Kunst entlang der Lahn
Neuauflage des beliebten Seminarprojekts von Studierenden der Kunstpädagogik - Unterstützung durch die Lahnpark GmbH
Von Dagmar Klein
Bereits zum vierten Mal können Studierende der Kunstpädagogik sich mit dem Seminarprojekt Kunst an der Lahn erproben. Wieder kam die Anfrage von der Lahnpark GmbH, worüber Seminarleiter Prof. Dr. Ansgar Schnurr hocherfreut ist. Vor allem, weil sie auch finanziell und organisatorisch unterstützend dabei ist. Die vorigen Male fanden die bildhauerische Intervention auf den Lahnwiesen 2017, 2020 und 2023 statt, im Dreijahres-Rhythmus könnte man sagen.
Robuste Kunst
Das Seminar fand im Sommersemester statt, es beinhaltete für die 14 Studierenden viele zusätzliche Termine: das Erkunden der Orte, das Recherchieren zu Gegenwart und Geschichte, die Entwicklung einer künstlerischen Idee, teilweise das Erlernen neuer künstlerischer Techniken für die Umsetzung. Dazu kommt die neue Erfahrung der Größendimension: Was in der Beengtheit eines Ateliers groß wirkt, ist in der freien Landschaft fast filigran.
Die theoretische Grundfrage lautet: Was wird aus dem Kontext in die Kunst integriert, reflektiert oder kommentiert? Nicht zu vergessen für die praktische Umsetzung. Kunst im öffentlichen Raum muss robust sein, Wetter und Alltagsverhalten trotzen. Und eines belegen alle Arbeiten: Es ist wichtig, Kunst im öffentlichen Raum mit Infotafeln zu versehen, um die Objekte schneller zu identifizieren und etwas über das Kunstwollen zu erfahren.
Die Mehrzahl der Werke sind auf der stadtzugewandten Lahnseite zu finden, beginnend n der Grünanlage des Seniorenzentrums, wo Maxim Vincent Scheidt eine Plastik aus Keramik, Fieberglas und Stahl zeigt; eine Hommage an das Leben, an den Körper und seine Zerbrechlichkeit. Am gegenüberliegenden Lahnufer sind zwei Arbeiten zu finden: Beim Ruderclub Hassia oberhalb des Klinkel´schen Wehrs, befasst sich Thirza Reibeling sich mit dem dort früher üblichen Wäschewaschen am Fluss. Gegenüber dem Schlachthof-Turm hat Annika Heller einen überdimensionalen Rettungsring auf die Wiese gelegt, der ohne Funktion wie ein gestrandeter Wal wirkt.
Weiter geht’s auf der Stadtseite. Maria Eis setzt an mehreren Stellen Müll auf Sockel mit quadratischem Grundriss, um Konsumverhalten zu hinterfragen. Die Aufforderung auf dem Hinweisschild selbst zur weiteren Gestaltung beizutragen, weist zum Zeitpunkt der Begehung überall Leerstellen auf. Es wurde eher abgeräumt, aber nichts dazugelegt.
Angsträume
Lea Sommer weist mit ihrer Installation "Angsträume" auf das Unbehagen (von Frauen?) im öffentlichen Raum hin, erwachsen aus persönlichen Erfahrungen. Sie hat durchscheinende Stofffahnen mit Sprüchen bestickt und über Stangen im Karree gehängt. Es sieht eigentlich hübsch aus, wie sie da im Wind schweben. Für den Inhalt muss man nah herangehen. So auch bei der Arbeit von Annalia Gross, die den alten Badeeinstieg in die Lahn gefunden hat, der durch Stufen und Geländer noch erkennbar ist; dort hat sie orangefarbene Silikonabgüsse von Händen platziert, die an die einstige Nutzung erinnern sollen. Gegenüber an einem Baum glänzt der Schildkrötenpanzer aus Stahl, mit dem Malena Jähn an das Problem mit invasiven Arten erinnern will.
Helena Mantel hat sich mit dem Klärwerk Gießen auseinandergesetzt, hat dafür fünf Kreisformen mit getrocknetem Klärschlamm gefüllt, es riecht ein bisschen seltsam, damit soll an die unsichtbare, aber für unseren Alltag höchst wichtige Infrastruktur erinnert werden. Auch Tyron Bowakow hat ein ökologisches Thema gewählt, den Rückgang von Insekten; Schmetterlinge, die er aus Stahlblechen herausgebrannt hat, schimmern auf der Wiese. Nahe der Adenauer-Brücke hat Anna Kraus drei Toilettensitze in Tarnfarben aufgestellt, allerdings auf sehr fragile Weise. Ob Wildpinkler sich davon angesprochen fühlen? Sina Fabienne Marx schuf auf Höhe des Wehrs ein Feld aus neun in einem Quadrat angeordneten Blöcken aus Holz und Beton. Auch hier ist die Infotafel wichtig, man könnte es sonst für ein weiteres Experiment der Stadtmöblierung halten. Die Sitze haben Betonsitzflächen mit Abdrücke aus der Umgebung, ein kleines Suchspiel in der Landschaft.
Radtour zu weiter entfernten Orten
Die letzten Orte sind weiter weg und eigentlich nur für eine Radtour geeignet. Auf dem Gelände des Lern- und Erinnerungsorts Notaufnahmelager, im mittleren Grünbereich, zeigt Jonas Pöschl eine in die Höhe ragende Installation mit deformierten Zaunteilen, Schranken- und Grenzelementen. Der Titel „Entgrenzung“ weist auf Lebenswege mit ihren Kreuzungen, Umwegen und Brüchen, ist ein Bild für die vielen flüchtenden Menschen, die dort ankamen. Ein Stück die Lahnstraße weiter, unterhalb der Wohnhäuser der Margaretenhütte, folgen weitere Installationen. Katharina Kettner greift in drei geschmiedeten Stahlformen die Umrisse der Umgebung auf; Betrachtende müssen ihre Position wechseln, um alles zu sehen. Die letzte Arbeit ist von Noa-Kristin Strunk, die sich mit der früheren Eisenverhüttung an diesem Ort auseinandersetzt: Eine Metallplastik mit abgewinkelten Formen neben einem Haufen unbearbeiteter Gesteinsbrocken. Dennoch: beide Gestaltungen verschwinden fast vor dem mächtigen dystopischen Wandbild an der Lagerhalle dahinter. Ein interessanter Kontrast.