, was Geschichtsfernsehen derzeit anzubieten hat. Die Serie, deren Fortsetzung für die Zwischenkriegszeit in Vor­bereitung ist, stellt den Ersten Weltkrieg aus erfahrungshistorischer Perspektive dar. Dabei stehen die Le­benswege einer international, generationell und sozial gemischten Gruppe von Tagebuchschreiberinnen und Tagebuchschreibern im Mittelpunkt. In einer Mischung aus kunstvoll collagierten historischen Film­aufnahmen und Reenactment wird gezeigt, wie sich der Erste Weltkrieg in das Leben von Menschen ein­schrieb. Deren Schicksale, ihre Handlungen, Interpretationen und Erfahrungen stehen im Zentrum der Darstellung. Ausgewählt wurden dabei Persönlichkeiten, die auch unter den Bedingungen des Krieges die Fähigkeit behielten, sich als als erkennendes, oft auch handelndes Subjekt zu entwerfen.

In einer beeindruckenden Mischung aus Reflexivität, Selbstbewusstsein und Offenheit, dabei frei von jeder Selbstverliebtheit, gewährte Jan Peter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Summerschool Einblicke in die konzeptionellen Überlegungen, die Arbeitsprozesse und Entscheidungen, die der Entstehung von 14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs zugrunde liegen. Zwei Vergleiche erwiesen sich als überaus fruchtbar, um besser zu verstehen, wie die Serie Geschichte erzählt und mit dem historischen Material – den Egodoku­menten und dem historischen Filmmaterial aus Spiel- und Dokumentarfilmen – umgeht: So arbeiten die deutsche und die englische Fassung der Serie mit unterschiedlichen Erzählformen. Während die deutschen Zuschauer über kurze Zusammenschnitte historischen Materials von einem Erzähler in die jeweilige histo­rische Situation eingeführt werden, kommt die BBC-Fassung ganz ohne solche Erklärungen aus. Beim zwei­ten Hinsehen zeigt sich jedoch, dass auch hier nicht nur direkt aus historischen Selbstzeugnissen zitiert wird, sondern dass den Tagebuchschreiberinnen und -schreibern Erklärungen in den Mund gelegt werden, die für ein heutiges Publikum notwendig erscheinen.

Ein zweiter Vergleich, nämlich zwischen Passagen aus den Kriegstagebüchern Ernst Jüngers, der literari­sierten Darstellung seiner Erlebnisse in In Stahlgewittern und der entsprechenden Filmszene zeigte, wie die Filmemacher Selbstdarstellung und Erinnerung in Spielfilmszenen überführt und dabei mehrere Passagen in einer Szene verdichtet haben. Dabei entstanden ist ein Portrait, das, so authentisch es auf den Zuschauer auch wirkt, eben genau dieses ist: ein mit filmischen Mitteln gestaltetes Portrait, das die Handschrift des Porträtierenden trägt und – so durchdacht es auch sei mag – eine immer auch hinterfragbare Deutung der historischen Figur anbietet.

Historisches Arbeiten mit und über Filme ist auf Quellen angewiesen. Deren Erhalt ist alles andere als selbstverständlich. Wie Ines Bayer vom Deutschen Filminstitut Frankfurt erklärte, entstanden die ersten Filmarchive, als am Ende der 1920er Jahre von Stumm- auf Tonfilm umgestellt wurde und Stummfilme damit kommerziell wertlos wurden. Gegenwärtig ist eine ähnliche Entwicklung zu beobachten, insofern analog gedrehte Filme in vielen Kinos nicht mehr vorgeführt werden können. Die Digitalisierung des Film­erbes des 20. Jahrhunderts lässt jedoch auf sich warten. Wie bei einer Führung im Filmarchiv in Wiesbaden deutlich wurde,  gibt es Unmengen von Filmen, die teils als Negativ, teils in (mehreren, in Qualität und Schnitt unter Umständen voneinander abweichenden) Kopien vorliegen. Wie viele der älteren Filme tat­sächlich noch vorhanden sind, ist gerade für den deutschsprachigen Raum schwer festzustellen, da es kein zentrales Filmarchiv gibt. Während Filme in der DDR systematisch gesammelt und aufgehoben wurden, gibt es in der Bundesrepublik keine Pflichthinterlegung, wie diese für Bücher seit 1913 besteht. Wichtige Be­stän­de lagern im Bundesarchiv, in der Deutschen Kinemathek und im Deutschen Filminstitut (DIF). Dessen Film- und Nachlassarchiv war Ziel einer Exkursion, die die Summerschool abschloss. In Gesprächen mit Michael Schurig und Isabelle Bastian wurde deutlich, unter welchen Bedingungen diese Archive arbeiten. Ziel des DIF ist dabei einerseits die Bewahrung des Filmerbes. Aufgehoben werden nicht nur Spielfilme, sondern auch dokumentarisches Filmmaterial, Amateurfilme und Gebrauchsfilme, wie z.B. Werbefilme. Das Filmarchiv sammelt darüber hinaus für die Forschung zur Filmgeschichte zentrale Materialien, die die Ent­stehung, die Vermarktung und den Konsum von Filmen betreffen. Dazu gehören die Nachlässe von Schau­spielerInnen und RegisseurInnen, die Unterlagen von Produktionsfirmen, Kinoplakate und Werbehefte, Filmzeitschriften und Starpostkarten ebenso wie Kostüme, Modelle und andere dreidimensionale Objekte. Beim Gespräch mit den Archivarinnen und Archivaren wurde rasch deutlich, dass hier noch viele Schätze zu heben sind. Schon während der Diskussion entstanden erste Ideen für Screenings unbekannter Filme und für Forschungsprojekte.

Die Summerschool schloss mit einem Besuch des Filmmuseums in Frankfurt, wo die Kuratorin Stefanie Plappert in die Konzeption der Dauerausstellung einführte. Filmvermittlung – durch die Filmvorführung im hauseigenen Kino, durch Filmverleih und Festivals, und durch eine faszinierende Dauerausstellung – gehört zu den Kernaufgaben des DIF. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Summerschool zeigten sich von der Ausstellung zum filmischen Erzählen begeistert.

Die Summerschool bot, dies lässt sich abschließend feststellen, ein facettenreiches Bild des Arbeitens mit und über Film. Alle Referentinnen und Referenten ließen sich darauf ein, Einblicke in ihre eigene wissen­schaftliche Praxis zu gewähren und dabei auch Schwierigkeiten im Umgang mit dem historischen Quellen­material zu diskutieren. Den Studierenden wurden neben interessanten Filmbeispielen auch archivalische Quellen zugänglich gemacht, die für das jeweilige Forschungsprojekt von Bedeutung waren.

Die Digitalisierung macht es heute möglich, Filme nicht nur als historisches Material im Archiv zu analysie­ren, sondern sie auch im Rahmen von Vorträgen und Publikationen über Filmstills oder Ausschnitte zu präsentieren. Damit ist es heute auch deutlich einfacher, über Filme zu arbeiten, die unbekannt und dem Publikum deshalb nicht präsent sind. Eine vollständige Rekonstruktion vergangener visueller Universen ist nicht möglich, aber gerade über Kontextualisierung und Vergleich lassen sich die Sehgewohnheiten der Vergangenheit heute sehr viel besser rekonstruieren als noch vor wenigen Jahren. In der historischen Forschung wird es damit möglich, den Menschen des 20. Jahrhunderts deutlicher denn je als Augentier zu verstehen: informiert, unterhalten, schockiert, gelangweilt und bewegt, manchmal wohl auch geprägt oder zumindest beeinflusst von bewegten Bildern.

(Christina Benninghaus)