Forschungsnetzwerk "War and Peace in Post-Socialist Space" (WARP)
Das immense Leiden der ukrainischen Bevölkerung, das neoimperiale, in vielerlei Hinsicht genozidale Verhalten Russlands und nicht zuletzt eine umfassende Migration aus der Ukraine brachten in den letzten dreieinhalb Jahren nicht nur eine deutliche Veränderung in der globalen Politik und im Sensorium der Kultur herbei. Darüber hinaus lösten sie auch einen Paradigmenwechsel in den Osteuropastudien und in der Slavistik/Ukrainistik aus. Diesen Paradigmenwechsel, der eine breite (und längst fällige) Diskussion über Decentering und Dekolonisierung sowie um deren Grenzen in Gang setzte, will das beim BMFTR beantragte, an das UNDIPUS-Verbundprojekt anschließende, überregionale und interdisziplinäre Forschungsnetzwerk „War and Peace in Post-Socialist Space” (WARP) aktiv mitgestalten.
Das an der Justus-Liebig-Universität Gießen – am GiZo und am GCSC/RCSC – angesiedelte Netzwerk soll Forschende aus den Kultur-, Literatur- und Sprachwissenschaften, den Politik- und Geschichtswissenschaften sowie der Soziologie, die über Expertise zu den Kriegen und gewaltsamen Konflikten im postsozialistischen Raum, vor allem in der Ukraine, in Tschetschenien, in Georgien und dem ehemaligen Jugoslawien verfügen, durch Einbindung in gemeinsame, komparatistisch angelegte Forschungs- und Ausbildungsprojekte bündeln. Geplant ist die Einbindung von Expert*innen der Justus-Liebig-Universität Gießen, der Universität Greifswald, der Europa-Universität Viadrina, der Universität Regensburg, des Leibniz-Instituts für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO), des Leibniz-Zentrums für Literatur- und Kulturforschung (ZfL), der Kyiv-Mohyla-Akademie, der Polnischen Akademie der Wissenschaften, der Karls-Universität Prag, der Central European University, der Universität Cagliari, der Universität Bern und der Clark University. Die Koordination des Zentrums wird Dr. Oleksandr Chertenko übernehmen.
WARP reagiert hierbei auf drei zentrale methodische und strukturelle Defizite in der aktuellen deutschen und globalen Debatte. Erstens geht es um einen sich abzeichnenden Hang der aktuellen, vor allem (aber nicht nur) ukrainebezogenen interdisziplinären Kriegsforschung zu einem (oft ethisch motivierten) zu starken, theoriefreien empirischen Positivismus. Ebenso bemerkenswert ist zweitens die Tendenz, die jeweiligen Kriege, insbesondere den aktuellen Krieg in der Ukraine, aus den größeren kulturellen und politischen Zusammenhängen synchroner wie diachroner Natur, die gerade im postsozialistischen Raum entscheidend sind, loszulösen oder diese simplifiziert darzustellen. Dies macht drittens akute Wissens- und Kompetenzlücken in den Osteuropa- und Ukraine-Studien und damit die potentielle Anfälligkeit vieler Forschender für politisch motivierte Manipulationen und Instrumentalisierungen augenfällig.
Diesen Defiziten setzt WARP eine dreifache – thematische, methodische und institutionelle – Strategie entgegen. Thematisch schlägt das Vorhaben eine vergleichende Vorgehensweise vor, die den übernational ausgerichteten Osteuropastudien besser entspricht und die Befunde der Ukrainistik in den Kontext anderer Konfliktsituationen setzt. Dabei gilt es vor allem, Strukturen und Diskurse der longue durée sowie translokale Faktoren zu rekonstruieren. So werden strukturelle und kulturhistorische Interdependenzen zwischen postsozialistischen Kriegen aufgedeckt und die komplexen Einflüsse der nachsozialistischen Transformationen, des postkolonialen/postimperialen Erbes, der Ungleichheitspolitiken und der Genderregimes in Osteuropa und darüber hinaus auf die Konfliktbildung offengelegt. Auf diese Weise soll die solipsistische, oft von realen und „erfundenen“ (V. Volkan) Traumata bedingte Fokussierung der jeweiligen Area Studies auf den „eigenen“ Krieg durchbrochen werden. Stattdessen wird ein breites, heterogenes und differenziertes Panoramabild angestrebt, das Verflechtungen und dynamische Zusammenhänge statt Abschottung und Einzigartigkeitsansprüche priorisiert und das postsozialistische Osteuropa zwar als polyzentrisches, dennoch durchaus zusammenhängendes Ganzes in Erscheinung treten lässt.
Methodisch liegt dem Netzwerk eine Triade aus Postcolonial, Gender und Trauma Studies zugrunde. Dies hängt mit ihrer interdisziplinären Natur und ihrem Fokus auf die feinen diskursiven und politischen (Um-)Verteilungen der Macht zusammen. Zugleich gehören sie angesichts der zahlreichen postimperialen und postkolonialen Verzahnungen in der Region nach wie vor zu den zentralen Methodologien der Osteuropastudien und der Ukrainistik. Zugleich strebt WARP eine Erweiterung seines methodischen Profils an, vor allem in Richtung Transformation Studies, Nationalismus- und Migrationsforschung sowie Ecocriticism, die für sein Profil relevant sind.
Institutionell zielt WARP darauf ab, 1) die thematisch und methodisch einschlägige Forschung in und außerhalb Deutschlands effektiv und langfristig zu bündeln; 2) durch seine Tätigkeit die oben erwähnten Kompetenz- und Wissenslücken möglichst zu schließen und kritisches, region- und fachübergreifendes Denken über die postsozialistischen Kriege systematisch zu fördern; 3) einen Wissenstransfer von der Forschung zu den Studierenden und Doktorand*inen zu ermöglichen, um die neue Generation der Osteuropa- und Ukraineexpert*innen mit Expertise im thematischen Umfeld des Netzwerks nachhaltig zu gestalten; 4) die Forschungsergebnisse in öffentlichkeitswirksamen Formaten (Lesungen, Filmdarbietungen, öffentliche Diskussionen) für ein außerfachliches Publikum zu kommunizieren, um dieses für Kriege und gewaltsame Konflikte im postsozialistischen Osteuropa zu sensibilisieren.
Momentan befindet sich das WARP-Netzwerk im Aufbau. Der Initiierungsworkshop von WARP ist voraussichtlich für Ende 2025 geplant. Über aktuelle Neuigkeiten werden wir Sie auf dieser Seite informieren.