Inhaltspezifische Aktionen

Kreuzstich Gelee

Performative Rauminstallation zum Idealbild der Hausfrau von Studierenden der Angewandten Theaterwissenschaft.

1. September 2026

Irritation gewollt, Reflexion gewünscht: Szene aus der performativen Rauminstallation (hinter dem Buchcover verbirgt sich Sonja Mogk. - Foto: Oskar Hinz

Von Charlotte Brückner-Ihl

Eine Sofaecke, eine Küchenzeile, ein gesticktes Glossar. Das Rühren der Geliermasse, ihr Guss in eine kleine Form. Eine Treppe mit Étagèren, ein paar Plastikblumen, eine „fragende Wand“. Wie hat sich das Idealbild der Hausfrau mit der Zeit entwickelt? Wie prägt es unsere Ge-sellschaft noch oder gerade heute? Was wurde uns durch unsere Mütter und Großmütter vermittelt? Fragen wie diese haben Imke Daum, Sonja Mogk und Mio Trillitzsch, alle drei Studierende der Angewandten Thea-terwissenschaft (ATW) an der JLU, in ihrer selbst konzipierten Ausstellung „Kreuzstich Gelee“ thematisiert. Die performative Rauminstallation war im Frühjahr in den Räumen der Ateliergemeinschaft trafo e.V. in der Bismarckstraße zu sehen. 

Eine Frau mit ungebundener Schürze rührt mit einem Handmixer stoisch im Wackelpudding. Ein biss-chen retro, ein bisschen nostalgisch, vor allem auch ein bisschen ironisch – so die Szenerie. Diese Mischung trifft auch die Gefühle der Gäste beim Eintreten ins stimmig durchkompo-nierte Ambiente. Es handelt sich vordergründig um ein Thema, das Erinnerungen weckt. Hinter dem Motto der Ausstellung steckt jedoch weit mehr, etwa die Frage: Wie beeinflusst der Content von Tradwives auf Social-Media die nächste Generation? Welches Weltbild steht dahinter? Was hat es mit der Wiederentdeckung des Idealbilds der Hausfrau auf sich? Der Titel des Buches, das die Protagonistin auf einem Foto in Händen hält, spricht für sich: „Die rechte Hand der Hausfrau – 1123 praktische Winke und Ratschläge“.

In der Recherche für die Ausstellung hatten die Künstler*innen mit Menschen verschiedener Generationen gesprochen, deren Stimmen in einem Audio zu hören waren. Im Rahmen ihres künstlerischen Projekts „Das Idealbild der Hausfrau“ arbeiteten sie seit dem Sommersemester 2025 zusammen, suchten den Austausch unter anderem mit Bewohnerinnen des Johannesstifts und erhielten vielfältige Antworten auf noch mehr Fragen: Wie sah der Alltag einer Hausfrau früher aus? Welche Erwartungen gab es damals? Und wie wurde Hausarbeit erlebt, emotional, körperlich, gesellschaftlich? 

Nicht minder wichtig ist dem künstlerischen Trio, das in dieser Konstellation erstmals zusammenge-arbeitet hat, aber der Blick in die Zu-kunft: In der Umsetzung war für die Studierenden die Frage nach einer Weitergabe von Lebensmodellen, Idealen und Ideen zentral.  „Wir fragen uns: Welche Ideen und Lebens-modelle wollen wir an die nächsten Generationen vererben?”, sagt Mio Trillitzsch. „Diesen Fragen wollten wir gemeinsam begegnen.“ 

Der Kreuzstich ist ein Zierstich aus zwei, sich schräg kreuzenden, einzelnen Stichen. Das Wort Gelee wurde vom französischen gelée entlehnt und geht zurück auf das lateinische gelare für „ge-frieren“ oder „zum Erstarren bringen“ und bezeichnet Lebensmittel mit gallertartiger Konsistenz.

Dass die Ausstellung rund um den Internationalen Frauentag am 8. März gezeigt wurde, war kein Zufall. „Für mich geht es darum, für ein selbstbestimmtes freies Leben in der Gesellschaft einzustehen“, sagt Imke Daum. „Das Idealbild der Hausfrau verbinde ich mit Erwartungen, Ideen und Lebensumständen, die Menschen prägen, ohne dass sie sich das aussuchen konnten.“ Gesellschaftliche Zwänge in einem patriarchalen System zu verstehen, könne helfen, diese zu überwinden. „Wir wollten Menschen Einblick in Lebensrealitä-ten geben und uns mit dem kulturellen Erbe der Hausfrau auseinander-setzen – und damit, wie es uns noch heute prägt”, ergänzt Sonja Mogk. 


Während der Ausstellung performte eine Person nahezu durchgehend. Die Gäste hatten die Möglichkeit, sich nebenher auszutauschen und über eigene Fragen ins Gespräch zu kommen. Dabei konnten und sollten selbstverständlich auch Ideen entwickelt werden, wie eine Zukunft jen-seits des Hausfrauen-Ideals aussehen kann. 

Credit Points gab es für das künstlerische Projekt nicht. Das Trio hatte sich zwar im Studium zusammengefunden – Imke Daum (25) studierten zu der Zeit im 2. Master-Semester, Sonja Mogk und Mio Trillitzsch (beide 22) studierten im 4. Bachelor-Semester ATW. Die Ausstellungsarbeit aber war eine private Initiative, entstanden aus dem gemeinsamen Interesse an queer-feministischen Themen.

Begeisterte Rückmeldungen waren der wohlverdiente Lohn für außergewöhnliches Engagement und viel investierte Zeit. „Wir ziehen ein positives Fazit, da wir das Gefühl hatten, viele Menschen angesprochen zu haben“, lautet das gemeinsame Fazit „Die Geschichten, die uns erzählt wurden, haben uns über die Ausstellung hinaus beschäf-tigt. Wir haben viele neue Impulse bekommen und hoffen, auch ein Impuls für Menschen gewesen zu sein.“ Ihr Projekt würden sie gern auch an anderen Orten aufführen und wollen sich damit auf Gastspiele bei Festivals bewerben. Einer weiteren Zusammenarbeit steht nichts im Wege. Anfragen herzlich willkommen!