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Prof. Dr. Hans-Ulrich Wiemer

 
 

GOTISCHE KRIEGERGRUPPEN IM SPÄTRÖMISCHEN REICH

Bearbeitung: Dr. Guido Berndt

Gegenstand des Forschungsprojekts sind Kriegergruppen, die sich auf dem Boden des spätrömischen Reiches aufhielten und in den Quellen als gotisch bezeichnet werden. Das Ziel besteht darin, die Entstehung, das Selbstverständnis, die innere Ordnung und schließlich das Vergehen dieser Kriegergruppen zu untersuchen. Im Zentrum steht die Frage, welche Rolle Gewalt für ihre Genese und Reproduktion spielte. Im Sinne einer Arbeitshypothese lässt sich die dokumentierte Geschichte dieser Kriegergruppen in drei Phasen gliedern: 
1) Konkurrenz mehrerer gotischer Kriegergruppen auf dem Balkan (bis 489): Diese Phase war durch nahezu permanente Gewaltausübung, große räumliche Mobilität und hohe Fluktuation in der Zusammensetzung und Größe der Gruppen geprägt. Das Verhältnis des oströmischen Kaisers zu diesen Gruppen war durch ein ständiges Hin und Her zwischen Anerkennung und Bekämpfung bestimmt.
2) Metamorphose zur militärischen Funktionselite in Italien (ab 489): Die Goten blieben auch nach der Eroberung Italiens eine Personengruppe, die auf die Ausübung von Gewalt spezialisiert war und sich durch diese Spezialisierung von ihrer Umgebung unterschied, auch wenn sich die Gewalt nunmehr vorwiegend gegen "äußere Feinde" richtete. Die Goten in Italien waren in dieser Phase sesshaft und durch Landbesitz und Geldzahlungen materiell abgesichert, bewahrten jedoch eine "ethnische" Identität.
3) Rückverwandlung in einen mobilen Kriegerverband und Auflösung (535–552): Während des verheerenden Krieges gegen Ostrom nahm die räumliche Mobilität wieder sprunghaft zu, die materielle Existenz wurde zunehmend durch die gewaltsame Aneignung von Gütern gesichert und das stets vorhandene Problem der Normenkonkurrenz verschärfte sich zu prinzipieller Inkompatibilität. Die Grenze zwischen legitimer und illegitimer Gewaltausübung verschwamm ebenso wie die zwischen Untertanen und Feinden. Am Ende stand die Auflösung des gotischen Kriegerverbandes, der zerstreut und von seiner Umgebung aufgesogen wurde.

Mehr Informationen: http://www.gotische-kriegergruppen.phil.fau.de