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Reflexionskriterien für eine nachhaltigkeitsorientierte Forschung

Reflexion als Motor zur (Weiter-)Entwicklung einer nachhaltigen Forschungspraxis

Eine nachhaltigkeitssensible Reflexion eröffnet neue Perspektiven, schärft den Blick für nachhaltigkeitsbezogene Handlungsoptionen und unterstützt bewusste Entscheidungen. Damit kann ein Mehrwert für eine qualitätsvolle Forschungspraxis im Allgemeinen und für Gesellschaft und Umwelt im Speziellen geschaffen werden.

Die im Rahmen des vom BMBF geförderten Projekts „LeNA“ entwickelten acht Reflexionskriterien bieten Forschenden sämtlicher Disziplinen konkrete Ansatzpunkte für alle Forschungsphasen, um Nachhaltigkeit gezielt in den Forschungsprozess zu integrieren.

Verweis: Die Reflexionskriterien basieren auf dem vom BMBF geförderten Verbundprojekt LeNa[1] sowie den in diesem Projekt entwickelten Tools der „LeNa Printbox“[2].

Die „LeNa Printbox“ enthält praxisnahe Informationen und Hilfsmittel für Forschende und kann im Büro für Nachhaltigkeit in deutscher und englischer Sprache ausgeliehen werden unter Nachhaltigkeit

 

Nutzen und Einsatzmöglichkeiten der Reflexionskriterien

Die Reflexionskriterien lassen sich flexibel in unterschiedliche Kontexte einbinden und als praxisnahes Tool zur Analyse und Weiterentwicklung der Forschungspraxis nutzen:

  • In der Antragsphase: Als Impuls zur gezielten Integration von Nachhaltigkeitsaspekten in Forschungsprojekte.
  • Während des Forschungsprozesses: Als Orientierung für bewusste Entscheidungen im laufenden Forschungsprozess.
  • Retrospektiv: Als Self-Assessment-Tool, z. B. mithilfe einer Analysespinne (s. Abbildung), um Nachhaltigkeitsaspekte systematisch zu evaluieren.
 

Durch multiperspektivische Blickwinkel und deren Synthese wird eine ganzheitliche Betrachtung der wissenschaftlichen Arbeit ermöglicht. Das hierdurch generierte vertiefte Verständnis trägt nicht nur zur Qualitätssicherung bei, sondern fördert auch neue Denkansätze und innovative Lösungen im Forschungsalltag.

[1] Ferretti, J., Daedlow K., Kopfmüller, J., Winkelmann, M., Podhora, A., Walz, R., Bertling, J., Helming, K. (2016): Reflexionsrahmen für Forschen in gesellschaftlicher Verantwortung. BMBF-Projekt „LeNa – Nachhaltigkeitsmanagement in außeruniversitären Forschungsorganisationen“, Berlin.

[2] Schreiner, S.; Decker, M.; Stamm, L. (2024): LeNa Printbox – Hilfsmittelset zur Nutzung im Forschungsalltag auf Basis des „Reflexionsrahmens für Forschen in gesellschaftlicher Verantwortung von 2016“.

 

Angewandte Ethik

 

Definition: Ethische Reflexion bedeutet, sich explizit und diskursiv mit unterschiedlichen Norm- und Wertvorstellungen auseinanderzusetzen und somit eine fundierte Basis für Entscheidungen im Forschungsprozess zu schaffen. 

Nutzen: Im Kontext von Nachhaltigkeit kann eine ethische Reflexion Forschende dabei unterstützen, bestehende Handlungsalternativen systematisch hinsichtlich relevanter Werte und Normen zu prüfen, potenzielle Gefahren der Arbeit für Mensch und Umwelt zu erkennen und verantwortungsvoll zu handeln. Sie ermöglicht bewusste Abwägungen und Priorisierungen, insbesondere bei sensiblen Themen wie Tierversuchen, Gesundheitsfragen oder Big-Data-Analysen.

Reflexive Impulse:

  • Werden ethische Dilemmata (z. B. Gentechnik, Big Data) explizit berücksichtigt? Inwiefern können bestehende Orientierungsangebote wie Ethikkodizes als Leitlinien dienen?
  • Werden methodische Vorgehensweisen aus ethischer Perspektive reflektiert? Welche Alternativen (z. B. die 3R-Prinzipien im Umgang mit Tierversuchen) sind denkbar und wurden in Betracht gezogen?

Reflexion von Wirkung

Definition: Die Reflexion von Wirkung bedeutet, sich systematisch mit den Folgen von Forschung zu beschäftigten. Dabei werden sowohl die Intentionalität (z. B. beabsichtigte sowie unbeabsichtigte Wirkungen) als auch der Zeithorizont (z. B. kurz- und langfristige Wirkungen) berücksichtigt, um fundierte Entscheidungen über Forschungsprozesse und -ergebnisse zu ermöglichen.

Nutzen: Eine gezielte Wirkungsreflexion kann eine vorausschauende Forschungsgestaltung unterstützen, indem sie hilft, bereits bei der Themenwahl potenzielle Chancen und Risiken zu erkennen, gesellschaftlich wünschenswerte Effekte zu maximieren und unerwartete Nebenwirkungen frühzeitig zu identifizieren. Zudem kann sie für eine transparente Kommunikation über Forschungsauswirkungen dienlich sein – sei es in Publikationen, in der Wissenschaftskommunikation oder im Austausch mit politischen und gesellschaftlichen Akteurinnen und Akteuren.

Reflexive Impulse:

  • Werden die beabsichtigten Wirkungen auf die Gesellschaft und Umwelt vor, während und nach der Forschung systematisch betrachtet? Auf welcher Ebene (z. B. Wissen, Handlung) und in welcher Nachhaltigkeitsdimension (z. B. soziale, ökologische und ökonomische Auswirkungen) sollen die Ergebnisse wirken?
  • Existieren neben erwünschten Wirkungen auch unerwartete, indirekte oder erst langfristige Folgen der Forschungsergebnisse?
  • Lassen sich diese Wirkungen messen? Wie belastbar sind die Ergebnisse?

Transparenz

Definition: Transparenz in der Forschung bedeutet, Methoden, Ergebnisse und zugrundeliegende Annahmen intersubjektiv nachvollziehbar darzustellen – z. B. mit Blick auf normative und theoretische Grundlagen, die methodische und inhaltliche Ausrichtung, mögliche gesellschaftliche Implikationen sowie die Finanzierung der Forschung.

Nutzen: Transparenz kann die Glaubwürdigkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse stärken. Zugleich erleichtert sie die intersubjektive Nachvollziehbarkeit und Reproduzierbarkeit wissenschaftlicher Ergebnisse. Sie fördert eine offene Wissenschaftskultur und erhöht die Sichtbarkeit sowie den Wissenstransfer.

Reflexive Impulse:

  • Wie wird eine intersubjektive Nachvollziehbarkeit gewährleistet? Gibt es bewusst intransparente Aspekte im Forschungsprozess?
  • Gegenüber welchen Adressatinnen und Adressaten ist Transparenz gewährleistet oder eingeschränkt und aus welchen Gründen?
  • Über welche Kommunikationswege werden Inhalte verbreitet? Welche Rolle spielt Open-Access für die Verbreitung von Ergebnissen?

Integrative Herangehensweise

Definition: Eine integrative Herangehensweise bedeutet, dass einzelne Elemente eines Forschungsprozesses nicht isoliert betrachtet, sondern ihre Wechselwirkungen systematisch einbezogen werden. Sie verbindet eine Detailanalyse mit einem ganzheitlichen Blick.

Nutzen: Eine integrative Herangehensweise ermöglicht eine umfassendere Betrachtung komplexer Forschungsfragen. Sie fördert interdisziplinäre und systemische Ansätze für nachhaltigere Lösungen und unterstützt eine gezielte Abstimmung von Methoden, Daten und Expertise im Forschungsprozess.

Reflexive Impulse:

  • Welche räumlichen, zeitlichen oder methodischen Aspekte des Untersuchungsgegenstands erfordern eine systematische Integration? Welche Methoden oder Verfahren ermöglichen eine fundierte Erfassung und Verknüpfung relevanter Elemente und ihrer Wechselwirkungen?
  • Sind im Projektteam die notwendigen Kompetenzen für eine integrative Herangehensweise vorhanden und ist die Forschungsorganisation darauf abgestimmt?

Umgang mit Unsicherheit und Komplexität 

Definition: Umgang mit Komplexität und Unsicherheit bedeutet der Tatsache gerecht zu werden, dass komplexe Systeme durch Unsicherheiten charakterisiert sind. Eine reflektierte Auseinandersetzung mit Risiken und Wissensunsicherheiten, kann eine analytische und systemische Basis für Forschungsfragen, Methoden und Ergebnisse sowie einen gezielten Umgang mit Unwägbarkeiten bieten.

Nutzen: Ein reflektierter Umgang unterstützt eine präzisere Einschätzung von Risiken und Unsicherheiten in komplexen Forschungskontexten. Er fördert eine methodische Sorgfalt und transparente Kommunikation wissenschaftlicher Limitationen. Zudem kann er die Robustheit wissenschaftlicher Erkenntnisse stärken, indem Unsicherheiten systematisch berücksichtigt werden.

Reflexive Impulse:

  • Welche Zusammenhänge und Wechselwirkungen innerhalb des Untersuchungsgegenstands sind identifiziert? Wie beeinflussen diese die Interpretation der Ergebnisse?
  • Wie werden Unsicherheiten in Annahmen, Methoden und Ergebnissen systematisch erfasst und kommuniziert? Welche Methoden oder Strategien werden genutzt, um mit Komplexität und Unsicherheit umzugehen? Wie belastbar sind die daraus gewonnenen Erkenntnisse?

Orientierung an potenziellen Nutzerinnen und Nutzern

Definition: Eine an potenziellen Nutzerinnen und Nutzern orientierte Forschung berücksichtigt von Beginn an die Bedarfe und Erwartungen potenzieller Nutzerinnen und Nutzer, wie Wissenschaft, Wirtschaft, Politik oder Gesellschaft. Das Ziel ist es, Forschungsergebnisse so aufzubereiten, dass sie relevant, verständlich und anwendbar sind.

Nutzen: Nutzendenorientierung kann die gesellschaftliche und wissenschaftliche Relevanz und Akzeptanz von Forschung erhöhen. Sie erleichtert den Wissenstransfer und fördert den Dialog mit Praxisakteurinnen und -akteure. Zudem verbessert sie die Anschlussfähigkeit und Anwendbarkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse.

Reflexive Impulse:

  • Welche potenziellen Nutzerinnen und Nutzer aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und bzw. oder Gesellschaft profitieren von den Forschungsergebnissen, und wie werden sie systematisch einbezogen?
  • Inwiefern werden die Erwartungen und Bedürfnisse der Nutzenden berücksichtigt, und wie wird sichergestellt, dass ihre Perspektiven angemessen einfließen?
  • Wie werden bestehende und neu gewonnene Erkenntnisse aufbereitet, um sie für die Nutzenden verständlich, zugänglich und anwendbar zu machen?

Interdisziplinarität

Definition: Interdisziplinäre Forschung verknüpft gezielt Fachwissen aus verschiedenen Disziplinen, um komplexe Fragestellungen zu analysieren und innovative Lösungsansätze zu entwickeln. Durch die koordinierte Zusammenarbeit entstehen neue Erkenntnisse, die an disziplinärem Wissen ansetzen und über den Horizont einzelner Fachrichtungen hinausgehen.

Nutzen: Die Verbindung unterschiedlicher wissenschaftlicher Perspektiven eröffnet neue Sichtweisen, erweitert methodische Ansätze und fördert kreative Lösungen für wissenschaftliche und gesellschaftliche Herausforderungen. Die Integration unterschiedlicher Disziplinen kann zudem die Anschlussfähigkeit und Anwendbarkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse in verschiedenen Fach- und Praxisbereichen erhöhen.

Reflexive Impulse:

  • Welche Disziplinen bereichern das Forschungsvorhaben durch ihre Perspektive? Sollten zur Beantwortung der Forschungsfrage weitere Disziplinen eingebunden werden (z. B. zur umfassenderen Beantwortung)? Welche Strategien fördern eine klare Verständigung zwischen den Disziplinen und minimieren potenzielle Missverständnisse?
  • Wie kann die Anschlussfähigkeit interdisziplinärer Erkenntnisse innerhalb der eigenen Disziplin und darüber hinaus sichergestellt werden?

Transdisziplinarität

Definition: Transdisziplinäre Forschung verknüpft wissenschaftliche Erkenntnisse mit Praxiswissen aus nicht-wissenschaftlichen Kontexten. Durch die Einbindung externer Akteurinnen und Akteure (z. B. Unternehmen, Zivilgesellschaft) erweitert Transdisziplinarität den Erkenntnisraum und ermöglicht eine Synthese unterschiedlicher Wissensbestände.

Nutzen: Transdisziplinarität kann innovative und praxisrelevante Lösungsansätze durch den Einbezug unterschiedlicher Perspektiven fördern. Zudem kann die gesellschaftliche Relevanz und Akzeptanz wissenschaftlicher Erkenntnisse erhöht werden. Auch eine direkte Anwendung und Umsetzung der Forschungsergebnisse in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft wird ermöglicht.

Reflexive Impulse:

  • Welche Akteurinnen und Akteure außerhalb der Wissenschaft (z. B. aus Wirtschaft, Politik oder Zivilgesellschaft) können wertvolles Praxiswissen zur Forschung beitragen?
  • In welcher Form werden diese in den Forschungsprozess eingebunden (z. B. bei der Entwicklung von Fragestellungen, der Beratung oder bei der Projektumsetzung)? Welche Partizipationsmöglichkeiten bestehen für Praxisakteurinnen und -akteure bei der Formulierung und Bearbeitung der Forschungsfrage?
  • Sind die Forschungsergebnisse so aufbereitet, dass sie für relevante Akteurinnen und Akteure außerhalb der Wissenschaft verständlich und zugänglich sind?