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Gyp als 'Agent Provocateur' einer Epoche im Umbruch

Eine Autorin zwischen Antisemitismus und weiblichem Liberalismus (im Zeichen einer (Anti-)Moderne)

verlinkte Grafik: französische Version

File:Gyp.jpgFile:Boldini, Countess de Janville..jpg

 

Soyez les bienvenus ! 


Herzlich Willkommen auf dieser digitalen Plattform, die im Rahmen des von der DFG geförderten Forschungsprojekts Gyp als 'Agent Provocateur' einer Epoche im Umbruch: Eine Autorin zwischen Antisemitismus und weiblichem Liberalismus (im Zeichen einer (Anti-)Moderne) entsteht.

Das am Institut für Romanistik (JLU Gießen) angesiedelte Projekt wird von Frau Professorin Dr. Kirsten von Hagen (Französische und Spanische Literatur- und Kulturwissenschaft) geleitet. Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Projekts ist Frau Jasmin Velten.

Ziel dieser digitalen Plattform ist es, historische Forschung und biografische Verortung zu der heutzutage wenig bekannten Autorin Gyp in einer interaktiven Ausstellung zu vereinen. Gyp ist der „nom de plume“ bzw. das Pseudonym der Autorin aus adeliger Familie, ihr vollständiger Name lautet Sibylle Aimée Marie-Antoinette Gabrielle de Riqueti de Mirabeau, Gräfin de Martel de Janville (* 16. August 1849 auf der Burg Coëtsal bei Plumergat, im Département Morbihan, Bretagne; † 28. Juni 1932 in Neuilly-sur-Seine). Die Autorin kann als eine zentrale Akteurin eines von Spannungen und Ambivalenzen geprägten Jahrhunderts verstanden werden, das starke antisemitische Tendenzen aufzeigt. Insbesondere ihre antisemitischen Positionierungen und deren Niederschlag in Gyps Werk verlangen danach, ihre Rolle innerhalb der politischen und kulturellen Konfliktfelder ihrer Zeit kritisch zu untersuchen. 

Um dem „Vergessen weiblicher Genealogien“ (Irigaray 1989) aktiv entgegenzuwirken, machen wir nicht nur das Ergebnis, sondern auch den prozesshaften Charakter unserer drei Projektworkshops - mit besonderem Fokus auf den Workshop in Nancy - sichtbar. So entsteht ein Raum, der literarische Vergangenheit und gegenwärtige Aufarbeitung einer problematischen Autorin einer Epoche im Umbruch zusammenführt. So wählt Gyp eine sehr populäre Form, eine Mischung kurzer Dialoge, häufig angereichert durch satirische Zeichnungen, um sich und ihre Familie durch das eigene Schreiben materiell abzusichern. Dabei folgte sie dem Modell Georges Sands. Zugleich meldete sie sich auch als Polemistin immer wieder zu Wort und prägte die Figur der engagierten Intellektuellen ihrer Zeit entsprechend mit. Populär wurden vor allem ihre Kinder- und Jugendbuchreihen wie Petit Bob (1882), in denen sie bereits antisemitische Stereotype in deutlicher Überzeichnung und einer Ästhetik des Spektakulären salonfähig machte.

 

 

Über das Projekt 


Gyp war eine der erfolgreichsten und bekanntesten Autorinnen im Paris der Belle Époque. Sie stammte aus französischem Adel und verwendete das von ihr selbst als „männlich“ bezeichnete Pseudonym Gyp. Als Verfasserin von rund 100 Romanen und 30 Theaterstücken, als Pamphletistin, politische Kommentatorin, Karikaturistin und Salonnière war sie eine der meistbeachteten Akteurinnen innerhalb des literarischen Feldes. Heute gehört sie jedoch zu den vergessenen Autorinnen, deren breites Œuvre von der Forschung kaum wahrgenommen wird, obwohl der bekannte Kritiker Léon Blum einst formulierte, dass man die Autorin lesen müsse, um das 19. Jahrhundert in seiner Widersprüchlichkeit zu erfahren (Blum 1935).

Zur Forschung über Gyp sind insbesondere die drei folgenden Monographien zu erwähnen: 
 
1. Willa Z. Silverman, The Notorious Life of Gyp. Right-Wing Anarchist in Fin-de-Siècle France, New York/Oxford: Oxford University Press 1995.
 
2. Patricia Ferlin, Gyp. Portrait fin de siècle, Paris: Indigo et Côté-femmes 1999.
 
3. Olivier de Brabois, Gyp, comtesse de Mirabeau-Martel, 1849-1932. Pasionaria nationaliste, homme de lettres et femme du monde, Paris: Publibook 2003.
 
Die drei Werke widmen sich mit unterschiedlichen Blickwinkeln der Autorin und räumen dabei v. a. eine biographische Perspektive ein, wenngleich sie auch die Werke von Gyp nicht unbeachtet lassen. 
 
Den antisemitischen stereotypen Darstellungen der Autorin im Vergleich mit anderen Autoren der Zeit widmet sich folgender Aufsatz:
 
Kirsten von Hagen, „Concepts of Cultural Transfer in three French Authors. The Case of Gyp, Anna de Noailles and Marcel Proust", in: Anette Simonis, Martin Sexl, Alexandra Müller (Hrsg.), Komparatistik, Jahrbuch der Deutschen Gesellschaft für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Bielefeld 2023, S. 84-101.

 

 

Die internationalen Projektworkshops 


Workshop 1 (21.-22. Mai 2025, Gießen)

Gyp, Autorin der Belle Époque | Gyp, auteure de la Belle Époque 

Der erste Projektworkshop widmete sich Gyps besonderer Stellung als weibliche Autorin der Belle Époque als einer Epoche im Umbruch. Im Mittelpunkt stand ihre Funktion als Akteurin einer literarischen Moderne und als „agent provocateur" sowohl im Zeichen einer Ästhetik des Spektakulären, als auch im Kontext zeitgenössischer Diskurse um Weiblichkeit und Geschlechter bzw. Körperkonzepte.

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Workshop 2 (04.-05. November 2025, Gießen)

Gyp und die Dreyfus-Affäre | Gyp et l'affaire Dreyfus 

Der zweite Workshop betrachtete im Kontext der Dreyfus-Affäre, wie Gyp als Wortführerin der Anti-Dreyfusards zum Medienphänomen und zu einer zentralen Akteurin am Schnittpunkt zwischen literarischem, politischem und intellektuellem Feld avancierte. In diesem Zusammenhang wurden zentral die Figur des (in der Regel männlich definierten) „Intellektuellen" sowie die Bedeutung der Presse und speziell des Medienskandals in Hinblick auf Gyps schriftstellerische Positionierung und ihre écriture untersucht. 

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Workshop 3 (02.-03. Juni 2026, Nancy) 

Gyp als Memoirenschreiberin: Zwischen Weltlichkeit und Moderne | Gyp mémorialiste : entre mondanité et modernité 

Der dritte Workshop wurde gemeinsam mit der Université de Lorraine unter der Leitung von Frau Professorin Dr. Kirsten von Hagen und Dr. Clara Debard (Nancy) ausgerichtet und beschäftigte sich mit Werk und Leben von Gyp unter dem dynamischen Spannungsgeld von Mondänität und Modernität: Die Beiträge untersuchten, wie sich in ihrem Schreiben der Übergang zur Moderne widerspiegelt, während sie gleichzeitig durch Mode, Politik etc. als anti-modern verortet wird. Auch wurde ihr Œuvre dabei besonders aus der Perspektive der Erinnerungskultur (als mémorialiste) beleuchtet mit Fokus auf ihren autobiographischen Roman Souvenirs d'une petite fille (1927). 

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Eindrücke der Tagung


   

   

Fotos: J. Velten

 

 

Eine Lesung von Nadine Ledru: Gyps Souvenirs d'une petite fille (1927)


Nadine Ledru ist Schauspielerin, Sängerin, Tänzerin, Regisseurin und Schauspiellehrerin und arbeitet seit Ende der 70er Jahre mit zahlreichen Theaterensembles in der Region Grand Est zusammen.

Im Rahmen der Tagung präsentierte N. Ledru Gyps Souvenirs d’une petite fille als ausdrucksstarke lecture théâtrale.

Zu einem Ausschnitt der Lesung

 

In ihren autobiografischen Memoiren Souvenirs d’une petite fille, das Gyp im Alter von rund 80 Jahren verfasste, blickt die Comtesse auf ihre Kindheit und Jugend im Frankreich des 19. Jahrhunderts zurück. Ein Kern der Erinnerungen liegt in der Tatsache, dass Gyp nicht als Junge geboren wurde, was in ihrem jungen Leben stets präsent war: „C'est un reproche qu'on me fait souvent de n'être pas un garçon" (Souvenirs d'une petite fille, S. 113). Mit einem Mädchen schwindete nämlich die Hoffnung, dass der große Name 'Mirabeau' fortgeführt wird: „Le grand nom des Mirabeau va-t-il s'éteindre ?" (Ferlin 1999, S. 5). Nach der Trennung ihrer Eltern und die damit einhergehende Rückkehr nach Nancy lernte Gyp ihre Großeltern mütterlicherseits kennen. Insbesondere die Beziehung zu ihrem Großvater, Aymard Olivier Le Harivel de Gonneville, ein ehemaliger Offizier der Grande Armée, prägt ihr Leben maßgeblich. Er übernahm ihre Erziehung und vermittelte ihr neben der geistigen Bildung auch Interessen wie den Reitsport. Ferlin konstatiert, dass sich ihre Interessen vor allem auf jene Bereiche bezogen, die traditionell Jungen vorbehalten waren. So sah sie ihre erste Berufung darin, Soldatin zu werden und die Frisuren dieser Zeit (große Locken), die ein als weiblich konnotiertes Erscheinungsbild manifestierten, missfielen ihr, ebenso wie der Wunsch ihrer Mutter, ihr Ohrlöcher zu stechen (Ferlin 1999, S. 9). Die Jugendzeit kann insofern als zentral für die weitere Entwicklung angesehen werden, als sie einerseits schon früh gegen eine dezidiert als weiblich konnotierte erzieherische Praxis aufbegehrte und androgyne Körperbilder bevorzugte bzw. Frauen mit emanzipatorischem Potenzial, andererseits aber auch nationalistische Dynamiken in ihrem Denken weiter hervorhob, die später in antisemitischen Darstellungen mündeten.

Souvenirs d'une petite fille, Bd. 1 || Souvenirs d'une petite fille, Bd. 2

 

   SOUVENIRS D´UNE PETITE FILLE. Gyp – LIBRERÍA CLÍO

Fotos: J. Velten

 

Impressionen: Sur les pas de GYP 🫆📚🔍


Über Nancy: eine Jugendstil-Stadt

Nancy, die einstige Hauptstadt der Herzöge von Lothringen, gilt als bedeutendes Zentrum des französischen Jugendstils (Art Nouveau), der hier durch die berühmte École de Nancy um Künstler wie Émile Gallé das Stadtbild tiefgreifend geprägt hat. Die berühmte Place Stanislas zählt neben der Place de la Carrière und der Place d'Alliance mit seiner barocken Architektur zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Doch neben dieser architektonischen Eleganz pulsiert in Nancy seit jeher ein reiches Kultur- und Geistesleben, das auch tief in der Literatur verwurzelt ist. Gyp, in der Bretagne geboren, verbrachte ihre Kindheit/Jugend in Nancy und lebte später in der Normandie und in Paris; sie kann auch als Bindeglied zwischen den unterschiedlichen Regionen Frankreichs gesehen werden. Als unkonventionelle Autorin der Belle Époque fing sie in ihren satirischen Romanen und Dialogen den Geist einer sich rasant wandelnden Gesellschaft ein – genau jener Zeit, in der Nancy sich neu erfand und zu einem intellektuellen Zentrum an der Grenze zu Deutschland aufstieg.

 

 

 

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... durch Nancys Altstadt (vieille ville)   

   

 

... zum Haus von Gyps Kindheit und früher Jugend (1852-1869) |Standort emoji Bilder – Kostenloser Download auf Magnific (ehemals Freepik)8 Pl. de la Carrière, 54000 Nancy

   

 

... zum Mittagessen im einzigartigen Ambiente des Palais du Gouverneur (Restaurant LOUIS XV)

   

Fotos: J. Velten

 

 

Weitere Forschungen zu Gyp außerhalb des Projekts 


Publikationen

Kirsten von Hagen, „Concepts of Cultural Transfer in three French Authors. The Case of Gyp, Anna de Noailles and Marcel Proust", in: Anette Simonis, Martin Sexl, Alexandra Müller (Hrsg.), Komparatistik, Jahrbuch der Deutschen Gesellschaft für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Bielefeld 2023, S. 84-101.

 

Vorträge

Kirsten von Hagen, „Bienséance - les limites du discours courtois : mises en scène du dicible chez Gyp et James." Key Note Lecture im Rahmen des internationalen Workshops (CIEFT XIX) „Diplomatie. Expression(s) et limite(s)", 20.-21. März 2026, Université de l'Ouest de Timișoara.

Jasmin Velten, „Avec les mots justes ? : entre bienséance, violence subtile et positionnements (anti-)modernes chez Gyp." Vortrag im Rahmen des internationalen Workshops (CIEFT XIX) „Diplomatie. Expression(s) et limite(s)", 20.-21. März 2026, Université de l'Ouest de Timișoara.

 

In Vorbereitung

Kirsten von Hagen/Jasmin Velten (Hrsg.), Gyp als "agent provocateur" einer Epoche im Umbruch: Eine Autorin zwischen Antisemitismus und weiblichem Liberalismus (im Zeichen einer (Anti-)Moderne), München: AVM. Erscheint 2027.

Kirsten von Hagen, „Bienséance - les limites du discours courtois : mises en scène du dicible chez Gyp et James", in: Agapes francophones 2026. Erscheint 2027. [Volume réunissant les actes du Colloquie International d'Études Francophones CIEFT 2026 „Diplomatie. Expression(s) et limite(s)", Timișoara.]

Jasmin Velten, „Avec les mots justes ? : entre bienséance, violence subtile et positionnements (anti-)modernes chez Gyp", in: Agapes francophones 2026. Erscheint 2027. [Volume réunissant les actes du Colloquie International d'Études Francophones CIEFT 2026 „Diplomatie. Expression(s) et limite(s)", Timișoara.] 

 


Kontakt

Prof. Dr. Kirsten von Hagen (Institut für Romanistik)

Jasmin Velten (Institut für Romanistik)

DFG bewilligt Graduiertenkolleg "Kollektives Entscheiden" : Fakultät für  Geisteswissenschaften : Universität Hamburg

Bildnachweise:

Gyp, Souvenirs d'une petite fille, 1928, Calmann-Lévy. Digitalisat: Gallica (BnF).

Unbekannter Autor, Public domain, via Wikimedia Commons.

Giovanni Boldini, Public domain, via Wikimedia Commons. 

Gyp, Public domain, via Wikimedia Commons.

Gyp, Souvenirs d'une petite fille, Calmann-Lévy, Paris, 1927. Quelle: Librería Clío.

"Nancy (54) - Rue Crampel avant 1900", Urheber unbekannt, Wikimedia Commons, CC0 1.0. 

 

Literaturhinweise:

Léon Blum, Souvenirs sur l'Affaire, Paris 1935.

Luce Irigaray, Genealogie der Geschlechter, Freiburg 1989.

Patricia Ferlin, Gyp. Portrait fin de siècle, Paris 1999.