Die andere Seite der Welt
Studienfahrt der Arbeitsstelle Holocaustliteratur nach Oświęcim/Auschwitz und Krakau mit Studierenden und Polizeikräften – Aufschlussreiche Führungen, intensive Auseinandersetzung und bewegende Zeitzeugengespräche
Von Jennifer Ehrhardt
Studienfahrten nach Auschwitz
Prof. Feuchert und das Team der von ihm geleiteten Arbeitsstelle Holocaustliteratur (AHL) bemühen sich seither, alljährlich eine solche Exkursion im Rahmen einer universitären Lehrveranstaltung zu realisieren. Ziel ist es, die Teilnehmenden durch reflektierte Selbsterfahrung zu befähigen, ihr Wissen weiterzugeben und Gedenkstättenfahrten didaktisch fundiert eigenständig zu konzipieren und zu begleiten. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Frage, wie literarische Texte sinnvoll in der Vermittlungs- und Gedenkarbeit eingesetzt werden können. Mehr als 400 Multiplikator*innen konnten auf diese Weise bereits ausgebildet werden. Für dieses innovative Seminarkonzept erhielten Prof. Feuchert und Dr. Anika Binsch im vergangenen Jahr den Hessischen Hochschulpreis für Exzellenz in der Lehre.
Die diesjährige Studienfahrt fand vom 9. bis 16. März im Rahmen des Seminars „Holocaustliteratur und Auschwitz“ statt. Neben Lehramts- und Germanistikstudierenden des Masterschwerpunkts „Holocaust- und Lagerliteratur“ nahmen erstmals vier Kräfte des Polizeipräsidiums Mittelhessen teil. Anlass dafür ist die 2025 eingegangene „Allianz für Demokratie“, mit der Universität und Polizeipräsidium ihre Kooperation in der historisch-politischen Bildungsarbeit vertiefen, um die Auseinandersetzung mit den Verbrechen der NS-Diktatur und deren Bedeutung für staatliches Handeln in der Gegenwart zu stärken. Bereits im Vorfeld der Reise hatten sich die Teilnehmenden in zwei Blockseminaren mit der Geschichte und Nachgeschichte des Holocaust und des Lagerkomplexes Auschwitz sowie mit literarischen Zeugnissen von Überlebenden und Opfern auseinandergesetzt.
Am 9. März brachen die 17 Teilnehmenden nach Polen auf. Nach der Ankunft in Oświęcim erhielt die Gruppe eine Einführung in die pädagogische Arbeit der IJBS und nahm an einer Stadtführung auf den Spuren der ehemaligen jüdischen Gemeinde teil. In den folgenden Tagen stand die intensive Auseinandersetzung mit dem ehemaligen Lagerkomplex im Mittelpunkt. In Führungen erkundete die Gruppe die Gelände der ehemaligen Lager Auschwitz I (Stammlager) und Auschwitz II (Birkenau), in denen zwischen 1940 und 1945 mehr als 1,1 Millionen Menschen ermordet wurden. Zudem befassten sich die Teilnehmenden mit der Geschichte des Zwangsarbeitslagers Auschwitz III (Monowitz), in dem schätzungsweise 25.000 bis 30.000 Häftlinge der sogenannten „Vernichtung durch Arbeit“ zum Opfer fielen. An den Nachmittagen nutzten die Teilnehmenden die Möglichkeit, an Workshops teilzunehmen oder mit Opferberichten und Täterdokumenten aus dem Gedenkstättenarchiv zu arbeiten.
Einen Schwerpunkt des Aufenthalts in Oświęcim bildete zudem die Auseinandersetzung mit künstlerischen Formen der Erinnerung. So erhielt die Gruppe eine Führung durch die exklusive Kunstsammlung der Gedenkstätte, die rund 4.000 Werke umfasst, darunter heimlich während der Lagerzeit entstandene Zeichnungen und Gemälde ebenso wie Arbeiten von Überlebenden aus den Nachkriegsjahren. Deutlich wurde, dass Kunst zur Rettung der Häftlinge beitragen konnte, indem sie ihnen Würde zurückgab, die Entindividualisierung umkehrte und dazu diente, Zeugnis abzulegen.
Spurensuche in Krakau
Die letzten beiden Tage führten die Gruppe nach Krakau, wo die Auseinandersetzung mit der Geschichte jüdischen Lebens mit einem behutsamen Übergang zur gegenwärtigen Kultur der ehemaligen Königsstadt verbunden war. Bei thematischen Stadtführungen erkundeten die Teilnehmenden das frühere jüdische Viertel Kazimierz, das ehemalige Gettogebiet im Stadtteil Podgórze sowie die Gedenkstätte des Konzentrationslagers Plaszow.
Zu den eindrucksvollsten Momenten der Studienfahrt zählte das Gespräch mit der Holocaust-Überlebenden Anna Janowska‑Ciońćka (*1936) im Jüdischen Museum Galizien, das von Sylwia Jeruzal zweisprachig moderiert wurde. Unter dem Titel „Verletzter Baum“ berichtete die 90-Jährige von ihrer Kindheit im besetzten Polen, vom Verlust großer Teile ihrer Familie sowie vom Überleben im Getto und im Versteck. Besonders eindringlich schilderte sie die Ereignisse in dem Ort Rabka. Dort wurde eine Ausbildungsschule der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes eingerichtet, in der Wilhelm Rosenbaum das Kommando führte, Selektionen anordnete und für Massenexekutionen an der jüdischen Bevölkerung verantwortlich war – darunter auch an Angehörigen ihrer Familie. Über 500 Menschen seien jener „Schule der Henker“, wie Janowska‑Ciońćka sie nannte, zum Opfer gefallen. Nur durch die Hilfe des polnischen Schulleiters Marian Sikorski überlebten sie, ihre Mutter und ihre Schwester den Krieg. Heute, so machte Janowska‑Ciońćka deutlich, sieht sie es als ihre Aufgabe, die Erinnerung an den Holocaust wachzuhalten – insbesondere gegenüber jungen Menschen und zukünftigen Verantwortungsträgern in Bildung und Staat. Ihr Appell an die Teilnehmenden lautete: „Seid nicht gleichgültig, folgt keiner Ideologie, die zu so etwas führen kann.“
Studienfahrt
Im Rahmen einer Studienfahrt der Arbeitsstelle Holocaustliteratur nach Oświęcim/Auschwitz und Krakau wurden Studierende der JLU und Polizeibeamte des Polizeipräsidiums Mittelhessen zu Gedenkstättenteamerinnen und -teamern ausgebildet. Neben Führungen über das Gelände des ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau standen Ausstellungsbesuche, Workshops und ein Zeitzeugengespräch auf dem Programm. Die Studienfahrt wurde durch die großzügige finanzielle Unterstützung der Olga Alexandra Hübner Stiftung, des Präsidiums und des Fachbereichs 05 der JLU sowie des Fördervereins der Arbeitsstelle Holocaustliteratur e.V. ermöglicht.
Weitere Infos zu den regelmäßig stattfindenden Exkursionen nach Auschwitz