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Konsequenzen sozialer Isolation

Kurz erklärt: Konsequenzen von sozialer Isolation

 

Von Prof Dr. Jan Häusser

 

Der Mensch ist ein soziales Tier. Das ist keine besonders neue Erkenntnis, sondern diese Idee taucht bereits bei Aristoteles auf. Der Mensch ist aber nicht einfach nur ein soziales Tier – das sind auch Zebras, Hunde oder Meerschweinchen – der Mensch ist ein extrem soziales Tier: Es gibt keine anderen Säugetiere, die so komplexe soziale Systeme schaffen wie der Mensch. Wir organisieren unser Zusammenleben in Staaten und Städten, wir arbeiten in Teams, wir leben in Familien oder Wohngemeinschaften, wir gehen Freundschaften ein. Der Drang, sich sozial zu organisieren, geht soweit, dass es für jedes noch so abseitige Hobby einen eigenen Verein gibt (für mich gehören bereits Karnevalsvereine in diese Kategorie).

 

 

Warum hat der Mensch ein so tief verwurzeltes Bedürfnis nach sozialen Kontakten (dass er dafür offenbar sogar Büttenreden in Kauf nimmt)? Evolutionär betrachtet gibt es zwei wichtige Gründe für die soziale Natur des Menschen. Erstens bedeuten soziale Kontakte und die Zugehörigkeit zu Gruppen einen Überlebensvorteil, da andere Schutz und Trost spenden können. Menschen, die sich in Gruppen organisiert haben, die miteinander kooperierten, waren besonders gut in der Lage, den Bedrohungen und Widrigkeiten ihrer Umwelt zu begegnen. Zweitens erlaubt der Austausch und Vergleich mit anderen, etwas über die Welt und über sich selbst zu erfahren. Wenn wir uns mit anderen vergleichen, können wir etwas über neue, unbekannte Situationen lernen (wie verhalten sich die anderen?). Aber auch über uns selbst (wie sehe ich die Situation im Vergleich zu anderen?). Informationen, die wir aus solchen Vergleichen gewinnen, helfen uns die neue Situation etwas besser zu verstehen, vorhersagbarer zu machen und so subjektiv mehr Kontrolle über unser Leben und die Welt zu erleben. Das Bedürfnis nach Kontrolle ist neben dem Bedürfnis nach sozialen Kontakten ein weiteres tief verwurzeltes Motiv menschlichen Erlebens.  

 

 

Beide Gründe für die soziale Natur des Menschen – also Schutz/Trost und soziale Vergleiche – sind insbesondere bei einer akuten Bedrohung von zentraler Bedeutung, um Bewältigungsmöglichkeiten für diese Situation zu schaffen und subjektive Kontrolle zurückzuerlangen. Die aktuelle Coronapandemie ist in dieser Hinsicht aber besonders tückisch: Mit dem Coronavirus SARS-2 gibt es eine neuartige, unkontrollierbare Bedrohung, für die psychologische – aber auch ganz praktische – Bewältigungsmöglichkeiten gefunden werden müssen. Gleichzeitig ist die Einschränkung sozialer Kontakte ein sehr effektives Instrument zur Eindämmung der Coronapandemie: Wenn sich Menschen nicht begegnen, können sie sich auch nicht gegenseitig anstecken. Das heißt aber, dass gerade in einer Situation, in der wir unser „soziales Kapital“ dringend benötigen um Trost und subjektive Sicherheit zu erfahren, dies nur eingeschränkt verfügbar ist. Dies unterscheidet die aktuelle Situation maßgeblich von anderen Bedrohungen und Krisen mit denen Menschen konfrontiert waren oder sind.

 

Wie kann es nun gelingen, die negativen psychologischen Konsequenzen der eingeschränkten sozialen Kontakte aufzufangen? Hierzu ist es meiner Meinung nach sehr wichtig, sich noch einmal die zentralen Gründe dafür vor Augen zu führen, die dazu beigetragen haben, dass der Mensch zu einem sozialen Tier geworden ist: Schutz/Trost und das Erleben von Kontrolle durch Informationen durch andere. Beides lässt sich auch in Zeiten der eingeschränkten Kontaktmöglichkeiten erleben: Spenden Sie Trost. Bieten Sie Hilfe an. Fordern Sie Trost und Hilfe. Tauschen Sie sich mit anderen aus. Wie sehen Sie die Situation? Was sind Ihre individuellen Probleme? Was sind die Probleme der anderen? Daher ist auch der Begriff der „sozialen Distanz“ (oder social distancing), der im Zusammenhang mit den Kontaktbeschränkungen immer wieder genannt wird, irreführend. Es geht allein um eine räumliche Distanz – soziale Nähe ist wichtiger denn je!

  

 

Jan Häusser (janh@psy.jlug.de) ist Professor für Sozialpsychologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen

In seiner Forschung beschäftigt er sich mit sozialen Konsequenzen von Stress und Schlafmangel, Arbeit und körperlicher Aktivität, sowie mit sozialem Zusammenhalt und gegenseitiger Unterstützung.

 

 

 

Foto: Anja Schaal