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Artikelaktionen

Wie kommt es eigentlich zu Hamsterkäufen?

 

Kurz erklärt: Kooperation und Egoismus oder Wie kommt es eigentlich zu Hamsterkäufen?

 

Von Prof. Dr. Jan Häusser

 

Standen Sie auch schon vor leeren Supermarktregalen? Haben Sie sich auch schon gefragt, warum es überhaupt zu den Hamsterkäufen gekommen ist?

 

 

Die derzeitige Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen in vielen Lebensbereichen bringen uns in eine Vielzahl von sogenannten mixed-motive-Situationen. Das sind Situationen, in denen gleichzeitig kollektive Motive (dass es allen gut geht) und persönliche Motive (dass es mir gut) vorliegen, die wir bei unserem Verhalten berücksichtigen müssen. Manchmal sind diese Motive miteinander vereinbar, manchmal leider nicht. Zum Beispiel ist es wichtig, dass wir alle durch persönliche Einschränkungen unserer sozialen Kontakte die weitere Ausbreitung des Coronavirus verlangsamen. Die Verlangsamung der Ausbreitung ist sowohl in meinem Interesse, als auch im Sinne der Allgemeinheit. Nicht zuletzt erleben wir daher eine erstaunlich breite Zustimmung zu politischen Maßnahmen, die unsere gewohnten Freiheiten von einem Tag auf den anderen massiv einschränken. Die Motive sind hier also vereinbar, auch wenn es sehr schwerfällt, die eigenen sozialen Kontakte einzuschränken.

 

 

Auch die Versorgung mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln stellt eine mixed-motive-Situation dar: Wir sollten uns kooperativ verhalten und so gemeinsame Ressourcen (z.B. Klopapier) für alle verfügbar halten. Dies ist das kollektive Motiv. Gleichzeitig hat jeder von uns absolut nachvollziehbare persönliche Motive, das eigene Wohlbefinden und die eigene Sicherheit zu gewährleisten – und hierfür leistet die Verfügbarkeit von Hygieneartikeln einen wichtigen Beitrag. Aktuell und auch perspektivisch gibt es keine Hinweise darauf, dass es zu produktions- oder lieferbedingten Engpässen bei diesen Gütern kommen sollte, dennoch sind bestimmte Produkte (Seife, Klopapier, Mehl, Nudeln etc.) vielerorts vergriffen, die Abgabemengen beschränkt oder sie werden unter dem Ladentisch (tatsächlich erlebt: Hefe im Supermarkt) oder zu Wucherpreisen im Internet angeboten. Jegliche Hinweise von Politikern und Behörden auf die Versorgungssicherheit und Appelle, nicht zu hamstern, sind weitgehend ungehört verhallt. Warum wird diesen Appellen – anders als den viel weitreichenderen Aufforderungen zur Einschränkung sozialer Kontakte – nicht nachgekommen?

Im Falle der Versorgung mit Hygieneartikeln sind die persönlichen und die kollektiven Motive weniger gut vereinbar. Wenn niemand Hamsterkäufe macht, ist (sehr wahrscheinlich) für alle von allem genug da, wenn nur ich hamstere, habe ich (definitiv) alles was ich brauche, wenn alle hamstern, kommt es (wie man sieht) tatsächlich zu Engpässen. Solche Situationen werden in der Sozialpsychologie und der Verhaltensökonomie untersucht und sind dort als Tragik der Allmende (benannt nach einer mittelalterlichen Wirtschaftsform) bekannt. Ein klassisches Beispiel für die Tragik der Allmende ist ein Fischteich, in dem mehrere Angler regelmäßig angeln. Im Sinne des Allgemeinguts wäre es gut, wenn jeder Angler nur eine bestimmte Menge Fisch fängt. Dann bleibt genug Fisch zurück, damit dieser sich wieder vermehren kann. Jeder Angler hat aber ein Interesse daran, möglichst viel Fisch zu fangen. Wenn die Angler nun diesem persönlichen Motiv folgen, ist der Teich irgendwann leer und keiner der Angler kann mehr Fisch fangen.

 

 

Diese Situationen werden als tragisch bezeichnet, da hier die persönlichen Motive (die eigene Sicherheit und das eigene Wohlbefinden zu sichern) dazu führen, dass das Allgemeingut und die kollektiven Motive (genug Fisch oder Klopapier für alle) untergraben werden, was dann dazu führt, dass irgendwann auch die persönlichen Motive nicht mehr bedient werden können (der Fischteich oder das Klopapierregal sind leer). Die Crux ist: In solchen Situationen gibt es starke Anreize sich egoistisch zu verhalten. Wenn ich meinen Mitmenschen (oder zumindest einer kritischen Maße) unterstelle, dass diese sich wahrscheinlich egoistisch verhalten werden, muss ich mich ebenfalls egoistisch verhalten, um mein eigenes Wohlbefinden zu sichern. Das Ganze wird also ein sich selbstverstärkender Prozess.

Wie kommen wir da wieder raus? Das ist sehr schwierig. Die Tragik der Allmende ist eine tückische Falle – das zeigt sich zum Beispiel auch bei der Bekämpfung des Klimawandels oder der Überfischung der Weltmeere, die ebenfalls Tragik der Allmende-Situationen darstellen. Letztlich funktionieren hier vor allem klare Regeln (C02-Grenzen, Fangquoten und Klopapierabgabebegrenzungen). Natürlich kann auch jeder dazu beitragen, durch kooperativeres, weniger egoistisches Verhalten die Spirale zu durchbrechen. Um dabei die berechtigten persönlichen Interessen nicht zu verletzen, könnte man ja damit anfangen, zumindest ein kleines bisschen weniger zu hamstern. 

Dass die Tragik der Allmende so stark unser aller Verhalten steuert, zeigt sich auch eindrucksvoll darin, dass die Hamsterkäufe – anders als teilweise dargestellt – kein exklusiv deutsches Phänomen sind. Dass in unterschiedlichen Ländern teilweise sehr unterschiedliche Produkte gehamstert werden (z.B. Waffen in den USA und Kosmetika in Frankreich), sagt wahrscheinlich eher etwas über kulturelle Unterschiede in den Grundlagen für das eigene Wohlbefinden aus – aber das ist eine andere Geschichte.   

 

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Jan Häusser (janh@psy.jlug.de) ist Professor für Sozialpsychologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

In seiner Forschung beschäftigt er sich mit sozialen Konsequenzen von Stress und Schlafmangel, Arbeit und körperlicher Aktivität sowie mit sozialem Zusammenhalt und gegenseitiger Unterstützung.

 

 

 

Foto: Anja Schaal