Künstler Paul Wander im Interview
Sein Werk „Schnittstellen“ ist zu sehen an der Wand der JLU-Zweigbibliothek Natur- und Lebenswissenschaften. Erfahren Sie mehr über den Künstler.
Über Paul Wander
Paul Wander (*1980) arbeitet seit 2022 im Atelier23 der Lebenshilfe Gießen. Sein künstlerischer Ausgangspunkt ist die Architektur, etwa die Darstellungen bekannter Gießener Gebäude als feine Zeichnungen und Linoldrucke, die bewusst mit Fehlern spielen. Neuere Werke umfassen Cut-Outs, also Scherenschnitte, fiktiver Architekturen. Die Fragilität der künstlerischen Technik bildet einen Gegenpol zu der statischen Motivik der Gebäude, was den Werken Individualität verleiht. Wanders neuesten Werke widmen sich dem menschlichen Körper, der Anatomie: Hier verbinden sich die organischen Formen mit Technik und zeigen fragile Geflechte.
JLU: Was gibt es auf Ihrem Werk zu entdecken?
Paul Wander: Zu sehen sind verschieden Elemente aus Natur- und Lebenswissenschaften: unter anderem das Hinterbein einer Kuh (Veterinärmedizin), Moleküle und ein Atommodell (Chemie/Physik), Zwiebelzellen und die DNA (Biologie) und ein Mensch mit Aorta und Blutgefäßen (Humanmedizin). In der Unibibliothek, in der das Werk als Wandbild zu sehen ist, gibt es Bücher zu diesen Fächern.
JLU: Was verbirgt sich hinter dem Titel „Schnittstellen“?
Wander: „Schnittstellen“ ist doppelt zu verstehen: Einmal geht es um die vielen Fächer in einem Bild, und außerdem ist die Originalvorlage ein Cut-Out. Ich mache dazu erst eine Skizze mit Bleistift und schneide das Motiv dann aus, sodass das Bild entsteht. Zu berücksichtigen sind dabei die Haltepunkte, damit das Bild nicht kaputtgeht. Diese Technik wollte ich unbedingt lernen, weil sie mich so fasziniert – auch, wie komplex ein Motiv am Ende werden kann. In der Bibliothek auf die Wand gemalt sind übrigens die ausgeschnittenen Flächen.
JLU: Sie haben das Motiv im Atelier23 der Lebenshilfe entworfen – wie läuft Ihre Arbeit dort?
Wander: Ich bin dreimal in der Woche im Atelier zum Zeichnen, Malen und Schneiden an meinen eignen Arbeitsplatz. Meistens mache ich Zeichnungen mit Bleistift und Fineliner oder Cut-Outs. Tusche habe ich auch schon ausprobiert. Bei den Motiven habe ich mit Architektur angefangen – beliebt sind zum Beispiel meine Gießener Motive wie Elefantenklo oder Rathaus im Kleinformat. Aktuell mache ich viel zu Biologie und Medizin. Mit den anderen Künstlerinnen und Künstlern im Atelier unterhalte ich mich und tausche mich über die Werke aus – das macht sehr viel Spaß.
JLU: Wie kam es zur Zusammenarbeit mit der Justus-Liebig-Universität Gießen?
Wander: Interesse besteht schon immer, etwas für die Uni zu machen. Ich habe mal das Universitätshauptgebäude gemalt – das Bild wurde an einen Professor verschenkt. Auch die Alte Universitätsbibliothek habe ich schon gezeichnet. An der JLU habe ich auch selbst schon Kurse besucht, zum Beispiel in der Kunstpädagogik zu Siebdrucktechnik oder zu Collage und Zeichnen. Das war sehr spannend, und ich habe viel gelernt. Als ich gehört habe, dass ich mich mit der Lebenshilfe um den Auftrag für das Wandbild in der Zweigbibliothek im Seltersweg bewerben kann, hat mich das sehr motiviert. Und es ist eine tolle Sache geworden.
JLU: Wie sind Sie zur Kunst gekommen?
Wander: Ich habe schon als Kind gerne gemalt. Als Erwachsener habe ich zunächst aus Langeweile angefangen wieder mehr zu malen: Ich war immer ein bisschen früher an der Arbeit und habe auf dem Parkplatz gewartet. Da kam ich auf die Idee, Autos zu skizzieren. Das war am Anfang herausfordernd. Aber es hat mir auch Freude gemacht meine eigenen Werke anzuschauen, und ich konnte gar nicht glauben, dass ich das selbst gemacht habe. Ich habe dann auch zu Hause gemalt, weil ich gemerkt habe, dass es einen therapeutischen Effekt hat und beruhigend ist.
JLU: Woher nehmen Sie Ihre Inspiration?
Wander: Wer etwas malt, trainiert seine Augen. Dadurch hat man andere Einsichten – dann kommt auch Inspiration.
Das Interview für die JLU geführt hat Eva Diehl im Frühjahr 2025.