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Solarenergie-Milliarden nicht in den Sand setzen

 
Gießener Wissenschaftler fordern interdisziplinäre Begleitung des jetzt vorgestellten Wüstenstromprojekts – Verweis auf historische Vorbelastungen und Konfliktpotenziale – „Wird Afrika wieder abgehängt?“

Nr. 179 • 13. Juli 2009

 

Unmittelbar nach Ende der mit großem Erfolg und internationaler Beteiligung durchgeführten zweiten Gießener Tagung zur Solarenergie-Partnerschaft mit Afrika (SEPA) folgte der Paukenschlag: Ein deutsches Industriekonsortiums kündigte heute an, schon im Oktober 2009 mit konkreten Planungen zu beginnen, die Investitionen bis zu 400 Milliarden Euro für solarthermische Kraftwerke vorsehen. Das Ziel des von der Münchener Rück AG angeführten Konsortiums besteht darin, durch solarthermische Großkraftwerke in Nordafrika einen maßgeblichen Beitrag zur Elektrizitätsversorgung Europas aufzubauen. Diese technisch machbare und ökologisch saubere Lösung berücksichtige derzeit nur unzureichend gesellschaftliche Implikationen, warnen Gießener Wissenschaftler der SEPA-Arbeitsgruppe.

Nachdem die technischen Fragen im Zusammenhang mit der Gewinnung solarthermischen Stroms und der Weiterleitung nach Europa mittlerweile weitgehend lösbar erscheinen, halten es die SEPA-Experten für zwingend notwendig, sich verstärkt den bisher noch offen gebliebenen Fragen und Forschungsfeldern zu widmen. Diese zu identifizieren fällt der Gießener Arbeitsgruppe aufgrund ihrer interdisziplinären Zusammensetzung (Geographie, Geschichte, Physik, Chemie, Politik-, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften) und einer mehrjährigen Vorarbeit nicht schwer. Aus ihrer Sicht kommt es nun darauf an, folgende Aspekte in die Diskussion einzubinden:

- Analyse der politischen Rahmenbedingen in den nordafrikanischen Mittelmeer-Anrainerstaaten,
- Untersuchung der historisch-geographischen Vorbelastungen und aktuellen Konfliktpotentiale,
- Möglichkeiten der Ausweitung auf afrikanische Staaten südlich der Sahara.

Als sensibel wird vor allem die Frage eingestuft, inwieweit die Konzepte des Konsortiums aus ihrer angedachten Energieversorgungsfunktion für Europa herausgelöst und in entwicklungspolitische Konzepte für den gesamten afrikanischen Kontinent integriert werden können. „Die angedachte Konzentration auf nordafrikanische Mittelmeeranrainer lässt die Befürchtung aufkommen, dass in den übrigen Regionen Afrikas trotz optimaler Sonneneinstrahlung ‚Weiße Flecken der Energieversorgung’ verbleiben“, sagt der Gießener Geograph Dr. Frank Schüssler und fragt gemeinsam mit seinem Kollegen, dem Historiker Prof. Dr. Winfried Speitkamp: „Wird Afrika wieder abgehängt?“ Es komme nun darauf an, die gesamtafrikanische Entwicklungsperspektive nicht aus den Augen zu verlieren. „Die Chancen dafür stehen besonders gut, da sich die Solarengieprojekte derzeit noch im Planungsstadium befinden“, betont Prof. Dr. Dirk van Laak. „Für eine Implementation von bislang bei afrikanischen Großprojekten allzu oft vergessenen sozialen und gesellschaftlichen Aspekten ist es noch nicht zu spät.“

Massive Direktinvestitionen sind genau das, was Afrika nach Ansicht der Wissenschaftler in der gegenwärtigen Situation dringend benötigt. Sensibles Vorgehen sei dabei gefragt. Es müsse jetzt ermittelt werden, wie hoch die Akzeptanz unter den betroffenen afrikanischen Bevölkerungsgruppen ist, inwieweit sie in SEPA-Projekte einbezogen werden können und wo gegebenenfalls historisch bedingte Empfindlichkeiten bestehen. Ermutigend wirken dabei positive Äußerungen afrikanischer Wissenschaftler während der Gießener SEPA-Tagung, die ihre konstruktive Zusammenarbeit bereits deutlich signalisierten. Die Länder Senegal und Namibia bieten dabei nicht nur hohe Potenziale, sondern eignen sich nach Ansicht der Gießener Wissenschaftler in geradezu idealer Weise als Multiplikatoren der SEPA-Idee im westlichen und südlichen Afrika.

  • Kontakt:

Prof. Dr. Michael Düren, Sprecher der SEPA-Arbeitsgruppe
II. Physikalisches Institut
Heinrich-Buff-Ring 16, 35392 Gießen
Telefon: 0641 99-33220, Fax: 0641 99-33229

Dr. Frank Schüssler, Geographisches Institut
Senckenbergstraße 1, 35390 Gießen
Telefon: 0641 99-36303

Prof. Dr. Dirk van Laak, Historisches Institut
Otto-Behaghel-Straße 10C, 35394 Gießen
Telefon: 0641 99-28134

Herausgegeben von der Pressestelle der Universität Gießen, Telefon 0641 99-12041