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Nachruf auf Prof. Dr. phil. Helmut Dubiel

(erscheint auch in SOZIOLOGIE HEFT 1/2016)

Mit Helmut Dubiel verliert die Soziologie einen der maßgeblichen Bezugspunkte für diejenigen unter uns, die kritische Gesellschaftstheorie und Sozialforschung als unverzichtbar betrachten. Gerade in den letzten Jahren seiner Zeit als aktiver Professor in Gießen sammelten sich Studierende, Promovierende, Forschende um ihn, die kritische Theorie als eminent wichtigen konzeptuellen und theoretischen Ankerpunkt für ihre Abschlussarbeiten und Dissertationen entdeckten. Und gemeinsam mit ihnen, in gegenseitiger Unterstützung, schuf er dieses besondere Klima offenen intellektuellen Austauschs, wie er es, 1992 an die Justus-Liebig-Universität Gießen berufen, ans dortige Institut für Soziologie mitgebracht hatte, wo ich ihn in meinem zweiten Studiensemester kennenlernte.

Dubiel gehörte einer Generation kritischer Theoretikerinnen und Theoretiker nach Horkheimer und Adorno an, die innerhalb eines grundsätzlich kritischen, gesellschaftsanalytischen Paradigmas eine Alternative zur klassischen, ins Geschichtsphilosophische gewendeten Frankfurter Schule suchten und dabei jeweils eigene Wege einschlugen. In diesem Suchen ging es um die Frage, ob nicht in der gesellschaftlichen Praxis selbst Kritikpotenziale geborgen werden könnten, die, theoretisch reflektiert, die Theorie aus der Geschichtsphilosophie wieder in eine offenere Theoretisierung gesellschaftlicher Wandlungsprozesse und Krisen zu öffnen vermöchten. Während Jürgen Habermas das Kritikpotenzial der Gesellschaftstheorie in einer anthropologisch und modernisierungstheoretisch gewendeten Theorie sprachlicher Praxis verortete und Axel Honneth eine Theorie der Anerkennung entwickelte, die Kritikpotenziale in den moralischen Fundamenten sozialer Kämpfe erblickte, wählte Dubiel den Weg über die politische Theorie. So eröffneten seine Arbeiten die Möglichkeit einer politisch-soziologischen Rekonstruktion empirischer, immanenter Kritiken der Gesellschaft.

Dies war in den 1970er Jahren, am Anfang seines Schaffens, noch nicht voll absehbar. Dubiel setzte sich in seinen frühen Schriften in intensiver Weise mit der kritischen Theorie auseinander, zunächst in seiner Dissertation, in der er sich noch stark an die kritisch-theoretische Klassik anlehnte (Identität und Institution, 1973). In seiner bald folgenden Habilitationsschrift (Wissenschaftsorganisation und politische Erfahrung, 1978) setzte er sich dann bereits, wieder anhand der Frankfurter Schule, deren innere Verfassung er als einer der ersten sozialwissenschaftlich reflektiert thematisierte und kommentierte, mit der Relevanz politischen Urteilens bei der sozialwissenschaftlichen Theoriebildung auseinander. Mit seinem Wechsel ans Frankfurter Institut für Sozialforschung, in dem er von 1989 bis 1997 die Funktion eines Direktors ausübte, gewann dann der Zugang, kritische Gesellschaftstheorie im Spiegel politischer Theorie neu zu entwerfen, an Gestalt. Seinen Ausgangspunkt wählte Dubiel bei Herbert Marcuse, der die Institutionen der liberalen Demokratie, obwohl spätkapitalistischer Regression Vorschub leistend, zumindest als ein Mindestbollwerk gegen neuen Faschismus ansah („Demokratie und Kapitalismus bei Herbert Marcuse“, 1992). Das „Nadelöhr demokratischer Willensbildung“ gebot eine Analyse seiner gesellschaftlichen Lagerung, nach denen Dubiel in intensiver Auseinandersetzung mit politischen Denkerinnen und Denkern wie Montesquieu, Tocqueville, Arendt und Lefort fahndete (u.a. in Ungewissheit und Politik, 1994). Für Dubiel stellte die politische Theorie einen unumgänglichen Bezugspunkt von Gesellschaftstheorie dar, insofern sie die gesellschaftliche Lagerung politischer Prozesse, und von Politizität selbst, erkannte und reflektierte. Gerade die Umschlagpunkte politischer Theorie in Gesellschaftstheorie zeigten die Notwendigkeit an, das immer nur vorläufige Zusammenhalten heutiger Gemeinwesen als einen genuin politischen Prozess zu deuten – einen Prozess, in dem Gesellschaften durch die Austragung von Konflikten politisch auf sich selbst einwirken.

Einen ersten, zeitdiagnostischen Ankerpunkt dieser Wendung in Dubiels Arbeit bildeten die äußerst lebhaften Debatten um das politische und gesellschaftstheoretische Konzept der Zivilgesellschaft, die seit Ende der 1980er Jahre die untergehenden staatssozialistischen politischen und gesellschaftlichen Ordnungen begleiteten. Dubiel nahm die politischen und gesellschaftlichen Debatten und Vorgänge in ostmitteleuropäischen Ländern zum Ausgangspunkt allgemeiner Überlegungen zur Bedeutung reflexiv gewordener Konfliktivität als Voraussetzung moderner Gesellschaftlichkeit (Die demokratische Frage, zus. mit G. Frankenberg und U. Rödel 1990; Ungewißheit und Politik, 1994). In den Mittelpunkt rückte er dabei die von Teilen des Widerstands gegen die staatssozialistischen Regime vertretene Forderung, dass die Opposition niemals die Rolle dieser Regime übernehmen dürfe, sondern in der Gesellschaft verbleiben müsse. Indem er diesen Verzicht als Zeugnis für die Nichtidentität zwischen der politischen Steuerung einer Gesellschaft und dieser Gesellschaft selbst in all ihrer Pluralität ansah, folgerte Dubiel, dass der Kern moderner Gesellschaften in ihrer reflexiv gewordenen Konfliktivität besteht, die als solche nur anerkannt und bearbeitet, niemals aber aufgehoben werden kann.

Seit 1992 hatte Dubiel in Gießen einen Lehrstuhl für Soziologie inne. Dort – sowie in Berkeley, New York und Florenz, wo er Gastprofessuren wahrnahm – entstand eine an der Unvermeidlichkeit von Konflikten orientierte Zeitdiagnose, die nach der Möglichkeit von Demokratie in Gegenwartsgesellschaften angesichts deren fundamentaler und reflexiv gewordener konfliktiver Grundstruktur fragte. Das am meisten beeindruckende Beispiel für diese Sichtweise ist vermutlich die 1999 erschienene Studie zur Geschichte der Debatten des deutschen Bundestages über die nationalsozialistischen Verbrechen (‚Niemand ist frei von der Geschichte‘, 1999). Hier legte er eine rigoros empirische Geschichte öffentlicher Konfliktbearbeitung in der Bundesrepublik Deutschland vor, einer Gesellschaft, deren demokratische Institutionen historisch wie in keiner anderen Gegenwartsgesellschaft auf Bergen von Leichen errichtet waren, was in unabschließbarer Weise immer wieder heftige Konflikte darüber erzeugte, was diese makrokriminelle Erbschaft der Deutschen für die Gegenwart bedeutet. Über den deutschen Fall hinaus zeichnete dieses Buch ein Bild gegenwärtiger, demokratisch verfasster Gesellschaften, das deren volle Fragilität schonungslos zeigte, doch die Hoffnung auf eine gelingende „Konflikthegung“ nicht aufgab. Im Angesicht von politischen Verbrechen, die an ihren Wurzeln liegen, können solche Gesellschaften sich niemals auf eine unhinterfragte Behauptung kultureller Identität berufen, um sich symbolisch zu festigen. Es bleibt ihnen nur der Weg, ihr eigenes dissoziatives Grundmuster zu erkennen und in eine Kette von durchgestandenen Konflikten, in ein, wie Dubiel schrieb, „historisches Kapital ertragener Verschiedenheit“, zu transformieren.

Helmut Dubiel litt an der Parkinson-Krankheit – und entschied sich, darüber zu sprechen. Seinen Vorlesungen pflegte er in den Jahren vor seinem Ruhestand den Hinweis vorwegzuschicken, dass er sich aufgrund der mit dieser Krankheit verbundenen Begrenzung seiner Sprechlautstärke Ruhe erhoffe. Meistens wirkte das. Er war mit seiner ruhigen Präsenz, deren Wirkung durch die Krankheit und durch die aufreibenden Versuche, sie chirurgisch und medikamentös zu behandeln, zuweilen noch verstärkt schien, ein charismatischer Lehrer. Für eine lebhafte öffentliche Diskussion sorgte er mit der Publikation des Buchs Tief im Hirn (2006), in dem er anhand seiner Erfahrungen als Patient die Folgen der Medikalisierung der Gesellschaft reflektierte und dies – in dem zeitdiagnostischen Geist, der sein Schaffen prägte – in eine Betrachtung der Bedingungen und Grenzen von Autonomie in der Gegenwartsgesellschaft überführte. Das Versprechen individueller Autonomie und kooperativer Selbstbestimmung, das die Aufklärung gegeben und das die klassische kritische Theorie so vehement entlarvt hatte, nahm in Helmut Dubiels Arbeiten die, ambivalent gewendete, Position einer alternativlosen, und doch immer von Rück- und Umschlag bedrohten, normativen Möglichkeit gesellschaftlichen Zusammenhalts und individueller Agentschaft ein. Was aus dieser Möglichkeit wird in einer Lage, in der die zunehmende Einschränkung körperlichen Vermögens und sprachlicher Verständigung durch den maximal invasiven, im wahrsten Wortsinne fremdgesteuerten Eingriff der Implantierung einer Sonde ins Gehirn gekontert wird, die dem Patienten dann die Wahl lässt, per Fernsteuerung zwischen Stimulierung des Sprachzentrums oder des Bewegungsapparats zu entscheiden – diese Frage stellt die Gesellschaft, in der wir leben, ein weiteres Mal auf den kritischen Prüfstand.

Helmut Dubiel hat uns diese Frage nun hinterlassen und uns zugleich ein Werk an die Hand gegeben, ihre Bedeutung zu begreifen. Er starb am 3. November 2015.

 

Andreas Langenohl, Gießen, 15. November 2015