„Es gab wunderbares Material unter diesen Gehirnen“: Hirnforschung im Kontext der „Euthanasie“, die Max-Planck-Gesellschaft und einige Fragen zur Ethik medizinischer Forschung
Volker Roelcke, 19.02.2026
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Ist die Herkunft von interessantem „Forschungsmaterial“ irrelevant? Diese Frage drängt sich auf beim Blick auf die Tätigkeit von international renommierten Neurowissenschaftlern im Umgang mit Hirnpräparaten aus nationalsozialistischen Unrechtskontexten. Was ist konkret geschehen? 2015 wurden etwa 100 mikroskopische Hirnschnitte im Historischen Archiv der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) in Berlin entdeckt, die aus dem Nachlass des Neuropathologen Julius Hallervorden stammten. Hallervorden war einer der Namensgeber der „Hallervorden-Spatz’schen Krankheit“; er war von 1938 bis 1956 Leiter der Histopathologischen Abteilung und stellvertretender Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Hirnforschung (KWIH) in Berlin bzw. von dessen Nachfolgeinstitution, dem Max-Planck-Institut für Hirnforschung (MPIH, seit 1962 in Frankfurt/Main) gewesen. Bereits Mitte der 1980er Jahre hatte sich herausgestellt, dass ähnliche Präparate aus dem Nachlass Hallervordens von Opfern der nationalsozialistischen Krankenmorde („Euthanasie“) stammten, woraufhin die MPG nach erheblichem Druck aus der Öffentlichkeit und von politischen Instanzen eine Sichtung aller wissenschaftlichen Sammlungen an den neurowissenschaftlichen Max-Planck-Instituten veranlasste und schließlich 1990 verkündete, alle Präparate aus NS-Unrechtskontexten seien identifiziert, aus den Sammlungen entfernt und auf dem Waldfriedhof in München bestattet worden. Daher war es irritierend, dass nun 2015 erneut Präparate aufgefunden wurden, die offensichtlich aus der Zeit des Nationalsozialismus stammten, und nach einer Gesamtrevision der wissenschaftlichen Sammlungen in Max-Planck-Instituten sogar noch weitere Präparate aus diesem Kontext im Max-Planck-Institut für Psychiatrie (MPIP) in München sowie schließlich im Neurologischen Institut/Edinger-Institut der Universität Frankfurt, in dem die Sammlung von Hallervorden verwahrt und auch wissenschaftlich genutzt worden war. Dieses Institut hatte von 1962 bis 1978 eine institutionelle Einheit mit dem MPIH gebildet. Diese Funde veranlassten die MPG 2016, ein Forschungsprojekt zu initiieren, das einerseits die genaue Herkunft derjenigen Präparate recherchieren sollte, die in der Zeit zwischen 1939 und 1945 aus NS-Unrechtskontexten (wie der NS-„Euthanasie“) an eines der beiden neuropsychiatrischen Institute der damaligen Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG, Vorläufer der MPG) gelangt waren, bis hin zur Klärung der Identität der Opfer dieses Unrechts. Andererseits sollte die Programmatik und Praxis der Forschungen rekonstruiert werden, die zur Herstellung und Sammlung der Hirnpräparate führten, bis hin zur wissenschaftlichen Verwertung auch in der Nachkriegszeit. Das Projekt wurde 2017 begonnen und wird im Laufe des Jahres 2026 abgeschlossen sein. Was war nun der genaue historische Kontext der neurowissenschaftlichen Forschungen an NS-Opfern? Während der Zeit des Nationalsozialismus kam es zu einer massiven Entrechtung, Stigmatisierung und auch zu Zwangssterilisationen von Menschen mit geistigen Behinderungen und psychischen Erkrankungen. Ab 1939 wurden unter wesentlicher Beteiligung von Mediziner:innen verschiedene Programme zur „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ („Euthanasie“) umgesetzt, darunter die „Kindereuthanasie“, die zentralisierte „Aktion T4“ und die dezentrale „Euthanasie“. In diesen Kontexten kam es im Gebiet des Deutschen Reichs zur systematischen Ermordung von weit über 150 000 Menschen durch strukturelle pflegerische Vernachlässigung, überdosierte Medikamente, gezieltes Verhungernlassen und in den Gaskammern der „T4“-Tötungseinrichtungen. Viele dieser Menschen wurden vor und/oder nach ihrer Ermordung zu Forschungszwecken missbraucht. Auch an den beiden genannten Instituten der KWG bzw. ihrer Nachfolgeinstitution, der MPG, wurden in erheblichem Umfang Gehirne bzw. aus Gehirnen hergestellte Gewebeproben von Opfern der NS-“Euthanasie“ gesammelt und wissenschaftlich verwertet. Ziel der neuropathologischen Forschungen war die Klärung von Gehirnveränderungen bei neuro-psychiatrischen Erkrankungen und geistigen Behinderungen und die Frage nach deren Erblichkeit, mit besonderem Blick auf der Differenzierung zwischen klinisch identischen, aber im Entstehungsprozess möglicherweise unterschiedlichen Krankheitsformen. Die Frage der Erblichkeit war im Kontext der eugenisch inspirierten nationalsozialistischen „Erb- und Rassenpflege“ von besonderer Bedeutung, da sie die Voraussetzung für die gesetzlich vorgegebene Sterilisation Erbkranker lieferte; sie wurde aber in der damaligen Zeit (und später) auch international für relevant gehalten und wissenschaftlich bearbeitet. Zur Klärung der Identität der Opfer aus der Schnittmenge zwischen „Euthanasie“ und neurowissenschaftlicher Forschung wurden umfangreiche Recherchen sowohl in den Archivbeständen der MPG als auch in einer Vielzahl weiterer Archive durchgeführt. Methodisch gab es hier zwei besondere Herausforderungen: So mussten teilweise von lediglich nummerierten Objektträgern, auf die Hirnschnitte aufgebracht waren, quasi chronologisch rückwärts über den Abgleich mit Eingangsbüchern zunächst Patient:innennamen identifiziert werden. In einem zweiten Schritt mussten dann von diesen Namen ausgehend zugehörige Krankenakten aus psychiatrischen Einrichtungen im Einzugsbereich der beiden Forschungsinstitute gesucht und schließlich aus dem Inhalt dieser Akten rekonstruiert werden, ob die/der betreffend/e Patient:in das Opfer einer intendierten Tötung geworden war, oder ob sie/er alternativ möglicherweise an einer „natürlichen“ Todesursache wie etwa einem Herzinfarkt oder einem Hirntumor verstorben war. Auch die Klärung der Frage nach der wissenschaftlichen Verwertung der Präparate war mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden. Hierzu mussten Publikationen in Fachzeitschriften oder Lehrbüchern recherchiert werden, die zumindest teilweise auf der Grundlage der Präparate basierten. Da in solchen Publikation nur in Ausnahmefällen die vollen Namen von Patiennt:innen, manchmal die Initialen, oft aber auch diese nicht genannt wurden, mussten möglichst umfassend alle Publikationen der Direktoren und Mitarbeiter:innen aus den KWG- bzw. MPG-Instituten sowie von deren Schüler:innen und vereinzelt auch Kolleg:innen daraufhin untersucht werden, ob die dort präsentierten neuropathologischen Befunde und Exzerpte aus Krankengeschichten potenziell mit denjenigen übereinstimmten, die zuvor als Opfer der „Euthanasie“ identifiziert worden waren. Durch diese Analyse wurden über 80 Veröffentlichungen auf der Grundlage der Gehirne von mindestens 130 Opfern gefunden, die eindeutig auf der Nutzung von Gewebeproben und Daten identifizierbarer Opfer der „Euthanasie“ basieren, wobei die jüngste dieser Veröffentlichungen aus dem Jahr 1996 stammt. Mit Blick auf die eingangs gestellte Frage ist signifikant, was Julius Hallervorden im Juni 1945, unmittelbar nach Ende des 2. Weltkriegs und im Kontext von Ermittlungen der US-amerikanischen Militärbehörden bei einer Befragung durch den US-Neurologen und Psychiater Leo Alexander äußerte: Offenbar in der Annahme einer zwischen Medizinern geteilten Haltung gegenüber interessanten Forschungsobjekten erklärte er ohne Zögern, dass er mehrere hundert Gehirne aus den „Euthanasie“-Tötungsanstalten erhalten habe. In der auf Englisch verfassten Dokumentation der Befragung fährt Hallervorden fort: „There was wonderful material among those brains, beautiful mental defectives, mal-formations and early infantile diseases. I accepted those brains of course. Where they came from and how they came to me was really none of my business.”[1] Hallervorden war schon früh bei einem Treffen mit den Organisatoren der Krankenmorde in die Tatsache als solche und die konkreten Abläufe eingeweiht worden. Im vollen Wissen um die Herkunft der von ihm untersuchten Gehirne sah er offensichtlich keine Problematik darin, an diesem “wundervollen Material” seine Forschungen durchzuführen. Eine parallele Haltung findet sich auch bei dem Direktor des KWIH, Hugo Spatz, sowie beim Leiter des Histopathologischen Instituts der Deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie (Kaiser-Wilhelm-Institut), die beide auch die Direktoren der entsprechenden Institute unter dem Dach der MPG in der Nachkriegszeit waren. Die MPG war jahrzehntelang nicht willens, diesen Teil ihrer NS-Vergangenheit aufzuarbeiten und blockierte entsprechende Bemühungen. Ein Teil der Erklärung ist vermutlich die personelle und programmatische Kontinuität in der Leitung der beiden neurowissenschaftlichen Institute über die politische Zäsur 1945 hinweg. Auch die Folgegeneration von Institutsleitern rekrutierte sich aus Wissenschaftlern, die bereits im Nationalsozialismus an einer der beiden Forschungseinrichtungen tätig waren und die, wie sich dokumentieren lässt, auf kritische Nachfragen nach der Herkunft der Präparatesammlungen abwehrend, teilweise auch mit Falschaussagen reagierten. Neben den Fragen um einen angemessenen Umgang mit Human remains adressieren die hier skizzierten Ergebnisse des historischen Forschungsprojekts noch einen weiteren, in der aktuellen Medizin- und Bioethik diskutierten Themenkreis: nämlich die Debatten um eine medizinische Forschung, die im Prozess der Produktion von neuem Wissen nicht nach den Herkunftskontexten von Untersuchungs"objekten" fragt oder diese Kontexte sogar systematisch ausblendet. In letzter Konsequenz stellen die hier skizzierten Ergebnisse auch eine extreme Ausprägung einer problematischen Wertehierarchie in der medizinischen Forschung dar, in der die Produktion von Wissen, das für relevant gehalten wird, die oberste Priorität darstellt, die jeglichen anderen Wertsetzungen übergeordnet ist, wie etwa der Wahrung von humanitären oder juristischen Standards bei der Wissensproduktion, oder der Rücksichtnahme auf Gesundheit und Wohlergehen der Menschen, an denen Forschungsdaten erhoben werden.[2] Die Ergebnisse des historischen Forschungsprojekts werden in der folgenden Buchpublikation der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden: Maximilian Buschmann, Herwig Czech, Axel C. Hüntelmann, Uwe Kaminsky, Elisabeth Kraul, Paul Kuglitsch, Philipp Rauh, Volker Roelcke: „Es gab wunderbares Material unter diesen Gehirnen“: „Euthanasie“-Verbrechen, Hirnforschung und die Max-Planck-Gesellschaft. Göttingen: Wallstein 2026 (im Druck). Parallel wird ein Gedenkbuch mit den Namen und ausgewählten exemplarischen Biographien von Opfern publiziert werden: Schließlich sind die Namen der Opfer und weitere Informationen für die interessierte Öffentlichkeit in einer Online-Datenbank verfügbar, die über die Homepage der Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften zugänglich ist. |
Autor:innenhinweise Prof. Dr. Volker Roelcke – bis 2025 gf. Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, JLU Gießen Zitierweise Roelcke, Volker, „Es gab wunderbares Material unter diesen Gehirnen“: Hirnforschung im Kontext der „Euthanasie“, die Max-Planck-Gesellschaft und einige Fragen zur Ethik medizinischer Forschung, Uncovering Medicine, 2026-02-20, Online: https://www.uni-giessen.de/de/fbz/fb11/institute/histor/blog/hirnforschung-im-kontext DOI: https://doi.org/10.22029/jlupub-20684. Fußnoten [1] Zitiert nach Ulf Schmidt: Justice at Nuremberg. Leo Alexander and the Nazi Doctors‘ Trial, Houndmills, Basingstoke, New York: Palgrave Macmillan 2004, 98. [2] Zur Problematik dieser Wertehierarchie in der Medizin auch jenseits des Nationalsozialismus, vgl. Volker Roelcke: Medizinische Forschung am Menschen im 20. Jahrhundert: Reflexive und ethische Potentiale historischer Rekonstruktionen. In: Christine Lubkoll, Oda Wischmeyer (Hg.): „Ethical Turn“? Geisteswissenschaften in neuer Verantwortung. München: Wilhelm Fink 2009, 277-295; zur extremen Ausprägung dieser Form der Wertehierarchie in „de-regulierten“ Räumen, die im NS-Kontext geschaffen wurden, vgl. Volker Roelcke: Konzentrationslager als Orte „de-regulierter“ medizinischer Forschung am Menschen: Das Beispiel der Lager Dachau und Ravensbrück. In: Moritz Epple, Sybille Steinbacher (Hg.): Zwangsarbeit, Medizin und Wissenschaft: Lager und NS-Zwangsstätten als Orte von Experimenten an Mensch und Natur (= Dachauer Symposien zur Zeitgeschichte, Band 23), Göttingen: Wallstein 2026 (im Druck). |
