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Wickelkind mit Bulla und spitzer Mütze

Verfasserin: Waltrud Wamser-Krasznai

 

Wickelkind mit Bulla und spitzer Mütze, Inv. T III-2

Provenienz: unbekannt.

 

Hohl, an der Unterseite offen. Vorderseite aus der Matrize, Rückseite glatt gestrichen, mit einer großen ovalen Öffnung in der oberen Hälfte. Zehen mit dem Modellierholz nachträglich ausgearbeitet.

Gelbbrauner (10 YR 6/4[1]) Ton mit feinen dunklen Einschlüssen. Geringe Engobespuren, keine Farbreste.

Erhaltung: Intakt bis auf Bestoßungen an der Mütze und an den Zehen.

Maße: H: 21,1 cm; B: 6,4 cm; T: 4,1 cm.

Lit.: M. Recke – W. Wamser-Krasznai, Kultische Anatomie (Ingolstadt 2008) 71. 126 f. 129 Kat. Nr. 28 Abb. 53; dies., Kultische Anatomie. Begleitheft zur Ausstellung im Deutschen Medizinhistorischen Museum Ingolstadt, 13. März – 27. Juli 2008, 10 Abb. 30.

 

Beschreibung: Die Figur ist ohne Stütze stehfähig. Der von der Schulterpartie an konische Umriss verbreitert sich zu den Füßen hin. Die Arme liegen angewinkelt vor dem Körper und sind in die eng anliegende glatte Hülle einbezogen. Die Brust ist, abgesehen von einer Bulla, unbedeckt. Rippenbogen, Brustbein und Muskulatur deuten sich an. Unter dem Gewandsaum schauen nackte Füße mit den jeweils fünf angegebenen Zehen hervor. Ein kurzer dicker Hals leitet über zum Kopf, den eine spitze Mütze bedeckt. An den voluminösen Stirnschädel schließt ein zierliches Untergesicht mit betontem Kinn an. Eine breite, an der Wurzel etwas eingesattelte Nase trennt die weit auseinander liegenden Augen. Die flachen Augäpfel sind von plastisch gearbeiteten dünnen Oberlidern und dickeren Unterlidern eingefasst. Mit einer konvexen Nasolabialfalte setzt sich der leicht geöffnete Mund von den Wangen ab. Über der geschwungenen, die volle Unterlippe überschneidenden Oberlippe ist das Philtrum zu erkennen. Kleinere Asymmetrien der Augen- und Stirnpartie sind vermutlich beim Herausnehmen aus der Form entstanden.

 

Kommentar: Im Gegensatz zu den Kleinkindern, deren Binden-Wickelungen plastisch oder mittels Ritzung angegeben sind[2], besteht die Bekleidung bei der Gießener Statuette in einer glatten anliegenden Hülle[3]. Identische Exemplare – es handelt sich durchweg um Knaben – mit spitzer Mütze und Bulla, befinden sich im Archäologischen Museum von Santa Maria di Capua Vetere[4]. Man brachte der im antiken Capua besonders verehrten Muttergottheit nicht nur überlebensgroße Tuffsteinstatuen in Form  thronender Frauen mit Armen voller Säuglinge dar[5], sondern auch Terrakottastatuetten kleineren Formats, Kourotrophoi[6] (Kinderbeschützerinnen) und Wickelkinder[7]. Mit solcher Art Votivgaben suchten sich die Adoranten des besonderen Schutzes der Göttin für ihren Nachwuchs zu versichern. Die Bulla, ein aus Etrurien stammendes Amulett[8], war ebenfalls dazu gedacht, die Knaben vor üblen Einflüssen zu bewahren. Ihre Form ist gewöhnlich kreisrund. Im Falle des Gießener Wickelkindes ähnelt sie scheinbar einem Tropfen, was jedoch durch die fehlende Zäsur zwischen Scheibe und Öse vorgetäuscht sein kann. Die zugehörige Kette ist hier nicht erkennbar. Spitze Mützen als Kopfbedeckung kleiner Kinder sind in Kampanien ein häufiges Attribut[9], doch treten sie auch in anderen Landschaften auf[10].

Das Gesicht des Gießener Kleinkindes breitet sich seitlich bis zu den äußeren Augenwinkeln und den Jochbögen ganz in der Fläche aus, biegt dann aber unvermittelt fast rechtwinklig nach hinten um[11]. Der Mund scheint leise zu lächeln; die Wangen sind jedoch unbewegt und glatt; gleichzeitig wirken sie weich und spannungslos. Letzteres gilt auch für die dicklichen  Unterlider. Kontur und Einzelformen gleichen denen von Wickelkindern aus Capua und Teanum, doch sind Entsprechungen auch bei Exemplaren aus Vulci zu erkennen[12]. Das feine Gesicht einer Knabenstatuette aus Cales[13] hingegen ist durch Hebungen und Senkungen im Bereich der Wangen plastisch belebt. Darin unterscheidet es sich sowohl von dem des Gießener Wickelkindes als auch von weiteren kampanischen Knabenköpfen[14], die sich durch ihre frühkindlichen Proportionen, eine hohe Stirn und den mächtigen, das Untergesicht dominierenden Oberkopf, auszeichnen.

Von den identischen Parallelen des Exemplars Gießen stammt nachweislich mindestens eine aus dem Fondo Patturelli, einem Heiligtum an der östlichen Stadtmauer von Capua[15]. Der Fundkontext  umfasst vier Jahrhunderte, vom 4.-1. Jh. v. Chr., was seine Bedeutung für die externe Datierung entsprechend mindert. Auch das Votivdepot des Italischen Tempels von Paestum mit einigen hundert Wickelkindern[16] bringt keine Präzisierung, die über „Hellenistische Periode“ hinausginge. Für eine genauere stilistische Einordnung stehen nur wenige, zum Teil schon genannte, Merkmale an dem Kinderkopf zur Verfügung. Die Machart des Auges mit den plastisch aufgesetzten Unterlidern, ein eher technisches Detail, findet sich bei einigen in das 2. Jh. v. Chr. datierbaren Votivköpfen aus Capua[17], die sich jedoch von dem Exemplar T III-2 auf Grund der für Kopfvotive üblichen langen Halspartie, aber auch durch die schmalere und kürzere Form der Gesichter unterscheiden. Der Votivkopf eines weiteren Kleinkindes, ebenfalls aus Capua[18], steht der Statuette in Gießen auf Grund der ähnlichen Proportionen von Kinn- und Wangenpartie näher.

 

Einordnung: hellenistisch, wohl 2. Jh. v. Chr.[19], aus Capua.

 

 


[1] Leicht abweichend von dem Beitrag „Wickelkind mit spitzer Mütze und Bulla“ in: M. Recke – W. Wamser-Krasznai, Kultische Anatomie, Deutsches Medizinhistorisches Museum (Ingolstadt 2008) 126 f. 129 Kat. Nr. 28 Abb. 53.

[2] Mit angedeuteten geritzten Bindenwickelungen: M. Bonghi Jovino, Terrecotte votive. Catalogo del Museo Provinciale Campano II Le Statue (Florenz 1971) 70 f. Nr. 51 f. Taf. 37, 2. 3; mit plastisch angegebenen Wickelungen: S. Paglieri, Una stipe votiva  vulcente, RIA 9, 1960, 87 f. Abb. 21-23.

[3] Ein Hinweis auf Bindenwickelungen, die  in Farbe angegeben wären, findet sich nicht.

[4] L. Melillo Faenza, Il santuario del fondo Patturelli, in: S. Cassani (Hrsg.), Il Museo Archeologico dell‘ Antica Capua (Neapel 1995) 62 f.; leicht abweichend, ebenfalls aus Capua: R. Miller Ammerman, Children at Risk: Votive Terracottas and the Welfare of Infants at Paestum, in: A. Cohen – J. B. Rutter (Hrsg.), Constructions of Childhood in Ancient Greece and Italy, Hesperia Suppl. 41, 2007, 145 Abb. 7.17; ferner mit unkindlichen Zügen, hoch rechteckigem Körper und rechteckiger Standplatte ohne Bulla: Bonghi Jovino 1971, 70 f. Nr. 51 Taf. 27, 1. 2; ohne Mütze, mit rundlich-ovalem Gesichtskontur: V. Kästner, Etrusker in Kampanien, in: ders. (Hrsg.), Etrusker in Berlin (Regensburg 2010) 113 Abb. 10.4.

[5] T. Fischer-Hansen, Campania, South Italy and Sicily, Ny Carlsberg Glyptotek (Kopenhagen 1992) 166-169 Nr. 123 f.; R. Bianchi Bandinelli – A. Giuliano, Etrusker und Italiker vor der römischen Herrschaft (München 1974) 241-243 Abb. 278 f.; Melillo Faenza a. O. 60 Abb. 61; von Kleinkindern flankiert: Kästner a. O. 110 f. Abb. 10.2.   

[6] I. Kriseleit – G. Zimmer, Bürgerwelten. Hellenistische Tonfiguren und Nachschöpfungen im 19. Jh. (Berlin 1994) 130-132 Abb. 49-54;  O. della Torre – S. Ciaghi (Hrsg.) Terrecotte figurate da Capua (Neapel 1981) 23-31 Taf. 8-10 und 11, 1. S. 60 f. Taf. 25, 3.

[7] Bei dem Dorf Curti südöstlich von Capua, Kästner a. o. 113 Abb. 10.4.

[8] H. Gabelmann, Römische Kinder in Toga praetexta, JdI 100, 1985, 506. 510-514; H. R. Goette, Die Bulla, BJB 186, 1986, 133-164, hier 135 f. 141. 143. 153; Paglieri a. O. 83-88 Abb. 11. 12. 14. 16-18. 21-23.

[9] Capua: Bonghi Jovino a. O. 70 f. Taf. 37, 1-4; Della Torre – Ciaghi a. O. 33 Taf. 11, 5. Die Bezeichnung „giovane“ – Jüngling – ist irreführend. Der runde Bauch und die dicken Schenkel zeigen, dass es sich um einen kleinen Jungen handelt; Paestum: Miller Ammerman a. O. 143 Abb. 7.12-14; Cumae: L. A. Scatozza Höricht, Le terrecotte figurate di Cuma del Museo Archeologico Nazionale di Napoli (Rom 1987)  101 Nr. O I a 1 Taf. 20.

[10] Außerhalb von Großgriechenland aus Attika und Böotien: Wickelkinder in der Wiege, M. Bieber, The Sculpture of the Hellenistic Age (New York 1961)  137 Abb. 535; Winter 2, 1903, 271, 12; F. Marx, Dioskurenartige Gottheiten, AM 10, 1885, 81-91 Taf. 4, 1; ebenda 271,  13; anscheinend nackt, aus Myrina: ebenda  271, 4.

[11] Vgl. Wickelkind mit glatter Hülle, spitzer Mütze und einer Kette aus Amuletten – auch Bullae sind darunter – aus dem italischen Tempel in Paestum, J. D. Baumbach, The Significance of Votive Offerings in Selected Hera Sanctuaries in the Peloponnese, Ionia and Western Grecce (Oxford 2004) 113 Abb. 5.14.  

[12] Capua: mit ausgeprägten technisch bedingten Asymmetrien, Bonghi Jovino a. O. 38 f. Taf. 37, 3. 4;  Teanum: mit den Zügen eines Erwachsenen, Kappe verloren? W. Johannowsky, Relazione preliminare sugli scavi di Teano, BdA 4 / 48, 1963, 146 f. Abb. 12 h; Vulci: Votivdepot am Nordtor, Paglieri a. O. 87 f. Abb. 19. 20. 21 b.

[13] J. M. Blasquez, Terracotas del santuario de Calés (Calvi), Campania, Zephyrus 12, 1961, 39 f. Nr. 31 Taf. 22; Bieber a. O. 138 Abb. 546; G. M. A. Richter, Metropololitan Mus. Cat. Greek Sculptures (Oxford 1954) 92 f. Nr. 174 Taf. 122.

[14] Aus Cales: Halbfigur eines gewickelten Säuglings, Blasquez a. O. 39  Nr. 30 Taf. 21; aus Kampanien (?): Torso eines Knaben mit Bulla und Gans („cygne“), S. Besques, Figurines et reliefs IV, 1  1986, 69 Nr. D/E 3678 Taf. 60 d; Galleria Campana B 271, R. Bianchi-Bandinelli, Il putto cortese del Museo di Leida, Critica d’arte 1, 1935, 91 f. Anm. 8 Abb. 12 Taf. 63; M. Cristofani, I bronzi degli Etruschi (Novara 1985) 240 Abb. 128.  

[15] Melillo Faenza a. O. 62 f.

[16] Baumbach a. O. 113.  

[17] M. Bonghi Jovino, Terrecotte votive. Catalogo del Museo Provinciale Campano I. Teste isolate e mezzeteste (Florenz 1965) 82 Taf. 36, 4; S. 83 Taf. 37, 4; 

[18] Bonghi Jovino a. O. 135 Taf. 66, 1.

[19] Diese Einschätzung weicht von der 2008 ausgesprochenen ab. Die Marmorstatue des Knaben aus Lilaia ist wegen seiner ‚Pausbacken‘, die im Gegensatz zu den weichen, schlaffen Wangen des Gießener Wickelkindes stehen, als Vergleichsbeispiel in stilstischer Hinsicht nicht geeignet, s. Recke – Wamser-Krasznai a. O., 126 mit Anm. 56.