Daten statt Bauchgefühl
Im Interview spricht Prof. Dr. Mirjam Stockburger über überraschende Befunde zur "Pille danach", über die Wirkung von Rauchverboten und darüber, wie wichtig Daten für ihre Arbeit sind.
Gesellschaftliche Entwicklungen verlaufen oft anders als erwartet
1. Oktober 2026
Interview: Raphaela Rehwald
Prof. Dr. Mirjam Stockburger ist Professorin für Datenökonomie am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der JLU. Sie erforscht, wie institutionelle Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Veränderungen das Verhalten von Menschen beeinflussen, etwa im Gesundheitsbereich, in der Bildung oder bei Fragen der Familienplanung.
forumforschung: Frau Prof. Stockburger, als Datenökonomin erforschen Sie, wie sich Veränderungen auf unsere Gesellschaft auswirken. Wie lässt sich das in Zahlen fassen?
Prof. Stockburger: Indem wir zum Beispiel untersuchen, wie sich Verhalten unter bestimmten Bedingungen verändert. Daten machen Entwicklungen sichtbar – und dabei sehen wir oft, dass diese anders ausfallen als gedacht.
forumforschung: Können Sie das genauer erklären?
Prof. Stockburger: Nehmen wir zum Beispiel die „Pille danach". Sie ist heute in vielen europäischen Ländern rezeptfrei erhältlich. Eigentlich würde man erwarten, dass dadurch ungewollte Schwangerschaften zurückgehen.
forumforschung: Das zeigen Ihre Daten aber nicht?
Prof. Stockburger: Wir sehen durch die Reform tatsächlich keine Veränderung bei den Schwangerschaftsabbrüchen. Stattdessen beobachten wir sogar einen leichten Anstieg bei den Geburten.
forum forschung: Heißt das, dass das Medikament nicht genutzt wird?
Prof. Stockburger: Doch, durchaus. Die Verkaufszahlen sind nach der Umstellung auf Rezeptfreiheit sogar sprunghaft gestiegen. In mehreren Ländern sehen wir Anstiege von bis zu 100 Prozent innerhalb eines Monats.
forumforschung: Wie erklären Sie sich diesen Widerspruch?
Prof. Stockburger: Eine Erklärung ist, dass sich das Verhütungsverhalten verändert. Die „Pille danach" wird als eine Art zweite Chance wahrgenommen. Dadurch verlassen sich manche stärker darauf und verhüten weniger konsequent. Solche Effekte kennen wir auch aus anderen Bereichen. Ein klassisches Beispiel ist die Einführung der Anschnallpflicht im Auto: Als der Sicherheitsgurt eingeführt wurde, sind Menschen teilweise riskanter gefahren, weil sie sich sicherer fühlten. Die „Pille danach“ scheint wie der Gurt eine Sicherheit zu vermitteln, die risikofreudiger macht.
forumforschung: Könnten nicht auch wirtschaftliche Faktoren eine Erklärung dafür sein, dass die Geburtenzahlen ansteigen?
Prof. Stockburger: Solche Einflüsse müssen wir natürlich berücksichtigen. Wir machen deshalb das, was wir ein „natürliches Experiment“ nennen: Wir vergleichen die Entwicklung in mehreren Ländern, in denen sich die Regelungen zu unterschiedlichen Zeitpunkten verändert haben oder unverändert geblieben sind. So hatte Frankreich beispielsweise schon seit Ende der 1990er Jahre einen rezeptfreien Zugang. Dadurch können wir sehen, ob sich Deutschland nach der Reform anders entwickelt als Länder, in denen sich nichts geändert hat.
forumforschung: Wie belastbar ist so ein Vergleich?
Prof. Stockburger: Natürlich wäre es ideal, wenn wir direkt sehen könnten, was in Deutschland ohne die Reform passiert wäre. Wenn wir uns eine Parallelwelt bauen könnten, sozusagen. Weil das aber nicht möglich ist, arbeiten wir mit den bestmöglichen Vergleichen.
forumforschung: Würden Sie aus Ihren Ergebnissen folgern, dass der rezeptfreie Zugang zur „Pille danach“ ein Fehler war?
Prof. Stockburger: Ich halte es für riskant, aus einer Studie eine direkte politische Empfehlung abzuleiten. Die starken Verkaufszahlen zeigen schließlich auch, dass die „Pille danach“ gewünscht ist. Nur wird eben gleichzeitig sichtbar, dass mehr Zugang nicht automatisch zu weniger Abbrüchen führt. Das war so nicht zu erwarten und ist daher eine hilfreiche Erkenntnis.
forum forschung: Sind Sie in Ihrer Forschung auch auf Maßnahmen gestoßen, die genau das bewirkt haben, was man sich erhofft hatte?
Prof. Stockburger: Ja, das Rauchverbot an Schulen ist so ein Beispiel. Da sehen wir, dass Jugendliche durch das Verbot tatsächlich weniger rauchen und dass dieser Effekt noch Jahre später anhält. Selbst nach fünf Jahren rauchen diejenigen, die während ihrer Schulzeit vom Rauchverbot betroffen waren, deutlich seltener.
Natürlich wäre es ideal, wenn wir uns eine Parallelwelt bauen könnten, sozusagen. Weil das aber nicht möglich ist, arbeiten wir mit den bestmöglichen Vergleichen.
forumforschung: Woher wissen Sie, dass der Rückgang wirklich am Rauchverbot liegt und nicht daran, dass Rauchen insgesamt unpopulärer geworden ist?
Prof. Stockburger: Weil wir auch hier wieder das natürliche Experiment nutzen. Die Schulrauchverbote wurden in den Bundesländern zu unterschiedlichen Zeitpunkten eingeführt. Dadurch können wir vergleichen, was sich tatsächlich durch die Maßnahme verändert hat.
forumforschung: Ist ein Rauchverbot also generell sinnvoll?
Prof. Stockburger: Für den Schutz von Nichtraucherinnen und Nichtrauchern auf jeden Fall. Wenn es aber darum geht, das Rauchverhalten zu verändern, sind die Effekte begrenzt: Beim Rauchverbot in Bars und Restaurants beobachten wir kaum Veränderungen, teilweise wird sogar mehr zu Hause geraucht.
forumforschung: Woran liegt es, dass Maßnahmen so unterschiedlich wirken?
Prof. Stockburger: Menschliches Verhalten ist nicht immer vorhersehbar. Auch wenn Maßnahmen auf ein bestimmtes Verhalten abzielen, ist es möglich, dass wir auf eine andere Weise darauf reagieren. Genau das versuchen wir sichtbar zu machen.
forumforschung: Dabei betrachten Sie sehr unterschiedliche Bereiche unserer Gesellschaft.
Prof. Stockburger: Ja, unser Forschungsfeld ist vielseitig. Aktuell betrachten wir zum Beispiel die verkürzte Gymnasialzeit, die sogenannte G8-Reform. Wir sehen Hinweise, dass betroffene Jahrgänge früher im Arbeitsmarkt ankommen und früher in die Familiengründungsphase eintreten.
forumforschung: Ein Effekt, der so vermutlich nicht absehbar war.
Prof. Stockburger: Richtig. Ein Jahr klingt wenig, kann aber über den Lebensverlauf entscheiden. Viele dieser Effekte zeigen sich erst mit Verzögerung. Gerade bei der Familienplanung müssen wir zum Teil noch auf Daten warten, um beurteilen zu können, wie sich die verkürzte Gymnasialzeit langfristig auswirkt.
forumforschung: Setzt Ihnen die Verfügbarkeit von Daten häufig Grenzen?
Prof. Stockburger: Es kommt darauf an. In manchen Fällen müssen wir warten, bis ausreichend Daten vorliegen. In anderen Fällen ist der Zugang schwierig. In Deutschland telefoniere ich oft mehrere Anlaufstellen ab, hoffe auf Kooperation und bekomme am Ende manchmal Daten, die nicht vergleichbar sind. Das ist frustrierend. In anderen Ländern ist das einfacher: In Schweden zum Beispiel sind zahlreiche Register miteinander verknüpft, sodass sich Entwicklungen über die gesamte Bevölkerung hinweg nachvollziehen lassen.
forumforschung: Was wünschen Sie sich von der Politik?
Prof. Stockburger: Mehr Mut beim Datenzugang, natürlich unter Einhaltung des Datenschutzes. Viele wichtige Fragen könnten wir besser beantworten, wenn der Zugang zu den Daten einfacher wäre.
forumforschung: Das klingt wie ein Plädoyer gegen das Bauchgefühl.
Prof. Stockburger: In diesem Fall ist es das auch. Viele Zusammenhänge wirken plausibel. Aber erst die Daten zeigen, was tatsächlich passiert. Manchmal bestätigt sich die Erwartung. Manchmal nicht. Und genau dann wird es interessant.