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Im Maschinenraum von Global Health: Studierendenexkursion nach Genf

08.–11. Oktober 2025, Genf – eine gemeinsame Exkursion von Studierenden der Universitäten Gießen, Marburg und der University of Essex

Vom 08. bis 11. Oktober 2025 unternahmen Medizinstudierende der Justus-Liebig-Universität Gießen, der Philipps Universität Marburg und – in diesem Jahr erstmals – eine internationale Studierendengruppe der University of Essex eine Exkursion nach Genf, begleitet von Prof. Dr. Michael Knipper (Gießen) und Prof. Dr. Anuj Kapilashrami (Essex). Genf ist als Sitz vieler internationaler Organisationen ein zentraler Schauplatz der globalen Gesundheit. Die Exkursion sollte jene Orte und Institutionen erfahrbar machen, die Studierende sonst vor allem als abstrakte, anonyme Akteure in Leitlinien, Positionspapieren und Lehrtexten kennenlernen.

Besucht wurden die Weltgesundheitsorganisation (World Health Organization, WHO), die Internationale Organisation für Migration (International Organization for Migration, IOM), die Vereinten Nationen mit dem Palais des Nations, die Ständige Vertretung Deutschlands sowie das Internationale Rotkreuz- und Rothalbmondmuseum. Im Zentrum stand die Frage, wie  „Global Health“ konkret organisiert, verhandelt und erzählt wird – jenseits der Seminarlektüre. Dabei wurde sichtbar, wie unterschiedlich Themen wie Migration, sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte oder Infektionskrankheiten in Programmen und Budgets gewichtet werden. Der Austausch in der Gruppe zeigte zugleich, wie stark Herkunft und Erfahrung – ob aus Gießen, Marburg oder aus den sehr unterschiedlichen Herkunftsländern der Studierenden der Universität Essex – den Blick auf globale Gesundheit prägen.

Humanitarismus als Inszenierung: International Red Cross and Red Crescent Museum

Der erste Exkursionstag führte in das International Red Cross and Red Crescent Museum. In einer dichten Ausstellung wurden anhand von Bildern, Objekten und Installationen humanitäre Hilfe, Konflikte und Verletzlichkeit inszeniert – und damit auch die Frage aufgeworfen, wie Leid gezeigt, erzählt und strukturiert ausgeblendet wird.

WHO: Zwischen Anspruch, Aushandlung und begrenzter Macht

Am zweiten Tag stand die WHO im Zentrum. In mehreren Sessions mit Mitarbeitenden aus verschiedenen Fachabteilungen wurde deutlich, dass die WHO versucht, wissenschaftliche Evidenz mit politischen Prozessen zu verbinden, und wie abhängig die Arbeit von den Mitgliedstaaten ist. Mit den Worten „We don’t work alone. We bring all these scientific groups together“ beschrieb eine Mitarbeiterin den Weg von Forschungsdaten über Expert:innentreffen, Komitees und Konsultationen bis hin zur Verabschiedung von Leitlinien und Strategiepapiere – ein langwieriger Prozess, in dem fachliche Argumente, geopolitische Interessen und Ressourcenfragen zusammenlaufen.

Zugleich rückten zentrale Instrumente des globalen Gesundheitsrechts in den Blick: die International Health Regulations, der internationale Pandemievertrag und das Tabakrahmenübereinkommen (Framework Convention on Tobacco Control, FCTC). Deutlich wurde, dass hier keine „Weltregierung“ agiert, sondern rechtlich verbindliche Absprachen ausgehandelt werden, deren Umsetzung vom politischen Willen der Staaten abhängt.

Im Gegensatz zu dem populären Zerrbild einer „allmächtigen“ WHO erlebten wir eine Organisation, die zwischen großen Herausforderungen, hohen Erwartungen, politischer Blockade und finanziellen Abhängigkeiten manövriert – zusätzlich belastet durch Rückzug einzelner Geberländer. Umbrüche und Umstrukturierungen schränken ihre Handlungsmöglichkeiten ein. Es wurdedeutlich: Die WHO ist nur so stark und handlungsfähig, wie es ihre Mitgliedstaaten zulassen.

Migration, Gesundheit und Grenzregime: Besuch bei der IOM

Ein weiterer Schwerpunkt war der Besuch des Migration and Health Department der IOM. Hier wurde Migration als gesundheitlich relevantes Phänomen gefasst – ein Thema, das Versorgungssysteme, rechtliche Statusfragen und Praxis im Gesundheitswesen durchzieht. Zugleich formulierten Mitarbeitende eine zentrale Spannung: „It is clear for us, but it is not clear for those who make the final decisions.“ Für die IOM ist die Relevanz offensichtlich. Für viele Entscheidungsträger:innen und Health Practitioners bleibt sie abstrakt oder wird von anderen politischen Prioritäten überlagert.

In den Diskussionen mit den Studierenden wurden Probleme auf mehreren Ebenen deutlich: Menschen, die vor, während und nach der Migration medizinische Versorgung benötigen, erleben häufig unterbrochene Therapieverläufe; Versicherungs- und Zuständigkeitsfragen blockieren Kontinuität, die Illegalisierung von Personen lässt vielerorts nur noch den Zugang zur Notfallversorgung zu. Die IOM kann Staaten keine Vorgaben machen, sondern lediglich beraten, Daten und Evidenz bereitstellen und für bestimmte Maßnahmen werben – mit dem Ziel, Entscheidungen zumindest so zu beeinflussen, dass sie für Betroffene möglichst würdevoll ausgestaltet werden.

Diplomatie und historische Kulisse: Ständige Vertretung und Palais des Nations

In der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland erhielten die Studierenden Einblicke in die diplomatische Arbeit an der Schnittstelle von nationaler Gesundheitspolitik und globalen Verhandlungen.

Die historische Führung durch das Palais des Nations, das ehemalige Völkerbundsgebäude, machte zugleich sichtbar, dass globale Gesundheitsfragen seit fast hundert Jahren eng mit internationaler Sicherheits-, Wirtschafts- und Bevölkerungspolitik verknüpft sind – und dass viele der damals geprägten Machtverhältnisse bis heute nachwirken. Vor diesem Hintergrund und aktuellen globalen Krisen wirkten die repräsentativen Säle auf manche beeindruckend.

Eindrücke der Studierenden und Fazit

Die Exkursion hat die Relevanz von Global Health verdeutlicht:

„Der Besuch hat mir erneut die Relevanz der WHO, aber auch der IOM vor Augen geführt und viele Argumente für die Unterhaltung der Organisation an die Hand gegeben.“

Eine Person bezeichnete die Exkursion als „die bisher schönsten Tage meines Studiums“ – weniger im Sinne eines touristischen Höhepunkts, sondern weil hier berufliche Vorstellungen, politisches Interesse und Studieninhalte für einen Moment greifbar zusammenkamen. Zugleich berichteten Studierende von Irritationen über das langsame Tempo internationaler Verhandlungen angesichts akuter Krisen, über globale Machtasymmetrien und über die Kluft zwischen völkerrechtlichen Verpflichtungen und nationaler Praxis.

Als ebenso prägend beschrieben viele den Austausch innerhalb der Gruppe. Studierende aus Gießen, Marburg und Essex – mit sehr unterschiedlichen biografischen und regionalen Hintergründen – brachten ihre Erfahrungen und Deutungen ein. Eine Rückmeldungformulierte dies so:

„Für mich war in Genf, […] am eindrücklichsten, wie sehr globales Denken über Gesundheit darauf basiert, dass Menschen multinational und multidisziplinär zusammenkommen, um (selbst)reflektiert und auf Augenhöhe zu kommunizieren. Genau so wurden wir in unseren Anlaufstellen angenommen, und Genf scheint dafür ein guter, offener Ort zu sein. Die Wege von Personen zu und in den Arbeitsbereichen von Global Health sind so vielfältig, das finde ich sehr interessant.“

Im Rückblick wurde deutlich, dass gerade diese multiperspektivische Diskussion zu den wertvollsten Momenten der Exkursion gehörte: Sie zeigte, dass globale Gesundheit nicht nur in Genfer Institutionen, sondern auch im gemeinsamen Nachdenken darüber „gemacht“ wird.

Es wurde für alle deutlich, wie brüchig die vielbeschworene „regelbasierte Ordnung“ im Feld globaler Gesundheit ist, dassInstitutionen wie WHO und IOM zugleich unverzichtbar und strukturell begrenzt bleiben – und wie in ihnen trotzdem Menschen an Verbesserungen arbeiten, oft in engen, aber realen Handlungsspielräumen. Globale Gesundheit erscheint damit als von Menschen gemachte Praxis zwischen Konflikt, Kooperation und beharrlicher Alltagsarbeit – und die Exkursion nach Genf bot dafür einen selten unmittelbaren Einblick.

Autor:innenhinweise:

Prof. Dr. Michael Knipper - Professor für Global Health, Migration und Kulturwissenschaften in der Medizin und komm. Leiter am Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der JLU Gießen und Teilprojektleiter der DFG-Forschungsgruppe „Menschenrechtsdiskurse in der Migrationsgesellschaft“ (MeDiMi).

Maik Paap - Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der JLU-Gießen und Mitglied der DFG-geförderten Forschungsgruppe „Menschenrechtsdiskurse in der Migrationsgesellschaft“ (MeDiMi).