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Frauenfiguren mit hohem Polos

Verfasserin: Waltrud Wamser-Krasznai

 

Besonders verbreitet unter den Polos-Trägerinnen ist eine Gruppe von Peplos-Figuren[1], deren Polos eine gezackte Aufsatzplatte bekrönt[2]. Derselbe Kopfschmuck tritt gelegentlich bei Frauengestalten in Chiton und Mantel auf[3]. Selten tragen sie einen Polos ohne die dreizackige Schmuckplatte[4]. An diese besonders kleine Gruppe schließt die Statuette Gießen T I-35 an.  

 

Weibliche Gewandfigur mit hohem Polos, Inv. T I-35; alte Inv.-Nr. 27 11

Provenienz: erworben von Bruno Sauer, aus der Sammlung Margaritis

 

Vorderseite aus der Matrize. Rückseite nicht ausgearbeitet, geglättet, großes Brennloch.
Hellbrauner (5YR 7/3 bis 7/4), an der Oberfläche grauer (2,5Y 7/1) Ton. Weiße Engobe. Dunkelrote Bemalung im Haar, hellrot am Sockel und um das Brennloch herum; blau an der Standfläche.

Erhaltung: aus zwei Fragmenten zusammengesetzt. Kleine Bestoßungen an der Basis, sonst intakt.

Maße: H: 31,2 cm; B: 8,8 cm; T: 8,6 cm

Lit.: M. Recke (Hrsg.), Antike Kunst aus der Sammlung der Justus-Liebig-Universität (Gießen 2010) 22 f. 27 Nr.45 a.


Beschreibung: Auf einer hohen quadratischen Plinthe steht eine Frau in  langem Ärmelchiton und Mantel. Das linke Bein ist belastet, das rechte im Knie leicht gebeugt. Der gerade aufgerichtete Körper neigt sich leicht nach hinten. Die Füße, die in geringem Abstand von einander nahezu parallel aufgesetzt sind, stecken in geschlossenen Schuhen, deren breites Vorderteil von der großen zur kleinen Zehe schräg abschließt. Der Stoff des Untergewandes liegt faltenlos auf dem entlasteten rechten Bein, während über dem linken steile Falten herunterfallen.
Der anscheinend aus schwerem dicken Stoff bestehende Mantel ist über die linke Schulter drapiert, hüllt den gebeugten linken Arm vollständig ein und schlingt sich als breite Bahn in dichten Schrägfalten um die Hüften. Vom angewinkelten rechten Ellenbogen zur Taillengegend ziehen Spannfalten. Die rechte Hand liegt mit aufwärts gerichteten Fingern  vor der Brust.
Der hohe, sich nach oben leicht verbreiternde Polos[5] ist tief in die Stirn gerückt. Die langen, gleichmäßig gewellten Haarsträhnen fallen so weit über die Schultern, dass Gesicht und Hals wie von einem Dreieck gerahmt sind.
Das Gesicht zeigt die Form eines hohen Rechtecks, mit glatten Wangen, großer Nase und weit auseinander gerückten Augen. Die Brauen sind plastisch hervorgehoben. Ein Einstich im rechten Auge markiert möglicherweise die Pupille. Der Mund ist waagerecht geschnitten, die Lippen sind geschlossen.

Kommentar: Es handelt sich wohl um die Darstellung einer Adorantin, deren zwischen den Fingern gehaltene Gabe, eine Blüte oder kleine Frucht, wahrscheinlich einmal in Malerei angegeben war. Eine Parallele in Dresden[6], die dem Gießener Exemplar weitgehend gleicht, hängt vermutlich von derselben Matrize ab. Deutlich kleiner, auch breiter und flächiger erscheint eine Figur in Leiden[7], die im umgekehrten Standmotiv wiedergegeben ist. Die Gewandfalten sind schematisch behandelt und wirken eher graphisch als plastisch. Unter dem weniger hohen Polos schaut gescheiteltes Stirnhaar hervor, das Gesicht ist kürzer und stärker gerundet, der Mund zierlicher und die Augen sind kleiner. Die Statuetten  in Kopenhagen und Karlsruhe[8] tragen Poloi mit Schmuckplatten. Üppiges Stirnhaar quillt unter der Kopfbedeckung hervor. Die Gesichter sind oval, die Proportionen zierlicher als die der Vertreterinnen in Gießen und Dresden. Bei diesen leiten bogenförmige Mantelfalten den Blick um die Figuren herum, sodass ein rundplastischer Eindruck entsteht. Mit ihren kantigen Köpfen und schweren Untergesichtern weisen sie in die Zeit des strengen Stils[9]. Diesen Datierungsansatz unterstützt das Standmotiv, da die unterschiedliche Belastung der Beine sich noch nicht im Sinne einer Ponderation auf die Körperachse auswirkt.

Einordnung: zweites Viertel des 5. Jhs. v. Chr., Böotien.



[1] H. Holzhausen, Böotische Terrakotten des 5. und 4. Jahrhunderts vor Christus (Bonn 1972) 17 f. E. Paul, Antike Welt in Ton (Leipzig 1959) 65 Abb. 24 Taf. 10; P. C. Bol – E. Kotera, Bildwerke aus Terrakotta Liebieghaus Frankfurt am Main (Melsungen 1986) 81 f. Abb. 43.

[2] Mit herabhängenden Armen u. a.: F. W. Hamdorf, Dir figürlichen Terrakotten der Staatlichen Antikensammlungen München I (Lindenberg 2014) 190 f. Abb. D 109-111; R. A. Higgins, Cat. of the Terracottas in the Department of Greek and Roman Antiquities British Museum (London 1954) 218 Abb. 815. 816 Taf. 111; M. Raumschüssel, Staatliche Kunstsammlungen (Dresden 1979) 45 Abb. 10; W. Schürmann, Kat. der antiken Terrakotten im Badischen Landesmuseum Karlsruhe (Göteborg 1989) 38 f. Abb. 81 Taf. 17; Th. Stefanidou-Tiveriou, Pilina Eidolia (Thessaloniki 1982) 34-36 Nr. 27. 28 Abb. 30-33; C. E. Vafopoulou-Richardson, Greek Terracottas Ashmolean Museum (Oxford 1991) 23 Abb. 24; mit gebeugtem rechtem Arm: A. Köster, Die griechischen Terrakotten (Berlin 1926) 46 Taf. 16; S. Mollard-Besques, Cat. rais. des figurines et reliefs en terre cuite grecs étrusques et romains (Paris 1954) 91 C 49 Taf. 64. Chiton mit langem Kolpos ohne Mantel, K. Demakopoulou – D. Konsola, Archäologisches Museum Theben (Athen 1981) 64 f. Abb. 21; P. N. Ure, Aryballoi & Figurines (Camridge 1934) 73 Nr. 136. 1 Taf. 19.

[3] N. Breitenstein, Cat. of Terracottas (Kopenhagen 1941) 30 Abb. 278 Taf. 31; A. Laumonier, Cat. des terres cuites du Musée de Madrid (1921) 14 Nr. 26 Taf. 8; Schürmann a. O. 36 Nr. 70 Taf. 15.

[4] W. Müller, Erwerbungen der Antikensammlungen in Deutschland. Dresden, AA 1925, 148 Abb. 43; P. G. Leyenaar-Plaisier, Les terres cuites grecques et romaines (Leiden 1979) 30 Abb. 46 Taf. 8.

[5] Mit hohem Polos ohne Aufsatz auch Statuetten mit ausgebreitet erhobenen Armen, z. B. Breitenstein a. O. Nr. 280 Taf. 31; U. Liepmann, Griechische Terrakotten, Bronzen, Skulpturen (Hannover 1975) 64 Nr. T 49; Ch. Papadopoulou-Kanellopoulou, Silloge Károlou Políte (Athen 1989) 120 Nr. 70 Abb. 126; dazu auch eine weibliche Gestalt im Schrägmantel mit hohem Polos, eine Taube in der rechten Hand, auf einer Gans stehend, die als Aphrodite zu deuten ist, S. Besques, Figurines et reliefs grecs en terre cuite (Paris 1994, 24. 43 Abb. 10 und Titelbild.

[6] Müller a. O. 148 Abb. 43.

[7] Leyenaar-Plaisier a. O. 30 Abb. 46 Taf. 8.

[8] Breitenstein a. O. 30 Abb. 278 Taf. 31; Schürmann a. O. 36 Nr. 70 Taf. 15.

[9] V. H. Poulsen, Der Strenge Stil (Kopenhagen 1937) 9 Abb. 1. 13 Abb. 6. 73 Abb. 42. 43.